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Thema des Monats

 
       
   

Die neuen Sexfronten

 
       
   

Oder: Wie normal ist das heterosexuelle, verheiratete Paar mit Kind?

 
       
     
       
   
     
 

Zitate: Die neuen Sexfronten

Soziologie der Sexualität

"Der sexuelle Trieb genügt sicher nicht, mehr als die gelegentliche Vereinigung der Geschlechter zu sichern; er kann daher nicht, wie es vielfach geschehen ist, als der familien- und ehebildende Faktor par excellence angesehen werden, vor allem, weil er das Moment der Dauerhaftigkeit der sozialen Bindung, die das Wesen der Ehe ausmacht, nicht erklärt.
Wenn man schon nach biologischen Faktoren und Tatsachen sucht, die gerade beim Menschen die Entstehung und den Bestand der Institution Ehe und Familie verursacht und gesichert haben, so steht zweifellos das spezifische Fürsorgeverhältnis, das beim Menschen zwischen Mutter und Kind gesetzt ist, also eher der »Brutpflegetrieb« als der Geschlechtstrieb, hier an erster Stelle."
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(Helmut Schelsky, 1955, S.27)

Das Geschick der zwei Millionen

"Meinungen über sexuelle Beziehungen zwischen unverheirateten Menschen (...). Das Ergebnis: 71 % billigten solche Beziehungen, und zwar hielten 58 % diese für zulässig und 13 % sogar für notwendig; 16 % lehnten sie als verwerflich ab; die restlichen 13 % hatten keine klare Meinung.
(...).
Von Friedeburg schreibt hierzu: "»Diese Ergebnisse stärken den Eindruck, daß die Billigung der intimen Beziehungen zwischen unverheirateten Menschen weitgehend den Charakter eines Zugeständnisses an die heutigen Gegebenheiten, vor allem unter dem Eindruck des Frauenüberschusses, hat. Als solches Zugeständnis erstreckt es sich in nahezu gleicher Weise auf beide Geschlechter (...)«"
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(Regina Bohne, 1960, S.141f.)

Du bist du, und ich bin ich

"Zwar kommen sie erkennbar in keiner Statistik vor, aber es gibt sie ganz gewiß noch: die mehr oder minder späten Mädchen, die in ihren verkehrsgünstig gelegenen Ein- oder Zwei-Zimmer-Apartements stundenweise den Besuch eines Mannes empfangen, der danach einigermaßen pünktlich zum Essen bei seiner Familie erscheinen muß (und auch nicht wirklich die Absicht hat, daran etwas zu ändern).
Dies sind nicht selten Konstellationen, in den die formaliter alleinlebende Frau sich dem Mann, mit dem sie intim ist, sogar enger und inniger zugehörig fühlt als eine »richtige« Ehefrau; mindestens fühlt sie sich als umständehalber verhinderte Ehefrau. Die sich selber so verstehende »Geliebte« lebt nur für die paar Stunden und in den paar Stunden der Gemeinsamkeit; allein existiert sie allenfalls in einer Art Wartestand. Jedenfalls hat sie alles andere als das Selbstverständnis eines Singles (und kommt deshalb in der SPIEGEL-Studie auch nicht vor)."
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(Hermann Schreiber im Spiegel Nr.26/1978)

Singles. Report über die Alleinlebenden

"»Swinging« - das sind bestenfalls wiederum jene 35- bis 39jährigen Männer und Frauen, die bewußt - und ohne viel Gefühl - die Vorteile des Alleinlebens genießen: Knapp die Hälfte schläft da zur Zeit mit mehr als einem Partner.
Und dehnt man das Bild von der Momentaufnahme zum Film, betrachtet man den Zeitabschnitt der letzten fünf Jahre und fragt nach der Zahl der Partner in diesen Zeiten, dann hat man noch immer Grund zum Staunen. Da wird das Porträt des eher monogamen Singles ganz deutlich. Da wird klar, daß Singles nicht nach der Parole »Ex und hopp« leben, was die Sex-Partner angeht."
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(Sybille Weber & Claus Gaedemann, 1980 , S.71)

Manchmal fehlt der Sex

"Es gibt (...) tatsächlich eine Leerstelle im Leben der meisten Solo-Frauen: Einen Mangel an erotischer Anziehung und sexueller Befriedigung. Jüngeren Frauen macht diese Schattenseite der Solo-Existenz zu schaffen." [mehr]
(Dorothee Schmitz-Köster in der Frankfurter Rundschau vom 24.07.1993)

Singlesex

"Wenn der Single nun schon auf den Nächsten oder die Nächste zu warten hat, wird er dafür wenigstens durch ein abwechslungsreiches Sexleben entschädigt? Nein. Zunächst fällt auf, dass nicht einmal 3 Prozent der Singles sexuellen Hedonismus als Vorteil ihrer Partnerlosigkeit nennen. Und das ist ganz realistisch. Über 90 Prozent aller heterosexuellen Geschlechtsakte von Studentinnen und Studenten finden in festen Beziehungen statt. Für das Drittel der Singles bleiben nicht einmal 10 Prozent. Das ist eine ungerechte Verteilung und so lebt fast die Hälfte der Ungepaarten abstinent. In den vier Wochen vor der Befragung schliefen weniger als 10 Prozent fünfmal oder häufiger mit jemandem. Bei den Festbefreundeten sind es zwei Drittel." [mehr]
(Gunter Schmidt im NZZ Folio vom Mai 1999)

Hiphop der Hormone

"Auch das aufregende Sexleben von »swinging Singles« erwies sich als Mär: Es soll trostlos sein, es sei denn, dem Single gelingt nach frustrierender Suche eine feste Beziehung, ohne die beiden Haushalte gleich zusammenzuschmeißen." [mehr]
(Ariane Barth im Spiegel vom 27.11.2000)

Die Superratten kommen!

"Superratten, das sind Frauen, die immer weniger in ein bestimmtes Rollenmodell oder eine Norm passen. Die Sex nach eigenen Regeln leben. Die sich frei genug fühlen, zu tun und zu lassen, was sie wollen." [mehr]
(Eva Meschede in der Marie Claire vom August 2001)

First Ladies

"Virginia Woolf fragte, was Frauen tun würden, wenn sie fünfhundert Pfund im Jahr und ein eigenes Zimmer hätten.
«Sex and the City» hat die Antwort: Sie würden ziemlich viel Sex haben. Und nicht immer mit den «richtigen» Männern. Und dann würden sie unentwegt darüber reden.
Und hier sage ich: Diese Sicht der Produzenten ist realistisch. Genau das würden Frauen einer bestimmten Schicht und Generation tatsächlich hinter verschlossenen Türen tun, wenn sie die Zeit, das Selbstvertrauen und die Gelegenheit hätten."
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(Naomi Wolf in der Weltwoche vom 08.07.2004)

Sein Kreuz mit den Frauen

"Ratzinger liegt schon lange im Clinch mit dem postmodernen Geschlechterwirrwarr, jetzt scheinen ihm die Werke der amerikanischen Gender-Forscherin Judith Butler in die Finger geraten zu sein oder gar Beatriz Preciados »Kontrasexuelles Manifest«. Die Spanierin Preciado erhebt in ihrem Pamphlet die Queer Theory zur Doktrin eines Staates, in dem die Geschlechter abgeschafft werden und Sexualität von sämtlichen Fortpflanzungsaktivitäten getrennt wird.
Es ist nicht der »Feminismus« im klassischen Sinne, den Ratzinger im Auge hat, sondern die aus ihm heraus entstandene Gender- und Queer-Theory, die von einer sozialen oder psychologischen Konstruktion der Geschlechter ausgeht und dementsprechend den »biologischen Unterschied« zwischen Mann und Frau nicht anerkennt, sondern dekonstruiert und »abschafft«. In Form der Gender-Studies hat sich diese Philosopie nicht nur an den Universitäten etabliert. Die rot-grüne Bundesregierung hatte »Gender Mainstreaming« 1999 sogar zum durchgängigen Leitprinzip des Regierungshandelns gemacht."
[mehr]
(Martin Reichert in der TAZ vom 31.07.2004)

Einführung in die Problematik

Vorbemerkung: Dieser Text wurde im August 2004 geschrieben. Im November 2007 wurden neue Links hinzugeführt, um auf weiterführende aktuelle Texte hinzuweisen. Dem Originaltext wurden neuere Anmerkungen in roter Kursivschrift hinzugefügt.

Im Jahr 2000 ist das Buch Die neuen Sexfronten. Vom Schicksal einer Revolution der Journalistin Mariam LAU erschienen. Die Autorin versucht nachzuweisen, dass die sexuelle Revolution erfolgreich gewesen sei, wir aber heute primär die negativen Folgen zu tragen haben. Im folgenden soll erörtert werden, ob diese Sichtweise zutreffend ist oder ob in den vier Jahren seit der Veröffentlichung nicht die Sicht von LAU zum neuen Mainstream geworden ist. Welche Konsequenzen ergeben sich aus den neuen Sexfronten für Singles?

Die Methode LAU

Die Autorin leitet das wissenschaftliche Erkenntnisinteresse der Sexualwissenschaftler von KINSEY & Co biografietheoretisch her. Es wird den Wissenschaftlern vorgeworfen, dass sie die Untersuchungsgruppen so zusammengestellt haben, dass die gewünschten wissenschaftlichen Ergebnisse erzielt werden. In anderen Fällen soll die Theorie den eigenen Lebensstil legitimieren. Diese Methode LAU führt dazu, dass der Leser die wissenschaftlichen Studien von KINSEY, MARCUSE und REICH nur im Zusammenhang mit den erklärenden biografischen Details vermittelt werden. Die wissenschaftliche Community, Kriterien der Forschungsförderung sowie Restriktionen des Publizierens bleiben in dieser individualistischen Sicht der Wissenschaft randständig. In einem voluntaristischen Sinne sind sie höchstens hemmende, aber keine generierende Faktoren der Wissensproduktion. Auch die Aktivisten der sexuellen Revolution wie Oswald KOLLE, Beate UHSE oder Rainer LANGHANS bekommt der Leser nur biografietheoretisch präsentiert. Im Dunkeln bleiben jedoch die Motive von LAU und ihrer Gewährsmännern. Der Aktivist Reimut REICHE wird nicht als wichtiger Aktivist - und damit durch die Verbindung von Leben und Theorie - behandelt, sondern seine Thesen bilden u. a. die Folie für die Beurteilung der sexuellen Revolte. Während der Leser viel über das Leben der Verfechter nicht geteilter Positionen erfährt, bleibt das Leben jener, die LAUs Positionen legitimieren sollen, unterbelichtet. Es ist diese Einseitigkeit, die das Projekt LAU fragwürdig erscheinen lässt.

Sexfronten

Der Titel des Buches von LAU verweist auf den Plural von Sexfront (so hieß ein Klassiker der Sexualaufklärung von Günter AMENDT aus dem Jahr 1970). Dies lässt sich historisch deuten, worauf auch das "neu" hinweist, aber offensichtlich geht es LAU in erster Linie um eine Abgrenzung der Heterosexualität gegen die Homosexualität bzw. lesbischen Lebensweisen. LAU befasst sich vor allem mit Praxen und Theorien, die in den 1960er und 1970er Jahren des letzten Jahrhunderts in einem eng begrenzten Milieu entwickelt wurden und die heutzutage angeblich das gegenwärtige Sexualverhalten erklären sollen. Dies führt zur Verallgemeinerung, dass sich

Die neuen Sexfronten

"die Hoffnungen der sexuellen Revolution - vom Antiautoritarismus enthemmter Sexualität über die Befreiung der Frauen wie auch der Perversen bis hin zur Nivellierung der Klassenunterschiede - Punkt für Punkt erfüllt haben."
(2000, S.184)

Was soll das aber gewesen sein: die Hoffnungen der sexuellen Revolution? Offenbar waren die Hoffnungen der Aktivisten der sexuellen Revolution mehr als unterschiedlich, was LAU auch selber herausgearbeitet hat. Enttäuscht werden können deshalb auch nur die Erwartungen jener, die bestimmte Ziele verfolgt haben bzw. jener, die sich mit spezifischen Zielen identifiziert haben. Fragwürdig ist jedoch, dass LAU für ALLE sprechen möchte. Tatsächlich steht ihre Einschätzung sowohl der vermeintlichen Ziele als auch der Errungenschaften für ein ganz bestimmtes Milieu, das sich für unwiderstehlich meinungsbildend hält.

In Kapitel 3 wird z.B. behauptet, dass in der Kommune I die neue sexuelle Etikette ihren Beginn genommen hätte:

Die neuen Sexfronten

"Die Kommune I war die Probebühne für eine Revolution des Alltagslebens, die alle Steine ins Rollen brachte. Hier entstand die neue sexuelle Etikette. Verhüten statt zittern, reden statt schlagen oder schweigen, größtmögliches Glück für alle Beteiligten statt quälender Zweckverbände - dies sind die Maximen des guten Lebens."
(2000, S.73)

Die Kommune I wird in Kapitel 3 auf die Person des Kommunarden Rainer LANGHANS zugespitzt. Die Grabenkämpfe und die Interessenkonflikte der diversen Protagonisten werden ausgeblendet (aufschlussreicher könnte hier das neue Buch von Ulrich ENZENSBERGER über Die Jahre der Kommune I sein ). Der Grund dafür ist: LAU will die Ehe und das Kinderkriegen in jenem Milieu rehabilitieren, das von den damaligen Auseinandersetzungen beeinflusst worden ist. LAU schildert deshalb, warum LANGHANS Kommunarde wurde:

Die neuen Sexfronten

"Er hatte eine unglückliche Liebesgeschichte mit einer Germanistikstudentin hinter sich, die ihn verließ, weil er sie nicht heiraten und keine Kinder mit ihr haben wollte."
(2000, S.81)

LAU beschreibt LANGHANS als Berufsjugendlichen, der dem Adoleszenten verhaftet bleibt. Mit ERIK H. ERIKSON gesprochen, mangelt es ihm an der nötigen Reife. Das Stadium des Erwachsenen ist in dieser Sicht allein Vätern und Müttern vorbehalten. LAU verteidigt zwar vehement die Psychoanalyse, besonders in der Variante von Sigmund FREUD, ihre Verteidigung bleibt jedoch defensiv, weil sie nie offensiv im Sinne des Reifekonzepts argumentiert. LAU greift lediglich den Kult der Jugendlichkeit, die Infantilität usw. an, aber sie bezieht sich nicht auf jene Konzepte, die Mutterschaft oder Vaterschaft als Norm legitimieren. Gleichwohl stehen diese Konzepte implizit hinter der Kritik von LAU.

Feindbild Lesbenbewegung

Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit den tristen Siegen der neuen Frauenbewegung.

Die Frauenbewegung wird hier auf die Lesbenbewegung reduziert. Diese Sicht hat sich in jüngster Zeit auch der Vatikan in seinem Schreiben an die Bischöfe der Katholischen Kirche über die Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt zu eigen gemacht. Aus der Sicht der neuen Mütterbewegung kritisiert LAU:

Die neuen Sexfronten

"Betrachtet man das Gebaren der heutigen, zweiten Frauenbewegung, dann wird klar, wieviel Angst die formale Gleichberechtigung auch und gerade bei ihren Hauptgewinnerinnen, den Frauen selbst, ausgelöst haben muß. Wo weder die Kirche noch ökonomischer Zwang, noch der Druck sozialer Kasten dem einzelnen oder der Paarbindung etwas vorgeben, wo Familien nicht mehr staatstragend sind, wo die Differenzen zwischen den Partnern, was die Motivation der Eheschließung angeht, immer mehr abnehmen - wo all dies der Fall ist, da muß man sich völlig neu erfinden. Wer ist man, wenn nicht einfach die Frau Oberstudienrat?"
(2000, S.123)

Vier Jahre nach der Erstveröffentlichung des Buches liest sich dies wie aus einer anderen Welt.

Erstens werden Frauen generell als Gewinnerinnen beschrieben, während sich inzwischen ein Graben zwischen gut gebildeten Karrieremüttern und ihren kinderlosen Kinderfrauen und Haushaltshilfen im Niedriglohnsektor auftut . Es zeigt sich, dass die Frauenbewegung die Spaltung INNERHALB der beiden Geschlechter vertieft hat, während sich zwischen den weiblichen und männlichen Modernisierungsgewinnern aus alter und neuer Mitte ein Konsens zu Lasten der Geringverdiener herausgeschält hat .

Zweitens ist die Familie inzwischen wieder voll staatstragend. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht Kinderlose ihren Lebensstil rechtfertigen müssen. Eine nachhaltige Familienpolitik versucht es zur Zeit noch verbal mit einer Angebotspolitik. Es dürfte jedoch nur eine Frage der Zeit sein bis sich jene Hardliner durchsetzen, die einen kinderlosen Lebensstil bestrafen. Schärfere Zumutbarkeitskriterien für Ledige, ein höherer Beitrag für Kinderlose in der Pflegeversicherung sind nur die ersten Erfolge einer starken Familienlobby. Im Buch Die Single-Lüge wird dieses nationalkonservative Argumentationsmuster ausführlich vorgestellt.

Die Single-Lüge - Das Buch zur Debatte

"Dies ist die erste grundlegende Auseinandersetzung mit dem nationalkonservativen Argumentationsmuster, das zunehmend die Debatte um den demografischen Wandel bestimmt. Hauptvertreter dieser Strömung sind Herwig Birg, Meinhard Miegel, Jürgen Borchert und Hans-Werner Sinn. Die Spannbreite der Sympathisanten reicht von Frank Schirrmacher bis zu Susanne Gaschke. Als wichtigster Wegbereiter dieses neuen Familienfundamentalismus muss der Soziologe Ulrich Beck angesehen werden.
          
 Es wird aufgezeigt, dass sich die nationalkonservative Kritik keineswegs nur gegen Singles im engeren Sinne richtet, sondern auch gegen Eltern, die nicht dem klassischen Familienverständnis entsprechen."

Das sich dahinter verbergende Prinzip der horizontalen Verteilungsgerechtigkeit, das keine Schichten, Milieus oder Klassen kennt, kommt heutzutage als Generationengerechtigkeit daher, ist jedoch nichts anderes als der Versuch den gegenwärtigen Lebensstilpluralismus zu eliminieren. Die traditionelle Familie soll für jeden zur Pflicht werden.

In diesem fünften Kapitel bezieht sich LAU doch noch auf ein Reifekonzept, nämlich jenes von Reimut REICHE. Im dreistufigen Reifeprozess steht am Ende die "Frage der Anerkennung von Mütterlichkeit als konstitutivem Element von Weiblichkeit" (S.125).

Das Modell ist entgegen dem achtstufigen Reifemodell von Erik H. ERIKSON unterkomplex . Offenbar steht uns die nächste Entwicklungsphase noch bevor: das Altern der Frau. So zukunftsweisend ist LAUs Buch jedoch nicht.

LAU muss sich stattdessen an der autonomen bzw. radikalen Frauenbewegung abarbeiten. Dazu wird Alice SCHWARZER als Lesbe beschrieben.

Ein Blick in die EMMA der vergangenen Jahre, also das Publikationsorgan von Alice SCHWARZER, zeigt jedoch auch hier, dass EMMA mittlerweile zum Flaggschiff der neuen Mutterbewegung mutiert ist. LAU kämpft in dem Buch historisch obsolet gewordene Kämpfe. Das Buch muss deshalb als Ausdruck des gegenwärtigen Mainstream gelesen werden. Die Errungenschaften seit den 1970er Jahren sollen rückgängig gemacht werden. Dazu zählt in erster Linie der kinderlose Lebensstil.

LAU selbst empfindet ein Defizit bei der Legitimierung der Mutterschaft:

Die neuen Sexfronten

"Nirgends ist eine theoretische Position in Sicht, die für Mütterlichkeit eine Würdigung parat hat, ohne gleich ins Eschatologische zu verfallen oder einen rousseauistischen Kommunitarismus zu frönen." (2000, S.146)

Dem ist mittlerweile durch die Theorien des demografischen Wandels Abhilfe geschaffen worden. In demografischer Sicht ist die feministische Frage nur noch im Hinblick auf das funktionale Ziel der Erhöhung der Geburtenrate relevant.

Identitätspolitik

Im sechsten Kapitel Gender ohne Sex widmet sich LAU dem Aufstieg des kulturellen Genderbegriffs, der den biologischen Sexbegriff abgelöst haben soll. Daran wird der Niedergang der Psychoanalyse festgemacht.

Mit Michel FOUCAULT, Jacques LACAN und Judith BUTLER werden die Popikonen des postmodernen Diskurses vorgestellt. Von einem "Sieg von gender über sex" (S.176) zu sprechen, das erscheint heutzutage noch fragwürdiger als im Jahr 2000. Auch wenn der Vatikan in dem bereits genannten Schreiben ebenfalls diese Gefahr beschwört (siehe oben die Ausführungen zum Feindbild Lesbenbewegung).

Der Wahlkampf 2002 hat gezeigt, dass die Mainstream-Familienpolitiker die Minderheitsstrategie der Identitätspolitik erfolgreich kopiert haben. Alle Parteien stellten die Mütterlichkeit in den Mittelpunkt. Mit Katherina REICHE nominierten CDU/CSU eine ledige Schwangere, um ihrem antiquierten Mutterbild ein adrettes Gesicht zu verleihen. Die Kanzlergattinnen von STOIBER und SCHRÖDER symbolisierten, dass es höchstens noch um eine Formfrage geht.

Was passiert, wenn Angela MERKEL 2006 tatsächlich Kanzlerkandidatin werden sollte? Dann würde die Debatte um Kinderlosigkeit verschärft werden (Anmerkung: Das sollte sich zwei Jahre als prophetisch erweisen, auch wenn MERKEL früher als erwartet Kanzlerin wurde ). MERKEL hat bereits in der Vergangenheit ihren eigenen Lebensstil verleugnet und drastische Bestrafungen für Kinderlose gefordert. Es würde deshalb kaum verwundern, wenn in einem solchen Wahlkampf mit noch härteren Bandagen gekämpft werden würde (zum vorgezogenen Wahlkampf 2005 hier ).

Das heterosexuelle, verheiratete Paar und seine Zukunft

Im letzten Kapitel rechtfertigt LAU den Lebensstil der Verheirateten:

Die neuen Sexfronten

"die Gruppe, die noch am meisten Sex hat, das sind nicht etwa die Jungen und Ungebundenen, sondern die Verheirateten"
(2000, S.191)

LAU zitiert hier eine US-amerikanische Studie. Auch die Zufriedenheit ist unter Verheirateten oder unehelich Zusammenlebenden am höchsten.

Eine solch statische Sichtweise, die Single-Dasein und Ehepaar-Dasein als alternative Lebensstile betrachtet, ist heutzutage überholt. In einer Studie von Gunter SCHMIDT u.a. wurde der Wandel der Beziehungsbiografien untersucht. Danach hat sich die serielle Monogamie zum dominanten Beziehungsmuster entwickelt . Das Eheleben und Single-Dasein wird in dieser Sicht zur Lebensphase. SCHMIDT & VON STRITZKY (2004) prognostizieren sogar:

Beziehungsbiographien im sozialen Wandel

"Nachdem die Ehe ihr Monopol verloren hat, Sexualität zu legitimieren, verliert sie nun ihr Monopol, Beziehungen und Familien zu definieren." [mehr]
(2004, S. 79)

Die Aussage muss jedoch relativiert werden, denn Gunter SCHMIDT sieht in der protestantischen Großstadtbevölkerung die sexuelle Avantgarde dieses seriell monogamen Lebensstils. Katholiken und Provinzbewohner sind in dieser Sicht rückständig, was sich jedoch in den kommenden Jahren ändern wird. Auch wenn man dieser Sicht nicht folgt und davon ausgeht, dass es auch zukünftig Milieuunterschiede geben wird, sind die Ergebnisse der Untersuchung wegweisend, weil hier nicht wie üblich Lebensformen zu einem bestimmten Zeitpunkt untersucht werden, sondern der Lebenslauf der Menschen berücksichtigt worden ist.

Arne DEKKER & Silja MATTHIESEN (2004) haben auf Basis dieser Daten die Beziehungsverläufe der 68er-Generation (1942 Geborene), der Single-Generation (1957 Geborene) und der Generation Golf (1972 Geborene) verglichen .

Sie haben herausgefunden, dass der Anteil der Beziehungsfernen, im Sinne von dauerhaften Singles über die Generationen nicht angestiegen ist, sondern "einigermaßen konstant bei einem Zehntel" liegt. Die Zunahme der Singles in der Postadoleszenz und im mittleren Lebensalter ist stattdessen die Konsequenz der seriellen Monogamie . Die Forscher haben im Gegensatz zu vielen anderen Studien auch Paare ohne gemeinsamen Haushalt zu den Paaren gezählt, wenn dies deren Selbstdefinition entsprach .

Partnerlosigkeit ist nach diesen Ergebnissen also kein dauerhafter Zustand, sondern eine Phase zwischen zwei Beziehungen. Das Single-Dasein ist aus der Perspektive serieller Monogamie eine notwendige Phase in einem Erprobungs- und Lernprozess, um den richtigen Partner zu finden .

Unter diesen Umständen erscheinen die Ergebnisse von LAU in einem ganz anderen Licht. Aus der Lebenslaufperspektive ist der Wechsel zwischen Phasen der Unzufriedenheit bzw. Zufriedenheit normal. Momentane Unzufriedenheit ist kein geeigneter Indikator, um die Überlegenheit einer Lebensform festzuschreiben. Dies ist umso weniger der Fall je instabiler Ehen sind.

Die Alleinlebenden

Die neuen Sexfronten

"Die Schwulen leben vor, daß es möglich ist, sexuelle und affektive Bedürfnisse zu trennen, ohne einsam zu werden. Die wachsende Zahl allein lebender Erwachsener signalisiert, daß viele einen solchen Lebens- und Beziehungsstil erproben möchten: sexuelle Kontakte in einem Kontext unterhalten, der Zusammengehörigkeit stiftet, ohne unbedingt auf Dauerhaftigkeit angelegt zu sein."
(2000, S.203)

Homosexuelle werden heutzutage gerne als Vorbilder für den Lebensstil der Alleinlebenden ausgegeben, vorzugsweise in reaktionären Kreisen, denen ein Zurück zur Familie am Herzen liegt. Der lebenslange Single ist jedoch in erster Linie ein statistisches Artefakt, wie die vorgestellte empirische Studie von Gunter SCHMIDT u.a. belegt hat.

Die Heterogenität der Alleinlebenden verbietet es - wie LAU es hier in Anlehnung an Reimut REICHE nahe legt - einen homogenen Lebensstil zu konstruieren. Selbst Alleinlebende im mittleren Lebensalter sind keine homogene Gruppe. Was rechtfertigt es z.B. einen ledigen, gering verdienenden  Berufstätigen auf der Suche nach einer neuen Partnerin mit einem Scheidungssingle, der Frau und Kinder zurücklassen musste zu einer Lebensstil-Kategorie zusammen zu fassen? Was hat der überzeugte Single mit der jungen Witwe zu tun, die gerade ihren Mann verloren hat? Was hat der oder die Fernliebende mit dem unfreiwillig Partnerlosen zu tun? Das einzige, was diese Menschen gemein haben: sie stehen im Brennpunkt einer sozialpopulistischen, politischen Debatte, die keine Differenzierungen kennt.

Sexuelle Orientierungen der Alleinlebenden

Auch wenn es Mariam LAU nicht passt. Die sexuellen Orientierungen der Alleinlebenden sind differenzierter als sie gemäß dem vorgestellten Pamphlet sein dürften. Weder die Vorbildfunktion der Kommune I noch die Schwulen- oder Frauenbewegung können den Anstieg der Alleinlebenden hinreichend erklären. Die neue sexuelle Etikette - kurz als Verhandlungsmoral bezeichnet - hat sowohl die Ehe als auch das Single-Dasein verändert, aber es waren ganz bestimmt nicht die Ideologien, sondern vielmehr die veränderten Rahmenbedingungen (z.B. Bildungsexpansion, veränderte Bedingungen des Arbeitsmarkts, Massenarbeitslosigkeit usw.), die neuen Gelegenheitsstrukturen und ein neues Beziehungsideal , dessen Entstehung zwar mit der Frauenbewegung zusammenhängt, aber weder die Schwulen- noch die Lesbenbewegung spielen dabei eine entscheidende Rolle, haben zum Anstieg der Alleinlebenden in der Postadoleszenz und im mittleren Lebensalter geführt. Davon abgesehen bleibt das Alleinleben der Älteren bei LAU völlig unberücksichtigt. Repräsentative Studien über die sexuelle Orientierung von Alleinlebenden fehlen dagegen. Umfragen und Erhebungen im Studentenmilieu - wie sie gewöhnlich durchgeführt werden - können kaum Rückschlüsse über das gesamte Spektrum der Alleinlebenden geben. Aufgrund des Forschungsdefizits müssten Ausführungen also hochgradig spekulativ bleiben.In einem späteren Beitrag wird auf die Vielfalt sexueller Orientierungen eingegangen werden, die sich in nicht-repräsentativen Untersuchungen gefunden haben (Anmerkung: Zum Beitrag über Menschen ohne Beziehungserfahrung hier ). 

Fazit: Die neuen Sexfronten als Kulturkampf

Das Buch Die neuen Sexfronten von Mariam LAU muss als Ausdruck des Kulturkampfes um die Familie betrachtet werden. In diesem Sinne drückt es die Position eines erstarkten Familienfundamentalismus aus, der kinderlose Lebensstile als widernatürlich, gemeinwohlschädlich oder bestenfalls als Infragestellung des eigenen Familienlebensstils betrachtet. LAUs Position erhält auch deshalb Gewicht, weil es sich hier nicht um eine Kritik aus erzkonservativen Kreisen handelt. Vielmehr handelt es sich um einen Versuch der Revision ehemals progressiver Positionen. LAUs theoretische Vorlagen kommen u.a. von Reimut REICHE, also von einem zentralen Akteur der Studentenbewegung . Der Angriff auf Positionen des Gendermainstreaming reicht von Antifeministen wie Rainer PARIS (Doing Gender, 2003 ) bis zum bereits genannten Vatikan-Schreiben. Nicht zu vergessen sind die Gesetze, die von Rot-Grün unter Duldung von CDU/CSU durchgesetzt worden sind und die allesamt auf eine Bestrafung kinderloser Lebensstile hinauslaufen.

Die Single-Lüge - Das Buch zur Debatte

"Dies ist die erste grundlegende Auseinandersetzung mit dem nationalkonservativen Argumentationsmuster, das zunehmend die Debatte um den demografischen Wandel bestimmt. Hauptvertreter dieser Strömung sind Herwig Birg, Meinhard Miegel, Jürgen Borchert und Hans-Werner Sinn. Die Spannbreite der Sympathisanten reicht von Frank Schirrmacher bis zu Susanne Gaschke. Als wichtigster Wegbereiter dieses neuen Familienfundamentalismus muss der Soziologe Ulrich Beck angesehen werden.
          
 Es wird aufgezeigt, dass sich die nationalkonservative Kritik keineswegs nur gegen Singles im engeren Sinne richtet, sondern auch gegen Eltern, die nicht dem klassischen Familienverständnis entsprechen."

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 21. August 2004
Update: 26. Januar 2017