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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Sachsen-Anhalt im demografischen Wandel

 
       
   

Ein ganzes Bundesland als gefährdete Region (Teil 1)

 
       
     
   
     
 

Kommentierte Bibliografie (Teil 1: 2000 - 2010 )

Einführung

Seit April 2016 regiert in Sachsen-Anhalt eine so genannte Kenia-Koalition aus CDU, SPD und Grünen. Seit den Wahlen in Sachsen und Brandenburg gelten solche Regierungen als Mittel, um die AfD von der Macht fern zu halten. Ist also Sachsen-Anhalt ein Modell für Ost- oder gar Gesamtdeutschland? Kann ein solches Anti-AfD-Bündnis erfolgreich sein oder werden damit nur die Probleme von abgehängten Regionen verwaltet? Seit einer Untersuchung des Instituts der Wirtschaft im August 2019 gilt das ganze Bundesland Sachsen-Anhalt als gefährdete Region. In dieser Bibliografie steht deshalb die Frage im Vordergrund, ob das Bundesland in seiner jetzigen Form zukünftig überhaupt noch Bestand haben kann. Eine solche Debatte wird derzeit zwar noch nicht geführt, aber sollte sich die Lage in Sachsen-Anhalt weiter verschärfen, dürfte diese Frage wohl früher oder später auch auf der politischen Agenda erscheinen.  

Tabelle: Liste der Rankings zur Zukunftsfähigkeit der Landkreise, kreisfreien Städte und Gemeinden in Sachsen
Organisation Publikation Jahr Anzahl
Untersuchungseinheiten
(Brandenburg)
Untersuchungsebene 
Berlin-Institut Deutschland 2020 - Die demografische Zukunft der Nation 2004 440 Landkreise und kreisfreie Städte
Die demografische Lage der Nation 2006 439 Landkreise und kreisfreie Städte
Bertelsmann-Stiftung Wegweiser Kommune
(Bevölkerungsprognose 2020)
2006 2.959 Gemeinden über 5.000 Einwohner
Wegweiser Kommune
(Bevölkerungsprognose 2006-2025)
2008 2.959
Wegweiser Kommune
(Bevölkerungsprognose 2012-2030)
2015 2.944
Prognos AG Zukunftsatlas 2004 439 Landkreise und kreisfreie Städte
2007 439
2010 412
2013 412
2016 402

Eine detaillierte Analyse der Aussagekraft der Rankings wird zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen. Dies ist in erster Linie eine Bestandsaufnahme.

Städterankings zur Zukunftsfähigkeit, zur Entwicklung des Immobilienmarkts und anderen Themen

Rankings sind Ausdruck der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme im neoliberalen Standortwettbewerb. Durch die mediale Verbreitung entsteht eine Städtehierarchie, die sich im Bewusstsein festsetzt. Die Indikatorenbildung ist nicht wertfrei, sondern ist interessengeleitet. Dadurch, dass bestimmte Indikatoren immer wieder in unterschiedlichen Kontexten maßgeblich die Bewertungen von Städten bestimmen, erhalten sie im Laufe der Zeit den Rang einer unhinterfragbaren Selbstverständlichkeit.

Bewertungen von städtischen Immobilienmärkten führen nicht nur zu einer Hierarchie der Städte, sondern führen auch zu einer innerstädtischen Hierarchie, die zwischen sozialen Brennpunkten, Szenevierteln, Trendvierteln oder Toplagen unterscheiden. In der folgenden Liste sind einige der Städterankings aufgeführt, die in Zeitschriften in regelmäßigen Abständen wiederholt werden:

Tabelle: Liste diverser Städterankings bzw. Stadtviertelrankings in Zeitschriften
Zeitschrift Typus Erstes Ranking
(Jahr)
Weitere
Rankings
(Jahr)
Abstand zwischen
den Rankings
Rankingebene Zielgruppe
Capital Immobilien-Kompass     jährlich Stadtviertel in ausgewählten Großstädten Investoren
Euro Immobilienatlas     jährlich Stadtviertel in Großstädten und Städte ab 20.000 Einwohner Investoren
Focus Großstadtranking von HWWI / Berenberg Bank 2008   zwei- bis dreijährlich Zukunftsfähigkeit bzw. Wirtschaftsstärke der 30 einwohnerstärksten Großstädte  
Focus Regionenranking   2015
2016
2018
  Wirtschaftsstärke und Lebensqualität in den Kreisen und kreisfreien Städten  
Handelsblatt Trendviertel 2011   jährlich Stadtviertel, in denen die Preise im Dreijahreszeitraum überdurchschnittlich gestiegen sind Investoren
WirtschaftsWoche Großstadtranking 2004   jährlich Zukunftsfähigkeit bzw. Wirtschaftsstärke der 50 einwohnerstärksten Großstädte oder der kreisfreien Großstädte  
WirtschaftsWoche Immobilienatlas     jährlich 50 einwohnerstärkste Großstädte Investoren

Übersicht: Gliederung von Sachsen-Anhalt in Landkreise und kreisfreie Städte

Tabelle: Die 4 Raumordnungsregionen, 11 Landkreise und drei kreisfreien Städte sowie 11 Kreisstädte im Sachsen-Anhalt des Jahres 2018
Raumordnungsregionen Landkreise/
kreisfreie Städte
Kreisstadt Stadttyp
Altmark Altmarkkreis  Salzwedel Salzwedel Mittelstadt
Stendal Stendal Mittelstadt
Anhalt-Bitterfeld-Wittenberg Anhalt-Bitterfeld
(Fusion von Bitterfeld, Köthen und Teilen von Anhalt-Zerbst im Jahr 2007)
Köthen (Anhalt) Mittelstadt
Dessau-Roßlau (kreisfreie Stadt)
Fusion von Dessau und Roßlau (ehemals Anhalt-Zerbst) im Jahr 2007
- Mittelstadt
Wittenberg
(Fusion mit Teilen von Anhalt-Zerbst im Jahr 2007)
Wittenberg Mittelstadt
Halle/Saale Burgenlandkreis
(Fusion mit Weißenfels im Jahr 2007)
Naumburg (Saale) Mittelstadt
Halle/Saale (kreisfreie Stadt) - Großstadt
Mansfeld-Südharz
(Fusion von Mansfelder Land und Sangerhausen im Jahr 2007)
Sangerhausen Mittelstadt
Saalekreis
(Fusion von Merseburg-Querfurt und Saalkreis im Jahr 2007)
Merseburg Mittelstadt
Magdeburg Börde
(Fusion von Börde- und Ohrekreis im Jahr 2007)
Haldensleben Kleinstadt
Harz
(Fusion von Falkenstein, Halberstadt, Quedlinburg und Wernigerode im Jahr 2007)
Halberstadt Mittelstadt
Jerichower Land
(Fusion mit Teilen von Anhalt-Zerbst im Jahr 2007)
Burg Mittelstadt
Magdeburg (kreisfreie Stadt) - Großstadt
Salzlandkreis
(Fusion von Bernburg, Schönebeck und Aschersleben-Staßfurt außer Falkenstein im Jahr 2007)
Bernburg (Saale) Mittelstadt
Quelle: Wikipedia

Übersicht: Die 10 sächsisch-anhaltinischen Gemeinden des Demographietyps 4, die gemäß der BertelsmannStiftung zwischen 2005 und 2020 mehr als 15 Prozent der Bevölkerung verlieren werden

Tabelle: Sächsisch-anhaltinische Gemeinden mit einem prognostizierten Bevölkerungsverlust von mehr als 15 Prozent zwischen 2005 und 2020
Rang Gemeinden des Demographietyps 4 (Landkreis) Eingemeindungen und Fusionen
(2005 - heute)
Bevölkerung
(31.12.2005*)
Bevölkerungsverlust
(in %)
1 Wolfen (Anhalt-Bitterfeld) Seit 01.07.2007 ein Stadtteil von Bitterfeld-Wolfen 24.908 43,20 %
2 Gräfenhainichen (Wittenberg) 2007: Jüdenberg
2011: Möhlau, Schköna, Tornau und Zschornewitz
7.659 23,66 %
3 Calbe/Saale (Salzlandkreis)   11.161 23,15 %
4 Hettstedt (Mansfeld-Südharz)   15.693 21,81 %
5 Zeitz (Burgenlandkreis) 2009: Döbris, Geußnitz, Kayna, Nonnewitz, Würchwitz;
2010: Theißen, Luckenau
28.117 18,31 %
6 Thale (Harz) 2009: Altenbrak, Friedrichsbrunn, Neinstedt, Stecklenberg, Treseburg, Weddersleben
2010: Westerhausen
2011: Allrode
12.748 18,10 %
7 Hohenmölsen (Burgenlandkreis) 2010: Granschütz und Taucha 9.681 17,23 %
8 Osterburg/Altmark (Stendal) 2009: Fusion der Gemeinden Ballerstedt, Düsdedau, Erxleben, Flessau, Gladigau, Königsmark, Krevese, Meseberg, Rossau, Walsleben und Osterburg/Altmark  zu Osterburg/Altmark 7.111 16,02 %
9 Tangerhütte (Stendal) 2010: Fusion der 19 Gemeinden der Verwaltungsgemeinschaft Tangerhütte-Land zur Stadt Tangerhütte 5.924 15,36 %
10 Staßfurt (Salzlandkreis) 2009: Neundorf (Anhalt; Förderstedt) 23.318 15,21 %
Quelle: Regional-Report Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen 2008, S.103ff.; Statistischer Bericht A I, A II, A III hj-2/06, S.49ff.: *Anfangsbestand 

2001

RICHTER, Peter (2001): Region erahnter Kindheitsmuster.
Schwermut Ost: Die schrumpfenden, abrißbedrohten - und die malerischen Städte,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 29.09.

Peter RICHTER beschreibt die Situation in Halle angesichts des geplanten Stadtumbau Ost folgendermaßen:

"Oft sind es (...) genau jene Häuser, die bereits die DDR sprengen wollte - und der Protest gegen diese Pläne war elementarer Bestandteil der Bürgerrechtsbewegung -, von Greifswald (...) bis nach Görlitz, wo die Bürger eine Hauszeile mit ihren Leibern schützten, als die Sprengladungen schon gelegt waren.
Heute würden diese Sprengladungen die ehemaligen DDR-Oppositionellen vermutlich an die Seite der Anhänger des Regimes treiben, die ihrerseits eher das Versinken der (...) Plattenbau-Vinetas beklagen. So etwas wie die Frontstadt in diesem aus der DDR geerbten Kulturkampf ist Halle: Dort gibt es - ausgenommen den innersten Kern - eine völlig ruinöse Altstadt - und direkt daneben die enorme Plattenbausiedlung Halle-Neustadt. Der Traum der Planer im Rathaus ist die Preisgabe der letzteren zugunsten der ersten. Bislang hat die Neustadt aber eine stärkere Lobby. Letztlich trifft die Stadtflucht aber beide, und zuletzt hat der Exodus aus der Platte zugenommen."

Ein dramatisches Szenario entwirft RICHTER gar für die Landeshauptstadt Magdeburg:

"Den industriellen Glücksversprechen, die die DDR auf den östlichen Äckern zusammengeschraubt hatte, ist nur bereits passiert, was jetzt den idyllischen Altstädten noch droht. Denn (...)(längst) fordern Wirtschaftsliberale ein Ende der flächendeckenden Subventionen. Wenn es gut läuft, wie in Jena oder Dresden, dann läuft es eben, und wenn nicht, dann nicht. Schluß, aus, Schrumpfen. Und am Ende paßt womöglich Magdeburg, so wie nach der Völkerwanderung der Rest der Stadt Arles in ihr Amphitheater paßte - dann paßt vielleicht ganz Magdeburg in sein Fußballstadion, wo es 1974 den Europapokal gewonnen hat."

2004

RICHTER, Peter (2004): Frohen Osten!
Entvölkerte Städte, einstürzende Platten und Brücken, über die niemand geht: Die ehemalige DDR als ästhetische und künstlerische Herausforderung,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 11.04.

"Paßt nach dem Ende der Abwanderung die ostdeutsche Stadt Jena komplett auf ihr legendäres Ernst-Abbe-Sportfeld?
Schwer vorzustellen. Jena wächst sogar. Widerlegen läßt sich das apokalyptische Gerdede von der verheerenden Abwanderung aus Ostdeutschland dadurch aber leider nicht. Im Gegenteil. Denn Jena ist die Ausnahme; hier geschieht schon seit längerem, was jetzt plötzlich als neue Idee präsentiert wird: die Konzentration auf halbwegs entwicklungsfähige Kerngebiete. Im Gegenzug impliziert das nämlich etwas Unangenehmes (...). Daß man dann da, wo der Ofen aus ist, auch keine Kohle mehr nachlegen darf",

meint Peter RICHTER, der hier "Kohle" zum einen im Wortsinne meint (siehe Hoyerswerda) und zum anderen im übertragenden Sinne als Wegfall von Subventionen.   

GEO -Extrabeilage: Kreise und Städte im Test.
Der demographische Wandel: Daten, Trends und Analysen

GEO (2004): Der demographische Wandel: Daten, Trends und Analysen.
Kreise und Städte im Test,
in: GEO. Beilage zu den demographischen Perspektiven Deutschlands, Mai

Für folgende Kreise und Städte werden starke Bevölkerungsverluste bzw. -zugewinne prognostiziert:

Tabelle: Bevölkerungsentwicklung der Landkreise und kreisfreien Städte im Zeitraum 2000-2020
Landkreise und Städte mit Bevölkerungsverlusten
von 15 und mehr Prozent (Note 6)
Landkreise und Städte mit Bevölkerungswachstum von 10 und mehr Prozent (Note 1)
Aschersleben-Staßfurt (Sachsen-Anhalt) Ohrekreis (Sachsen-Anhalt)
Bernburg (Sachsen-Anhalt) Saalkreis (Sachsen-Anhalt)
Bitterfeld (Sachsen-Anhalt)  
Dessau (Sachsen-Anhalt)  
Mansfelder Land (Sachsen-Anhalt)  
Quedlinburg (Sachsen-Anhalt)  
Sangerhausen (Sachsen-Anhalt)  
Schönebeck (Sachsen-Anhalt)  
Stendal (Sachsen-Anhalt)  
Wittenberg (Sachsen-Anhalt)  
Quelle: Geo-Beilage Heft 5, 2004, S.22ff. 

PROGNOS (2004): Zukunftsatlas 2004.
Das Ranking zur Zukunftsfähigkeit der 439 Regionen in Deutschland,
in: Pressemitteilung der Prognos AG v. 21.07.

DIENEL, Christiane u.a. (2004): Zukunftschancen junger Frauen in Sachsen-Anhalt, Abschlussbericht, Hochschule Magdeburg-Stendal (FH), Magdeburg, November

2005

MÜLLER, Uwe (2005): Supergau Deutsche Einheit, Berlin: Rowohlt

"Ze für Zeitz, ki für Kinder, wa für Wagen: Zekiwa ist (...) eine traditionsreiche Kinderwagenfabrik. Die sechs Buchstaben sind eng verbunden mit einem Kapitel deutscher Industriegeschichte: In Zeitz, einer sachsen-anhaltinischen Kleinstadt an der Weißen Elster, steht die Wiege der europäischen Kinderwagenherstellung. Ihre Erfolgsgeschichte begann vor mehr als 150 Jahren. Weil der Kinderreichtum die Bevölkerung schnell wachsen ließ, kannte die Branche keine Krisen. Das änderte sich erst nach der Wiedervereinigung: Plötzlich gab es immer weniger Bedarf, und Zekiwa musste seine Produktion einstellen. Ein fatales Omen für Ostdeutschland" (S.95),

beginnt Uwe MÜLLER das Kapital Die demographische Katastrophe, in dem der Geburtenrückgang im Osten als Niedergangsszenario auch der Industriestandorte beschworen wird:

"1980 brachte jede ostdeutsche Frau durchschnittlich fast zwei Babys auf die Welt (...). Doch dann kam die Wende und ein Geburtenknick ohne Beispiel. Er (...) gab auch die angestammte Industrie dem Siechtum preis. Im Februar 1998 rollte Zekiwa in die Pleite. Der Klapperstorch als Schutzpatron hatte die Region verlassen.
Riesige Brachen im Stadtzentrum erinnern an die einstige Glanzzeit. (...). Ein kleiner Betrieb mit einer Hand voll Mitarbeitern hat den Firmennamen gerettet. Er vertreibt jetzt Kinderwagen und entwirft Modelle, die von Arbeitern in Südostasien montiert werden. Geblieben ist Zeitz ein beeindruckendes Kinderwagenmuseum, das die Stadtväter unlängst mit dem Zusatz »Deutsches« versehen haben.
Wo ein kompletter Wirtschaftszweig einfach im Museum verschwindet, obwohl seine Erzeugnisse noch konkurrenzfähig sind - da läuft etwas grundsätzlich schief. Der Niedergang (...) sagt auch etwas über die Erosion der Gesellschaft (...). In keinem anderen Staat der Welt sind nach 1990 so wenige Kinder geboren worden wie in den neuen Ländern, kaum anderswo altert die Bevölkerung deshalb so rasant.
Das hat langfristige Folgen" (S.96f.).

2006

BÖLSCHE, Jochen (2006): Verlassenes Land, verlorenes Land.
Deutsche Provinz: Wissenschaftler sprechen von einer sozialen Zeitbombe. Durch Geburtenschwund, Arbeitslosigkeit und Massenabwanderung droht sich der ländliche Raum in einen "Ozean von Armut und Demenz" zu verwandeln - eine Entwicklung, die ein Kartell der Parteien tabuisiert,
in: Spiegel online  v. 14.03.

"»Dass die Deutschen erst keine Kinder zeugen und dann nicht sterben wollen«, wie der Historiker Michael Stürmer die tückische Kombination von sinkender Geburtenzahl und steigender Lebenserwartung beschreibt, macht schon heute ganze Landstriche zu Verliererregionen mit schrumpfender und zugleich überalterter Bevölkerung.
Der »demografische Wandel« finde »überall in Deutschland« statt, doziert der Berliner Wirtschaftswissenschaftler Ulrich Busch, im Osten allerdings habe er sich bereits zur »demografischen Katastrophe« ausgewachsen. Busch: »Großstädte wie Halle, Magdeburg, Frankfurt (Oder), Cottbus, Neubrandenburg, Gera und Dessau verlieren innerhalb weniger Jahrzehnte bis zur Hälfte ihrer Einwohner.« Der Ökonom weiß, dass es für Außenstehende »kaum vorstellbar« ist, »was es für eine Stadt mit früher mehr als 300.000 Einwohnern wie Halle oder Magdeburg bedeutet, innerhalb von zwei Generationen auf 150.000 herunterzugehen«. Während die großen Städte schrumpfen, sterben bereits die Dörfer. »Ganze Regionen wie Nordthüringen, Ostprignitz, Altmark, Uckermark, Vorpommern und die Lausitz sind der Verödung preisgegeben,« konstatiert Busch. In Vorpommern beispielsweise, das mit knapp 500.000 Einwohnern nur noch 65 Prozent der Bevölkerung von 1970 hat, würden Wüstungen, also aufgegebene Siedlungsstätten, allmählich zum »Flächenphänomen«, hat der Greifswalder Bevölkerungswissenschaftler Helmut Klüter beobachtet."

Die Beschwörung des Niedergangs wird ein Jahrzehnt später als neue Wohnungsnot in den Großstädten gravierende Folgen zeigen. Wen wundert es angesichts dieser neoliberalen Horrorszenarien eigentlich, dass Halle und Magdeburg ein Jahrzehnt später die Zentren der neuen Rechten geworden sind? Und das, obwohl beide Städte nicht schrumpfen? Im Jahr 2009 wird Halle seinen Tiefststand mit 230.377 Einwohnern erreichen. 10 Jahre späte sind es rund 10.000 Einwohner mehr. Magdeburg hatte bereits 2004 mit 226.675 Einwohnern den Tiefststand erreicht und ist zum Zeitpunkt des Artikels bereits wieder gewachsen. 2017 waren es rund 15.000 Einwohner mehr als im Jahr 2004.

KRÖHNERT, Steffen/MEDICUS, Franziska/KLINGHOLZ, Reiner (2006): Die demographische Zukunft der Nation. Wie zukunftsfähig sind Deutschlands Regionen? München: Dtv, April

"Aufgrund fehlender Kinder und steigender Lebenserwartung wird Sachsen-Anhalt in den nächsten Jahren gravierende Veränderungen in der Altersstruktur erleben. Schon gegenwärtig ist nur ein Viertel der Bevölkerung jünger als 26 Jahre und 30 Prozent sind über 60. Bis 2020 wird der Anteil der unter 26-Jährigen auf 20 Prozent gefallen, jener der über 60-Jährigen auf 35 Prozent gewachsen sein.
Während die Zahl der Schüler, Auszubildenden und jungen Erwerbstätigen kontinuierlich schwindet, hat das Land im Jahr 2020 rund 100.000 über 75-Jährige mehr zu versorgen. Das entspricht einem Zuwachs von fast 30 Prozent in jener Altersgruppe, in der die Menschen häufig pflegebedürftig werden. Am stärksten altert die Region Dessau, (...). weil dort am meisten junge Menschen abgewandert sind. In der Stadt Dessau und den Kreisen Wittenberg und Bitterfeld (...) werden im Jahr 2020 über 16 Prozent der Gesamtbevölkerung älter als 75 Jahre sein.
Die vier Kreise mit der schlechtesten deutschlandweiten Gesamtwertung lieben allesamt in Sachsen-Anahlt. Schlusslicht ist der Kreis Bernburg. (...). Je 100 Männer im Alter zwischen 18 und 29 Jahren leben in Bernburg nur noch 80 Frauen. Mit 1,06 Kindern je Frau hat der Kreis eine der geringsten Geburtenraten in ganz Deutschland. Nicht viel besser als Bernburg schneiden die Kreise Mansfelder Land, Köthen und der Burgenlandkreis ab." (S.114),

berichten KRÖHNERT/MEDICUS/KLINGOLZ über die Lage in Sachsen-Anhalt. Bereits im Jahr 2008 existieren die genannten politischen Gebietseinheiten schon nicht mehr, denn eine Kreisgebietsreform zum 1. Juli 2007 wurde gerade mit dem dramatischen, zukünftigen Bevölkerungsrückgang begründet, der hier prognostiziert wird. Ob solche Kreisgebietsreformen jedoch das gesellschaftliche Problem lösen oder nur die Probleme verschleiern bzw. verschärfen, das wäre eine der wichtigen Fragen. Stebastian BLESSE & Felix RÖSSEL konnten in ihrer Bilanz Kreise gewachsen – Bilanz durchwachsen: Zehn Jahre Kreisgebietsreformen in Sachsen und Sachsen-Anhalt keine Einsparungen im Bereich der Verwaltungen durch solche Kreisreformen erkennen.

Im Kasten Auf der Suche nach der schlanken Stadt wird uns die neoliberale Sicht auf die Stadt Bitterfeld-Wolfen vorgestellt:

"In Bitterfeld, wo, wie es einst hieß, »der Dreck vom Himmel fällt«, ist es sauberer geworden. Wo das Unternehmen Agfa Ende des 19. Jahrhunderts eine Anilin- und Sodafabrik aufgebaut hatte (...), waren im Laufe von hundert Jahren acht Städte und Gemeinden mit 1.200 Hektar Industriearealen zu einem Konglomerat aus alten Stadtkernen, Werkssiedlungen und Neubaublocks verschmolzen. Ein Moloch aus maroder Bausubstanz, Dreck und Gestank.
Heute ist dort ein kleiner, aber feiner Chemiepark entstanden. (...). Doch zehntausende Chemiearbeiter werden in den modernen Anlagen nicht mehr benötigt. Nach 1995 verlor der Kreis 39 Prozent seiner Jobs. Die Zahl der Einwohner geht bereits seit der Wende zurück - bis heute um 18 Prozent. Das ist selbst im überall schrumpfenden Sachsen-Anhalt bedrohlich. In Wolfen - größtenteils eine Plattenbausiedlung - sank die Einwohnerzahl seit 1990 um mehr als ein Drittel von 45.000 auf 27.000 Menschen. Und die Abwanderung hält an. (...). Zudem hat de Kreis mit 1,19 Kindern je Frau eine der niedrigsten Geburtenraten im ohnehin kinderarmen Sachsen-Anhalt.
Die Doppelstadt Bitterfeld-Wolfen gehört zu jenen Städten, die sich an der Internationalen Bauausstellung »IBA Stadtumbau 2010« beteiligen. Erstmals werden die Schrumpfstädte eines ganzen Bundeslandes zum Thema einer solchen Veranstaltung. Ziel ist es, Stadtumbau unter Schwundbedingungen zu erproben. In Bitterfeld und Wolfen wollen die Planer herausfinden, wie sich Nachbarstädte Aufgaben teilen und ihre Ressourcen bündeln können. Denn das überdimensionierte Infrastrukturangebot, das die Kommunen in den fetten Jahren nach der Wende auf höchstem Niveau aufgebaut haben (Berufsschulzentrum, Dreifelder-Sporthalle, Hallenfreibad, ein Filmmuseum, die Kunst- und Kulturlandschaft Goitzsche), erzeugt bei Unternutzung hohe, die Gemeinden überfordernde Kosten. Heute gibt es in der Region von fast allem zu viel: Wohnungen, Kindergärten und Schulen, Straßen und Freizeiteinrichtungen. Jetzt suchen die Bürgermeister nach Wegen zu einer schlanken Stadt. (...). Bis 2020 prognostiziert das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung für den Kreis Bitterfeld einen weiteren Einwohnerverlust von 24 Prozent - mehr als in jedem anderen deutschen Landkreis." (S.116)

Während KRÖHNERT/MEDICUS/KRÖHNERT hier schon von der "Doppelstadt Bitterfeld-Wolfen" sprechen, die erst am 1. Juli 2007 entstanden ist, wird bei den Kreisen jedoch in der Broschüre nur die alte Kreisstruktur erwähnt, obwohl diese zum gleichen Zeitpunkt nicht mehr existierte und das Gesetz zur Kreisreform bereits im Jahr 2005 beschlossen wurde. Hier stellt sich deshalb die Frage, inwiefern diese Broschüre nicht Teil einer politischen Kampagne zur Durchsetzung der neoliberalen Kreisreformen ("schlanke Stadt") war.       

Folgenden kreisfreien Städten in Sachsen-Anhalt wird ein weiterer Bevölkerungsrückgang prognostiziert: Halle a.d.Saale, Dessau und Magdeburg (vgl. 2006, S.42). Für folgende Kreise und Städte werden starke Bevölkerungsverluste bzw. -zugewinne prognostiziert:

Tabelle: Vergleich der Bevölkerungsentwicklung der Landkreise und kreisfreien Städte im Zeitraum 2000-2020 und 2004-2020 (Die fettgedruckten Regionen wurden in beiden Prognosen mit der besten oder schlechtesten Note bewertet. Die grün und rot markierten Regionen verbesserten bzw. verschlechterten sich um mindestens 2 Noten)
Landkreise und Städte mit Bevölkerungsverlusten
von 15 und mehr Prozent (Note 6)
Landkreise und Städte mit Bevölkerungswachstum von 10 und mehr Prozent (Note 1)
Aschersleben-Staßfurt (Sachsen-Anhalt) Ohrekreis (Sachsen-Anhalt)
Bernburg (Sachsen-Anhalt) Saalkreis (Sachsen-Anhalt)
Bitterfeld (Sachsen-Anhalt)  
Dessau (Sachsen-Anhalt)  
Mansfelder Land (Sachsen-Anhalt); 2004: Nur noch 10-15 %  
Quedlinburg (Sachsen-Anhalt); 2004: Nur noch 10-15 %  
Sangerhausen (Sachsen-Anhalt)  
Schönebeck (Sachsen-Anhalt); 2004: Nur noch 10-15 %  
Stendal (Sachsen-Anhalt); 2004: Nur noch 10-15 %  
Wittenberg (Sachsen-Anhalt)  
   
Kreise und Städte für die erst 2006 ein Bevölkerungsrückgang von 15 Prozent und mehr prognostiziert wurde
Burgenlandkreis (Sachsen-Anhalt)
Halberstadt (Sachsen-Anhalt)
Weißenfels (Sachsen-Anhalt)
Quelle: Geo-Beilage Heft 5, 2004, S.22ff., Die demografische Lage der Nation, 2006, S.56ff. 

LUCIUS, Robert von (2006): Das deutsche Sibirien.
Die Jungen verlassen Gardelegen, weil es an Arbeitsplätzen fehlt - eine wirtschaftliche Perspektive für die alte Stadt in Sachsen-Anhalt ist nicht in Sicht,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 25.08.

2007

PROGNOS (2007): Zukunftsatlas 2007.
Studie: Alle 439 Städte und Kreise im Test. Ostdeutschland holt auf Bayern und Baden-Württemberg deutschlandweit vorne,
in: Pressemitteilung der Prognos AG v. 26.03.

NIKOLOW, Rita (2007): Einbußen durch Abwanderung und Geburtendefizit,
in:
Tagesspiegel v. 30.08.

"Sachsen-Anhalts Bevölkerung schrumpft: Seit 1990 ist die Zahl der Einwohner von 2,9 Millionen auf weniger als 2,4 Millionen gesunken", berichtet Rita NIKOLOW.

MÜLLER, Uwe (2007): Der Osten altert schneller als der Westen.
Glaubt man den jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes aus Wiesbaden, dann sieht es düster aus für Deutschlands Osten: Er vergreist. Nach Berechnungen von WELT ONLINE rückt Sachsen-Anhalt zum "Altersheim der Republik" auf. Jung ist nur noch der reiche Süden der Republik,
in: Welt v. 24.11.

2008

BERTELSMANNSTIFTUNG (2008): Regionalreport Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.  Differenzierung des »Wegweisers Demographischer Wandel« für drei ostdeutsche Bundesländer, August

Thorsten WIECHMANN &, Ingo NEUMANN (TU Dresden) analysieren in dem Regionalreport in erster Linie die Kommunen des Demographietyps 4 "Schrumpfende und alternde Städte und Gemeinden mit hoher Abwanderung", zu denen in den drei Ländern die überwiegende Mehrheit der Städte und Gemeinden mit über 5.000 Einwohnern gehören. Bundesweit gehören 352 Kommunen zu diesem Typ. 228 (vgl. Tabelle 5, S.21) liegen in Sachsen (125 Kommunen), Sachsen-Anhalt (59 Kommunen) und Thüringen (44 Kommunen).

Von den 53 Kommunen mit einem prognostizierten Bevölkerungsverlust von mehr als 15 Prozent zwischen 2005 und 2020 gehören 35 zu Sachsen, 10 zu Sachsen-Anhalt und 8 zu Thüringen. Der Spitzenreiter ist die Kommune Wolfen (43,2 %), die ab 2007 mit Bitterfeld zusammen die neue Gemeinde Bitterfeld-Wolfen bildet.

Tabelle: Vergleich der Bevölkerungsentwicklung der Landkreise und kreisfreien Städte im Zeitraum 2000-2020 und 2004-2020 (Die fettgedruckten Regionen wurden in beiden Prognosen mit der besten oder schlechtesten Note bewertet. Die grün und rot markierten Regionen verbesserten bzw. verschlechterten sich um mindestens 2 Noten)
Demographie-Typ

Thüringen

Sachsen-Anhalt

Sachsen Anzahl
Großstadt Bevölkerungs-
entwicklung
2005-2020
Großstadt Bevölkerungs-
entwicklung
2005-2020
Großstadt Bevölkerungs-
entwicklung
2005-2020
 
G 3: Schrumpfende und alternde ostdeutsche Großstädte Gera - 19,7 % Halle
Magdeburg
- 15,7 %
- 11,8 %
Chemnitz - 15,6 % 4
(von 5)
G 6: Aufstrebende ostdeutsche Großstädte mit Wachstumspotenzialen Erfurt
Jena
+ 1,94 %
+ 5,84 %
-   Dresden
Leipzig
+ 0,66 %
+ 0,75 %
4
(von 7)
Großstädte in Ostdeutschland gesamt 3   2   3   8
von 12)
Quelle: Regionalreport, Tabelle 3, S.15 

2009

SCHIFFERS, Betram (2009): Verfügungsrechte Im Stadtumbau. Handlungsmuster und Steuerungsinstrumente im Altbauquartier, VS Verlag für Sozialwissenschaften

Explorative Fallstudie zur stark schrumpfenden Mittelstadt Zeitz in Sachsen-Anhalt als Beispiel eines "perforierten Altbauquartiers", bei dem die Akteure auf dem Immobilienmarkt den Handlungsmustern Verbleiben, Verwerten und Verfallen lassen zugeordnet werden.

MARON, Monika (2009): Bitterfelder Bogen. Ein Bericht, S. Fischer Verlag

"»Vielleicht kennen ja sogar die Ostdeutschen ihre eigenen Erfolgsgeschichten zu wenig, um stolz auf sie und sich selbst zu sein.« »B. ist die schmutzigste Stadt Europas«, schrieb Monika Maron in ihrem Debütroman ›Flugasche‹ (1981). B. steht für Bitterfeld, bis heute ein Synonym für marode Wirtschaft und verkommene Umwelt. Dreißig Jahre später hat sie die Stadt wieder besucht und die Spur der Veränderungen nachgezeichnet. Sie erzählt von der Wiederauferstehung einer Region, vor allem aber vom Aufbruch einiger Kreuzberger Solarenthusiasten in die Provinz Sachsen-Anhalts, wo sie eine Solarzellenfabrik mit 40 Arbeitsplätzen bauen wollten. Nur acht Jahre später ist Q-Cells der größte Solarzellenhersteller der Welt. Aus der kleinen Solarzellenfabrik ist ›Solar Valley‹ geworden", verheißt der Klappentext.

2010

PROGNOS (2010): Zukunftsatlas 2010.
Alle 412 Städte und Kreise im Test,
in: Pressemitteilung der Prognos AG v. 15.11.

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 03. Oktober 2019
Update: 20. Oktober 2019