[ Übersicht der Themen des Monats ] [ Rezensionen ] [ News ]  [ Homepage ]

 
       
   

Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Die Rente vor dem Kollaps wegen dem Geburtenrückgang und der steigenden "Altenlast" in Deutschland?

 
       
   

Eine Bibliografie der Debatte um die Finanznot der Rentenversicherung (Teil 1): Die 1970er Jahre

 
       
       
     
   
     
 

Vorbemerkung

Die Rente steht seit Jahrzehnten vor dem Kollaps. Immer ist es die Altenlast, die zum Bankrott führen soll. Aber stimmt das überhaupt? Die folgende Bibliografie soll zeigen, dass der ewig währende Zusammenbruch des Rentensystems viele Ursachen hat, der demografische Wandel ist bislang kein Faktor gewesen. Der Zusammenbruch wurde bereits auf das Jahr 2000, auf 2010, auf 2020 und nicht zuletzt auf das Jahr 2030 datiert. Das Rentensystem hat sich tatsächlich verändert, aber war das eine Notwendigkeit der demografischen Entwicklung? Man darf das bezweifeln, wenn man die Debatte über die Jahrzehnte verfolgt und mit den Fakten vergleicht. Das soll diese Dokumentation ermöglichen. Die Kommentare spiegeln den Wissensstand des Jahres 2014 und folgende Jahre wieder.

Prognostizierter Beitragssatz gemäß Rentenversicherungsbericht (RV) 2000 - 2016 und tatsächliche Entwicklung des Beitragssatzes

 
Jahr Beitrags-satz in Prozent RV 2000 RV 2005 RV 2010 RV 2011 RV 2012 RV 2013 RV 2014 RV 2015 RV
2016

 Prognostizierter Beitragssatz in Prozent

2000 19,3 19,3                
2001 19,1 19,1                
2002 19,1 19,0                
2003 19,5 18,8                
2004 19,5 18,9                
2005 19,5   19,5              
2006 19,5   19,5              
2007 19,9   19,9              
2008 19,9   19,9              
2009 19,9   19,9              
2010 19,9   19,9 19,9            
2011 19,9   19,9 19,9 19,9          
2012 19,6   19,9 19,9 19,6 19,6        
2013 18,9   19,6 19,9 19,2 18,9 18,9      
2014 18,9   19,4 19,3 19,0 18,9 18,3 18,9    
2015 18,7   19,4 19,3 19,0 18,9 18,3 18,7 18,7  
2016 18,7   19,4 19,3 19,0 18,9 18,3 18,7 18,7 18,7
2017     19,4 19,3 19,0 18,9 18,3 18,7 18,7 18,7
2018     19,4 19,3 19,0 18,9 18,8 18,7 18,7 18,7
2019     19,4 19,3 19,1 19,3 19,1 19,1 18,7 18,7
2020       19,5 19,9 19,7 19,2 19,5 18,7 18,7
2021       20,2 20,0 19,9 19,5 19,7 19,3 18,7
2022       20,5 20,2 20,1 19,7 19,8 19,6 18,9
2023       20,5 20,3 20,2 20,0 20,2 20,0 19,8
2024       20,7 20,6 20,5 20,1 20,3 20,2 20,0
2025         20,9 20,8 20,3 20,6 20,4 20,2
2026           20,9 20,7 20,9 20,7 20,6
2027             20,8 21,1 20,9 20,9
2028               21,4 21,2 21,1
2029                 21,5 21,6
2030                   21,8
Quelle: Rentenversicherungsberichte, Übersicht B8
 

Prognostizierte Bruttostandardrente und Sicherungsniveau vor Steuern für Neurentner (West) gemäß Rentenversicherungsbericht (RV) 2001 - 2016 und tatsächliche Entwicklung der Bruttostandardrente und Sicherungsniveau vor Steuern

 
Jahr Brutto-
standard-
rente
(Sicherungs-
niveau vor
Steuern
in Prozent)
RV 2001 RV 2005 RV 2010 RV 2011 RV 2012 RV 2013 RV 2014 RV 2015 RV
2016

 Prognostizierte Bruttostandardrente in Euro (Sicherungsniveau in Prozent)

2005 1.176€
(52,6%)
1.237€
(69,7%)
1.176€
(52,7%)
             
2010 1.224€
(51,6%)
1.389€
(70,3%)
1.182€
(49,1%)
1.224€
(51,7%)
1.224€
(51,6%)
1.224€
(51,6%)
1.224€
(51,6%)
1.224€
(51,6%)
1.224€
(51,6%)
1.224€
(51,6%)
2015 1.314€
(47,7%)
1.601€
(70,8%)
1.289€
(47,1%)
1.289€
(48,3%)
1.328€
(48,2%)
1.339€
(48,5%)
1.342€
(48,0%)
1.308€
(47,1%)
1.314€
(47,5%)
1.314€
(47,7%)
2020       1.453€
(47,3%)
1.496€
(47,8%)
1.507€
(48,0%)
1.505€
(47,5%)
1.508€
(47,0%)
1.517€
(47,6%)
1.509€
(47,9%)
2025         1.668€
(46,2%)
1.681€
(46,4%)
1.683€
(46,0%)
1.683€
(45,5%)
1.680€
(46,0%)
1.678€
(46,5%)
2030                   1.844€
(44,5%)
Quelle: Rentenversicherungsberichte, Übersicht B8
 

  Die Entwicklung des Verhältnisses der Beitragszahler zu den Rentnern in der GRV gemäß Nachhaltigkeitsfaktor

 
Jahr Verhältnis der Beitragszahler (ÄQBZ) zu den Rentnern (ÄQR) Äquivalenzrentner
(ÄQR)
Äquivalenzbeitragszahler
(ÄQBZ)
Anzahl der
versicherungspflichtig
Beschäftigten
2003 1,88 14,292 Mill. 26,867 Mill.  
2004 1,83 14,405 Mill.
(
+ 131 Tsd.)
26,431 Mill.
(
- 436 Tsd.)
 
2005        
2006 1,84 14,561 Mill.
(
+ 156 Tsd.)
26,735 Mill.
(
+ 304 Tsd.)
25.353.093
2007 1,85 14,592 Mill.
(
+ 31 Tsd.)
27,037 Mill.
(
+ 302 Tsd.)
25.935.021
2008 1,88 14,651 Mill.
(
+ 59 Tsd.)
27,495 Mill.
(
+ 458 Tsd.)
26.356.191
2009 1,84 14,700 Mill.
(
+ 49 Tsd.)
27,032 Mill.
(
- 463 Tsd.)
26.192.888
2010 1,81 14,748 Mill.
(
+ 48 Tsd.)
26,634 Mill.
(
- 398 Tsd.)
26.558.735
2011 1,97 14,755 Mill.
(
+ 7 Tsd.)
29,076 Mill.
(
+ 2,442 Mill.)
27.435.589
2012 1,92 14,782 Mill.
(
+ 27 Tsd.)
28,312 Mill.
(
- 764 Tsd.)
27.969.389
2013 1,90 14,764 Mill.
(
- 18 Tsd.)
28,063 Mill.
(
- 249 Tsd.)
28.400.660
2014 1,90 15,007 Mill.
(
+ 243 Tsd.)
28,540 Mill.
(
+ 477 Tsd.)
29.045.688
2015 1,92 15,389 Mill.
(
+ 382 Tsd.)
29,480 Mill.
(
+ 940 Tsd.)
 
Quelle: Rentenversicherung in Zeitreihen 10/2016, S.32 und S.271; eigene Berechnungen
Anmerkungen:
Äquivalenzbeitragszahler: Beitragsvolumen dividiert durch Beiträge auf Durchschnittsentgelt
Äquivalenzrentner: Rentenvolumen dividiert durch Standardrente
Standardrente: Jahresbruttorente bei 45 persönlichen Entgeltpunkten
Quelle: Johannes Steffen, 2013, S.7
 

Kommentierte Bibliografie (Teil 1 - Die 1970er Jahre)

1975

SPIEGEL -Titelgeschichte: Sterben die Deutschen aus?
Mehr Sex - weniger Babys

SPIEGEL (1975): Die Kinder wollen keine Kinder mehr.
Nirgendwo sonst auf der Welt werden so wenig Kinder geboren wie in der Bundesrepublik. Nur Gastarbeiter sorgen noch für einen Baby-Überschuß. Die Deutschen, Volk ohne Nachwuchs? Zwar mehr Sex, aber kaum noch Folgen? Ob der rapide Abwärtstrend anhält, ist umstritten. Für national Gesinnte wäre das der Ruin. Das Gros der Experten aber wertet die Baby-Baisse positiv. Sie bringt in vielen Bereichen soziale Entlastung,
in: Spiegel Nr.13 v. 24.03.

"Aus der Bevölkerungsstatistik für 1974, die jetzt vorn Statistischen Bundesamt veröffentlicht wurde, geht hervor, daß im vergangenen Jahr in der Bundesrepublik 724 881 Personen starben, aber nur 623 067 Neubürger ("Lebendgeborene") hinzukamen. Die Differenz von 101 814 bedeutet das größte Geburtendefizit in Friedenszeiten, das die Statistiker in Deutschland je zu verzeichnen hatten, seit sie vor 130 Jahren mit der kontinuierlichen Bevölkerungszählung begannen.
(...).
Dabei hat die Geburtenrate, die Zahl der Lebendgeborenen je 1000 Einwohner, mit dem Wert 10,0 einen historischen Tiefstand erreicht. Die Bundesrepublik rangiert am Ende sämtlicher Länder der Welt, in Europa weit hinter Ländern wie Frankreich (16,4), Italien (16,0) oder Schweden (13,5); nur die DDR (10,6) ist vergleichbar knapp an Kindern",

meldet der Spiegel. Besorgt ist man über den rasanten Anstieg von Ausländerkindern:

"Noch vor vier Jahren war nur jedes zehnte in der Bundesrepublik geborene Kind fremder Leute Sproß, jetzt ist es schon jedes sechste oder sogar fünfte. Mehr als 100 000 Neugeborene des Jahres 1973 gehen auf das Konto von Ausländern.
In Frankfurt wuchs die Zahl der Gastarbeiterkinder fast im gleichen Tempo, wie die Geburtenzahl der Einheimischen schrumpfte: 1964 wurden 8992 deutsche und 800 ausländische Kinder registriert, 1972 betrug das Verhältnis 3730 zu 2216, 1974 etwa 3056 zu 2400, und 1976 werden voraussichtlich in der Main-Stadt mehr Ausländer als Deutsche geboren."

Betrachte man nur die Geburten des deutschen Volkes, so zitiert man die SZ, habe sich die Zahl der Lebendgeborenen innerhalb eines Jahrzehnts halbiert. Dem bayrischen Volk gerate die Bevölkerungspyramide gar zum Bevölkerungspilz. Ein Schaubild zeigt die Bevölkerungspyramiden der Jahre 1973, 2030 und 2070. Der Soziologe Gunnar HEINSOHN wird zitiert, dass Kinder in den "Kleinfamilien der Industrienationen, hauswirtschaftlich gesehen, »nutzlose Fresser«" seien. Alarmiert zeigt man sich auch über die Entwicklung der Altersschichtung:

"Wenn die künftige Bevölkerungspyramide gleichwohl einen Schatten auf den sozialen Frieden von morgen wirft, dann aufgrund ihrer alarmierenden Altersschichtung. Und die ist jetzt bereits, bevor noch die geburtenschwachen Jahrgänge der Baby-Baisse statistisch wirksam werden, fest programmiert. 1985 schon werden
* 3,8 Millionen Deutsche über 75 Jahre alt sein -- 1970 waren es ein Drittel weniger;
* die unter 14jährigen nur noch knapp ein Fünftel der Deutschen ausmachen (1970: ein Viertel);
* eine halbe Million mehr ältere Deutsche im Alter zwischen 45 und 64 Jahren erwerbstätig sein als noch 1970.
Der Senioren-Boom beschwört, so scheint es, die Vision einer grauköpfigen Gesellschaft herauf, eines Gemeinwesens, in dem die Betagten immer mehr und womöglich immer mächtiger werden, während den Jungen mit der Kopfzahl der Einfluß schwindet -- Spuk einer Gerontokratie, Diktat der Alten über Konsum, Staatsausgaben und Verteilung des Sozialprodukts.
"

Die Altenlast sieht man angesichts einer "Gesamtbelastungsquote", die 1972 am höchsten war und nie mehr diesen Höchststand erreiche, gelassen:

"Dabei wird die »Gesamtbelastungsquote« -- so errechnet aus dem Verhältnis Erwerbstätiger zu Versorgungsberechtigten -- bis 1990 erheblich sinken, dann erst etwas ansteigen, jedoch nie mehr den Höchstwert von 1972 erreichen. Derzeit müssen im Schnitt 53 Männer und Frauen im Erwerbsalter für 47 Nesthocker und Altenteiler sorgen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts werden 60 Tätige für 40 Pensionäre, Studenten und Kinder mitarbeiten."

Das Rentensystem sieht man durch den gegenwärtigen Geburtenrückgang nicht in Gefahr:

"Auch auf die Altersversorgung der derzeitigen Beitragszahler in der Rentenversicherung werde sich der Geburtenrückgang, so Bonns Familienministerium, »nicht zwangsläufig nachteilig« auswirken: "Die geringere Zahl der erwerbsfähigen Bevölkerung kann auch durch eine stärkere Erwerbsbeteiligung ausgeglichen werden", beispielsweise durch jene kinderarmen Frauen, die daheim nicht ausgelastet sind. Drückendere Rentenlasten als in der Vergangenheit stehen, jedenfalls laut Arbeitsministerium, nicht zu befürchten."

1978

LEENEN, Wolf Rainer (1978): Bevölkerungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland - eine neue gesellschaftspolitische Aufgabe?
in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 21 v. 27.05.

"1974 ist (...) erstmalig in der Geschichte der Bundesrepublik die Bevölkerungszahl im Bundesgebiet absolut zurückgegangen. Seitdem geistern gespenstige Visionen von der »vergreisten Gesellschaft« oder vom »Deutschland ohne Deutsche« durch die Presse",

beschreibt Wolf Rainer LEENEN die bevölkerungspolitische Debatte. Gemäß destatis.de (abgerufen am 22.03.2014) war sowohl 1956 als auch 1970 bereits ein Bevölkerungsrückgang in Westdeutschland zu verzeichnen). 1956 wird in verschiedenen Statistischen Jahrbüchern aufgrund der Mit- bzw. Nichtberücksichtigung des Saarlandes mit unterschiedlichen Bevölkerungszahlen geführt. Das gilt für das Jahr 1970 jedoch nicht. In beiden Jahren wurden jedoch Volkszählungen durchgeführt, das heißt die beiden Bevölkerungsrückgänge, die das Statistische Bundesamt aufführt, sind statistische Artefakte. Ein Hinweis darauf fehlt jedoch. Die Bevölkerung ging vor der Wiedervereinigung in der BRD von 1974 bis 1978 und von 1982 bis 1984 zurück. LEENEN sieht die Beurteilung der Debatte als Werturteil:

"Je nach normativem Hintergrund bzw. politischem Standort gilt ein hoher oder niedriger Bevölkerungsstand als erstrebenswert, wird eine mehr oder weniger starke Beeinflussung des generativen Verhaltens befürwortet oder abgelehnt, werden die Ursachen und Folgen der demographischen Entwicklung eher positiv oder eher negativ eingeschätzt."

Einem "Point of no return" (SCHMIDT-KALER) begegnet LEENEN zu allererst mit der bescheidenen Treffsicherheit von Bevölkerungsvorausberechnungen, um einen solchen unumkehrbaren Bevölkerungsprozess dann ganz zu verwerfen. Er kritisiert außerdem, dass einer aktiven Bevölkerungspolitik der Maßstab fehle:

"Das Problem der Bestandserhaltung reduziert sich auf die Frage nach der wünschenswerten oder vielleicht sogar idealen Bevölkerungszahl. Die Wissenschaft liefert leider nicht die Kriterien, nach denen ein optimaler Bevölkerungsstand auszumachen und als politische Zielgröße festzumachen wäre. Damit fehlt bislang jeglicher Maßstab für eine autonome Bevölkerungspolitik."

Einem nach 1990 einsetzenden Bevölkerungsrückgang kann LEENEN sogar etwas abgewinnen, denn die demografische Entwicklung könnte den Umbau zur Wissensgesellschaft begünstigen:

"Bereits heute könnte man sich auf eine entsprechende Förderung von Bildung und Weiterbildung einstellen."

Aufgrund der 5. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung sieht LEENEN jedoch eine erhebliche langfristige Altersstrukturveränderung. Unter der Annahme, dass ein steigender Altersquotient zu einer entsprechenden Steigerung des Beitragssatzes führt, ergibt sich für das Jahr 2000 (Alterslast 30,4) ein Beitragssatz von 17 Prozent (1975 lag er bei 18 Prozent), der im Jahr 2030 (Alterslast 48,1) auf 28 Prozent steigen müsste.

In einer Übersicht werden die kurz- und mittelfristigen (1990) und langfristigen (2030) Folgen des demografischen Wandels aufgelistet. Dabei wird unterschieden nach Wirtschaft (Arbeitsangebot und gesamtwirtschaftliche Nachfrage), öffentliche Finanzen (Einnahmen/Ausgaben), Infrastruktur (Bildung und Gesundheit) und soziale Sicherung (Sozialversicherung und Sozialhilfe)

Ausführlicher diskutiert LEENEN den Geburtenrückgang als Finanz- und Verteilungsproblem aufgrund der 5. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung, deren Ergebnisse er als "Rentnerberg" deutet. Dem Argument, dass einer steigenden Alterlast eine sinkende Kindeslast (neuerdings auch als "demografische Dividende" bezeichnet) entgegenwirkt und damit die Versorgungslast kaum steigt (1975: 67; 2030: 70), entgegnet er:

"Nun ist es jedoch keineswegs ausgemacht, daß diese Entlastungs- und Belastungseffekte gegeneinander aufgerechnet werden können, also auch ökonomisch gleichwertig sind. Es spricht zunächst einiges für die Vermutung, daß für die Versorgung der Rentner höhere Mittel aufzubringen sind als für den Unterhalt der Kinder."

Insbesondere bei der "Umwidmung" der Infrastruktur sieht LEENEN Probleme:

"Aus Kindergärten sind nicht ohne weiteres Altersheime, aus Kindergärtnerinnen nicht ohne weiteres Altenpflegerinnen zu machen."

Für LEENEN ist die Versorgung der Rentnerbevölkerung keine Frage der Kopfzahl, wie es der Altenquotient nahe legt, sondern der volkswirtschaftlichen Produktivkraft, und damit der Generationengerechtigkeit. LEENEN erläutert das Problem anhand der unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten von Umlageverfahren und Kapitaldeckung wie sie sich aus Sicht von Verfechtern einer Rente nach Kinderzahl darstellt. Im Umlageverfahren fehlen in dieser Sicht

"Rückkopplungsmechanismen, die die (...) notwendigen Verhaltensänderungen oder Systemkorrekturen automatisch in Gang setzen."

Die Schuldigen werden in den Kinderlosen bzw. Kinderarmen gesehen, die man aufgrund des Verursacherprinzips zur Verantwortung ziehen könnte. LEENEN gibt jedoch zu bedenken, dass dadurch andere Aspekte der sozialen Gerechtigkeit unberücksichtigt bleiben würden:

"Für diese modellhaften Überlegungen gilt allerdings die Einschränkung, daß sie von bereits institutionalisierten Umverteilungsvorgängen innerhalb und außerhalb des Systems der Alterssicherung abstrahieren. So finanzieren ja kinderlose Ehepaare oder Junggesellen auch lastenausgleichende Transfers an Familien mit Kindern nach dem in der Sozialpolitik generell wohl anerkannten Grundsatz, »daß Menschen ohne Kinder ihre Zukunft auf den Kindern anderer Menschen aufbauen und daher an deren wirtschaftlichen Lasten der Kinderaufzucht teilhaben sollten«. Bei einer detaillierten Erfassung der Verteilungseffekte der demographischen Entwicklung müßte das natürlich berücksichtigt werden."

LEENEN sieht zwar politischen Handlungsbedarf durch die demografische Entwicklung, sieht darin aber nicht unbedingt eine Notwendigkeit bevölkerungspolitischer Maßnahmen. Er verweist darauf, dass man dann nach dieser Logik bereits angesichts der Babyboomer in den 1960er Jahren Bevölkerungspolitik hätte betreiben müssen, um den Babyboomern Probleme im Bildungssystem und am Arbeitsmarkt zu ersparen.

LEENEN unterscheidet deshalb zwischen einer bevölkerungspolitischen Steuerungsstrategie und einer Anpassungsstrategie, die lediglich die negativen Auswirkungen auffängt, wobei es durchaus Mischformen geben könnte, die das bisherige "Denken in falschen Alternativen" auflösen könnten, wobei er der bevölkerungswissenschaftlichen Forschung die Beantwortung der Kostenfrage überantwortet.

Im vorletzten Kapitel diskutiert LEENEN die Erfolgsaussichten bevölkerungspolitischer Maßnahmen mit Blick auf die Bevölkerungsgeschichte und im Hinblick auf Frankreich und die DDR:

"Stark sinkende Werte der Fruchtbarkeitsindikatoren lassen selbst für das bislang als Musterland der Kinderfreundlichkeit geltende Frankreich eine in Zukunft schrumpfende Wohnbevölkerung erwarten. Der Geburtenrückgang kennt auch keine Grenzen konkurrierender Gesellschaftssysteme. Überraschende Ähnlichkeit weist z.B. die (ausländerbereinigte) Bevölkerungsentwicklung der Bundesrepublik mit der der Deutschen Demokratischen Republik auf."

Er verweist darauf, dass dieser Trend in der Bevölkerungswissenschaft als "demographischer Übergang"  bezeichnet wird. Während man sich in der Beschreibung des Phänomens einig sei, tue man sich jedoch mit der Erklärung der Ursachen des veränderten generativen Verhalten schwer. LEENEN sieht im Geburtenrückgang kein monokausales, sondern ein komplexes Phänomen, das auf einer Vielzahl von Einflussfaktoren (Wohlstandswachstum, Aufstiegsstreben, zunehmende Mobilität und Verstädterung) basiert. Vor allem aber in der veränderten Rolle der Frau sieht LEENEN Konsequenzen für das generative Verhalten.

In einer Übersicht stellt LEENEN verschiedene Maßnahmen vor, die bevölkerungspolitisch wirksam sein können. Er unterscheidet dabei zwischen sozialpädagogischen Maßnahmen (Information über die gesellschaftlichen Konsequenzen individueller generativer Entscheidungen, Beeinflussung des gesellschaftlichen Klimas zu mehr Kinderfreundlichkeit, Förderung eines neuen partnerschaftlichen Ehe- und Familienleitbild, Propagierung der Mutterschaft als Selbstverwirklichungsmöglichkeit, sozialpädagogische Kurse zur Einstellung auf die Elternschaft), Maßnahmen zur Milderung des Rollenkonfliktes der Frau (Arbeitszeitverkürzung, vermehrtes Angebot an Teilzeit, monatlicher Hausfrauentag, Erziehungsurlaub, Verbesserung des Angebots von Fremdbetreuung) und Lastenausgleichsmaßnahmen (Kindergeld, Familiengründungsdarlehen, Anerkennung von Kindererziehungszeiten im Rentensystem, Förderung von Wohneigentum für Familien). Mit Blick auf die DDR sieht LEENEN die Wirksamkeit der solcher Maßnahmen der Geburtensteigerung jedoch eher skeptisch.

Im letzten Kapitel fasst LEENEN nochmals die kritischen Einwände und offenen Fragen hinsichtlich einer aktiven Bevölkerungspolitik zusammen. Er sieht - unabhängig von der Beantwortung offener Fragen - jedoch einen Ansatz zur Hilfe für Familien, der die Kluft zwischen gewünschter und realisierter Kinderzahl zum Ausgangspunkt nimmt:

"Ganz unabhängig von diesen Fragen und ihrer Beantwortung muß natürlich stets gesichert sein, daß den Eltern die Realisation der gewünschten Kinderzahl weitestgehend erleichtert wird. Wenn es Belege dafür geben sollte, daß auch in der Bundesrepublik - wie es französische Untersuchungen nahelegen - das Aufziehen von Kindern mit erheblichen Lebensstandardnachteilen, Einschränkungen in der Freizeit und geminderten Aufstiegschancen geradezu bestraft wird, muß unbedingt Abhilfe im Sinne einer »gerechteren« Lastenverteilung geschaffen werden." 

LOESCH, Heinrich von (1978): Familienpolitik - Bevölkerungspolitik. Eine Stellungnahme zum Aufsatz von M. Wingen in B 52/77
in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 21 v. 27.05.

Heinrich von LOESCH befasst sich mit dem Beitrag Rahmensteuerung der Bevölkerungsbewegung als gesellschaftspolitische Aufgabe von Max WINGEN aus dem Jahr 1977. Er wundert sich darüber, dass die vorgeschlagenen Maßnahmen zur Steigerung der Geburtenrate fast identisch sind mit jenen, die in den Entwicklungsländern die Geburtenrate verringern sollen.

Angesichts des anhaltenden Wachstums der Weltbevölkerung sieht LOESCH Vermittlungsprobleme einer aktiven Bevölkerungspolitik. Die Anhebung des sozialen Status von Müttern sieht LOESCH nur bei ledigen, geschiedenen und verwitweten Müttern notwendig, nicht aber wie bei WINGEN im Hinblick auf verheiratete Mütter. Außerdem sieht er dadurch Erfolge bei der stärkeren Beteiligung von Vätern an der Kindererziehung gefährdet.

LOESCH macht darauf aufmerksam, dass der demografische Wandel (steigende Lebenserwartung) im Zusammenhang mit dem Wandel des Bildungssystems die Familie als Lebensform selber verändert hat:

"So haben Scheidung und Trennung in gewisser Weise den einstigen Frühtod - oft des Mannes im Kriege und der Frau im Kindbett - ersetzt."

Nicht die Idealisierung der "heilen Welt", sondern Anerkennung der veränderten Verhältnisse ist deshalb für LOESCH gefordert.

WINGEN, Max (1978): Bevölkerungspolitik als Gesellschaftspolitik. Eine Replik,
in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 21 v. 27.05.
 

SCHMIDT-KALER, Theodor (1978): Rentengesetzgebung als Instrument zur rationalen Steuerung und Rückkopplung des Bevölkerungsprozesses,
in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 1, S.75-88

Sollte die Geburtenrate des Jahres 1977 noch 10 Jahre Bestand haben, dann sei eine Rückkehr zur bestandserhaltenden Geburtenrate nicht mehr möglich und für die Renten müsste mit horrenden Renten-Belastungsquoten gerechnet werden. Aus diesem Grunde plädiert der Astronom SCHMIDT-KALER für ein angeblich rationales Modell einer Rente nach Kinderzahl, die eine "stationäre Bevölkerungszahl" garantieren soll. Das Modell entspricht einem simplen Regelkreis: Die Geburtenzahl fällt, die Rentenbeiträge steigen, die Deutschen gebären mehr bis die Bevölkerung so stark zunimmt, dass die Rentenbeiträge für Kinderreiche statt für Kinderarme erhöht werden: Voilá ein glückliches Volk im Regelkreis der Rente nach Kinderzahl. Plausibel soll das Funktionieren dadurch bewiesen werden, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen Rentenversicherung und Geburtenrückgang beschworen wird:

"Im Zusammenhang mit unserem Gegenstand sei hier nur auf zwei einschneidende Ereignisse in der deutschen Sozialgeschichte hingewiesen: die Einführung de staatlichen Invaliditäts- und Altersversicherung durch Bismarck im Jahr 1889 (ergänzt 1892) und die Einführung der dynamischen Rente nach Schreiber im Jahr 1957. Es ist höchst bemerkenswert, daß 1902 die Kurve der Geburtenraten scharf und stetig abzunehmen begann, nachdem sie seit etwa 1830 im Schnitt konstant geblieben war (...). Ebenso setzte der jetzige scharfe Geburtenabfall 1967 ein. Die Zwischenzeit von jeweils rund 10 Jahren könnte der Trägheit der sozialpsychologischen Anpassung zugeschrieben werden."

Mit der Rationalität des simplen Regelkreismodells ist es offenbar jedoch nicht weit her, denn was eine "optimale Bevölkerungsgröße" sei, das müsse jeweils immer wieder neu festgelegt werden:

"Die Antwort auf die Frage nach der optimalen Bevölkerung (...) kann nicht theoretisch und a priori gegeben werden, sondern nur unter Berücksichtigung aller jeweiligen Lebensbedingungen des Volkes und unter Mitwirkung des ganzen Volkes. Sie ist eines der wichtigsten politischen Orientierungsdaten des Volkes. Ihr Festlegung obliegt den gewählten Vertretern des Volkes unter Mitwirkung von Sachverständigen."

Selbst eine Feinsteuerung hält SCHMIDT-KALER für möglich:

"Die Wellenberge und -täler der Bevölkerungsentwicklung haben eine typische Länge von ungefähr 10 Jahren; die Anpassung der Rückkopplung sollte daher etwa alle 3-5 Jahre erfolgen."

Das Rentendebakel datiert SCHMIDT-KALER auf die Zeit nach der Jahrtausendwende:

"Wenn die Bevölkerungsentwicklung so weiter läuft wie in den letzten 12 Jahren, so wird nach 2000 ein Rentendebakel beginnen, das seinen unausweichlichen Gipfel um 2035 erreicht: Der Belastungsquotient der Rentenversicherung wächst dann auf das 2,2fache des heutigen Wertes. (...).
Um diesen ungeregelten, heftigen Bevölkerungsprozeß und seine katastrophalen sozialen Folgen zu vermeiden, muß spätestens ab 2000 eine wachsende junge Generation in den Erwerbsprozeß eintreten, d.h. spätestens ab 1980 muß die Nettoreproduktionsrate wieder annähernd normale Werte von 1,0 ± 0,2 erreichen."

Ein Wert von 1,0 entspräche einer zusammengefassten Geburtenziffer (TFR) von 2,1. Nichts davon ist geschehen, sondern die Geburtenrate liegt kaum höher als 1977.   

WAGNER, Baldur (1978): Vom Generationenvertrag zum Generationenkonflikt? Kranken- und Rentenversicherung im Jahre 2000, in: Warnfried Dettling (Hg.): Schrumpfende Bevölkerung. Wachsende Probleme? Ursachen - Folgen - Strategien, München: Günter Olzog Verlag, S.116-123

1979

NAWROCKI, Joachim (1979): Kinder unerwünscht.
Dossier: Warum die Deutschen sich nicht vermehren wollen (I),
in: Die Zeit, Nr.2 v. 05.01.

"Eine beliebte Erklärung für den Trend zur Kleinfamilie ist die »Pille«: Die absteigende Geburtenkurve seit dem Jahr 1965 wird im Volksmund »Pillenknick« genannt. Die Antibabypille ist in Wirklichkeit »schuldlos«. Im Jahr 1970 nahmen erst 20 Prozent der Frauen die ovulationshemmende Pille, 1975 waren es rund 30 Prozent, heute ist es ungefähr ein Drittel - bei sinkender Tendenz. Professor Hans W. Jürgens, Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, weist darauf hin, daß in den Familien, die Ovulationshemmer am meisten benutzen, die Kinderzahlen sogar überdurchschnittlich hoch seien. Frauen mit qualifizierter Ausbildung benutzen zu 80 Prozent die Pille und haben mehr Kinder als der Durchschnitt, erläutert NAWROCKI.

NAWROCKI verkündet gravierende Folgen des Geburtenrückgangs:

"Die zahlenmäßig schwachen Jahrgänge aus der zweiten Hälfte der siebziger Jahre lassen sich auch nachträglich nicht mehr auffüllen.
Das bedeutet:
• Im Jahr 1980 gibt es nur halb so viele Einschulungen wie 1970;
• 1990 gibt es nur halb so viel Lehrlinge wie 1980;
• 1995 gibt es nur halb so viel Studenten wie 1985,
• 2000 gibt es nur halb so viele Hochschulabgänger wie 1990, und
• 2035 gibt es nur halb so viele Pensionierungen wie 2025.
Manche Hauptschule, Lehrwerkstätte, Universität und sogar viele Altersheime werden leer und überflüssig in der Gegend stehen."

Im Jahr 2005 wird Frank SCHIRRMACHER, in der Hoffnung, dass das niemand überprüft, schreiben:

"Wer dieses Dossier heute liest erkennt, daß Nawrocki vor einem Vierteljahrhundert bei ganz wenigen Prognosefehlern exakt vorhersagt, was wir heute erleben."

NAWROCKI behauptet:

"Bei einer Zahl der deutschen Bevölkerung von 57,5 Millionen im Jahre 1977 ist ein Rückgang um 5,3 bis 8,3 Millionen Einwohner bis zur Jahrtausendwende möglich."

Tatsächlich ist die deutsche Bevölkerung bis zum Jahr 2000 um fast 6 Millionen Menschen in Westdeutschland gewachsen. Warum? Weil NAWROCKI weder die Wiedervereinigung noch die Zuwanderung berücksichtigt hat.

"Überhaupt keine Kinder wollen zunächst nur ein Prozent der Ehepaare, aber 15 Prozent bleiben dann wirklich kinderlos (davon zehn Prozent aus physischen Gründen)",

erläutert NAWORCKI. Der Mikrozensus 2012, der die tatsächliche Kinderlosigkeit erfasst, kommt für die Frauenjahrgänge 1948 - 1952 auf 15 % lebenslang Kinderlose, ob verheiratet oder unverheiratet. Die vor 1948 kommen nicht einmal auf 15 %. Die Zahlen kinderloser Ehepaare sind also angesichts der kindorientierten Heirat in Westdeutschland stark überhöht, denn ansonsten dürfte es keine unverheirateten Kinderlose gegeben haben. Dies hat seine Ursachen darin, weil entweder nur Kinder im Haushalt bzw. die Geburten innerhalb einer Ehe gezählt wurden.

Fazit: Kaum ein Fakt der Story hält bei näherer Betrachtung der Empirie stand. Wir haben es vor allem mit einer Projektion zu tun, wenn SCHIRRMACHER die angeblich wenigen Prognosefehler hervorhebt: Die Finanzprobleme der Rentenversicherung, die im Jahr 2005 diskutiert  werden, werden fälschlicherweise dem demografischen Wandel zugeschrieben, obgleich es sich um Probleme der Wirtschaftsweise handelt bzw. um eine Überfrachtung mit versicherungsfremden Aufgaben. 

NAWROCKI, Joachim (1979): Die Angst der Eltern vor dem Säugling.
Dossier: Warum die Deutschen sich nicht vermehren wollen (II),
in: Die Zeit, Nr.3 v. 12.01.

NAWROCKI sieht selbst bei unveränderter Geburtenrate bis zum Jahr 2030 keine Probleme beim Anteil der Erwerbsfähigen, lediglich die Anteile der Kinder/Jugendlichen und der Rentner würden sich umkehren:

"Bei unveränderter Fruchtbarkeit der Deutschen werden bis zum Jahre 2030 die Anteile der Erwerbsfähigen an der Bevölkerung jedenfalls nicht niedriger sein als heute. Der »Generationenvertrag« könnte also eingehalten werden. Das numerische Verhältnis zwischen Rentnern und Jugendlichen wird sich freilich genau umkehren.
Die soziale
»Belastungsquote« der Erwerbstätigen bliebe dabei fast unverändert; allerdings müßte sie anders verteilt werden. Weniger Leistungen würden erbracht für eigene Kinder, mehr Leistungen würden den Arbeitnehmern über Beitragszahlungen an die Sozialversicherung abgefordert: Sie kommen Rentnern zugute."

NAUMANN, Michael (1979): Kinder und Karrieren.
Dossier: Warum die Deutschen sich nicht vermehren wollen (II). Ist der soziale Status gefährdet, dann verzichten wir auf weiteren Nachwuchs. Interview mit Hermann Korte,
in: Die Zeit, Nr.3 v. 12.01.

LEENEN, Wolf-Rainer & Albrecht MÜLLER (1979): Babys - der Rente wegen?
Die bevölkerungspolitische Debatte wird falsch geführt,
in: Die Zeit, Nr.7 v. 09.02.

RANFT, Ferdinand (1979): Unser Land ist elternfeindlich.
Weil die Eltern diskriminiert werden, gibt es weniger Babys,
in: Die Zeit, Nr.11 v. 09.03.

HAAF, Günter (1979): Lobbyisten in der leeren Wiege.
Über falsche Töne bei der Diskussion um die schrumpfende Bevölkerung,
in: Die Zeit, Nr.13 v. 23.03.

"»Wer zahlt morgen unsere Rente?« klagen Leute, die vielleicht erst gestern ein kinderloses einem kinderreichen Ehepaar als Mieter vorgezogen haben", meint Günter HAAF, Jahrgang 1946, der sich als Mitglied der geburtenschwachen Jahrgänge sieht, die jetzt im reproduktiven Alter sind:

"Der Geburtenausfall während des Ersten Weltkriegs verstärkte sich dreißig Jahre ( = eine Generation) später durch den Geburtenausfall während des Zweiten Weltkriegs. Diese geburtenschwachen Jahrgänge, zu denen auch ich gehöre, sind jetzt im reproduktiven Alter. Als erste Generation überhaupt, verfügte sie (...) über die nötige Entscheidungsfreiheit auf breiter Front zwischen mehreren alternativen Lebensformen zu wählen."

In der Statuspanik der neuen Mittelschicht sieht HAAF eine Ursache für den Geburtenrückgang:

"Wirtschaftlicher Aufstieg (...) bedeutete schon immer, daß die Aufsteiger ihren erworbenen Status nicht mit allzu viel Nachwuchs aufs Spiel setzen wollen. Soll diese neue Mittelschicht nun ihren bescheidenen materiellen Wohlstand (und den ihrer wenigen Kinder) zugunsten der verrosteten völkischen Vorstellungen nationaler Wachstumsapostel opfern? Sie wird es nicht tun".  

PIEL, Dieter (1979): Milliarden fürs Familienglück?
Bonner Familienpolitik,
in: Die Zeit, Nr.13 v. 23.03.

"Die Alten haben wir ins Seniorenheim abgeschoben. Die unverheiratete Tante und den lediggebliebenen Onkel haben wir in winzigen Ein-Personen-Haushalten untergebracht. Übriggeblieben ist ein Durchschnittshaushalt mit derzeit nur noch 2,53 Mitgliedern - in Berlin sogar nur 1,86. Früher lebten sie alle, drei Generationen nebst unverheiratetem Anhang, unter einem Dach. Da fand sich immer jemand, der sich um die Kinder kümmerte. Da gab es Gespräche, Spiele und ein offenes Ohr für Sorgen. Heute dagegen: Einsamkeit. Sie wird noch zunehmen",

klagt Dieter PIEL über den Niedergang der "familiären Geborgenheit", als ob er sich in die Zeit der Großfamilie zurückwünschte, die es so für die breite Bevölkerung nie gab. Die Individualisierung ("Vereinzelung") ist nach Meinung von PIEL Schuld an dem Geburtenrückgang:

"Die Vereinzelung der Familie und die Einsamkeit ihrer Mitglieder führt (...) dazu, daß beide Ehepartner einem Beruf nachgehen - womöglich so lange, bis es zum Kinderkriegen zu spät ist."

SCHMIDT-KALER, Theodor (1979): Wie sicher sind die Renten?
Fehler der Rentengesetzgebung - Plädoyer für eine Neuordnung,
in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 27 v. 07.07.

"Wenn die jetzige Nettoreproduktionsrate anhält - und es gibt keinerlei Anzeichen für wachsende Geburtenfreudigkeit, im Gegenteil! -, so wird die erwerbstätige Bevölkerung um 2035 über 60 Prozent ihres Einkommens allein für die Altersvorsorge und die Krankenfürsorge ausgeben müssen (...). Der völlige Zusammenbruch des Rentensystems und gleichzeitig das exponentielle Aussterben unseres Volkes sind also langfristig vorprogrammiert (...).
Die Geburtenrate liegt seit 1972 unterhalb der des Jahres 1945, der tiefsten in der gesamten deutschen Geschichte - ein klares Warnzeichen für eine existenzgefährdende Krankheit im Volksganzen",

erläutert der Astronom SCHMIDT-KALER die Situation. Der Autor rechnet mit einem "demographischen Rentenbelastungsquotient (Altersquotient)", der nicht zahlenmäßig, sondern nur als

"Prozentsatz der Bevölkerung im Rentenalter im Verhältnis zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter"

bezeichnet wird. Gleichzeitig wird jedoch deutlich, dass die Rentenversicherung nicht wegen demografischer Entwicklungen, sondern aufgrund der "Durchlöcherung des versicherungstechnischen Äquivalenzprinzips", d.h. der Steigerung von Leistungsausgaben, denen keine entsprechenden Einnahmen durch Beitragszahler gegenüber stehen, in Finanznot geraten ist. SCHMIDT-KALER geht dabei insbesondere auf die "Wahlgeschenke" der Rentenreform 1972 ein. Einer Erhöhung des Bundeszuschusses, d.h. einem "Abrücken vom Versicherungsprinzip und eine Hinwendung zum Versorgungsprinzip lehnt SCHMIDT-KALER gleichfalls ab und beruft sich stattdessen auf das Subsidiaritätsprinzip. Entsprechen der katholischen Soziallehre à la NELL-BREUNING plädiert er für eine Rente nach Kinderzahl. Seine Schlussfolgerung:

"Die Generation der heute 20- bis 45jährigen zehrt an der Substanz des Humankapitals, sie konsumiert ohne ausreichende Vorleistung für die eigene Alterssicherung."

Für SCHMIDT-KALER sind also die 1934-1959Geborenen ursächlich für die Finanzprobleme der Rentenversicherung verantwortlich. Ironie des Schicksals: 34 Jahre später wird Susanne GASCHKE genau jene, die SCHMIDT-KALER des Verstoßes gegen den Generationenvertrag bezichtigt, einen politisch korrekten generativen Beitrag bescheinigen und stattdessen ihre Altersgenossen aus der Generation Golf der Nichterfüllung des Generationenvertrags bezichtigen.

SCHMIDT-KALER geht aber noch weiter und behauptet einen Punkt, an dem es keine Umkehr mehr zum Besseren geben kann:

"Meine Modellrechnungen zeigen, daß 20 Jahre einer Geburtenarmut wie gegenwärtig so horrende künftige Belastungen ergeben, daß es in der Folgezeit unmöglich wird, gleichzeitig die Alten anständig zu versorgen und irgendwann wieder dazu überzugehen, Kinder in bestandserhaltender Zahl (bei einem dann freilich bedeutend niedrigeren Volksbestand) aufzuziehen - die Kinderarmut wird dann zwangsläufig und bleibend, der Point of no return für dieses Volk ist dann erreicht!"

1978 waren es noch 10 Jahre bis zum unumkehrbaren Niedergang. Inzwischen haben wird diesen Point of no return längst überschritten. Kurzzeitig - in der hysterischen Phase der Bevölkerungsdebatte Mitte der Nuller Jahre war dieser Point of no return als "low-fertility-trap" wieder im Gespräch, während inzwischen eine Neuinterpretation der Kinderwünsche der Deutschen Anlass für Spekulationen einer Trendwende bieten.

SCHMIDT-KALERs Modell einer Rente nach Kinderzahl ist auch noch nach dem Familienstand gestaffelt, d.h. Unverheiratete zahlen wie Kinderlose den Höchstsatz von 31 %, während lediglich bei Verheirateten nach der Kinderzahl unterschieden wird. Mit SCHMIDT-KALERs Modell geht also auch noch eine Diskriminierung unehelicher Mütter bzw. Kinder einher.

Die Gleichstellung der Frau ist für SCHMIDT-KALER nur über eine Mütterrente denkbar:

"Begründet man auf der Entlastung der Familie im Hinblick auf die Leistung der Mutter mit dem Aufziehen der Kinder eine durch die Solidargemeinschaft aufgebrachte Mutterrente, so ist auch ein entscheidender Schritt zur Gleichstellung der Frau im Rentenbereich getan.

Die Entlastung des Arbeitsmarktes aufgrund der zunehmenden Massenarbeitslosigkeit der Babyboomer-Generation will SCHMIDT-KALER durch die Hinwendung der Frau zur Mutterschaft erreichen:

"In der Wahlfreiheit auch für das Kind vollendet sich erst die Emanzipation der Frau."

Die Rente nach Kinderzahl sieht SCHMIDT-KALER als aktive Bevölkerungspolitik, deren Wirksamkeit er mit Blick auf den angeblich sensationellen Baby-Boom der DDR bestätigt sieht. Den Geburtenrückgang im Musterland Frankreich relativiert er dagegen. Seine kurzsichtige Prognose zur aktuellen Finanzlage der Rentenversicherung, die seiner Fixierung auf die Demografie geschuldet ist:

"Sobald die nächsten drei Jahre durchgestanden sind, sind Finanzierungsschwierigkeiten der Renten mittelfristig nicht zu erwarten, um dann langfristig jedoch um so gewaltiger zu werden." 

RÜRUP, Bert (1979): Zum Problem der langfristigen Alterssicherung.
Risiken und sozialpolitische Optionen. Stellungnahme zu dem Beitrag von Th. Schmidt-Kaler,
in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 27 v. 07.07.

Für Bert RÜRUP resultierten die aktuellen Finanzierungsprobleme aus der Verkettung ungünstiger konjunktureller Faktoren und deren Fehleinschätzung in Vorausberechnungen:

"Die in Prognoserechnungen kumulierten Beitragsausfälle aufgrund großenteils außenwirtschaftlich bedingter Rezensionsfaktoren (mit der Folge niedriger Nominallohnabschlüsse und hoher Arbeitslosigkeit) waren es in erster Linie, die die Rentenfinanzen in den vergangenen Jahren ins Gerede gebracht haben."

Aber auch die Rentenreform des Jahres 1972 sieht RÜRUP als Problemverursacher. Die gegenwärtigen Finanzproblem sind für RÜRUP innerhalb des Systems lösbar durch:

"- Verkürzung bis hin zur Abschaffung des Dynamisierung-time-lags, d.h. den im Vergleich zu der Entwicklung der Arbeitseinkommen zeitlich verzögerten Rentenanpassungen
- Übergang von der gegenwärtigen Rentendynamik nach Maßgabe der Entwicklung der Bruttoentgelte zu Rentenerhöhungen, die an die Nettolöhne und -gehälter (...) anknüpfen
-Rentenbesteuerung bei gleichzeitiger Erhöhung es Bundeszuschusses nach Maßgabe des »Rentensteueraufkommens«"

Die Langfristrisiken durch die Bevölkerungsentwicklung behandelt RÜRUP im Rahmen der Treffsicherheit von Prognosen, wobei die Geburtenentwicklung als größtes Risiko eingeschätzt wird:

"Der Unsicherheitsbereich für Bevölkerungsvorausschätzungen, insbesondere auf Grund relativ kurzfristiger Änderungen der Geburtenziffern, wird aus dem Vergleich der Ergebnisse der 1. Koordinierten Bevölkerungsvorausschätzung aus dem Jahr 1966 mit denen der 5. Koordinierten Bevölkerungsvorausschätzung auf der Basis des Jahres 1975 deutlich: Für das Jahr 2000 wurde die Gesamtbevölkerung 1966 etwa 17 Millionen (!) höher geschätzt als 10 Jahre später."

Vor diesem Hintergrund betrachtet RÜRUP die Ergebnisse der 5. Koordinierten Bevölkerungsvorausschätzung zurückhaltend und differenziert hinsichtlich der einzelnen Prognosenelementen und ihrer Aussagekraft:

"Da die jüngeren Jahrgänge (...) durch die differenzierenden Annahmen über die künftige Geburtenentwicklung beeinflußt werden, ergeben sich - je nach Variante - unterschiedliche Strukturanteile (der älteren Bevölkerung) bezogen auf die Gesamtbevölkerung. Diese Strukturanteile, die Altenquotienten, bestimmen das zahlenmäßige Verhältnis der älteren Bevölkerung zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Dieser Altersquotient steigt insbesondere nach der Jahrtausendwende in den Varianten a und b stark an und ist mithin geeignet, Probleme für die Systeme der Alterssicherung zu signalisieren."

Die Zunahme des Altenquotienten geht jedoch mit einer Abnahme des Jugendquotienten einher, sodass der Gesamtbelastungsquotient der Varianten a und c im Jahre 2030 dem des Jahres 1975 entspräche, während sich aus der Variante b eine deutlich höhere Belastung ergebe. Dabei entspricht die Variante a einer Nettoreproduktionsrate von 0,65, die Variante b einem weiteren Rückgang auf 0,5 und die Variante c einem Anstieg auf das Bestandserhaltungsniveau von 1,0.

Folgende Angaben für den Altenquotienten (Verhältnis der 60Jährigen und Älteren zu den 20-60Jährigen) gibt RÜRUP auf Seite 28 an:

  Altenquotienten gemäß 5. Koordinierte Bevölkerungsvorausschätzung
Jahr Variante a (0,65) Variante b (0,5) Variante c (1,0)
1975 42,5 42,5 42,5
1980 37,6 37,6 37,6
1990 36,2 36,2 36,2
2000 41,4 41,7 41,0
2015 44,3 48,5 38,6
2030 66,5 85,0 47,6

Der tatsächliche Altenquotient lag im Jahr 2000 bei 42,7 und 2010 bei 47,6. Nicht jedoch weil der Geburtenrückgang stärker als erwartet war, sondern weil die Lebenserwartung falsch eingeschätzt wurden und die Wanderungsverhältnisse vernachlässigt wurden. Zudem konnte die Wiedervereinigung nicht berücksichtigt werden.

RÜRUP weist implizit darauf hin, dass der Altenquotient nicht aussagekräftig ist, weil das Erwerbspersonenpotenzial nicht identisch ist mit der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, d.h. den 20-60Jährigen wie das der Altenquotient unterstellt:

"Die Höhe des Erwerbspersonenpotentials hängt zwar von der Alters- und Geschlechtsstruktur der Gesamtbevölkerung ab, wird aber auch zum großen Teil
- von politisch gestaltbaren Variablen (z.B. Ausbildungsdauer, Altersgrenzen im Erwerbsleben),
- vom Gesundheitszustand der Bevölkerung (Invalidität),
- von sozialen und kulturellen Verhaltensweisen (Erwerbstätigkeit von Ehefrauen mit und ohne Kinder)
(mit)bestimmt."

RÜRUP stellt eine Vorausschätzung des deutschen Erwerbspersonenpotentials vor, das die damaligen Verhältnisse einfach in die Zukunft fortschreibt, was wie wir inzwischen wissen, falsch war, da sich die Müttererwerbsquote erhöht hat. Desweiteren weist RÜRUP auf große regionale Unterschiede in den Erwerbsquoten hin, die sich aus den unterschiedlichen regionalen Erwerbsmöglichkeiten ergeben.

RÜRUP geht - ohne dies zu belegen - von einer Abschwächung des Wirtschaftswachstums aufgrund des demographischen Wandels aus. Dies führe aber nicht zu "Einbußen an materieller Wohlfahrt". Zudem sehe eine Betrachtung, die die Zuwanderung mitberücksichtige, positiver aus. Sein Fazit:

"Modellrechnungen zeigen deutlich, daß die Variation der Produktivitätssteigerungen die wirtschaftliche Situation der Bevölkerung bedeutend stärker beeinflußt als die Veränderung des Erwerbspersonenpotentials."

RÜRUP sieht im Gegensatz zu SCHMIDT-KALER keine Gefahr eines Bankrotts des Rentensystems, da er von einem Produktivitätsfortschritt ausgeht:

" - Selbst wenn man von der - mit Sicherheit falschen - Annahme ausgeht, daß das geltende Rentenversicherungsrecht und das erzeitige Renteneintrittsalter in den nächsten 50 Jahren unverändert bleiben und deshalb als Folge der Bevölkerungsentwicklung eine Verdoppelung der Beitragssätze eintreten muß, würde dies - bei sonst gleichen Verhältnissen - bedeuten, daß bei Reallohnsteigerungen von durchschnittlich 3 v.H. der Versicherte in der Zeit von 2000 bis 2030 anstatt eines Reallohnzuwchses von 140 v.h. immerhin noch einen von 120 v. H. erzielt."

Nach diesen Einschätzungen der Lage, weist RÜRUP auf die konzeptionellen Schwächen der Rente nach Kinderzahl hin. Insbesondere das Menschenbild und die Kausalitätsannahmen zum Zusammenhang von generativem Verhalten und Rentenversicherung erscheinen RÜRUP fragwürdig:

"Sieht man einmal von dem hinter diesem Regelungsgedanken verborgenen Menschenbild ab, demzufolge die individuelle Zeugungs- und Gebärfreude (eindeutig) von Sozialversicherungsabgaben bestimmt ist (sonst kommt es nicht zur angestrebten Rückkoppelung), so stellt sich die Frage nach theoretischen und/oder empirischen Belegen für diese Funktionsvoraussetzung. Schärfer formuliert: Die Frage nach dem Beweis einer eindimensionalen ökonomischen Konditionierung des Gebärverhaltens."

Der Babyboom der 1950er Jahre in den USA belegt für RÜRUP, die Fragwürdigkeit der Annahmen. Aufgrund der Konzeptionsschwächen schlägt RÜRUP eine "vorausschauende Sozialstrukturpolitik" statt eine aktive Bevölkerungspolitik vor. Dabei lehnt RÜRUP eine Rente nach Kinderzahl nicht grundsätzlich ab, sondern möchte lediglich deren Stellenwert relativieren:

"Es ist durchaus möglich, in diesem Zusammenhang auch nach der Kinderzahl zu differenzierte GRV-Beiträge ins Auge zu fassen; nur würden diese innerhalb dieser Strategie nicht als der zentrale politische Hebel auf die Realisierung bestimmter »optimaler« Geburten- bzw. Bevölkerungszahlen abzielen, sondern - als ein Instrument innerhalb eines Bündels kinder- und familienpolitischer Maßnahmen - »nur« eine Erhöhung der gesellschaftlichen Kinder- bzw. Familienfreundlichkeit anstreben"

Eine Vorausschauende Sozialstrukturpolitik reagiert nicht nur auf den demografischen Wandel, sondern auch auf den wirtschaftlichen Wandel. Dabei darf gemäß RÜRUP nicht nur das Rentensystem isoliert betrachtet werden, sondern eine Gesamtschau sei erforderlich, da Maßnahmen in einem Bereich sich durchaus kontraproduktiv in anderen Bereichen auswirken könne. Hoffnungen setzt RÜRUP diesbezüglich auf den Endbericht der 1977 von der Bundesregierung eingesetzten "Transfer-Enquete-Kommision".   

SCHMIDT-KALER, Theodor (1979): Einige Anmerkungen zu der Stellungnahme von B. Rürup
in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 27 v. 07.07.

SCHMIDT-KALER erklärt die von RÜRUP gemachte Unterscheidung zwischen erwerbsfähiger Bevölkerung und dem Erwerbstätigenpotenzial aufgrund von Vorausberechnungen RÜRUPs für belanglos. Das liegt aber offenbar an den Annahmen, die nicht erläutert werden, und nicht an der Belanglosigkeit der Differenz.

MÜLLER, Albrecht (1979): Geburtenrückgang - Wer zahlt die Rechnung?
in: Spiegel, Nr.38 v. 17.09.

Der Spiegel druckt Auszüge des Beitrags von Albrecht MÜLLER aus dem Buch Geburtenrückgang - Risiko oder Chance?

"Die Alterslast liegt voraussichtlich bis etwa 2005 unter dem Niveau von heute. Gelassenheit ist zudem am Platz, weil den Kosten für die Versorgung der älteren Generation sinkende Belastungen für die nachwachsende Generation gegenüberstehen",

erklärt MÜLLER. Die Angst vor dem Aussterben basiert gemäß MÜLLER auf einem "völkischen Geschichtsbild":

"Es ist typisch, daß (...) in der öffentlichen Diskussion, selbst wenn solche »Prognosen« bis zum Jahr 2070 angestellt werden, die mögliche und wahrscheinliche Integration der Gastarbeiter und ihrer Kinder vernachlässigt wird."

Die Vorstellung, dass Kinder für die Alterssicherung der Eltern gezeugt werden, entspringt für MÜLLER einer bürgerlich-agrarischen Vorstellung, die in der Arbeitnehmergesellschaft ihre Bedeutung verloren hat.

Die gängige Argumentation mit der Kluft zwischen gewünschter und realisierter Kinderzahl, wie sie z.B. Joachim NAWROCKI in der Zeit ins Spiel gebracht hat, entspricht für MÜLLER nicht einer Welt begrenzter Ressourcen:

"Die Problematik dieser These von der Unterschreitung der »eigentlich« gewünschten Kinderzahl liegt zunächst einmal in der selbstverständlichen Richtigkeit des Satzes: Jedermann bleibt natürlich ständig unterhalb seiner »eigentlichen« Wünsche. Das gilt auch für die Kinderzahl. Wären unsere Ressourcen völlig unbeschränkt, würde sicherlich der eine oder andere mehr Kinder haben wollen, als er heute hat."

Für MÜLLER steht dahinter auch ein Kampf der Lebensstile um das richtige Familienbild. Hinter der Fokussierung auf die zu Gebärenden statt auf die lebenden Kinder verberge sich zudem eine Vernachlässigung des Kindeswohls.

 
     
 
       
   

weiterführender Link

 
       
     
       
   
 
   

Bitte beachten Sie:
single-generation.de ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten

 
   
 
     
   
 
   
© 2002-2017
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 05. März 2014
Update: 24. Januar 2017