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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Sachsen-Anhalt im demografischen Wandel

 
       
   

Ein ganzes Bundesland als gefährdete Region (Teil 1)

 
       
     
   
     
 

Kommentierte Bibliografie (Teil 1: 2000 - 2010 )

Einführung

Seit April 2016 regiert in Sachsen-Anhalt eine so genannte Kenia-Koalition aus CDU, SPD und Grünen. Seit den Wahlen in Sachsen und Brandenburg gelten solche Regierungen als Mittel, um die AfD von der Macht fern zu halten. Ist also Sachsen-Anhalt ein Modell für Ost- oder gar Gesamtdeutschland? Kann ein solches Anti-AfD-Bündnis erfolgreich sein oder werden damit nur die Probleme von abgehängten Regionen verwaltet? Seit einer Untersuchung des Instituts der Wirtschaft im August 2019 gilt das ganze Bundesland Sachsen-Anhalt als gefährdete Region. In dieser Bibliografie steht deshalb die Frage im Vordergrund, ob das Bundesland in seiner jetzigen Form zukünftig überhaupt noch Bestand haben kann. Eine solche Debatte wird derzeit zwar noch nicht geführt, aber sollte sich die Lage in Sachsen-Anhalt weiter verschärfen, dürfte diese Frage wohl früher oder später auch auf der politischen Agenda erscheinen.  

Tabelle: Liste der Rankings zur Zukunftsfähigkeit der Landkreise, kreisfreien Städte und Gemeinden in Sachsen-Anhalt
Organisation Publikation Jahr Anzahl
Untersuchungseinheiten
(Sachsen-Anhalt)
Untersuchungsebene 
Berlin-Institut Deutschland 2020 - Die demografische Zukunft der Nation 2004 24 Landkreise und kreisfreie Städte
Die demografische Lage der Nation 2006 24
Die demografische Lage der Nation 2019 14
BertelsmannStiftung Wegweiser Kommune
(Bevölkerungsprognose 2020)
2006   Gemeinden über 5.000 Einwohner
Wegweiser Kommune
(Bevölkerungsprognose 2006-2025)
2008  
Wegweiser Kommune
(Bevölkerungsprognose 2009-2030)
2011  
Wegweiser Kommune
(Bevölkerungsprognose 2012-2030)
2015  
Prognos AG Zukunftsatlas 2004 24 Landkreise und kreisfreie Städte
2007  
2010 14
2013 14
2016 14
2019 14
IW Köln Die Zukunft der Regionen in Deutschland 2019 4 Raumordnungsregionen

Eine detaillierte Analyse der Aussagekraft der Rankings wird zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen. Dies ist in erster Linie eine Bestandsaufnahme.

Städterankings zur Zukunftsfähigkeit, zur Entwicklung des Immobilienmarkts und anderen Themen

Rankings sind Ausdruck der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme im neoliberalen Standortwettbewerb. Durch die mediale Verbreitung entsteht eine Städtehierarchie, die sich im Bewusstsein festsetzt. Die Indikatorenbildung ist nicht wertfrei, sondern ist interessengeleitet. Dadurch, dass bestimmte Indikatoren immer wieder in unterschiedlichen Kontexten maßgeblich die Bewertungen von Städten bestimmen, erhalten sie im Laufe der Zeit den Rang einer unhinterfragbaren Selbstverständlichkeit.

Bewertungen von städtischen Immobilienmärkten führen nicht nur zu einer Hierarchie der Städte, sondern führen auch zu einer innerstädtischen Hierarchie, die zwischen sozialen Brennpunkten, Szenevierteln, Trendvierteln oder Toplagen unterscheiden. In der folgenden Liste sind einige der Städterankings aufgeführt, die in Zeitschriften in regelmäßigen Abständen wiederholt werden:

Tabelle: Liste diverser Städterankings bzw. Stadtviertelrankings in Zeitschriften
Zeitschrift Typus Erstes Ranking
(Jahr)
Weitere
Rankings
(Jahr)
Abstand zwischen
den Rankings
Rankingebene Zielgruppe
Capital Immobilien-Kompass     jährlich Stadtviertel in ausgewählten Großstädten Investoren
Euro Immobilienatlas     jährlich Stadtviertel in Großstädten und Städte ab 20.000 Einwohner Investoren
Focus Großstadtranking von HWWI / Berenberg Bank 2008   zwei- bis dreijährlich Zukunftsfähigkeit bzw. Wirtschaftsstärke der 30 einwohnerstärksten Großstädte  
Focus Regionenranking   2015
2016
2018
  Wirtschaftsstärke und Lebensqualität in den Kreisen und kreisfreien Städten  
Handelsblatt Trendviertel 2011   jährlich Stadtviertel, in denen die Preise im Dreijahreszeitraum überdurchschnittlich gestiegen sind Investoren
WirtschaftsWoche Großstadtranking 2004   jährlich Zukunftsfähigkeit bzw. Wirtschaftsstärke der 50 einwohnerstärksten Großstädte oder der kreisfreien Großstädte  
WirtschaftsWoche Immobilienatlas     jährlich 50 einwohnerstärkste Großstädte Investoren

Übersicht: Gliederung von Sachsen-Anhalt in Landkreise und kreisfreie Städte

Tabelle: Die 4 Raumordnungsregionen, 11 Landkreise und drei kreisfreien Städte sowie 11 Kreisstädte im Sachsen-Anhalt des Jahres 2018
Raumordnungsregionen Landkreise/
kreisfreie Städte
Kreisstadt Stadttyp
Altmark Altmarkkreis  Salzwedel Salzwedel Mittelstadt
Stendal Stendal Mittelstadt
Anhalt-Bitterfeld-Wittenberg Anhalt-Bitterfeld
(Fusion von Bitterfeld, Köthen und Teilen von Anhalt-Zerbst im Jahr 2007)
Köthen (Anhalt) Mittelstadt
Dessau-Roßlau (kreisfreie Stadt)
Fusion von Dessau und Roßlau (ehemals Anhalt-Zerbst) im Jahr 2007
- Mittelstadt
Wittenberg
(Fusion mit Teilen von Anhalt-Zerbst im Jahr 2007)
Wittenberg Mittelstadt
Halle/Saale Burgenlandkreis
(Fusion mit Weißenfels im Jahr 2007)
Naumburg (Saale) Mittelstadt
Halle/Saale (kreisfreie Stadt) - Großstadt
Mansfeld-Südharz
(Fusion von Mansfelder Land und Sangerhausen im Jahr 2007)
Sangerhausen Mittelstadt
Saalekreis
(Fusion von Merseburg-Querfurt und Saalkreis im Jahr 2007)
Merseburg Mittelstadt
Magdeburg Börde
(Fusion von Börde- und Ohrekreis im Jahr 2007)
Haldensleben Kleinstadt
Harz
(Fusion von Falkenstein, Halberstadt, Quedlinburg und Wernigerode im Jahr 2007)
Halberstadt Mittelstadt
Jerichower Land
(Fusion mit Teilen von Anhalt-Zerbst im Jahr 2007)
Burg Mittelstadt
Magdeburg (kreisfreie Stadt) - Großstadt
Salzlandkreis
(Fusion von Bernburg, Schönebeck und Aschersleben-Staßfurt außer Falkenstein im Jahr 2007)
Bernburg (Saale) Mittelstadt
Quelle: Wikipedia

Übersicht: Die Bevölkerungsentwicklung in Sachsen-Anhalt

Tabelle: Die Bevölkerungsentwicklung in Sachsen-Anhalt 1990 - 2018 inkl. Bevölkerungsprognosen   
Jahr Bevölkerung
31.12.
4. bis 6. Regionalisierte Bevölkerungsprognose
(Veröffentlichungen: 4: 02/2007; 5: 5/2010; 6: 10/2016)
4:BJ 2005 5:BJ 2008 6:BJ 2014
1990 2.873.957      
1991 2.823.324      
1992 2.796.981      
1993 2.777.935      
1994 2.759.213      
1995 2.738.928      
1996 2.723.620      
1997 2.701.690      
1998 2.674.490      
1999 2.648.737      
2000 2.615.375      
2001 2.580.626      
2002 2.548.911      
2003 2.522.941      
2004 2.494.437      
2005 2.469.716 Basisjahr    
2006 2.441.787      
2007 2.412.472      
2008 2.381.872   Basisjahr  
2009 2.356.219      
2010 2.335.006 2.350.427 2.328.537  
2011 2.276.736      
2012 2.259.393      
2013 2.244.577      
2014 2.235.548     Basisjahr
2015 2.245.470 2.238.286 2.209.173  
2016 2.236.252      
2017 2.223.081      
2018 2.208.321 2.166.865 2.134.371 2.209.866
2019        
2020   2.115.271 2.080.850 2.179.892
2025   1.976.237 1.939.342 2.086.750
2030       1.990.324
Quelle: Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt 

Übersicht: Die 10 sächsisch-anhaltinischen Gemeinden des Demographietyps 4, die gemäß der BertelsmannStiftung zwischen 2005 und 2020 mehr als 15 Prozent der Bevölkerung verlieren werden

Tabelle: Sächsisch-anhaltinische Gemeinden mit einem prognostizierten Bevölkerungsverlust von mehr als 15 Prozent zwischen 2005 und 2020
Rang Gemeinden des Demographietyps 4 (Landkreis) Eingemeindungen und Fusionen
(2005 - heute)
Bevölkerung
(31.12.2005*)
Bevölkerungsverlust
(in %)
1 Wolfen (Anhalt-Bitterfeld) Seit 01.07.2007 ein Stadtteil von Bitterfeld-Wolfen 24.908 43,20 %
2 Gräfenhainichen (Wittenberg) 2007: Jüdenberg
2011: Möhlau, Schköna, Tornau und Zschornewitz
7.659 23,66 %
3 Calbe/Saale (Salzlandkreis)   11.161 23,15 %
4 Hettstedt (Mansfeld-Südharz)   15.693 21,81 %
5 Zeitz (Burgenlandkreis) 2009: Döbris, Geußnitz, Kayna, Nonnewitz, Würchwitz;
2010: Theißen, Luckenau
28.117 18,31 %
6 Thale (Harz) 2009: Altenbrak, Friedrichsbrunn, Neinstedt, Stecklenberg, Treseburg, Weddersleben
2010: Westerhausen
2011: Allrode
12.748 18,10 %
7 Hohenmölsen (Burgenlandkreis) 2010: Granschütz und Taucha 9.681 17,23 %
8 Osterburg/Altmark (Stendal) 2009: Fusion der Gemeinden Ballerstedt, Düsdedau, Erxleben, Flessau, Gladigau, Königsmark, Krevese, Meseberg, Rossau, Walsleben und Osterburg/Altmark  zu Osterburg/Altmark 7.111 16,02 %
9 Tangerhütte (Stendal) 2010: Fusion der 19 Gemeinden der Verwaltungsgemeinschaft Tangerhütte-Land zur Stadt Tangerhütte 5.924 15,36 %
10 Staßfurt (Salzlandkreis) 2009: Neundorf (Anhalt; Förderstedt) 23.318 15,21 %
Quelle: Regional-Report Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen 2008, S.103ff.; Statistischer Bericht A I, A II, A III hj-2/06, S.49ff.: *Anfangsbestand 

Übersicht: Sachsen-Anhalt im Ranking der BertelsmannStiftung

Die neoliberale Privatstiftung verknüpft ihr Ranking gerne mit Handlungsempfehlungen und behauptet, dass ca. 85 % der Bevölkerung in Deutschland durch ihre Betrachtung der Gemeinden mit 5.000 und mehr Einwohnern erfasst werden. Für die Bundesländer sieht das dagegen ganz anders aus. Die betrachteten Bevölkerungsanteile stellen sich in Sachsen-Anhalt bei den vier Rankings ganz unterschiedlich dar. Aus der folgenden Tabelle ist die Gemeindestruktur für die vier Basisjahre der Prognosen ersichtlich:

Tabelle: Die Berücksichtigung von Gemeinden und ihrer Bevölkerung in Sachsen-Anhalt   
Anzahl Gemeinden nach
Gemeindegrößen
31.12.2003 31.12.2006 31.12.2009 31.12.2012 31.12.2018
unter 5.000 Einwohner k.A. 966 756 114 114
5.000 - 100.000 Einwohner k.A. 74 78 103 102
100.000 und mehr Einwohner k.A. 2 2 2 2
Einwohner nicht erfassbarer Gemeinden k.A. 811.668
(33,2 %)
644.662
(27,4 %)
205.795
(9,1 %)
199.931
(9,1 %)
Einwohner max. erfassbarer Gemeinden k.A. 1.630.119
(66,8 %)
1.711.557
(72,6 %)
2.053.598
(90,1 %)
2.008.390
(90,1 %)
Bevölkerung Sachsen-Anhalt k.A. 2.441.787 2.356.219 2.259.393 2.208.321
Quelle: Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt; eigene Berechnungen 

1990

KOHL, Christiane (1990): "Die Leute werden dun im Kopf".
Spiegel-Report über die dreckigste Stadt Europas,
in: Spiegel Nr.2  v. 08.01.

SPIEGEL (1990): "Langsam, aber teuer sterben".
Einst galt die Region als Herzstück der DDR-Industrie, jetzt gehen im Dreieck Halle-Bitterfeld-Merseburg die Öfen aus. Zehntausende sind arbeitslos, Milliardenkredite zögern den Abstieg des Reviers nur hinaus. In den konkursreifen Betrieben und auf den Arbeitsämtern brodelt Unmut, Experten rechnen mit sozialen Unruhen,
in: Spiegel Nr.39  v. 24.09.

Spiegel-Bericht über die Lage im Ballungsraum Halle und dem Chemiedreieck in Sachsen-Anhalt:

"Etwa ein Viertel der rund 900.000 Erwerbstätigen im Gebiet des alten Bezirks Halle ist faktisch bereits ohne Beschäftigung. Mehr als 35.000 haben sich als Arbeitslose registrieren lassen, über 200.000 sind als Kurzarbeiter ganz oder teilweise zum Nichtstun verdammt.
In den Brikettbetrieben der Vereinigten Mitteldeutschen Braunkohlewerke AG (früher: Braunkohlekombinat Bitterfeld) stehen die Kohlepressen immer häufiger still. Rund um die Giftschleudern Buna, Leuna und Bitterfeld atmen die Leute neuerdings weniger Stinkluft ein, weil einige Reaktionskessel und Rührmaschinen bereits abgeschaltet wurden.
Das Industriedreieck Halle-Bitterfeld-Merseburg, einstmals die Großküche der sozialistischen Planwirtschaftler, in der 40 Prozent aller DDR-Chemie-Erzeugnisse zusammengemixt wurden, ist jetzt in Gefahr, zu einem riesigen Ruinenfeld zu verkommen. (...).
In dem Bergarbeiterrevier Mansfeld stachen Hüttenwerker vorvergangene Woche mit Sirenengeheul und schwarzen Fahnen einen der letzten Hochöfen ab: Mit Schließung der Kupferhütten im Westen von Halle werden einige tausend Kumpel arbeitslos.
Die S-Bahn-Züge, die zwischen der Arbeitersiedlung Halle-Neustadt und den weiter südlich gelegenen Buna- und Leunawerken pendeln, brausen jetzt manchmal wie Geisterzüge halbleer durch die Nacht: Rund 35.000 Chemiearbeiter bleiben auf Geheiß von oben immer mal wieder der Schicht fern. (...).
Noch ist die offizielle Arbeitslosenquote (in Halle-Stadt 4,07 Prozent) vergleichsweise niedrig. Denn die meisten Betriebe hängen am Treuhand-Tropf. (...).
Spezialisten aus westdeutschen Arbeitsämtern, zur Zeit vor Ort, um ihren ostdeutschen Kollegen Hilfestellung zu geben, rechnen damit, daß sich die Anzahl der Arbeitsplätze im Ballungsraum Halle halbieren wird. (...).
Doch in den Ballungsgebieten entscheidet sich, ob die DDR zum Armenhaus des neuen Deutschland mit einer Masse von Langzeit-Arbeitslosen wird oder ob der Bundeskanzler mit seiner Prognose vom Aufschwung recht behält. (...).
Auch die ganz Großen der Region, ob Bunawerk (17.000 Mitarbeiter) oder Braunkohlebetriebe mit im Raum Halle rund 30.000 Arbeitskräften, die Leunawerke AG (26.000) bei Merseburg oder die Chemie AG (16.000) in Bitterfeld - alle sind derzeit auf massive Finanzhilfen angewiesen. Aus eigener Kraft werden sie kaum je in die schwarzen Zahlen kommen. Allein die Region Halle wird, hochgerechnet bis zum Jahresende, vermutlich an die zehn Milliarden Mark an Krediten und Kurzarbeitergeldern verschluckt haben. Dabei halten Experten die massive Alimentierung der Ostbetriebe für hochproblematisch."

Eine Grafik zeigt uns das "Notstandsgebiet um Halle" mit den Städten Mansfeld, Hettstedt, Sangerhausen, Bitterfeld, Wolfen, Schkopau, Merseburg und Leuna. Die Plattenbausiedlung Halle-Neustadt wird bereits auf dem Weg zum sozialen Brennpunkt gesehen:

"Der Stadtteil Halle-Neustadt, Anfang der sechziger Jahre unter dem Motto »Chemie schafft Schönheit, Brot und Wohlstand« aus dem Boden gestampft, hat beste Chancen, ein sozialer Brennpunkt der neunziger Jahre zu werden: endlose Häuserreihen an durchnumerierten Straßen, ein paar Schulen und Polikliniken, ein Dutzend Klubs und Kneipen, ein Kino, eine Polizeistation - und sonst nichts außer Beton und 90.000 Einwohnern."

1991

SPIEGEL (1991): "Fall fürs Sprengkommando".
Der Niedergang der Region Bitterfeld und das giftige Erbe der DDR-Chemieindustrie,
in: Spiegel Nr.45  v. 04.11.

Der Spiegel geht vom Niedergang des Chemiedreiecks in Sachsen-Anhalt aus:

"Von den ehemals über 100.000 Beschäftigten der drei wichtigsten Arbeitgeber - Chemie AG, Filmfabrik Wolfen AG und Vereinigte Mitteldeutsche Braunkohlenwerke AG - stehen vom Jahresende an noch 37.500 auf den Lohnlisten (...). Und auch deren Jobs sind größtenteils überflüssig.
Von 1994 an sollen nur noch rund 15.000 Werktätige in den drei Stammbetrieben arbeiten. Selbst diese Resttruppe behält ihren Arbeitsplatz nur dann, wenn ein Großinvestor sich ihrer annimmt. Die Chancen stehen schlecht.
Für verseuchte Böden und Bürogebäude ist kein Westkonzern zu begeistern. (...).
In den anderen Großbetrieben der Ost-Chemie, 30 Autominuten von Bitterfeld entfernt, sieht es nicht besser aus. Die auf Petrochemie spezialisierte Leuna-Werke AG (einst 30.173 Beschäftigte) und der Kunststoffproduzent Buna AG (einst 27.720 Beschäftigte) sind ebenfalls unrentabel. (...).
Seit der Kanzler die Ökonomen mit einer Bestandsgarantie für den Standort Bitterfeld überraschte, sind in der Chemieregion die Gesetze der Betriebswirtschaft vollends außer Kraft gesetzt. (...).
Die Chemieregion wird mit Subventionen narkotisiert. Das Sterben des Standortes Bitterfeld wird damit nicht verhindert, nur verzögert. (...).
Die Restbelegschaften in den Restbetrieben arbeiten dennoch munter weiter. Sie produzieren vor allem eines, Verluste in Millionenhöhe. (...).
Weil die Chemie stirbt, kränkelt auch der Kohlebergbau. Die 20 Tagebaue, die das Bitterfelder Land in eine Kraterlandschaft verwandelt haben, lieferten bis zur Wende die Energie für die Chemieproduktion. Heute sind die Kraftwerke größtenteils dicht. (...).
Die Grube Goitsche, ein 60 Quadratkilometer großer Tagebau im Bitterfelder Osten, wurde (...) in einen ABM-Betrieb umfunktioniert. Für die knapp tausend Bergleute zahlt jetzt die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit. (...).
Die meisten Firmen aus dem Westen gehören zur Branche der Abriß- oder Recycling-Spezialisten. Sie werben an jeder Straßenecke für ihren tristen Service. Wie die Aasgeier warten sie darauf, den Industriestandort Bitterfeld endlich zu verschrotten. (...).
Wohnten im Wendejahr 1989 noch 126.181 Bürger im Landkreis Bitterfeld, sind es zwei Jahre später 3.000 weniger. Bis zum Jahr 2000, so die Prognose im Landratsamt, werden weitere 8.000 Menschen die Chemieregion verlassen haben: Bye, bye Bitterfeld."

1992

SPIEGEL (1992): Ausländische Milliarden für das dreckige Dreieck.
Im ostdeutschen Chemiedreieck zwischen Bitterfeld, Halle und Merseburg ist die Stimmung weit schlechter als die Lage. Internationale Konsortien wollen Milliarden in die verrotteten Anlagen von Leuna und Buna investieren, denen nach der Wiedervereinigung kaum jemand eine Chance gegeben hatte,
in: Spiegel Nr.32  v. 03.08.

Der Spiegel berichtet darüber wie der Chemiestandort Sachsen-Anhalt gerettet werden soll:

"Die Chemieindustrie ist der einzige nennenswerte Arbeitgeber in der Gegend. Die Kombinate der Region hatten zu sozialistischen Zeiten rund 80.000 Beschäftigte. Bricht die Produktion bei Buna und Leuna weg, wächst dort wohl auf Jahrzehnte kein neuer Industriezweig nach.
Das halbe Bundesland Sachsen-Anhalt wäre auf Dauer vom versprochenen Aufschwung Ost ausgeschlossen. Da halten selbst die eher bedächtigen Chemiearbeiter nicht mehr still. (...).
Gewiß ist nur: Im Chemiedreieck werden zahllose Steuermilliarden versinken. Rund acht Milliarden Mark sind bisher an Altschulden und Liquiditätskrediten abzubuchen. (...). Nochmals über vier Milliarden Mark Betriebsverluste in den kommenden drei bis vier Jahren hält die Treuhand für unvermeidlich.
Das Minus bleibt bei der Anstalt hängen, weil die Investoren wie etwa das Elf-Konsortium nur zu einem sogenannten Asset-Deal bereit sind. Das bedeutet: Die Firmen kaufen Grundstücke und Anlagen, die verlustreichen Unternehmen selbst, zum Beispiel die Leuna AG, verbleiben der Treuhand. Und natürlich muß die deutsche Staatsholding auch die noch unbekannten Kosten einer Bodensanierung übernehmen (...). Recht bescheiden sieht dagegen die Bilanz für die Arbeitsplätze aus. Der Vertrag mit den Franzosen sichert derzeit nur 1.500 Arbeitsplätze in den alten Raffinerien Leuna und Zeitz. Erst mit der neuen Anlage läuft die Garantie für 6.700 Arbeitsplätze an, die Elf und Thyssen bei einer Vertragsstrafe von 40.000 Mark pro Person zugesagt haben.
Am Standort Leuna werden jedoch höchstens 2.500 Leute beim neuen Eigentümer Arbeit finden. Der Rest der garantierten Arbeitsplätze entfällt auf die in den neuen Ländern verstreuten Minol-Tankstellen. Und dort werden jetzt erst mal rund 3000 Beschäftigte entlassen. Die Sozialplankosten trägt die Treuhand.
Wie viele Arbeitsplätze bei Buna übrigbleiben, ist noch nicht ausgehandelt. Insgesamt, so hatte die Unternehmensberatung McKinsey errechnet, könnten in der ostdeutschen Großchemie noch 20.000 Arbeitsplätze gehalten werden. Doch von dieser Zahl ist die Treuhand noch weit entfernt, und für viele Betriebe gibt es noch gar keine Interessenten.
Selbst wenn die Privatisierung im Osten planmäßig gelingt, sind Arbeitsplätze gefährdet: im Westen."

1995

SPIEGEL (1995): "Sandstrand am Kohleloch".
Spiegel-Serie Im Osten viel Neues - Teil 4 Sachsen-Anhalt: Deutschlands dreckigstes Industrierevier soll zum Öko-Modell werden: Kein Land im Osten wird so radikal umgebaut wie Sachsen-Anhalt. Trotz der milliardenverschlingenden Sanierung sehen jedoch viele Menschen ihre Zukunft düster - mit der Industrie werden auch die Arbeitsplätze abgeräumt,
in: Spiegel Nr.39  v. 25.09.

Der Spiegel berichtet darüber, wie aus der Tagebau- und Industrielandschaft von Sachsen-Anhalt ein Öko-Paradies werden soll:

"Am 30. Juni vor zwei Jahren (...) wurde der Tagebau gestoppt. Die Kohle war zu schwefelhaltig, der Abbau zu unwirtschaftlich. Von einstmals 7.000 Arbeitern blieben 800 übrig. Die bauen jetzt die Brikettfabriken und Maschinenhäuser ab, sammeln Gleise ein und verschrotten ihre Bagger.
In den Dörfern ist die Stimmung gedrückt (...). Spätestens im Jahr 2002 soll die Grube von Mücheln, derzeit das größte Sanierungsprojekt in Ostdeutschland, in den Fluten versinken.
Wo Bergmänner seit fast 300 Jahren Kohle aus der Erde kratzten, wo bis zur Wende Baggerketten kreischten, täglich Hunderte von Güterzügen entlangrumpelten und Brikettfabriken ihren braunen Qualm in den Himmel bliesen, soll in 25 Jahren das zwölftgrößte Gewässer Deutschlands plätschern: der Geiseltal-See, Sachsen-Anhalts schönstes Bade- und Segelrevier, wie die Sanierer versprechen.
Wie im Geiseltal werden derzeit überall in Sachsen-Anhalt Fabriken, Kraftwerke und Chemieküchen abgeräumt. Noch nie ist in Deutschland eine Region derart radikal umgebaut worden wie der Landstrich zwischen Harz und Elbe. (...).
In den Industriewüsten um Bitterfeld, Merseburg und Mansfeld sind Tausende von Arbeitern damit beschäftigt, ganze Fabrikstädte einzuebnen. Allein in den einstigen Groß-Kombinaten Buna und Leuna rissen die Sanierer bis heute über 500 Gebäude ab. Und noch immer winden sich rostige Rohre über die Gelände, ragen Backsteinruinen und stillgelegte Schornsteine in den Himmel.
Allerorten beeilen sich Kommunalpolitiker, das Schmuddel-Image von ihren Städten und Dörfern abzustreifen. In Wernigerode, Quedlinburg oder Halberstadt putzen die Bewohner ihre alten Fachwerkhäuser heraus. (...).
»Nach der Wende fielen hier die Fernsehteams ein, um das Elend zu filmen«, erinnert sich der Halberstädter Wirtschaftsdezernent Ralf Abrahms, ein aus Bad Harzburg übergewechselter Grünen-Ratsherr: »Außer Mitleid hatten wir gar nichts.«
Nun sind schon ein Drittel der Häuser in dem historischen Harzstädtchen instand gesetzt oder werden gerade renoviert. Stolz zeigt Abrahms auf die Hallen und Baustellen im Gewerbegebiet: »Das füllt sich hier.«
Von Bitterfeld bis Merseburg haben sich die beißenden Qualmschwaden aus Ammoniak, Schwefeldioxid oder Kohlestaub verflüchtigt. Die Luft ist wieder unsichtbar, die Leute klagen seltener über Erkältungen, Husten und Bronchitis. (...).
Über 140 Quadratkilometer Braunkohlerevier werden demnächst der Natur zurückgegeben. In den Abbau-Löchern entstehen Dutzende neuer Seen, die gesamte Fläche größer als der Chiemsee. Weiße Sandstrände werden die Ufer säumen, die Landschaftsarchitekten legen Wiesen, Sumpfstreifen und Wälder an.
In den benachbarten Dörfern rangeln Investoren und Spekulanten bereits um die künftigen Seegrundstücke. (...). Etwa in Bitterfeld. Noch vor zwei Jahren fragte die Berliner BZ: »Lebt das Drecksnest noch?« Nun planen die Stadtväter, die Chemiestadt zum Seebad umzubauen.
Im Osten von Bitterfeld, am stillgelegten Braunkohleloch Goitsche, werfen Kettenbagger bereits eine 61 Kilometer lange Uferböschung auf. "Unsere Uferpromenade wird so ähnlich wie in Lindau am Bodensee", schwärmt Bürgermeister Werner Rauball. Bald, so träumen die Planer, könnten Erholungssuchende aus Leipzig, Halle und sogar Berlin nach »Bad Bitterfeld« strömen.
Nur noch blitzsaubere Chemiebetriebe will sich die Stadt leisten, solche wie das Bayer-Werk, das seit Ende August ausgerechnet in der Kopfschmerzmetropole der einstigen DDR Aspirin-Tabletten produziert.
Wo einstmals das Chemiekombinat Bitterfeld seine giftigen Dämpfe in die Luft entließ, haben sich mehr als 200 neue Firmen angesiedelt, vom Ingenieurbüro bis zum Konzern. Das Bundesumweltministerium will die Region im Rahmen der Weltausstellung Expo 2000 als »Musterbeispiel für eine ökologische und wirtschaftliche Umgestaltung in Deutschland« präsentieren.
Schon heute sind große Flächen um die einstige Giftstadt als Naturschutzgebiete ausgewiesen. Am nahen Muldestausee tummeln sich Kormorane und Fischreiher. Und es nisten sogar drei Fischadler (...).
Auch der Truppenübungsplatz Colbitz-Letzlinger Heide im Norden Sachsen-Anhalts, der vier Jahrzehnte lang von russischen Panzern und Granaten durchpflügt wurde, soll, so will es das Umweltministerium, zum Erholungsgebiet werden. Noch liegt das Gelände arg zerfurcht, möchte die Bundeswehr das Areal zu einem der größten Truppenübungsplätze Europas ausbauen. (...).
Rund 20.000 Menschen werkeln in staatlich geförderten Sanierungsgesellschaften an der schönen neuen Öko-Welt. Für den Umbau sind Milliardensummen nötig (...).
Oft kommen die Arbeiter nur mühsam voran, weil die Anlagen lebensgefährlich verseucht sind. Im Harzstädtchen Ilsenburg etwa zerlegen in Spezialanzüge vermummte Gestalten mit Preßlufthämmern und Schweißgeräten die Schmelzöfen der alten Kupferhütte - früher eine der schlimmsten Giftschleudern des Landes. (...).
Viele der Umweltlasten sind älter als die DDR. Sachsen-Anhalt war bereits ein geschundenes Land, bevor die SED die Macht übernahm. »Halle ist eine winklige, schmutzige, übelriechende Stadt«, schrieb 1837 der Schriftsteller Arnold Ruge: »Nicht nur der Geruch von dem Braunkohlentorf, auch das Wasser, welches die Stärkefabrikanten von Glaucha in offenen Gossen durch die Straßen ihres Stadtteils senden, verpestet die Atmosphäre.« Bei der Ostharzstadt Hettstedt türmt sich eine riesige Halde mit Strahlenschlacke auf den Feldern (...).
In den Labors von Bitterfeld, Buna und Leuna entwickelten Chemiker eine Weltneuheit nach der anderen: 1936 den ersten Farbfilm, 1938 den revolutionären Kunststoff PVC. Selbst eine Kleinstadt wie Halberstadt hatte eine direkte Zugverbindung nach London.
Schon im vorigen Jahrhundert war die Region um Halle und Bitterfeld ein bedeutendes Chemiezentrum. Es gab drei wichtige Grundstoffe: Salz, Wasser und Kohle. (...).
Keines der neuen Länder erlebte einen derart kompletten Zusammenbruch der DDR-Planwirtschaft wie Sachsen-Anhalt. Von den einstmals 75.000 Chemiearbeitern verloren 56.000 ihren Job. In Braunkohlegruben und Brikettfabriken sind von 20.000 Beschäftigten 4.300 übriggeblieben.
Von den 77.000 Arbeitnehmern im Maschinenbau ist gerade mal ein Viertel noch beschäftigt. Mit einer Arbeitslosenquote von 15,6 Prozent ist Sachsen-Anhalt trauriger Spitzenreiter in Deutschland. (...).
Blühende Landschaften? Die Bürger in Sachsen-Anhalt sehen ihre Zukunft pessimistischer als anderswo im Osten."

SPIEGEL (1995): "Warten auf die Wende".
Spiegel-Serie Im Osten viel Neues - Teil 4 Sachsen-Anhalt: Das Mansfelder Land – Armenhaus der Republik?
in: Spiegel Nr.39  v. 25.09.

Der Spiegel berichtet über die Tristesse in Helbra und Hettstedt im Landkreis Mansfelder Land:

"Kaum eine Gegend wurde von der Wende so hart getroffen wie das Mansfelder Land. Die Bergbauregion am Ostrand des Harzes, in der die Menschen seit Jahrhunderten ihr Geld in Bergwerken und Hütten verdienten, ist Brachland geworden. Vor fünf Jahren wurde der letzte Stollen verschlossen, die Rohhütte in Helbra und die Kupfer-Silber-Hütte im benachbarten Hettstedt stillgelegt.
Hier liegt Sachsen-Anhalts armer Hinterhof. Nur wenige Dächer sind neu gedeckt, von vielen Fassaden bröckelt nach wie vor der Putz, die Straßen werden nur zögernd instand gesetzt. (...).
Noch sind in der 5.400-Einwohner-Gemeinde Helbra, dem »größten Dorf der DDR«, wie es bis zur Wende hieß, 1.300 Menschen damit beschäftigt, die Überreste der Kupferhütte einzuebnen und neue Gewerbeflächen herzurichten. Wenn die Arbeit erledigt ist, droht auch diesen Leuten die Arbeitslosigkeit. (...).
Die Menschen fühlen sich im Stich gelassen. Während Hunderte von Millionen nach Bitterfeld oder Merseburg fließen, verkommt das Mansfelder Land zum Armenhaus.
Ganze Ortsteile sind mit Arsen, Blei, Cadmium oder Zink vergiftet, insgesamt rund fünf Millionen Quadratmeter. Bei Hettstedt gibt eine Schlackenhalde radioaktive Strahlung ab. (...).
Ein weiteres Übel: Seit fast drei Jahren verrotten auf den Bergbahngleisen in Hettstedt und Helbra mehr als 150 Eisenbahnwaggons mit tonnenschweren hochgiftigen Filterrückständen. Mit großspurigen Konzepten hatte sich 1992 die westdeutsche MFD-Recycling GmbH den Entsorgungsauftrag für 2,7 Millionen Mark ergattert.
Ihr Geschäftsführer (...) kassierte (...) ab und machte sich aus dem Staub. Seither rotten die Waggons vor sich hin, etliche Säcke sind aufgeplatzt, jeder Regen schwemmt Giftstoffe aus."

Der Landkreis Mansfelder Land wurde 2007 zusammen mit dem Landkreis Sangerhausen zum neuen Landkreis Mansfeld-Südharz fusioniert.

1996

SPIEGEL-Titelgeschichte: Absturz Ost.
Das Ende der Blütenträume

SCHÄFER, Ulrich u.a. (1996): "Vulkane sind überall".
Der ostdeutschen Wirtschaft droht der Absturz: Viele der wenigen Betriebe, die den Weg in die Marktwirtschaft scheinbar schon geschafft hatten, gehen pleite. Die industrielle Basis der neuen Länder, ohnehin klein und brüchig, schrumpft weiter. Ist der Aufschwung Ost vorbei, ehe er richtig begann?
in: Spiegel Nr.25  v. 17.06.

"Dem Aufschwung Ost geht die Luft aus.
Droht nun der Absturz? "In drei bis fünf Jahren", so hatte der Kanzler auf der Hannover-Messe im Frühjahr 1991 prophezeit, sei der Osten am Ziel - spätestens also 1996. Längst ist jedoch klar, daß die Aufholjagd der ehemaligen Planwirtschaft bis weit ins nächste Jahrtausend dauern wird - wenn sie denn überhaupt gelingt.
Gewiß, es sind viele zarte Pflänzlein auf den verdorrten Landschaften gesprossen, doch das Überleben dieser Unternehmen ist keineswegs gesichert. Es wurden Einkaufszentren auf die grüne Wiese gesetzt, marode Altbauten und Straßen saniert, Millionen von Telefonanschlüssen gelegt. Doch viele Gewerbeparks warten immer noch auf Investoren, die sich dort ansiedeln. Die Ostdeutschen produzieren gerade zwei Drittel dessen, was sie konsumieren. Den Rest schießt der Westen zu. (...).
Noch vor zwei bis drei Jahren sah alles ganz anders aus, da zählte der deutsche Osten zu den dynamischsten Wachstumsregionen der Welt: Die Wirtschaft zwischen Rostock und Dresden legte jährlich um acht Prozent zu.
Doch seither geht es dramatisch bergab - bis zum völligen Stillstand. In den ersten drei Monaten dieses Jahres, so hat das Statistische Bundesamt in Wiesbaden gerade errechnet, stagnierte die Wirtschaft in den neuen Ländern: null Wachstum statt Aufschwung Ost.
Erstmals fiel der Osten damit hinter den Westen zurück. Das ist kein einmaliger Ausrutscher, sondern der Beginn eines Trends (...).
Im Jahr sechs nach der Einheit haben mehr als 1,1 Millionen Menschen keine Arbeit, nicht eingerechnet 440 000, die in Umschulungs- und Arbeitsbeschaffungsprogrammen zeitweise untergekommen sind. Die Träume aus der Wendezeit sind geplatzt, die großen Versprechungen haben sich als zu kühn erwiesen, die Illusionen von damals sind wie weggeblasen",

erzählt uns der Spiegel zur Entwicklung der Wirtschaft in den neuen Bundesländern. Beispielhaft für die Probleme steht eine Firma in Staßfurt, die aus Kombinat VEB RFT hervorgegangen ist:

"Beim Fernseh- und Elektronikproduzenten RFT Staßfurt, der zu 49 Prozent der Nord/LB gehört, stoppten die Geldgeber einen Kredit in zweistelliger Millionenhöhe. (...). Wenig später beantragte RFT die Gesamtvollstreckung.
Dabei zählt das Fernsehwerk der RFT zu den modernsten Europas, allerdings verbirgt sich der High-Tech-Glanz auf dem riesigen Firmenareal hinter Ruinen. Die Staßfurter nennen die moderne Produktionshalle »Factory 95«.
Noch auf der Internationalen Funkausstellung präsentierte RFT mit Stardesigner Luigi Colani einen eiförmigen Fernseher, 1997 waren Gewinne und 200 Millionen Mark Umsatz geplant.
Doch die Manager verschätzten sich gewaltig. Im vergangenen Jahr war das Werk nur zur Hälfte ausgelastet, der Umsatz dümpelte bei weniger als 80 Millionen Mark, die Verluste erreichten 50 Millionen.
Nun will der französische Konzern Thomson Multimedia das Vertriebsnetz von RFT übernehmen und Lohnaufträge nach Staßfurt vergeben. Ein Drittel der Jobs könnte das sichern. Das Werk selber will Thomson nicht kaufen."

SPIEGEL (1996): "Menschenleere Projekte".
Ost-Subventionen: Ostdeutschland wird zum Subventionsmoloch. Viele Milliarden versickern in unrentablen Betrieben und unsinnigen Projekten - einen selbsttragenden Aufschwung hat das Geld nicht bewirkt. Bonn steckt in der Zwickmühle: Die Regierung muß weiter zahlen, damit die Arbeitslosigkeit nicht weiter steigt. Doch nun legt sich Brüssel quer,
in: Spiegel Nr.32  v. 05.08.

Der Spiegel berichtet am Beispiel von Sachsen-Anhalt über die Probleme, die bestehen, um die ostdeutsche Industrie wettbewerbfähig zu machen. Magdeburg und das Chemiedreieck zwischen Schkopau, Bitterfeld und Leuna sind die Schauplätze:

"Beihilfen für den Magdeburger Schwermaschinenbauer Sket kommen nun auf den Brüsseler Prüfstand. Mehr als zwei Milliarden Mark aus öffentlichen Kassen haben nicht verhindert, daß das Traditionsunternehmen Sket heute schlechter dasteht denn je. Der Planumsatz für das laufende Jahr wurde kräftig nach unten korrigiert - von 415 Millionen Mark auf 300 Millionen. (...).
3.000 Firmen, die längst von der Treuhand oder deren Nachfolgeorganisation privatisiert worden waren, brauchen zusätzliche Geldspritzen, oder sie müssen mehr Jobs abbauen, als ursprünglich abgemacht. Und viele der kleinen, einst gefeierten Management-Gesellschaften stecken ebenso in Schwierigkeiten wie die großen und bekannten Sanierungs- und Privatisierungsfälle. (...).
Über 200 Millionen Mark an Bürgschaften und Investitionszuschüssen hatte Sachsen-Anhalt bis Ende vorigen Jahres in die Südharz-Firma Aluhett gepumpt, um schließlich 300 Arbeitsplätze zu retten. Das macht 700.000 Mark pro Job. Dann kam erst die Gesamtvollstreckung und dann ein neuer Käufer. (...).
Vor allem im Chemiedreieck zwischen Schkopau, Bitterfeld und Leuna wird deutlich, wie beim Aufbau Ost jedes Augenmaß verlorenging. Der Erhalt der ostdeutschen Chemieindustrie, rechnete BvS-Vorstand Peter Breitenstein im Juni vor, koste den Steuerzahler »zwischen 30 und 35 Milliarden Mark«.
Allein in die drei Standorte Leuna, Bitterfeld und Zeitz pumpt der Staat gut neun Milliarden Mark, um 18 300 Arbeitsplätze zu sichern. Die Mittel für Sozialpläne, ABM-Maßnahmen und Investitionszulagen sind in der BvS-Rechnung noch nicht enthalten.
Die milliardenschweren Finanzspritzen für die Großprivatisierungen im ostdeutschen Chemiedreieck haben vor allem einen Effekt: Ohne jegliches unternehmerisches Risiko erhalten Weltkonzerne hocheffiziente und durchrationalisierte Betriebsstätten. »Das sind«, so ein BvS-Manager selbstkritisch, »menschenleere Investitionsprojekte.«
Noch 1991 kamen die Unternehmensberater von Arthur D. Little und McKinsey zu dem Schluß, daß die maroden Altanlagen in Leuna »aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht haltbar« seien. Doch 1992 versprach ein Konsortium unter der Führung des französischen Mineralölkonzerns Elf Aquitaine mit der deutschen Thyssen Handelsunion fast fünf Milliarden Mark in eine neue Raffinerie zu investieren und damit 2550 neue Jobs zu kreieren.
Das einst gefeierte deutsch-französische Großprojekt ist heute zu einem schwer kalkulierbaren Problemfall geworden. (...).
Und nun droht auch noch Ärger wegen des Verkaufs des Plaste-Kombinates Buna an Dow Chemical. Jeder Arbeitsplatz, den die Amerikaner dort versprechen, kostet den deutschen Steuerzahler - ohne die verdeckten Strompreissubventionen - mehr als 4,4 Millionen Mark. Das ist Weltspitze."

2000

KURBJUWEIT, Dirk (2000): "Lieber die Ostzeiten".
Wolfen: In Wolfen verkauft ein PR-Mann Hoffnung, die er selbst nicht hat,
in: Spiegel Nr.34  v. 21.08.

Dirk KURBJUWEIT zeichnet ein düsteres Bild von Wolfen in Sachsen-Anhalt:

"Die Leipziger Straße gilt als die Hauptstraße von Wolfen - und das zu Recht, weil es in keiner anderen Straße hier so viele Geschäfte gibt, die geschlossen sind. Leere Fenster, lange nicht mehr geputzt. Auch der Bäcker macht bald zu. Vor zehn Jahren lebten 43.000 Menschen in Wolfen, jetzt sind es 10.000 weniger. Es kann hier ganz schön still sein. (...).
Nach Wolfen-Nord wird Schröder nicht kommen. Wolfen-Nord ist nichts für einen Kanzler der guten Laune. Plattenbauten, vier, fünf Geschosse hoch, Parkplätze. (...).
Die DVU holte bei der letzten Landtagswahl im Wahlkreis Wolfen 17,4 Prozent. Als im Juni in Dessau ein Mann aus Mosambik erschlagen wurde, kamen zwei der drei Täter aus Wolfen-Nord. Barbaren, also doch.
Dann wieder die Bürgerlichkeit von dämmernden Balkon-Nachmittagen. Der Plausch mit dem Nachbarn, Wasser für die Blumen."

Die Stadt ist im Jahr 2007 zu einem Stadtteil von Bitterfeld-Wolfen degradiert worden. Der Stadt wurde ein Bevölkerungsrückgang zwischen 2005 und 2020 von rund 43 Prozent prognostiziert. Ein Spitzenwert. Bitterfeld dagegen sollte im gleichen Zeitraum nur um rund 11 Prozent schrumpfen. Der neuen Stadt wurde dann nur noch ein Bevölkerungsrückgang zwischen 2012 und 2020 um rund 13 Prozent prognostiziert. Ende 2005 lebten in den beiden Städten 40.636 Menschen (Wolfen: 24.908; Bitterfeld 15.728). Ende 2011 waren es 42.800. Das suggeriert einen Bevölkerungszuwachs. In Wirklichkeit erhöhte Bitterfeld-Wolfen die Einwohnerzahl durch Eingemeindungen. Rechnet man diese auf das Jahr 2005 zurück, dann lebten bei gleichem Gebietsstand wie Ende 2011 49.899 in der Stadt. Zwischen Ende 2005 und Ende 2011 gab es also einen Bevölkerungsrückgang um rund 14 %. Durch den Zusammenschluss zweier ungleich stark schrumpfenden Städte ist dennoch eine weniger stark schrumpfende Stadt geworden. Hier stellt sich die Frage, ob solche Zusammenschlüsse nur Kosmetik sind, oder ob sie solche Städte auch voranbringt.

KOELBL, Susanne (2000): "Da hilft nur noch Dynamit".
Plattenbauten: Abriss Ost statt Aufschwung Ost. Die Geschichte eines Stendaler Plattenbaus und seiner Mieter zeigt, warum in den einst begehrten Vierteln fast jede zweite Wohnung leer steht,
in: Spiegel Nr.41  v. 09.10.

Susanne KOELBL berichtet über den Abriss Ost, dem in erster Linie die Plattenbausiedlungen zum Opfer fallen. Schauplatz ist Stendal, das stellvertretend für den Osten steht:

"Der Aufschwung Ost blieb aus, jetzt läuft der Abriss Ost. Die Demontage der Platte in der Friedrich-Ebert-Straße ist erst der Anfang. In den ehemals so schicken DDR-Wohnungen will heute kaum mehr einer leben. Dabei sollte, so sah es der ehrgeizige Generalbebauungsplan der Stadt aus den siebziger Jahren vor, am Ende außer der Kirche und dem Rathaus die gesamte Altstadt abgerissen, durch Plattenbauten ersetzt sein. Doch nun steht in Quartieren wie dem Stendaler Stadtteil Süd inzwischen jede zweite Wohnung leer.
Massenhaft fliehen die Ostdeutschen vor der Arbeitslosigkeit in den Westen. Hatte die Stadt zu Wendezeiten rund 50 000 Einwohner, zählt sie heute schon gut 10 000 weniger. Wie viele noch auf gepackten Koffern sitzen, weiß niemand. Die »reale Quote« der Beschäftigungslosen schätzt Stendals sozialdemokratischer Oberbürgermeister Volker Stephan auf über 40 Prozent.
Aber auch Wendegewinner ziehen fort. Sie bauen ein Haus im Grünen oder wohnen nun in der aufwendig sanierten Altstadt. Allein in Stendal sollen von den einst insgesamt 13.000 DDR-Neubauwohnungen langfristig 6.000 platt gemacht werden - insgesamt sind es in den neuen Bundesländern etwa eine Million.
»Der Leerstand ist dramatisch, bald sind wir pleite«, sagt Helmut Swillims, 49, Geschäftsführer der Stendaler Wohnungsbaugesellschaft. In seinem Büro hängen bereits Pläne mit bunten Stickern, die jene Hochhäuser markieren, die weg sollen - es sind fast 50. Bis zu hundert Mieter laufen Swillims monatlich weg: »Da hilft irgendwann nur noch Dynamit.«
Die erste Platte fiel schon im April. (...). Die Friedrich-Ebert-Straße 19 bis 29 ist nicht irgendein Haus. Hier lebten früher fast ausschließlich privilegierte Mitarbeiter der Kernkraftwerk-Baustelle und des Ausbesserungswerks der DDR-Reichsbahn. (...).
Seit der Wende schlagen sich die Bewohner der Friedrich-Ebert-Straße 19 bis 29 mehr schlecht als recht durch. Das Haus ist inzwischen heruntergekommen, die Gegensprechanlagen sind herausgerissen, die Flure verlassen. Die gardinenlosen Fenster sehen aus wie dunkle Höhlen. (...).
Auf der anderen Straßenseite, dem todgeweihten Plattenbau genau gegenüber, reckt sich eine Miniaturausgabe der amerikanischen Freiheitsstatue in den verhangenen Stendaler Himmel. Sie ist das Markenzeichen des Schnellrestaurants "American Diner" der Jungunternehmerin Karola Walter, 31. Sie hat die Gesetze der neuen Zeit schnell erkannt und erwartet den Abriss mit Freuden: »Das bringt mir Bauarbeiter und Schaulustige, da klingelt die Kasse.«"

2001

GURATZSCH, Dankwart (2001): Die Platte geht, der Park kommt.
Debatte: Der Abschied von der Erziehungsarchitektur beginnt: Halle plant das Ende der "sozialistischen Stadt",
in: Welt v. 01.06.

Dankwart GURATZSCH beschreibt euphorisch den Abriss der Plattenbauten in Halle. Für ihn zählt einzig die Altstadt als Gegenmodell zur sozialistischen Stadt:

"Halle an der Saale wird zur Modellstadt für den Rückbau und Abbruch von Plattenbaugebieten. (...). Die jetzt vorgelegte Planungsstudie - erstmals keine »Be«bauungs-, sondern ein »Ab«bauungsplan - bedeutet eine Kehrtwende des Städtebaus um 180 Grad. Sie ist vorbildlos in der deutschen Stadtbaugeschichte. (...).
Eine Million Wohnungen in den neuen Bundesländern finden keine Mieter mehr. Das hat nur bedingt etwas mit Abwanderung und Bevölkerungsschwund zu tun. Denn wer die Wahl zwischen verschiedenen Wohnungstypen hat, wird diejenigen bevorzugen, die ihm gefallen. Die uniformen Großsiedlungen zählen offenbar nicht zu ihnen.
Halle, die einzige deutsche Großstadt, die den Weltkrieg fast unbeschadet überstanden hatte, gehörte zu DDR-Zeiten zu den Hauptaktionsfeldern des »sozialistischen Städtebaus«. Die unzerbombte Altstadt wurde dem Verfall preisgegeben, für die Beschäftigten der Industriekombinate wurden Großsiedlungen in Plattenbauweise aus dem Boden gestampft. Am Tag der Wiedervereinigung war der Stadtumbau zur Hälfte abgeschlossen. Jeder zweite von 300.000 Einwohnern erfreute sich der Privilegien der »Platte«.
Was heute zum Modellfall macht, ist der Ehrgeiz, mit dem in der Euphorie der Wende versucht worden ist, die sozialistische Errungenschaft der Großsiedlungen zu retten. »Hunderte von Millionen«, so die Überbürgermeisterin in einer ernüchternden Bilanz, »sind seit der Wende in die Modernisierung der Großsiedlungen geflossen.« Heute muss sie sich eingestehen, dass es vielfach Fehlinvestitionen waren: »Der Leerstand erfasst auch Wohnungen, die modernisiert und teilmodernisiert worden sind«, und zwar selbst an »städtebaulich bedeutsamen Standorten, zum Beispiel entlang der Magistrale«. (...). Baudezernent Friedrich Busmann (...) prophezeit, dass sich dieser Leerstand von heute 20 auf »zukünftig mindestens 30 Prozent« erhöhen werde. Schon jetzt zeichne sich eine »Schwächung der Sozialstruktur« ab: Der Anteil älterer Bewohner, der Ausländer, der Sozialhilfeempfänger sowie die Arbeitslosenquote (24,5 Prozent) übersteigen den gesamtstädtischen Durchschnitt.
Halles Antwort heißt »Umstrukturierung« (...). Plattenbaumonstren wie die »Elfgeschosser«, ganze Siedlungsbereiche mit jüngeren Plattenbauten und sogar Infrastruktureinrichtungen (Kindergärten, Schulen) müssen weichen und werden überwiegend durch Grünzüge und Sportstätten ersetzt.  (...).
In (...) der Altstadt, liegt aber unausgesprochen die Zukunftsbedeutung und der Pilotcharakter des halleschen Umbauprojektes."

WASSERMANN, Andreas & Steffen WINTER (2001): Vechta des Ostens.
Allen Fleischskandalen zum Trotz: Sachsen-Anhalt setzt auf Massentierhaltung. Nun soll dort eine der größten Entenmastanlagen Europas entstehen,
in: Spiegel Nr.34  v. 20.08.

"Die 80 Hektar große Entenfabrik auf ehemaligem NVA-Areal ist das jüngste Projekt der Geflügelindustrie im strukturschwachen Osten Sachsen-Anhalts. Während Verbraucherschutzministerin Renate Künast die angebliche Wende in der Landwirtschaft beschwört, wächst zwischen Zerbst und Altmark eine neue Hochburg der Massentierhaltung heran - ein Vechta des Ostens.
Die niedersächsische Kreisstadt Vechta gilt bei Tierschützern als Synonym für industrialisierte Geflügelzucht. Und von dort zieht es jetzt auch den Fabrikanten Peter Kreienborg nach Grimme, um Vechtaer Verhältnisse in den Osten zu exportieren",

berichten WASSERMANN & WINTER, die auch ähnliche Projekte in Möckern und Rossau bei Dessau erwähnen.

RICHTER, Peter (2001): Region erahnter Kindheitsmuster.
Schwermut Ost: Die schrumpfenden, abrißbedrohten - und die malerischen Städte,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 29.09.

Peter RICHTER beschreibt die Situation in Halle angesichts des geplanten Stadtumbau Ost folgendermaßen:

"Oft sind es (...) genau jene Häuser, die bereits die DDR sprengen wollte - und der Protest gegen diese Pläne war elementarer Bestandteil der Bürgerrechtsbewegung -, von Greifswald (...) bis nach Görlitz, wo die Bürger eine Hauszeile mit ihren Leibern schützten, als die Sprengladungen schon gelegt waren.
Heute würden diese Sprengladungen die ehemaligen DDR-Oppositionellen vermutlich an die Seite der Anhänger des Regimes treiben, die ihrerseits eher das Versinken der (...) Plattenbau-Vinetas beklagen. So etwas wie die Frontstadt in diesem aus der DDR geerbten Kulturkampf ist Halle: Dort gibt es - ausgenommen den innersten Kern - eine völlig ruinöse Altstadt - und direkt daneben die enorme Plattenbausiedlung Halle-Neustadt. Der Traum der Planer im Rathaus ist die Preisgabe der letzteren zugunsten der ersten. Bislang hat die Neustadt aber eine stärkere Lobby. Letztlich trifft die Stadtflucht aber beide, und zuletzt hat der Exodus aus der Platte zugenommen."

Ein dramatisches Szenario entwirft RICHTER gar für die Landeshauptstadt Magdeburg:

"Den industriellen Glücksversprechen, die die DDR auf den östlichen Äckern zusammengeschraubt hatte, ist nur bereits passiert, was jetzt den idyllischen Altstädten noch droht. Denn (...)(längst) fordern Wirtschaftsliberale ein Ende der flächendeckenden Subventionen. Wenn es gut läuft, wie in Jena oder Dresden, dann läuft es eben, und wenn nicht, dann nicht. Schluß, aus, Schrumpfen. Und am Ende paßt womöglich Magdeburg, so wie nach der Völkerwanderung der Rest der Stadt Arles in ihr Amphitheater paßte - dann paßt vielleicht ganz Magdeburg in sein Fußballstadion, wo es 1974 den Europapokal gewonnen hat."

2003

MÜLLER, Bernhard & Stefan SIEDENTOP (2003)(Hrsg): Räumliche Konsequenzen des demographischen Wandels. Teil 1: Schrumpfung - Neue Herausforderungen für die Regionalentwicklung in Sachsen/Sachsen-Anhalt und Thüringen, Hannover: Akademie für Raumforschung und Landesplanung

Zu Sachsen-Anhalt finden sich in dem Sammelband nur wenige konkrete Aussagen zur Bevölkerungsentwicklung:

"Stark von Schrumpfungsprozessen betroffene Länder wie Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt realisierten mit etwa 8 % das bundesweit stärkste Wachstum der Siedlungs- und Verkehrsfläche zwischen 1996 und 2000". (2003, S.20)

"Das Land mit den zweitstärksten Bevölkerungsverlusten ist Sachsen-Anhalt, welches prozentual gesehen sogar die deutlichsten Verluste von rund 11 % hinnehmen muss." (S.92)

Zu Einkaufszentren (EKZ) in Sachsen-Anhalt heißt es:

"Unmittelbar auf der Landesgrenze, aber noch im Land Sachsen-Anhalt wurden im Sommer 1990 bereits die Entscheidungen zum Aufbau des größten Einkaufszentrums in Deutschland getroffen. Der Saalepark hat jetzt eine Verkaufsraumfläche von 130.000 m2. Er befindet sich in einer Gemeinde mit 1.000 Einwohnern und die Entwicklung ist noch nicht zu Ende." (2003, S.49)

Der Saalepark heißt mittlerweile Nova Eventis und liegt in Günthersdorf. Die Gemeinde gehört seit 2010 zur Stadt Leuna. Die Verkaufsfläche bleibt mit 76.000 m2 weit unter der genannten Verkaufsfläche.  In einer Liste der größten Einkaufszentren werden bei Wikipedia für Sachsen-Anhalt folgende Einkaufszentren genannt:

Einkaufszentrum Standort Verkaufsfläche Eröffnung
Bördepark Magdeburg 77.000 qm 1994
Nova Eventis Leuna-Günthersdorf 76.000 qm 2006
Florapark Magdeburg 75.000 qm 1993
Elbepark Hohe Börde-Hermsdorf 45.000 qm 1993
City-Carré Magdeburg Magdeburg 40.000 qm 1997
Halle Center Peißen 38.250 1993
Allee-Center Magdeburg 35.000 1998 (Erweiterung 2006)
Rathauspassagen Halberstadt 22.000 1998
Rathaus-Center Dessau-Roßlau 20.400 1995
Dessau-Center Dessau 18.000 2009

Die Gigantomanie begann in Sachsen-Anhalt bereits in den 1990er Jahre und war zum Zeitpunkt des Sammelbandes eher zu Ende. Zur Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt heißt es bei Irene IWANOW & Peter FRANZ:

"In den Raumordnungsregionen der Länder Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen- Anhalt, Thüringen und Sachsen werden die Wohnflächen in Mietwohnungen, die heute nicht bewohnt sind, auch trotz steigenden Wohnflächenkonsums der Haushalte weiterhin nicht mehr nachgefragt werden. Haushalte, die Wohnungen aus dem Bestand als Wohneigentum erwerben, können diese Entwicklung allenfalls abmildern. Ohne den Abriss von Wohnungen im Mehrfamilienhausbestand wird sich in den meisten Raumordnungsregionen der Wohnungsleerstand weiter deutlich erhöhen." (S.93)

Der Begriff "Mehrfamilienhausbestand" wird im Aufsatz nicht definiert, sondern erschließt sich nur aus den anderen verwendeten Begrifflichkeiten. So werden vier verschiedene Bebauungsstrukturtypen genannt: Ein- oder Zweifamilienhausbebauung, Altbaugebiet, Zeilenbebauung und großes Plattenbaugebiet. Die Veränderung der Nachfrage wird anhand von Bautzen in Sachsen demonstriert.

Zuletzt wird auf mögliche Probleme beim Stadtumbau Ost hingewiesen, die zum Verfall von Stadtteilen führen können, denen keine Entwicklungschancen prognostiziert werden:

"Im Zusammenhang mit Abrissmaßnahmen ist in Sachsen und Sachsen-Anhalt sowie im Rahmen des Programms »Stadtumbau Ost« gefordert und zur Voraussetzung gemacht worden, dass ein solcher Abriss stets in eine zu erstellende Stadt- oder Stadtteilentwicklungsstrategie einzubinden sei. (...). Wird der Entwurf einer Stadtentwicklungsstrategie in der Weise umgesetzt, dass Aussagen über die zukünftigen Entwicklungschancen einzelner Stadtteile getroffen werden und gleichzeitig Entscheidungen daran gebunden werden, Baumaßnahmen in bestimmten Stadtteilen nicht mehr mit öffentlichen Mitteln zu fördern, so kann ungewollt der Effekt eintreten, dass für die davon betroffenen Stadtteile so hohe Investitionshürden aufgebaut werden, dass dort überhaupt nichts mehr geschieht. Diese Gefahr besteht vor allem, wenn Kreditinstitute ihre Kreditzusagen an solchen Stadtentwicklungskonzepten orientieren und für Investitionen in bestimmte Gebiete ihre Taschen geschlossen halten. Die Planungsverantwortlichen einer Stadt haben hier große Verantwortung, damit ihre Entscheidungen nicht unter der Hand zu Investitionsblockaden in bestimmten Teilgebieten führen - ein Phänomen, das in den USA unter dem Begriff des »Redlining« bekannt ist: Bildlich gesprochen nehmen Banken und andere Finanzinstitute einen Rotstift her und umranden damit städtische Teilgebiete, in welchen Investitionen als nicht lohnend angesehen werden. Die Wohnungseigentümer in solchen Gebieten werden somit als Kreditnehmer nicht mehr akzeptiert, was zur Konsequenz hat, dass die Bausubstanz des Teilgebiets dem Verfall ausgeliefert wird. Daraus folgt, dass die Autoren von Stadtentwicklungskonzepten sehr vorsichtig mit der Typisierung von Stadtteilen entsprechend solcher Kriterien verfahren sollten." (S.102f.)

Die gravierenden Segregationstendenzen in den ostdeutschen Großstädten könnten also Kollateralschäden des Stadtumbaus Ost gewesen sein.

2004

RICHTER, Peter (2004): Frohen Osten!
Entvölkerte Städte, einstürzende Platten und Brücken, über die niemand geht: Die ehemalige DDR als ästhetische und künstlerische Herausforderung,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 11.04.

"Paßt nach dem Ende der Abwanderung die ostdeutsche Stadt Jena komplett auf ihr legendäres Ernst-Abbe-Sportfeld?
Schwer vorzustellen. Jena wächst sogar. Widerlegen läßt sich das apokalyptische Gerdede von der verheerenden Abwanderung aus Ostdeutschland dadurch aber leider nicht. Im Gegenteil. Denn Jena ist die Ausnahme; hier geschieht schon seit längerem, was jetzt plötzlich als neue Idee präsentiert wird: die Konzentration auf halbwegs entwicklungsfähige Kerngebiete. Im Gegenzug impliziert das nämlich etwas Unangenehmes (...). Daß man dann da, wo der Ofen aus ist, auch keine Kohle mehr nachlegen darf",

meint Peter RICHTER, der hier "Kohle" zum einen im Wortsinne meint (siehe Hoyerswerda) und zum anderen im übertragenden Sinne als Wegfall von Subventionen.   

GEO -Extrabeilage: Kreise und Städte im Test.
Der demographische Wandel: Daten, Trends und Analysen

GEO (2004): Der demographische Wandel: Daten, Trends und Analysen.
Kreise und Städte im Test,
in: GEO. Beilage zu den demographischen Perspektiven Deutschlands, Mai

Höchste Arbeitslosigkeit, größte Abwanderung bundesweit und rasante Überhalterung wird dem Schlusslicht Sachsen-Anhaht bescheinigt. Das Bundesland soll zwischen 2000 und 2020 9,3 Prozent der Bevölkerung verlieren.

"Seit der Wende haben die Städte Dessau und Magdeburg mehr als 15 Prozent der Einwohner verloren, Halle sogar mehr als 20 Prozent - wovon immerhin einige Landkreise im Umland profitierten: Der Trend führt heraus aus maroden Innenstädten und Plattenbauten, hinein in Neubauten auf der grünen Wiese"

heißt es in der Beilage. Von 2000 bis 2020 soll Halle weitere 5,1 - 10 Prozent seiner Bevölkerung verlieren. Für folgende Kreise und Städte werden starke Bevölkerungsverluste bzw. -zugewinne prognostiziert:

Tabelle: Bevölkerungsentwicklung der Landkreise und kreisfreien Städte im Zeitraum 2000-2020
Landkreise und Städte mit Bevölkerungsverlusten
von 15 und mehr Prozent (Note 6)
Landkreise und Städte mit Bevölkerungswachstum von 10 und mehr Prozent (Note 1)
Aschersleben-Staßfurt (Sachsen-Anhalt) Ohrekreis (Sachsen-Anhalt)
Bernburg (Sachsen-Anhalt) Saalkreis (Sachsen-Anhalt)
Bitterfeld (Sachsen-Anhalt)  
Dessau (Sachsen-Anhalt)  
Mansfelder Land (Sachsen-Anhalt)  
Quedlinburg (Sachsen-Anhalt)  
Sangerhausen (Sachsen-Anhalt)  
Schönebeck (Sachsen-Anhalt)  
Stendal (Sachsen-Anhalt)  
Wittenberg (Sachsen-Anhalt)  
Quelle: Geo-Beilage Heft 5, 2004, S.22ff. 

PROGNOS (2004): Zukunftsatlas 2004.
Das Ranking zur Zukunftsfähigkeit der 439 Regionen in Deutschland,
in: Pressemitteilung der Prognos AG v. 21.07.

SPIEGEL-Titelgeschichte: Jammertal Ost

BERG, Stefan u.a.(2004): Trübsal in der Zwischenwelt.
Nach 15 Jahren ist ein großer Teil der Ostdeutschen noch nicht in der Bundesrepublik angekommen. Viele hängen der Bequemlichkeit der DDR nach und haben sich an das Prinzip der Eigeninitiative nicht gewöhnt. Die extremen Parteien von links und rechts haben Zulauf wie nie,
in: Spiegel Nr.39  v. 20.09.

Halle an der Saale in Sachsen-Anhalt wird als gespaltene Stadt beschrieben, denn hier steht dem urbanen Kosmopolitismus mit seiner positivistischen Lebensphilosophie die Plattenbautristesse gegenüber:

"Halle an der Saale ist eine trostlose Stadt. Eine hässliche Autobrücke zerschneidet das Zentrum. Es gibt immer noch Häuser, die aussehen, als wäre der Zweite Weltkrieg gerade vorüber. In den Plattenbauvierteln Silberhöhe und Neustadt glotzen leer die Fenster verlassener Wohnungen. Ein Schild warnt vor »herabfallenden Fassadenteilen«. Aus einigen rostigen Balkonbrüstungen sind schon Platten herausgebrochen.
Halle an der Saale ist eine schöne Stadt. Schmucke Bürgerhäuser säumen sanft geschwungene Straßen. Im Paulusviertel strahlen die Säulen, Bögen und Engelsköpfe an den Stadtvillen der Gründerzeit in frischen Cremetönen, die an Vanilleeis erinnern. Hinter Balkonbrüstungen stehen bunte Sonnenschirme und Palmen in Terrakottakübeln.
»Diese Stadt hat kulturell viel zu bieten«, sagt Christian Rauch, stellvertretender Leiter der Agentur für Arbeit, »selbst Nürnberg kann damit nicht mithalten.« Der gebürtige Regensburger kam 1991 nach Halle. Er fühlt sich hier so wohl, dass seine Familie gerade beschlossen hat, nicht nach Bayern zurückzugehen. Doch wann immer er Einheimischen von ihrer schönen Stadt vorschwärmt, trifft Rauch auf Unverständnis. »Für mich ist das Glas halb voll, für manche Hallenser halb leer«, sagt er. »Die Menschen hier machen ihre Stadt schlechter, als sie ist.«
Oberbürgermeisterin Ingrid Häußler (SPD), die seit 1969 in Halle lebt, kennt die Unzufriedenheit der Bürger: »Hallenser sind sehr kritisch und schwer zu begeistern. Sie nehmen alle positiven Dinge als selbstverständlich hin und sehen eher das Negative. Den Hallenser zum Lächeln zu bringen ist sehr schwer.«
Wie soll man lächeln, wenn jeder Fünfte keinen Job hat und davon fast jeder Zweite seit längerem? Wie soll man lächeln, wenn in 14 Jahren die Einwohnerzahl um 90.000 auf 238.000 Menschen gesunken ist, wenn 20 Prozent der Wohnungen leer stehen?
Doch Oberbürgermeisterin Häußler hat sich für einen anderen Blick auf Halle entschieden. Die Stadt hat sich um den Titel »Europäische Kulturhauptstadt 2010« beworben. Mit dem Motto »Halle verändert« geht die Bewerbung offensiv an das Thema schrumpfende Stadt und Abriss heran. Ökonom Rosenfeld vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle unterstützt sie in dieser Sicht. »Eine Stadt kann sich auch gesundschrumpfen. Small is beautiful.« Das biete die Chance, die wesentlichen Strukturen der Stadt zu erkennen, um sich auf das zu konzentrieren, was nahe liegt.
Die Rettung ist es nicht. Aber ein Beginn für den Versuch, sich mit der Welt, in der man lebt, versöhnen zu können. Anders ist ein Aufbruch nicht möglich, weil aus Ablehnung zu viel Verweigerung erwächst. (...).
Ein Motto für den gemeinsamen Aufbruch könnte aus Jena kommen, aus dem Osten also. Aber es ist ein Osten, der glänzt."

Ende 2004 lebten in Halle 238.497 Menschen. Ende 1989 waren es noch 321.684. Das waren 83.187 mehr Einwohner. Dieser rasante Bevölkerungsrückgang setzte sich jedoch nicht fort, sondern Ende 2018 lebten in Halle an der Saale 239.257 Menschen, d.h. mehr als Ende 2004. Alle damaligen Prognosen schrieben jedoch die Entwicklungen in die Zukunft weiter, was die Zukunftsangst enorm verstärkte. Dies spielte rechtsextremen Kräften in die Hände. 15 Jahre später wird Halle ein Zentrum der identitären Bewegung sein. Die Medien mit ihrer unkritischen Haltung zu Prognosen (je schlechter, desto begieriger wurden sie aufgegriffen!) haben eine Mitschuld an dieser Entwicklung.

Der Wohnungsmarktbericht 2003 der Stadt Halle zeigte bereits im Oktober 2003 positive Tendenzen, die im Artikel nicht erwähnt werden.

"Die Einwohnerentwicklung der Stadt Halle (Saale) verlief günstiger als in der Planung zugrunde gelegt. Die positive Abweichung ist jährlich gewachsen, d. h. die Stadt Halle (Saale) verliert langsamer an Bevölkerung. Die Einwohnerzahl lag im Jahr 2002 um 3.551 Einwohner (1,5%) über der von der Stadt beauftragten IWIPrognose und um 530 Einwohner (0,2%) über der Prognose des Statistischen Landesamtes von 2001. Letztere hat sich in den letzten zwei Jahren als zutreffender erwiesen als die IWI-Prognose im Auftrag der Stadt Halle (Saale)" (S.46)

Statt diese positive Entwicklungen zu erwähnen, wird stattdessen ein Gegensatz zwischen unzufriedenen Bewohnern und der optimistischen Führungsschicht konstruiert. Fakten wären hier angebrachter gewesen! Erstaunlich ist insbesondere, dass in Halle eine Wohnungsmarktbeobachtung erst im Jahr 2002 institutionalisiert wurde. Lief also vorher der Abriss von Plattenbauten im Blindflug?

GORRIS, Lothar (2004): Kapitalistisch für Anfänger.
Ost-Report (Teil 4): Sangerhausen in Sachsen-Anhalt gilt als Hauptstadt der Arbeitslosen. Aber der Ort ist ein Labor, in dem die Zukunft Ostdeutschlands ausprobiert wird: Der Bürgermeister ist von der PDS, und der Chef des größten Unternehmens hat gerade den Sprung an die Börse gewagt,
in: Spiegel Nr.47  v. 15.11.

Lothar GORRIS erzählt uns die Geschichte von Sangerhausen, dessen Personal auf drei Mann beschränkt ist:

"Die Kirchen und die renovierten Stadthäuser leuchten weit und auch die frisch gemalten Straßenpfeile. Abrissbagger nagen an den Plattenbauten, die die Stadt umzingeln. Im Westen ein weißer, lang gestreckter Bau, drei Stockwerke hoch, gut 100 Meter lang, kapitalistische Sachlichkeit statt sozialistischer Platte, die Agentur für Arbeit ist der modernste Neubau weit und breit. Früher haben sie in Sangerhausen sinnlos Berge aufgeschüttet, heute bauen sie Arbeitsämter. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, sieht man die zwei Hallen der Mitteldeutschen Fahrradwerke (...).
Peter Wicht (...) ist Unternehmer, wohl der einzig richtige in dieser Stadt. Mehr als 400 Leute arbeiten für ihn, sie bauen 700 000 Fahrräder dieses Jahr. Seit dem 17. Mai ist seine Mifa an der Börse in Frankfurt notiert, der erste Börsengang seit zwei Jahren, seit dem Crash. Er kommt aus Thüringen, ein Ossi. Er müsste ein Held in Sangerhausen sein. Aber Sangerhausen versteht ihn nicht. (...).
Manchmal kommt Dieter Kupfernagel vorbei. Er ist der Bürgermeister von Sangerhausen. Als sie ihn vor acht Jahren wählten, war er der zweite PDS-Oberbürgermeister überhaupt im Osten. (...).
Seine Wahl damals war eine Sensation, seine Zahlen heute sind eine Katastrophe: Die Arbeitslosigkeit liegt bei fast 24 Prozent, nur Neubrandenburg hat manchmal mehr. 10.000 Einwohner sind der Stadt in den vergangenen 15 Jahren verloren gegangen. Und im Verwaltungsetat fehlen 4,6 Millionen Euro. In der DDR war Sangerhausen eine boomende Bergarbeiterstadt. 6.000 Kumpel arbeiteten in den Schächten, sie holten vor allem Kupfer aus der Erde, aber die Schicht Kupferschiefer war dünn, ganze 20 Zentimeter, das machte die Schächte lang und teuer. Die Einnahmen trugen nur zehn Prozent der Kosten. Überall auf dem Weltmarkt wäre das Kupfer billiger gewesen, aber die DDR wollte unabhängig sein vom kapitalistischen Ausland. Nach der Stilllegung haben die Sangerhausener die Halde zum Denkmal erklärt, es war ein harter Kampf. (...). Gut möglich, dass er früher mal ein richtiger Sozialist war.
Wahrscheinlich war er es nur bis kurz nach seiner Wahl. Es ging um die Maschinenfabrik Sangerhausen, ehemals zweitgrößter Arbeitgeber. Ein Unternehmer aus Südtirol hatte den Betrieb 1991 für 30 Mark von der Treuhand gekauft und in den Konkurs geführt. Er ist 1994 wegen Betrugs verhaftet worden, im Aufsichtsrat saß auch Max Strauß, 260 Millionen Mark wollten die Gläubiger. Es ging auch um 1.000 Jobs. (...).
Kaum war Kupfernagel im Amt, kam das endgültige Aus für die Fabrik, das gesamte Inventar sollte versteigert werden. (...). Er entschied sich für die Auktion und gegen seine Wähler. Es war ein Verrat. (...). Aber er hat auch Schlimmeres verhindert, die Stimmung war aufgeheizt, es war so etwas wie ein letztes Zucken der DDR.
Nun sitzt die NPD im Stadtrat. 11 von 90 Ladenlokalen im Zentrum stehen leer. Die Fußgängerzone heißt inzwischen Ho-Tschi-Minh-Pfad, weil Vietnamesen in ein paar Pleiteläden Obst, Kleidung oder Nudelsuppen verkaufen. 100 Arbeitslose haben gerade ihre Ein-Euro-Jobs begonnen, Sangerhausens Grün ist jetzt sehr gepflegt. (...).
Lehmann ist ein typisches Westgeschöpf, Bankkaufmann, MBA in New York, fünf Jahre bei einer Schweizer Beratungsfirma. Sie beschlossen, Computer für den Osten zu bauen. (...). Heute produziert Hyrican mit 60 Leuten unter Lehmanns Führung jährlich 150.000 Computer. Robotron brauchte 13.000 Mitarbeiter für 100.000 Drucker und 20.000 PC. (...)."
Lehmann und Wicht sind die einzige Hoffnung für den sozialistischen Bürgermeister."

DIENEL, Christiane u.a. (2004): Zukunftschancen junger Frauen in Sachsen-Anhalt, Abschlussbericht, Hochschule Magdeburg-Stendal (FH), Magdeburg, November

2005

MÜLLER, Uwe (2005): Supergau Deutsche Einheit, Berlin: Rowohlt

"Ze für Zeitz, ki für Kinder, wa für Wagen: Zekiwa ist (...) eine traditionsreiche Kinderwagenfabrik. Die sechs Buchstaben sind eng verbunden mit einem Kapitel deutscher Industriegeschichte: In Zeitz, einer sachsen-anhaltinischen Kleinstadt an der Weißen Elster, steht die Wiege der europäischen Kinderwagenherstellung. Ihre Erfolgsgeschichte begann vor mehr als 150 Jahren. Weil der Kinderreichtum die Bevölkerung schnell wachsen ließ, kannte die Branche keine Krisen. Das änderte sich erst nach der Wiedervereinigung: Plötzlich gab es immer weniger Bedarf, und Zekiwa musste seine Produktion einstellen. Ein fatales Omen für Ostdeutschland" (S.95),

beginnt Uwe MÜLLER das Kapital Die demographische Katastrophe, in dem der Geburtenrückgang im Osten als Niedergangsszenario auch der Industriestandorte beschworen wird:

"1980 brachte jede ostdeutsche Frau durchschnittlich fast zwei Babys auf die Welt (...). Doch dann kam die Wende und ein Geburtenknick ohne Beispiel. Er (...) gab auch die angestammte Industrie dem Siechtum preis. Im Februar 1998 rollte Zekiwa in die Pleite. Der Klapperstorch als Schutzpatron hatte die Region verlassen.
Riesige Brachen im Stadtzentrum erinnern an die einstige Glanzzeit. (...). Ein kleiner Betrieb mit einer Hand voll Mitarbeitern hat den Firmennamen gerettet. Er vertreibt jetzt Kinderwagen und entwirft Modelle, die von Arbeitern in Südostasien montiert werden. Geblieben ist Zeitz ein beeindruckendes Kinderwagenmuseum, das die Stadtväter unlängst mit dem Zusatz »Deutsches« versehen haben.
Wo ein kompletter Wirtschaftszweig einfach im Museum verschwindet, obwohl seine Erzeugnisse noch konkurrenzfähig sind - da läuft etwas grundsätzlich schief. Der Niedergang (...) sagt auch etwas über die Erosion der Gesellschaft (...). In keinem anderen Staat der Welt sind nach 1990 so wenige Kinder geboren worden wie in den neuen Ländern, kaum anderswo altert die Bevölkerung deshalb so rasant.
Das hat langfristige Folgen" (S.96f.).

2006

BÖLSCHE, Jochen (2006): Verlassenes Land, verlorenes Land.
Deutsche Provinz: Wissenschaftler sprechen von einer sozialen Zeitbombe. Durch Geburtenschwund, Arbeitslosigkeit und Massenabwanderung droht sich der ländliche Raum in einen "Ozean von Armut und Demenz" zu verwandeln - eine Entwicklung, die ein Kartell der Parteien tabuisiert,
in: Spiegel online  v. 14.03.

"»Dass die Deutschen erst keine Kinder zeugen und dann nicht sterben wollen«, wie der Historiker Michael Stürmer die tückische Kombination von sinkender Geburtenzahl und steigender Lebenserwartung beschreibt, macht schon heute ganze Landstriche zu Verliererregionen mit schrumpfender und zugleich überalterter Bevölkerung.
Der »demografische Wandel« finde »überall in Deutschland« statt, doziert der Berliner Wirtschaftswissenschaftler Ulrich Busch, im Osten allerdings habe er sich bereits zur »demografischen Katastrophe« ausgewachsen. Busch: »Großstädte wie Halle, Magdeburg, Frankfurt (Oder), Cottbus, Neubrandenburg, Gera und Dessau verlieren innerhalb weniger Jahrzehnte bis zur Hälfte ihrer Einwohner.« Der Ökonom weiß, dass es für Außenstehende »kaum vorstellbar« ist, »was es für eine Stadt mit früher mehr als 300.000 Einwohnern wie Halle oder Magdeburg bedeutet, innerhalb von zwei Generationen auf 150.000 herunterzugehen«. Während die großen Städte schrumpfen, sterben bereits die Dörfer. »Ganze Regionen wie Nordthüringen, Ostprignitz, Altmark, Uckermark, Vorpommern und die Lausitz sind der Verödung preisgegeben,« konstatiert Busch. In Vorpommern beispielsweise, das mit knapp 500.000 Einwohnern nur noch 65 Prozent der Bevölkerung von 1970 hat, würden Wüstungen, also aufgegebene Siedlungsstätten, allmählich zum »Flächenphänomen«, hat der Greifswalder Bevölkerungswissenschaftler Helmut Klüter beobachtet."

Die Beschwörung des Niedergangs wird ein Jahrzehnt später als neue Wohnungsnot in den Großstädten gravierende Folgen zeigen. Wen wundert es angesichts dieser neoliberalen Horrorszenarien eigentlich, dass Halle und Magdeburg ein Jahrzehnt später die Zentren der neuen Rechten geworden sind? Und das, obwohl beide Städte nicht schrumpfen? Im Jahr 2009 wird Halle seinen Tiefststand mit 230.377 Einwohnern erreichen. 10 Jahre später sind es rund 10.000 Einwohner mehr. Magdeburg hatte bereits 2004 mit 226.675 Einwohnern den Tiefststand erreicht und ist zum Zeitpunkt des Artikels bereits wieder gewachsen. 2017 waren es rund 15.000 Einwohner mehr als im Jahr 2004.

KRÖHNERT, Steffen/MEDICUS, Franziska/KLINGHOLZ, Reiner (2006): Die demographische Zukunft der Nation. Wie zukunftsfähig sind Deutschlands Regionen? München: Dtv, April

"Aufgrund fehlender Kinder und steigender Lebenserwartung wird Sachsen-Anhalt in den nächsten Jahren gravierende Veränderungen in der Altersstruktur erleben. Schon gegenwärtig ist nur ein Viertel der Bevölkerung jünger als 26 Jahre und 30 Prozent sind über 60. Bis 2020 wird der Anteil der unter 26-Jährigen auf 20 Prozent gefallen, jener der über 60-Jährigen auf 35 Prozent gewachsen sein.
Während die Zahl der Schüler, Auszubildenden und jungen Erwerbstätigen kontinuierlich schwindet, hat das Land im Jahr 2020 rund 100.000 über 75-Jährige mehr zu versorgen. Das entspricht einem Zuwachs von fast 30 Prozent in jener Altersgruppe, in der die Menschen häufig pflegebedürftig werden. Am stärksten altert die Region Dessau, (...). weil dort am meisten junge Menschen abgewandert sind. In der Stadt Dessau und den Kreisen Wittenberg und Bitterfeld (...) werden im Jahr 2020 über 16 Prozent der Gesamtbevölkerung älter als 75 Jahre sein.
Die vier Kreise mit der schlechtesten deutschlandweiten Gesamtwertung lieben allesamt in Sachsen-Anahlt. Schlusslicht ist der Kreis Bernburg. (...). Je 100 Männer im Alter zwischen 18 und 29 Jahren leben in Bernburg nur noch 80 Frauen. Mit 1,06 Kindern je Frau hat der Kreis eine der geringsten Geburtenraten in ganz Deutschland. Nicht viel besser als Bernburg schneiden die Kreise Mansfelder Land, Köthen und der Burgenlandkreis ab." (S.114),

berichten KRÖHNERT/MEDICUS/KLINGOLZ über die Lage in Sachsen-Anhalt. Bereits im Jahr 2008 existieren die genannten politischen Gebietseinheiten schon nicht mehr, denn eine Kreisgebietsreform zum 1. Juli 2007 wurde gerade mit dem dramatischen, zukünftigen Bevölkerungsrückgang begründet, der hier prognostiziert wird. Ob solche Kreisgebietsreformen jedoch das gesellschaftliche Problem lösen oder nur die Probleme verschleiern bzw. verschärfen, das wäre eine der wichtigen Fragen. Stebastian BLESSE & Felix RÖSSEL konnten in ihrer Bilanz Kreise gewachsen – Bilanz durchwachsen: Zehn Jahre Kreisgebietsreformen in Sachsen und Sachsen-Anhalt keine Einsparungen im Bereich der Verwaltungen durch solche Kreisreformen erkennen.

Im Kasten Auf der Suche nach der schlanken Stadt wird uns die neoliberale Sicht auf die Stadt Bitterfeld-Wolfen vorgestellt:

"In Bitterfeld, wo, wie es einst hieß, »der Dreck vom Himmel fällt«, ist es sauberer geworden. Wo das Unternehmen Agfa Ende des 19. Jahrhunderts eine Anilin- und Sodafabrik aufgebaut hatte (...), waren im Laufe von hundert Jahren acht Städte und Gemeinden mit 1.200 Hektar Industriearealen zu einem Konglomerat aus alten Stadtkernen, Werkssiedlungen und Neubaublocks verschmolzen. Ein Moloch aus maroder Bausubstanz, Dreck und Gestank.
Heute ist dort ein kleiner, aber feiner Chemiepark entstanden. (...). Doch zehntausende Chemiearbeiter werden in den modernen Anlagen nicht mehr benötigt. Nach 1995 verlor der Kreis 39 Prozent seiner Jobs. Die Zahl der Einwohner geht bereits seit der Wende zurück - bis heute um 18 Prozent. Das ist selbst im überall schrumpfenden Sachsen-Anhalt bedrohlich. In Wolfen - größtenteils eine Plattenbausiedlung - sank die Einwohnerzahl seit 1990 um mehr als ein Drittel von 45.000 auf 27.000 Menschen. Und die Abwanderung hält an. (...). Zudem hat de Kreis mit 1,19 Kindern je Frau eine der niedrigsten Geburtenraten im ohnehin kinderarmen Sachsen-Anhalt.
Die Doppelstadt Bitterfeld-Wolfen gehört zu jenen Städten, die sich an der Internationalen Bauausstellung »IBA Stadtumbau 2010« beteiligen. Erstmals werden die Schrumpfstädte eines ganzen Bundeslandes zum Thema einer solchen Veranstaltung. Ziel ist es, Stadtumbau unter Schwundbedingungen zu erproben. In Bitterfeld und Wolfen wollen die Planer herausfinden, wie sich Nachbarstädte Aufgaben teilen und ihre Ressourcen bündeln können. Denn das überdimensionierte Infrastrukturangebot, das die Kommunen in den fetten Jahren nach der Wende auf höchstem Niveau aufgebaut haben (Berufsschulzentrum, Dreifelder-Sporthalle, Hallenfreibad, ein Filmmuseum, die Kunst- und Kulturlandschaft Goitzsche), erzeugt bei Unternutzung hohe, die Gemeinden überfordernde Kosten. Heute gibt es in der Region von fast allem zu viel: Wohnungen, Kindergärten und Schulen, Straßen und Freizeiteinrichtungen. Jetzt suchen die Bürgermeister nach Wegen zu einer schlanken Stadt. (...). Bis 2020 prognostiziert das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung für den Kreis Bitterfeld einen weiteren Einwohnerverlust von 24 Prozent - mehr als in jedem anderen deutschen Landkreis." (S.116)

Während KRÖHNERT/MEDICUS/KRÖHNERT hier schon von der "Doppelstadt Bitterfeld-Wolfen" sprechen, die erst am 1. Juli 2007 entstanden ist, wird bei den Kreisen jedoch in der Broschüre nur die alte Kreisstruktur erwähnt, obwohl diese zum gleichen Zeitpunkt nicht mehr existierte und das Gesetz zur Kreisreform bereits im Jahr 2005 beschlossen wurde. Hier stellt sich deshalb die Frage, inwiefern diese Broschüre nicht Teil einer politischen Kampagne zur Durchsetzung der neoliberalen Kreisreformen ("schlanke Stadt") war.       

Folgenden kreisfreien Städten in Sachsen-Anhalt wird ein weiterer Bevölkerungsrückgang prognostiziert: Halle a.d.Saale, Dessau und Magdeburg (vgl. 2006, S.42). Für folgende Kreise und Städte werden starke Bevölkerungsverluste bzw. -zugewinne prognostiziert:

Tabelle: Vergleich der Bevölkerungsentwicklung der Landkreise und kreisfreien Städte im Zeitraum 2000-2020 und 2004-2020 (Die fettgedruckten Regionen wurden in beiden Prognosen mit der besten oder schlechtesten Note bewertet. Die grün und rot markierten Regionen verbesserten bzw. verschlechterten sich um mindestens 2 Noten)
Landkreise und Städte mit Bevölkerungsverlusten
von 15 und mehr Prozent (Note 6)
Landkreise und Städte mit Bevölkerungswachstum von 10 und mehr Prozent (Note 1)
Aschersleben-Staßfurt Ohrekreis
Bernburg Saalkreis
Bitterfeld  
Dessau  
Mansfelder Land; 2004: Nur noch 10-15 %  
Quedlinburg; 2004: Nur noch 10-15 %  
Sangerhausen  
Schönebeck; 2004: Nur noch 10-15 %  
Stendal; 2004: Nur noch 10-15 %  
Wittenberg  
   
Kreise und Städte für die erst 2006 ein Bevölkerungsrückgang von 15 Prozent und mehr prognostiziert wurde
Burgenlandkreis
Halberstadt
Weißenfels
Quelle: Geo-Beilage Heft 5, 2004, S.22ff., Die demografische Lage der Nation, 2006, S.56ff. 

BERTELSMANN-STIFTUNG (2006)(Hrsg.): Wegweiser Demographischer Wandel 2020. Analysen und Handlungskonzepte für Städte und Gemeinden, Gütersloh: Bertelsmann Verlag, April

Die beiden Großstädte in Sachsen-Anhalt werden dem Demographietyp 3, d.h. den schrumpfenden und alternden Großstädten in Ostdeutschland zugeordnet. Folgende 5 ostdeutschen Großstädte gehören diesem Demographietyp an:

Tabelle: Die alternden und schrumpfenden ostdeutschen Großstädte des Demographietyps 3 in Ostdeutschland
Großstadt Bundesland Bevölkerung
(31.12.1989)
Bevölkerung
(31.12.2002)
Bevölkerung
1990 - 2003
Bertelsmann-Prognose Bevölkerung
(31.12.2018)
Bevölkerung
2003 - 2020
Median-
alter im
Jahr 2020
Gera Thüringen       - 21,6 55,2 Jahre  
Cottbus Brandenburg       - 18,3 % 51,1 Jahre  
Chemnitz Sachsen       - 16,7 % 52,6 Jahre  
Halle an der Saale Sachsen-Anhalt 321.684 239.355 - 25,6 % - 16,7 % 44,1 Jahre 239.257
Magdeburg Sachsen-Anhalt 290.152 228.170 - 21,4 % - 11,2 % 49,5 Jahre 238.697
Quelle: Bertelsmann-Stiftung 2006, S.43; Bevölkerungstand 1989 und 2002: Bevölkerung der Gemeinden
und Kreise 1964 - 2007; Bevölkerung der Gemeinden 2018 (statistik.sachsen-anhalt.de); eigene Berechnungen

Die tatsächliche Bevölkerungsentwicklung verläuft positiver als die Prognose. Halle (Saale) stagniert, während Magdeburg sogar seit 2003 Zugewinne verbuchen konnte. Der rasante Bevölkerungsverlust von 1990 - 2003 hat sich somit in den beiden Großstädten nicht fortgesetzt.

Der Demographietyp 4 "Schrumpfende und alternde Städte und Gemeinden mit hoher Abwanderung" soll gemäß der Bertelsmann-Stiftung vorwiegend in Ostdeutschland vorkommen:

"332 von insgesamt 473 ostdeutschen Kommunen - liegen in diesem Cluster (...)."

Als räumlicher Schwerpunkt wird der Harz genannt. Zur Problematik dieser Städte heißt es:  

"Bis 2020 altert die Gesellschaft um durchschnittlich weitere 10 Jahre. In fast allen Kommunen aus Cluster 4 (338 von 352) wird dann die Hälfte der Bevölkerung älter als 50 Jahre sein. In zehn Kommunen wird die Altersgrenze, die die Bevölkerung in zwei gleich große Gruppen teilt (Medianalter), sogar über 58 Jahre liegen. (...). Eine wichtige Ursache für den Alterungsprozess ist die selektive Abwanderung vor allem der 18- bis 24-Jährigen. Auch die Abwanderung der 18- bis 34-jährigen Frauen ist überdurchschnittlich hoch. Dass Frauen im gebärfähigen Alter die Regionen verlassen - dies begann bereits in den 1990er Jahren - , hat nicht nur zur Folge, dass ihre Kinder nun in anderen Gebieten zur Welt kommen; es zeichnet sich auch eine sprunghafte Geburtenabnahme um das Jahr 2010 ab (»Zweiter Geburtenknick«): Die in den 1990er Jahren nicht geborenen Mädchen können später auch keine Kinder gebären.
Die Schrumpfung und die Veränderung der Altersstruktur wirken sich schon heute deutlich auf den Wohnungsmarkt der Städte und Gemeinden aus. Während Marktprozesse und das Programm Stadtumbau Ost auch zukünftig den strukturellen Leerstand nicht beseitigen können, wird sich mit den Altersgruppen auch das Potenzial der Hauptnachfragegruppen verschieben. Wenn sich die Gruppe der über 80-Jährigen in absehbarer Zeit verdoppelt, wird das betreute Wohnen zu einer dringlichen Aufgabe. Gleichzeitig sinken mit dem deutlichen Rückgang der 18- bis 24-Jährigen die Ersthaushaltsgründung. Darüber hinaus wird es immer weniger junge Familien geben, die Wohneigentum erwerben." (S.75f.)

Wie aber sieht es tatsächlich mit dem "Zweiten Geburtenknick" in Sachsen-Anhalt aus, der ab dem Jahr 2010 zum Problem werden soll? Das Statistische Jahrbuch 2019 zeigt folgende Geburtenentwicklung für Sachsen-Anhalt. Außerdem wird der Landkreis Harz betrachtet:

Jahr Lebendgeborene
(Sachsen-Anhalt)
Geburtenrate
(TFR)
Lebendgeborene
(Landkreis Harz)
Lebendgeborene
(Landkreis
Mansfeld-Südharz)
2005 17.166      
2006* 16.927   1.548 1.067
2007 17.387   1.682 977
2008 17.697   1.628 1.041
2009 17.144   1.617 946
2010 17.300   1.518 1.017
2011 16.837 1,42 1.513 943
2012 16.888 1,45 1.587 957
2013 16.797 1,46 1.526 954
2014 17.064 1,50 1.555 957
2015 17.415 1,54 1.574 942
2016 18.092 1,61 1.545 977
2017 17.837 1,61 1.594 891
2018 17.410 1,61 1.519 869

Die Lebendgeborenen wurden aus den jeweiligen Berichten für die Gemeinden und Kreise entnommen. Der Landkreis Harz entstand erst im Jahr 2007. Für das Jahr 2006 wurden deshalb die Zahlen der Landkreise Halberstadt, Quedlinburg, Wernigerode und die Stadt Falkenstein für das heutige Gebiet des Landkreises Harz zusammengezählt. Eine "sprunghafte Geburtenabnahme ab 2010" ist aus den Zahlen für den Landkreis nicht zu erkennen. Der Landkreis Mansfeld-Südharz ist im Jahr 2007 aus den Landkreisen Mansfelder Land und Sangerhausen entstanden. In diesem Landkreis zeigen sich schon eher jene Probleme, die dem Harz zugeschrieben werden. Aber auch hier gibt es keine sprunghafte Geburtenabnahme, sondern eher eine wellenförmige Abwärtsbewegung.

Sachsen-Anhalt gehört zu den ostdeutschen Bundesländern, deren Geburtenanstieg nur gering ausfiel. Nur Mecklenburg-Vorpommern steht noch schlechter da. 

LUCIUS, Robert von (2006): Das deutsche Sibirien.
Die Jungen verlassen Gardelegen, weil es an Arbeitsplätzen fehlt - eine wirtschaftliche Perspektive für die alte Stadt in Sachsen-Anhalt ist nicht in Sicht,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 25.08.

Robert von LUCIUS schildert die Verhältnisse in der Kleinstadt Gardelegen:

"(Z)wei Drittel der Jugendlichen ziehen fort, weil Lehrstellen und Arbeitsplätze fehlen. Der Ort im südwestlichen Teil der Altmark, der Wiege Brandenburgs und Preußens, verliert seine Einwohner wie viele andere Städte in Sachsen-Anhalt auch. Schon zu DDR-Zeiten war dies der »dünnbesiedelte« Kreis der sozialistischen Republik. (...).
Nach der Wende 1989 verlor die Stadt rapide an Bedeutung: Seit dem Bau der ICE-Strecke von Berlin nach Hannover, die durch Gardelegen führt, ist der Bahnhof nicht mehr Haltestelle für den Fernverkehr, wie zuvor etwa für Züge zwischen Berlin und Amsterdam. Zudem wurde der Kreis Gardelegen 1994 nach 180 Jahren aufgelöst, Kreisstadt ist nun Salzwedel. (...).
Stadt, Kreis, Land - alle geben sich viel Mühe, Investoren in die Altmark, ein Gebiet fast doppelt so groß wie das Saarland, zu locken und werben mit der verkehrsgünstigen Anbindung. Einige neue Fabrikanlagen in den beiden Gewerbegebieten am Rande der Stadt haben Schilder am Tor, auf denen die finanzielle Unterstützung durch Regionalmittel der Europäischen Union verkündet wird. Spuren eines Aufschwungs aber sieht man vor allem im Stadtbild: Fassaden sind frisch getüncht (...). Im Rahmen des staatlich geförderten Sanierungsprogramms werden Teile des 1982 errichteten Neubaugebietes Schlüsselkorb mit gut tausend Wohnungen wieder abgerissen, auch um die Leerstandsquote zu verringern. (...).
Aber vor allem bei der nichtsozialistischen Traditionspflege hat sich in den vergangenen fünf Jahren einiges getan. (...).
Immerhin gibt es in dem vor fast tausend Jahren gegründeten Ort von 12.000 Einwohnern neben der allgegenwärtigen Sparkasse einige weitere Arbeitgeber mit jeweils mehreren hundert Mitarbeitern. Das weitaus größte Unternehmen ist eine Zuliefererfirma für die Autoindustrie - Gardelegen liegt näher an Wolfsburg als an der Landeshauptstadt Magdeburg. In einem anderen Werk werden Bücherregale für den schwedischen Möbelkonzern Ikea hergestellt. Diese Firmen aber stellen eher arbeitslose Fachkräfte aus Stendal oder Magdeburg ein als Gardelegener. Die Bundeswehr hat einige Zivilangestellte übernommen - in der benachbarten Colbitz-Letzlinger Heide ist neben dem größten Lindenwald Europas auch dessen größter Gefechtsübungsplatz. (...).
Jugendliche finden in ihrer Heimatstadt mit so viel deutscher Geschichte wenig Angeboten. Das einzige Kino ist geschlossen. Arbeitsplätze in ihren Wunschberufen gibt es kaum. (...) Und wer studieren will, geht nach Magdeburg, Hannover, Braunschweig oder Berlin. Aber auch Bauarbeiter jenseits der 40 zeihen inzwischen für jeweils einige Wochen im Jahr in die Schweiz oder die Niederlande, um dort ihr Geld zu verdienen.
Die Enttäuschung über fehlende Zukunftsaussichten entlädt sich bei vielen Jugendlichen in Gewalt oder Drogen- und Alkoholmißbrauch."

Gardelegen im Altmarkkreis Salzwedel blieb - im Gegensatz zu anderen Landesteilen - im Jahr 2007 von der Kreisgebietsreform verschont. Zwischen 2009 und 2011 werden jedoch 29 Gemeinden eingemeindet und Gardelegen wird mit der Gemeindegebietsreform 2010 zur flächenmäßig drittgrößten Stadt in Deutschland und wird damit auch eine Mittelstadt.   

2007

PROGNOS (2007): Zukunftsatlas 2007.
Studie: Alle 439 Städte und Kreise im Test. Ostdeutschland holt auf Bayern und Baden-Württemberg deutschlandweit vorne,
in: Pressemitteilung der Prognos AG v. 26.03.

NIKOLOW, Rita (2007): Einbußen durch Abwanderung und Geburtendefizit,
in:
Tagesspiegel v. 30.08.

"Sachsen-Anhalts Bevölkerung schrumpft: Seit 1990 ist die Zahl der Einwohner von 2,9 Millionen auf weniger als 2,4 Millionen gesunken", berichtet Rita NIKOLOW.

MÜLLER, Uwe (2007): Der Osten altert schneller als der Westen.
Glaubt man den jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes aus Wiesbaden, dann sieht es düster aus für Deutschlands Osten: Er vergreist. Nach Berechnungen von WELT ONLINE rückt Sachsen-Anhalt zum "Altersheim der Republik" auf. Jung ist nur noch der reiche Süden der Republik,
in: Welt v. 24.11.

2008

BERTELSMANNSTIFTUNG (2008): Regionalreport Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.  Differenzierung des »Wegweisers Demographischer Wandel« für drei ostdeutsche Bundesländer, August

Thorsten WIECHMANN &, Ingo NEUMANN (TU Dresden) analysieren in dem Regionalreport in erster Linie die Kommunen des Demographietyps 4 "Schrumpfende und alternde Städte und Gemeinden mit hoher Abwanderung", zu denen in den drei Ländern die überwiegende Mehrheit der Städte und Gemeinden mit über 5.000 Einwohnern gehören. Bundesweit gehören 352 Kommunen zu diesem Typ. 228 (vgl. Tabelle 5, S.21) liegen in Sachsen (125 Kommunen), Sachsen-Anhalt (59 Kommunen) und Thüringen (44 Kommunen).

Von den 53 Kommunen mit einem prognostizierten Bevölkerungsverlust von mehr als 15 Prozent zwischen 2005 und 2020 gehören 35 zu Sachsen, 10 zu Sachsen-Anhalt und 8 zu Thüringen. Der Spitzenreiter ist die Kommune Wolfen (43,2 %), die ab 2007 mit Bitterfeld zusammen die neue Gemeinde Bitterfeld-Wolfen bildet.

Tabelle: Vergleich der Bevölkerungsentwicklung der Landkreise und kreisfreien Städte im Zeitraum 2000-2020 und 2004-2020 (Die fettgedruckten Regionen wurden in beiden Prognosen mit der besten oder schlechtesten Note bewertet. Die grün und rot markierten Regionen verbesserten bzw. verschlechterten sich um mindestens 2 Noten)
Demographie-Typ

Thüringen

Sachsen-Anhalt

Sachsen Anzahl
Großstadt Bevölkerungs-
entwicklung
2005-2020
Großstadt Bevölkerungs-
entwicklung
2005-2020
Großstadt Bevölkerungs-
entwicklung
2005-2020
 
G 3: Schrumpfende und alternde ostdeutsche Großstädte Gera - 19,7 % Halle
Magdeburg
- 15,7 %
- 11,8 %
Chemnitz - 15,6 % 4
(von 5)
G 6: Aufstrebende ostdeutsche Großstädte mit Wachstumspotenzialen Erfurt
Jena
+ 1,94 %
+ 5,84 %
-   Dresden
Leipzig
+ 0,66 %
+ 0,75 %
4
(von 7)
Großstädte in Ostdeutschland gesamt 3   2   3   8
von 12)
Quelle: Regionalreport, Tabelle 3, S.15 

In Sachsen-Anhalt werden 59 Kommunen dem Demographietyp 4 "Schrumpfende und alternde Städte und Gemeinden mit hoher Abwanderung" zugeordnet. Das betrifft über 81 Prozent der Kommunen mit mehr als 5.000 Einwohnern. Insgesamt werden 71 Kommunen genannt, wobei zwischen den einzelnen Tabellen und Texten Unstimmigkeiten auftreten.

Die nachfolgende Tabelle zeigt die Kommunen, die im Jahr 2005 mehr als 5.000 Einwohner hatten, sowie die Kommunen, die im Regionalreport erwähnt wurden mit den Prognosen der Bertelsmann-Stiftung für diese Kommunen:

Rang
(2005)
Rang
(2018)

Kommune

Bevölkerung
2005

Bertelsmann-Prognose

Typ
(2008)
Typ
(2015)
Bevölkerung
2005 - 2020
Median-
alter
2020
1 1 Halle/Saale 237.198 - 15,70 % 44,08 Jahre G3 7
2 2 Magdeburg 229.126 - 11,80 % 49,46 Jahre G3 7
3 3 Dessau 78.360 - - 4 9
4 4 Wittenberg 46.593 - - 4 9
5 6 Halberstadt 39.749 - 11,10 % 52,55 Jahre 4 9
6 7 Stendal 37.137 - - 4 9
7 9 Merseburg 34.581 - 13,70 % 52,79 Jahre 4 9
8 10 Wernigerode 34.169 - 3,06 % 51,26 Jahre 4 9
9 13 Schönebeck/Elbe 33.823 - 14,10 % 54,70 Jahre 4 9
10 11 Bernburg/Saale 31.883 - 13,90 % 53,12 Jahre 4 9
11 16 Sangerhausen 30.621 - - 4 9
12 17 Köthen (Anhalt) 30.129 - 5,04 % 50,64 Jahre 4 9
13 5 Weißenfels 29.866 - 14,70 % 53,20 Jahre 4 9
14 12 Naumburg/Saale 29.627 - 3,36 % 50,74 Jahre 4 9
15 14 Zeitz 28.729 - 18,30 % 55,76 Jahre 4 9
16 15 Aschersleben 26.112 - - 4 9
17 8 Wolfen 24.908 - 43,20 % 60,18 Jahre 4 9
18 22 Burg 24.747 - 12,30 % 53,56 Jahre 4 9
19 21 Eisleben 24.243 - - 4 9
20 18 Staßfurt 23.318 - 15,20 % 53,12 Jahre 4 9
21 19 Quedlinburg 22.607 - 11,80 % 52,53 Jahre 4 9
22 20 Salzwedel 21.316 - - 4 8
23 27 Haldensleben 19.886 - 2,45 % 52,45 Jahre 4 8
24 26 Oschersleben 17.723 - 7,43 % 53,01 Jahre 4 9
25 24 Zerbst 15.833 - - 4 9
26 25 Blankenburg (Harz) 15.760 - 10,80 % 54,75 Jahre 4 9
27 8 Bitterfeld 15.728 - 11,80 % 49,49 Jahre 4 9
28 33 Hettstedt 15.693 - 21,80 % 56,51 Jahre 4 9
29 32 Jessen/Elster 15.107 - 14,20 % 52,50Jahre 4 8
30 34 Genthin 14.355 - 12,20 % 53,80 Jahre 4 9
31 3 Roßlau/Elbe 13.979 - 7,39 % 54,52 Jahre 4 9
32 50 Querfurt 12.824 - 11,50 % 51,64 Jahre 4 9
33 29 Thale 12.748 - 18,10 % 55,78 Jahre 4 9
34 23 Gardelegen 11.678 - 6,93 % 50,49 Jahre 1 8
35 51 Gommern 11.303 - - 4 9
36 43 Bad Dürrenberg 11.391 - 6,89 % 53,32 Jahre 4 9
37 73 Calbe/Saale 11.161 - 23,30 % 55,31 Jahre 4 9
38 47 Schkopau 11.077 - - 1 8
39 44 Wolmirstedt 10.601 - 0,51 % 52,15 Jahre 4 8
40 67 Sülzetal 9.849 + 1,11 % 50,24 Jahre 7 5
41 83 Elsteraue 9.825 - 12,20 % 53,30 Jahre 4 9
42 31 Sandersdorf 9.787 - 4,79 % 53,26 Jahre 4 9
43 64 Zörbig 9.718 - - 4 8
44 58 Hohenmölsen 9.681 - 17,20 % 53,92 Jahre 4 9
45 53 Tangermünde 9.669 - 5,15 % 52,38 Jahre 4 8
46 40 Teutschenthal 9.529 - - 6 8
47 72 Mücheln (Geiseltal) 9.392 - - 4 8
48 62 Barleben 9.222 - - 8 6
49 69 Kabelsketal 9.079 + 3,99 % 49,57 Jahre 2 5
50 71 Mansfeld 8.919 fehlt 9
51 93 Huy 8.681 - 11,80 % 51,45 Jahre 4 8
52 30 Landsberg 8.556 fehlt 5
53 41 Coswig (Anhalt) 8.532 - 12,10 % 54,96 Jahre 4 9
54 80 Könnern 8.242 - - 4 8
55 95 Hecklingen 8.032 - 5,81 % 52,10 Jahre 4 9
56 66 Ballenstedt 7.890 - 9,52 % 53,10 Jahre 4 3
57 101 Elbe-Parey 7.784 - 7,98 % 51,99 Jahre 4 9
58 92 Niedere Börde 7.741 + 7,00 % 48,27 Jahre 6 5
59 42 Gräfenhainichen 7.659 - 23,70 % 55,73 Jahre 4 9
60 100 Havelberg 7.527 - - 4 9
61 37 Oebisfelde 7.377 + 1,42 % 46,83 Jahre 5 5
62 56 Osterburg (Altmark) 7.111 - 16,00 % 54,75 Jahre 4 9
63 35 Leuna 6.959 - 11,3 % 51,95 Jahre 4 8
64 39 Möckern 6.736 + 0,07 % 51,77 Jahre 6 8
65 103 Falkenstein (Harz) 6.335 - 4,03 % 51,91 Jahre 4 9
66 59 Ilsenburg (Harz) 6.279 - 4,05 % 52,34 Jahre 6 8
67 48 Tangerhütte 5.924 - 15,40 % 54,58 Jahre 4 9
68 60 Götschetal 5.906 fehlt 8
69 18 Förderstedt 5.895 fehlt 9
70 52 Elbingerode (Harz) 5.657 - 2,78 % 53,68 Jahre 6 9
71 49 Braunsbedra 5.545 - 5,10 % 51,26 Jahre 4 9
72 12 Bad Kösen 5.399 - 10,60 % 55,64 Jahre 4 9
73 36 Wanzleben 5.367 - 11,70 % 50,46 Jahre 4 8
74 54 Klötze 5.345 - 10,90 % 54,50 Jahre 4 8
75 46 Aue-Fallstein 5.308 - 9,12 % 48,58 Jahre 6 8
76 70 Bad Lauchstädt 4.965 - 4,27 % 52,50 Jahre 4 8

Die Tabelle zeigt, dass es teils große Verschiebungen beim Rangplatz nach Einwohnerzahl zwischen 2005 und 2018 gegeben hat. Dies liegt nicht unbedingt an der Bevölkerungsentwicklung, sondern auch Eingemeindungen (z.B. Bad Kösen in Naumburg/Saale) und Zusammenschlüsse (z.B. Bitterfeld-Wolfen oder Dessau-Roßlau) haben solche Verschiebungen bewirkt. Vergleiche über größere Zeiträume hinweg müssen solche Effekte berücksichtigen.

In der Tabelle 2 (2008, S.14) wird die Verteilung auf die einzelnen Bundesländer angegeben. Beim Demographietyp 3 wird fälschlicherweise Sachsen-Anhalt mit einer Kommune genannt. Im Text auf Seite 30 werden dagegen 5 sächsische und eine thüringische Kommune (Ilmenau) genannt. 

Barleben wird dem Demographietyp 8 zugewiesen, gilt aber als statistischer Ausreißer:

"Schließlich führte die Clusteranalyse noch zur Ausweisung der rund 9.000 Einwohner zählenden Gemeinde Barleben - wie Sülzetal im suburbanen Speckgürtel Magdeburgs und zudem an der A 2 von Berlin nach Hannover gelegen - als Kommune des Demographie-Typs 8 »Wirtschaftlich starke Städte und Gemeinden mit hoher Arbeitsplatzzentralität«. Aufgrund der spezifischen Entwicklung in den 1990er Jahren (Technologiepark, Einkaufspark) hat sich der Ort dynamisch entwickelt. Er ist aber kein typischer Repräsentant des Demographie-Typs 8, sondern eher ein statistischer Ausreißer." (2008, S.31)

2009

SCHIFFERS, Betram (2009): Verfügungsrechte Im Stadtumbau. Handlungsmuster und Steuerungsinstrumente im Altbauquartier, VS Verlag für Sozialwissenschaften

Explorative Fallstudie zur stark schrumpfenden Mittelstadt Zeitz in Sachsen-Anhalt als Beispiel eines "perforierten Altbauquartiers", bei dem die Akteure auf dem Immobilienmarkt den Handlungsmustern Verbleiben, Verwerten und Verfallen lassen zugeordnet werden.

MARON, Monika (2009): Bitterfelder Bogen. Ein Bericht, S. Fischer Verlag

"»Vielleicht kennen ja sogar die Ostdeutschen ihre eigenen Erfolgsgeschichten zu wenig, um stolz auf sie und sich selbst zu sein.« »B. ist die schmutzigste Stadt Europas«, schrieb Monika Maron in ihrem Debütroman ›Flugasche‹ (1981). B. steht für Bitterfeld, bis heute ein Synonym für marode Wirtschaft und verkommene Umwelt. Dreißig Jahre später hat sie die Stadt wieder besucht und die Spur der Veränderungen nachgezeichnet. Sie erzählt von der Wiederauferstehung einer Region, vor allem aber vom Aufbruch einiger Kreuzberger Solarenthusiasten in die Provinz Sachsen-Anhalts, wo sie eine Solarzellenfabrik mit 40 Arbeitsplätzen bauen wollten. Nur acht Jahre später ist Q-Cells der größte Solarzellenhersteller der Welt. Aus der kleinen Solarzellenfabrik ist ›Solar Valley‹ geworden", verheißt der Klappentext.

2010

PROGNOS (2010): Zukunftsatlas 2010.
Alle 412 Städte und Kreise im Test,
in: Pressemitteilung der Prognos AG v. 15.11.

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 03. Oktober 2019
Update: 24. Februar 2020