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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Thüringen im demografischen Wandel

 
       
   

Das Bundesland als größtenteils abgehängte deutsche Region (Teil 5)

 
       
     
   
     
 

Kommentierte Bibliografie (Teil 5: 2019)

2019

DROST, Frank M. & M. STREIT (2019): Gespaltenes Land.
Deutsche Wohnimmobilien bleiben gefragt, allerdings wohl auf Dauer nicht überall. Sorgen machen sich Investoren mittlerweile vor allem über große Markteingriffe in den Metropolen,
in: Handelsblatt
v. 17.01.

"Bis 2030 steigen demnach die Preise in Heilbronn mit 2,99 Prozent am stärksten. (...). Die größten Wertverluste verbuchen dagegen 34 Landkreise im Osten Deutschlands. Den stärksten Einbruch sagt die Studie der Kreisstadt Suhl in Süd-Thüringen voraus. Dort sollen die Preise um 5,52 Prozent pro Jahr fallen",

berichten DROST & STREIT.

HAAK, Sebastian (2019): Der neue Sound der SPD.
Kommunalwahl in Thüringen: Thüringer Sozialdemokraten gehen mit ihrem Wahlprogramm ungewöhnliche Wege,
in:
Neues Deutschland v. 25.02.

Sebastian HAAK will bei der SPD im Wahlprogramm "21 Fragen, die wir uns in Thüringen stellen sollten" einen neuen Sound erkannt haben. Dabei ist dies lediglich der neoliberale Sound der SCHRÖDER-SPD, für den Thüringens SPD-Vorsitzender Wolfgang TIEFENSEE steht, der das typische neoliberale Menschenbild vertritt, das unserer Hartz-Gesellschaft unterlegt ist und den Erfolg der AfD begründet:

"Es sei falsch, wenn Menschen mit verschränkten Armen auf dem Sofa säßen und darüber sprächen, was in diesem Land geschehen müsste, statt es selbst zu tun".

BARTSCH, Michael (2019): Es liegt ein Grauschleier über dem "roten Suhl".
In der DDR war die Kommune im Thüringer Wald Bezirkshauptstadt. Nach der Wende verschwanden erst Arbeitsplätze und dann Einwohner. Wie eine sterbende Stadt versucht, sich trotzdem wieder aufzurichten,
in:
Neues Deutschland v. 25.02.

"Vom Wintersportzentrum Oberhof geht es über Zella-Mehlis sanft hinunter in das Tal der Hasel. Die Höhenzüge des Thüringer Waldes umrahmen die Stadt Suhl. Alles Wichtige ist fußläufig erreichbar. Trotz der versuchten sozialistischen Umgestaltung des Stadtkerns im Stil des dominierenden DDR-Stadtplaners Hermann Henselmann sorgen historische Bauten für eine freundliche Atmosphäre.
Warum winken dann so viele Thüringer nur ab, wenn Suhl erwähnt wird? Eine Stadt, in der zwei Drittel der Wohnungen für weniger als 5 Euro pro Quadratmeter vermietet werden? Eine Stadt, die im Mittelalter das Eisenerz entdeckte, durch Waffen- und Fahrzeugproduktion bekannt wurde?",

fragt scheinbar verwundert Michael BARTSCH. Betrachtet man jedoch das zum Artikel dazugehörige Foto, dann schreit uns die Hässlichkeit dieser Stadt geradezu an.

"Im Vorjahr machte die U18-Gruppe nur 12 Prozent der Stadtbevölkerung aus, lediglich jeder Fünfte war jünger als 30 Jahre. Dafür hatte fast jeder dritte Einwohner die 65 überschritten. Über 56.000 Einwohner wurden Ende 1988 gezählt (...). Heute sind es noch 35.000",

beschreibt BARTSCH jene Zahlen, die in den neoliberalen Rankings regelmäßig zum miserablen Image der Stadt führen.

"Vom Nachwendeschock erholt sich die Stadt allmählich, dennoch ist die Frage, warum Suhl nicht in ähnlicher Weise boomt wie das rund 50 Kilometer entfernte Sonneberg an der früheren Westgrenze zu Franken."

Als Gesprächspartner findet sich nur die Linke Ina LEUKEFELD bereit, aber nicht der neue CDU-Oberbürgermeister:

"Sie ist seit Langem Suhler Stadträtin und zog ungeachtet früherer Stasi-IM-Vorwürfe dreimal mit einem Direktmandat in den Landtag ein. Die PDS in Suhl lag schon in den 1990er Jahren bei 30 Prozent. Die Linke löste 2004 die CDU als stärkste Stadtratsfraktion ab und hat heute ein Drittel der Sitze.
Leukefelds Rückblick lässt sich als Erklärung für das Schrumpfen der Stadt auf ihr angestammtes Maß interpretieren",

erklärt uns BARTSCH. Bei der Kommunalwahl im Mai ist im Übrigen die Linke massiv geschrumpft. Sie hat fast die Hälfte ihrer Stimmen eingebüsst (2014: 32,6 %; 2019: 18,3 %). Die Freien Wähler wurden mit 19,3 % hinter der CDU (29,5 %) zweitstärkste Kraft vor der Linke. Die AfD kam aus dem Stand heraus auf 12,1 %.

Die Liquidierung der Mopedproduktion in Suhl wird uns als übles Kapitel der Treuhand vorgestellt:

"Vom wichtigsten Suhler Großbetrieb mit einst 6.000 Arbeitsplätzen ist nur noch ein Museum geblieben. Im Kongresszentrum CCS stehen die Mokick- und Mopedlegenden SR 1, Star, Schwalbe, Sperber, S 50/51".

Am Ende kommt BARTSCH auf die Schuldensituation und die üppigen Kulturausgaben der Stadt zu sprechen. Muss also die Kreisfreiheit fallen?

"Derzeit laufen Sondierungen über einen Zusammenschluss mit dem Nachbarlandkreis. Die Entscheidung fällt im März."

Aber genauso wie die geplante Kreisreform ist der Zusammenschluss mit dem Landkreis Schmalkalden-Meiningen vertagt worden. Schließlich standen Kommunal- und Landtagswahlen an - und die etablierten Parteien sehen ganz schön alt aus. 

ECKERT, Daniel (2019): Der neue Risse durch Deutschland.
Während Dörfer und Kleinstädte in der Bundesrepublik vergreisen, ziehen junge Menschen in die Metropolen. Das bringt Probleme mit sich,
in:
Welt v. 04.03.

Die Welt präsentiert eine Tabelle auf Basis eines IW-Kurzberichts mit den 5 ältesten bzw. jüngsten Regionen in Deutschland, wobei ein "mittleres Alter" angegeben wird, das jedoch nicht dem Durchschnittsalter entspricht. Während z.B. das Statistische Landesamt Baden-Württemberg für Baden-Baden 47,4 Jahre im Jahr 2016 angibt, kommt das IW Köln auf 47,1 Jahre. Für Suhl wird für das Jahr 2017 ein mittleres Alter von 50,3 Jahren angegeben, während die Stadt Suhl das Durchschnittsalter sogar mit 50,7 angibt.

LASCH, Hendrik (2019): Aufbruch an der Blauen Flut.
Thüringen: Wie engagierte Bürger mit dem "Stadtforum Altenburg" ein Gründerzeitviertel beleben,
in:
Neues Deutschland v. 12.04.

"»Blaue Flut« heißt der kleine Wasserlauf, der durch die Altenburger Unterstadt plätschert: mal unsichtbar in einem Rohr, mal in einer steinernen Rinne - so wie hinter einem großen Haus am Ende der Kanalstraße, dessen einstige Pracht derzeit nur zu ahnen ist. (...).
Das Quartier zwischen dem Bahnhof und dem Zentrum der ostthüringischen Stadt beherbergte einst buntes Leben. (...).
Heute pulsiert das Leben in dem Viertel nicht mehr ganz so lebendig. Viele Läden stehen leer (...). Geht es nach engagierten Bürgern wie Jutta Penndorf, soll sich das wieder ändern. Die einstige Museumschefin arbeitet im »Stadtforum Altenburg« mit, einer Initiative, die sich als »Forum für Stadtentwicklung und Denkmalschutz« versteht - und sich derzeit besonders um die Unterstadt kümmert",

berichtet Hendrik LASCH aus Altenburg, der Kreisstadt des Altenburger Lands. Anlass ist das Treffen des Netzwerks Stadtforen:

"Stadtforen wurden vor allem Anfang der 2000er Jahre in etlichen Städten in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt gegründet; seit 2011 gibt es ein »Netzwerk Stadtforen in Mitteldeutschland«, dessen Mitglieder sich an diesem Wochenende in Altenburg treffen."

In Altenburg war der Abriss eines Barockhauses am oberen Ende des Marktplatzes der Auslöser für die Gründung des Stadtforums im Jahr 2010:

"Den Abriss konnten die Engagierten nicht verhindern; am Platz des Barockhauses steht heute ein wenig einfallsreiches Karree aus Wohn- und Geschäftshäusern. Der geplanten Beseitigung des angrenzenden Straßenzugs widersetzte man sich aber erfolgreich. Zugleich war der Protest der Auslöser für einen festen Zusammenschluss."

Netzwerksprecher der Stadtforen ist der Fraktionschef der Grünen im sächsischen Landtag, Wolfram GÜNTHER, der die Gegner der Bürgerinitiativen in den Reihen von Vermietern, Handelskonzernen und Verkehrsplanern sieht:

"Für diese ist es womöglich attraktiver, Wohnhäuser neu zu bauen, statt alte zu sanieren; Einkaufsparks mit Großparkplätzen an den Stadtrand zu setzen; Straßen zu breiten Magistralen auszubauen, damit der Autoverkehr möglichst ungehindert rollt. Dem Bild der Städte und den Bedürfnissen der in ihnen lebenden Bürger ist das freilich eher nicht zuträglich. In Altenburg braust durch die Kanalstraße oft so viel Verkehr, dass an geruhsamen Einkaufsbummel nicht zu denken wäre. Rund um den Markt erstirbt nach Ladenschluss jegliches Leben, weil Eigentümer (...) mit Mieteinnahmen der Geschäfte zufrieden sind und es nicht für nötig halten, darüber liegende Wohnungen zu sanieren und zu vermieten."

Mit Aktionen im Rahmen des "Tages der Nachbarn" oder dem Tag des offenen Denkmals will das Stadtforum auf Entwicklungsalternativen hinweisen. Das Ende von Bevölkerungsrückgängen soll zur Renaissance der vernachlässigten Stadtzentren führen:

"Die zurückliegenden Jahrzehnte waren von Wegzug, Verfall und dem Sterben von Firmen und Länden geprägt; Altenburg etwa schrumpfte von 56.000 auf 32.000 Einwohner. Jetzt scheint es eine Trendwende zu geben. Weil die Mieten in der Metropole Leipzig steigen und bezahlbare Wohnungen, Büros  sowie Kreativräume knapp werden, geraten Orte wie Wurzen, Zeitz und Torgau wieder in den Blick - oder eben Altenburg, das einst sogar zum Bezirk Leipzig gehörte",

meint LASCH, der damit auf das neoliberale Konzept von "Überschwappeffekten" setzt, bei dem sich erweiternde Speckgürtel um die Leuchtturmpolitik der Metropolen und Ballungsräume ergeben. Dieses Konzept lebt jedoch von einem immerwährenden Aufschwung, aber den gibt es bekanntlich nicht!

Bei den Kommunalwahlen im Mai 2019 kam das Stadtforum Altenburg auf 13,8 % (5 von 36 Sitze)   

OBERTREIS, Sarah (2019): Läuft bei denen.
Seit Erfurt ein ICE-Knotenpunkt ist, hat sich die Wahrnehmung der Stadt verändert - die Leute nennen sie "Boomtown". Doch das starke Wachstum gefällt längst nicht allen,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 09.05.

"Die Ambitionen der Erfurter Kulturszene (...)(haben) viel mit zwei neuen ICE-Strecken zu tun, die im Dezember 2017 Jena und Weimar ins Abseits schoben, Erfurt dafür aber nach vorn brachten. Berlin, München und Frankfurt sind nun von Erfurt mit der Bahn so schnell zu erreichen wie von keiner anderen Stadt aus. (...).
Die Stadt liegt nur 50 Kilometer entfernt von der geographischen Mitte Deutschlands, aber den Rest des Landes hat das bisher kaum interessiert, sieht man von den Logistikern ab, die dank dem Autobahnkreuz aus A4 und A71 schon relativ früh entdeckt haben, dass sich hier strategisch günstig und ohne Mangel an Arbeitskräften ein Niedriglohnsektor etablieren ließ, der derzeit mit rund 3.000 Stellen von Zalando angeführt wird. (...).(A)ber mit modernen Gewerbegebieten kamen nicht nur Batteriezellenhersteller und IT-Anbieter in die Region, die neuen ICE-Strecken haben auch viel mehr Touristen, Kongressteilnehmer und Beratungsunternehmen in die Stadt gelockt. (...). Im sozialdemokratisch regierten Rathaus bereitet das Thema gute Laune. (...). Und da war von der 140 Millionen Euro teuren Bundesgartenschau in zwei Jahren noch gar keine Rede.
Etwa 214.000 Menschen wohnen mittlerweile in Erfurt. Der historische Höchststand vor 30 Jahren mit 220.000 Einwohnern rückt wieder näher. Fast drei Viertel der Zuziehenden seien jünger als 30, erklärt der Bürgermeister stolz",

berichtet Sarah OBERTREIS über die Sorglosigkeit der Erfurter SPD-Obertanen in einem Bundesland, das ringsum abgehängt ist:

"Zwar werden in 15 Jahren weite Teile im Osten des Bundeslandes wohl kaum noch besiedelt sein. Das legen Zahlen des Thüringer Landesamts für Statistik nahe. Aber Erfurt liegt in der Mitte des Bundeslands, hier sagen die Statistiker Wachstum voraus."

Doch es gibt auch Sorgenkinder in Erfurt: zum einen der Flughafen Erfurt-Weimar und zum anderen der insolvente Buchgroßhändler Koch, Neff und Volkmar (KNV). Die abgehobene Parteielite und ihre Bürokratie sorgt sich vornehmlich um genügend Betten für die erwarteten Touristen, die die "perfekt renovierte Altstadt" besuchen sollen.

Erfurter Skyline, Foto: Bernd Kittlaus 2018

Das Prestigeobjekt "ICE-Stadt" östlich des Hauptbahnhofs wird als "Jahrhundertchance" gepriesen, ruft aber auch die Opposition auf den Plan:

"In dem neuen Stadtviertel baut die Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen (LEG) nicht nur Wohnungen, sondern auch Büros für etwa 500 Mitarbeiter der Bahn, ein Parkhaus und ein »Promenadendeck«. Hier sollen außerdem die ersten beiden Hochhäuser Erfurts in den Himmel ragen: der Tower West und der Tower Ost. (...).
Sebastian Perdelwitz und Steffen Präger von der Bürgerinitiative »Mehrwertstadt« (...) sind die lokalen Wachstumskritiker. Perdelwitz holte bei der Oberbürgermeisterwahl im vergangenen Jahr 9,5 Prozent. Selbst OB Bausewein geht davon aus, dass »Mehrwertstadt« nach den Kommunalwahlen eine wichtige Rolle im Stadtrat spielen wird.
Präger und Perdelwitz finden, die Stadt- und Landesregierung rollen den Investoren aus dem Westen den roten Teppich aus und vergessen dabei die Anliegen der Erfurter Bevölkerung. Die Stadt werbe mit Sonnenstunden und Golfplätzen, gleichzeitig würden alarmierende Studienergebnisse zur sozialen Segregation in Erfurt kleingeredet."

Bei den Kommunalwahlen im Mai hat die SPD die Quittung erhalten. Sie fuhr mit 11,4 Prozent die höchsten Verluste ein und ist nun mit 17,1 Prozent (9 Sitze) nur noch zweitstärkste Fraktion im Stadtrat hinter der CDU (19,6 %; 10 Sitze). Die im Land regierende Linke blieb zwar drittstärkste Fraktion, schrumpfte jedoch auf 16,5 % (8 Sitze) und liegt damit nur noch knapp vor der AfD (14,9 %; 7 Sitze). Die Gruppierung "Mehrwertstadt" kam auf 7,3 % (4 Sitze) und rangiert damit hinter den Grünen mit 11,8 Prozent (6 Sitze) der insgesamt 51 Sitze im Erfurter Stadtrat.     

HAAK, Sebastian (2019): Erwartbares und Überraschendes in Thüringen.
Kommunalwahl in Thüringen: Wie AfD und andere Neonazis auch bei der Kommunalwahl im Freistaat abräumen,
in:
Neues Deutschland v. 28.05.

"In einzelnen Kommunen Thüringens ist dieser Rechtsruck besonders heftig: So ist die AfD etwa in Gera mit Abstand stärkste Kraft geworden. Nach der dort am Nachmittag bereits abgeschlossenen Auszählung hat die Partei in der Stadt 28,8 Prozent der Stimmen erhalten; die Linke ist dort zweitstärkste Kraft geworden, sie hat 18,3 Prozent der Stimmen bekommen.
Diese Wahlergebnisse erklären übrigens auch, warum Rechtsrock-Konzerte ausgerechnet in bestimmten Orten des Landes stattfinden. Immer mehr davon gibt es in Thüringen. Das hat sicher damit zu tun, dass viele Menschen etwa in Kloster Veßra oder Themar gedanklich ganz weit am rechten Rand der Gesellschaft sind",

meint Sebastian HAAK. Aus der folgenden Tabelle ist die Sitzverteilung in den Stadt- bzw. Gemeinderäte der Gemeinden Gera, Kloster Veßra und Thema ersichtlich.  

Tabelle: Die Stimmenanteile der drei stärksten Parteien bei den Stadtrats- bzw. Gemeindewahlen in Gera, Kloster Veßra und Themar
Rang Kloster Veßra
(247 Wahlberechtigte)
Themar
(2.424 Wahlberechtigte)
Gera
(78.537 Wahlberechtigte)
1 Feuerwehrverein Neuhof e. V. (2 Sitze) 35,7 % Pro Themar 53,1 % (8 Sitze) AfD 28,8 % (12 Sitze)
2 Heimat Z-N-K (2 Sitze) 26,3 % Linke 23,9 % (3 Sitze) Die Linke 18,3 % (8 Sitze)
3 BZH Bündnis Zukunft HBN (1 Sitz) 19,9 % BZH 14,8 % (2 Sitze) CDU 12,9 % (6 Sitze)
Quelle: wahlen.thueringen.de

Die von Sebastian HAAK genannten Ergebnisse für Kloster Veßra und Themar stimmen nicht mit diesen Ergebnissen überein. Die AfD ist weder im Gemeinderat von Kloster Veßra, noch von Themar vertreten. HAAK spielt jedoch auf das Bündnis Zukunft Hildburghausen (BZH) an. Die AfD sitzt jedoch im Kreistag des Landkreises Hildburghausen und kommt dort auf 5 der 40 Sitze. Das BZH kommt auf 3 Sitze. Beide Gruppierungen zusammen kommen auf ein Fünftel der Sitze.

LANDESWAHLLEITER (2019): Amtliches Endergebnis der Europawahl 2019 im Land Thüringen,
in: Pressemitteilung des Landeswahlleiter Thüringen v. 12.06.

WZB (2019): Zuwanderung vor allem in arme Stadtviertel.
WZB-Studie zeigt große Unterschiede bei sozialräumlicher Verteilung,
in: Pressemitteilung Wissenschaftszentrum Berlin
v. 05.07.

Aus der folgenden Tabelle sind die 12 Städte ersichtlich, in denen die soziale Segregation zwischen 2014 und 2017 am stärksten zugenommen hat:

Tabelle: Die 12 Städte mit dem höchsten Anstieg sozialer Segregation 2014 - 2017
Rang Land Stadt Stadttyp Wohnungsleerstand
im Jahr 2014
SGB-II-Quote
im Jahr 2017
Veränderung
SGB-II-Quote
2014 - 2017
1 Thüringen Jena Großstadt 4 % 39,2 % + 7,3 %
2 Mecklenburg-Vorpommern Schwerin (Landeshauptstadt) Mittelstadt 12 % 45,5 % + 5,5 %
3 Sachsen-Anhalt Halle an der Saale Großstadt 12 % 40,0 % + 4,6 %
4 Mecklenburg-Vorpommern Stralsund Mittelstadt 9 % 24,6 % + 4,3 %
5 Sachsen-Anhalt Magdeburg (Landeshauptstadt) Großstadt 10 % 26,5 % + 3,7 %
6 Brandenburg Potsdam (Landeshauptstadt) Großstadt 3 % 41,5 % + 3,5 %
7 Nordrhein-Westfalen Hagen Großstadt 8 % 33,4 % + 3,3 %
8 Mecklenburg-Vorpommern Wismar Mittelstadt 8 % 21,7 % + 3,2 %
9 Nordrhein-Westfalen Gelsenkirchen Großstadt 8 % 19,4 % + 3,1 %
10 Mecklenburg-Vorpommern Neubrandenburg Mittelstadt 9 % 35,2 % + 2,8 %
11 Sachsen Dresden (Landeshauptstadt) Metropole 4 % 28,2 % + 2,7 %
12 Sachsen Leipzig Metropole 8 % 29,2 % + 2,2 %
Quelle: WZB-Diskussionspapier, Tabelle Anhang, S.52ff.; eigene Berechnungen

Die thüringische Großstadt Jena hat im Zeitraum 2014 bis 2017 die größte Steigerung zu verzeichnen gehabt.

NEUES DEUTSCHLAND-Titelgeschichte: Weimarer Verhältnisse.
Ein Allparteienbündnis will verhindern, dass die AfD Einfluss auf die Kulturpolitik in der Klassikerstadt gewinnt

SPECKMANN, Guido (2019): Die Verteidigung der Kulturstadt.
Thüringen: In Weimar wird über einen AfD-Vorsitz im Kulturausschuss gestritten,
in:
Neues Deutschland v. 05.07.

HANSCHKE, Kevin (2019): Im Angesicht von Buchenwald.
Thüringen: Die AfD könnte in Weimar bald den Kulturausschuss führen. Um das zu verhindern, wird eine parlamentarische Tradition ausgesetzt. Die Vorgänge offenbaren ein Problem deutscher Kulturpolitik,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 11.07.

HENGER, Ralph & Michael VOIGTLÄNDER (2019): Ist der Wohnungsbau auf dem richtigen Weg?
Aktuelle Ergebnisse des IW-Wohnungsbedarfsmodells,
in:
IW-Report 28 v. 22.07.

Ein Blick auf die 401 betrachteten Regionen zeigt ebenfalls ein anderes Bild. Aus der folgenden Tabelle sind die 10 Regionen mit dem höchsten Bedarf bzw. dem höchsten Wohnungsüberhang aufgeführt:

Tabelle: Die 10 Regionen mit höchstem Wohnungsfehlbedarf in Deutschland
Rang Land Region Regionstyp Stadttyp Verhältnis Fertigstellungen (2016-2018)
zum Bedarf im Jahr 2020
1 Rheinland-Pfalz Speyer kreisfreie Stadt Mittelstadt 21 %
2 Schleswig-Holstein Kiel kreisfreie Stadt Großstadt 25 %
3 Thüringen Eisenach kreisfreie Stadt Mittelstadt 27 %
4 Rheinland-Pfalz Frankenthal kreisfreie Stadt Mittelstadt 29 %
5 Niedersachsen Braunschweig kreisfreie Stadt Großstadt 35 %
6 Bayern Garmisch-Partenkirchen Landkreis   37 %
7 Hessen Main-Kinzig-Kreis Landkreis   38 %
8 Thüringen Saale-Holzland-Kreis Landkreis   38 %
9 Thüringen Gera kreisfreie Stadt Mittelstadt 39 %
10 Thüringen Weimar kreisfreie Stadt Mittelstadt 40 %
Quelle: IW-Report 28/2019, S.28ff; eigene Berechnungen

Auffällig ist, dass insbesondere in Thüringen Wohnraumbedarf gesehen wird, während in Bayern die höchsten Wohnraumüberschüsse bestehen. Erstaunlich ist, dass sich die "erschöpfte Stadt" Gera unter jenen Städten mit dem höchsten Wohnraumbedarf befindet. Im Zukunftsatlas 2019 belegt Gera Platz 366 (Klassenstufe 7).

HÜTHER, Michael/SÜDEKUM, Jens/VOIGTLÄNDER, Michael (2019): 19 Mal akuter Handlungsbedarf.
Regionalentwicklung: Deutschlands Metropolregionen boomen, während der ländliche Raum und der Osten darben? Eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Kooperation mit Wissenschaftlern vier deutscher Hochschulen wollte es genauer wissen. Das Ergebnis: 19 von insgesamt 96 deutschen Regionen haben Probleme. Längst nicht alle liegen in Ostdeutschland oder auf dem platten Land,
in:
Pressemitteilung IW Köln v. 08.08.

Aus der folgenden Tabelle sind die Raumordnungsregionen mit ihren zugehörigen Landkreisen bzw. kreisfreien Städten der 3 von 11 gefährdeten Regionen in Ostdeutschland ersichtlich, die in Thüringen liegen. Zudem wird für die Landkreise bzw. kreisfreien Städte die Bewertung der Regionen im Zukunftsatlas 2019 angegeben.

Tabelle: Die 19 gefährdeten Raumordnungsregionen in Deutschland im Vergleich mit dem Zukunftsatlas 2019
Rang Land Raumordnungsregion (Nr.) Landkreis/
kreisfreie Stadt
Gefährdungs-
Punkte
Rang (Klasse)
im Zukunftsatlas
2019
8 Thüringen Nordthüringen (1602) Eichsfeld 1,75 289 (5)
Kyffhäuserkreis 386 (7)
Nordhausen 368 (7)
Unstrut-Hainich-Kreis 365 (7)
9 Thüringen Südthüringen (1604) Eisenach 1,75 321 (6)
Hildburghausen 315 (6)
Schmalkalden-Meiningen 360 (7)
Sonneberg 384 (7)
Suhl 324 (6)
Wartburgkreis 274 (5)
13 Thüringen Ostthüringen (1603) Altenburger Land 1,5 389 (7)
Gera 366 (7)
Greiz 367 (7)
Jena 029 (2)
Saale-Holzland-Kreis 372 (7)
Saale-Orla-Kreis 380 (7)
Saalfeld-Rudolstadt 375 (7)
Quelle: IW-Regionalstudie, Abb. 5.9, S.109; Zukunftsatlas 2019 - Auf einen Blick

In Thüringen gibt es nur 4 Raumordnungsregionen, d.h. drei Viertel der Regionen werden vom IW Köln als gefährdet eingestuft.

RIETZSCHEL, Antonie & Jens SCHNEIDER (2019): Mittelfinger des Ostens.
Brandenburg, Sachsen und Thüringen: In den ostdeutschen Wahlkämpfen inszeniert sich die AfD als Erbin der Wende. Obwohl ihre Protagonisten gar nicht dabei waren, gelingt ihr so, worum sich andere Parteien vergeblich mühen: die Stimmung zu treffen,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 06.08.

LOCKE, Stefan (2019): Schwarzburger Republik.
Thüringen: Vor 100 Jahren unterzeichnete Reichspräsident Ebert in Schwarzburg die Weimarer Verfassung. Heute engagieren sich Bürger gegen das Vergessen,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 10.08.

"Die Promenade strahlt in der Sonne, links und rechts erstrecken sich in sattem Grün die Ausläufer des Thüringer Waldes. Der idyllische Anblick jedoch kann nicht darüber hingwegtäuschen, dass die kleine Gemeinde an diesem Augusttag beinahe wie ausgestorben wirkt. (...). Welch ein Kontrast zur vorletzten Jahrhundertwende, als Schwarzburg ein deutschlandweit angesagter Ort für den Erholung suchenden Adel und as aufstrebende Bürgertum gleichermaßen war",

führt Stefan LOCKE in den "Stadtmarketing"-Artikel ein, denn der Förderverein Schloss Schwarzburg will das Jubiläum der Unterzeichnung der Weimarer Verfassung nutzen, um auf die ca. 550 Einwohner zählende Gemeinde, die eher ein Dorf ist, aufmerksam zu machen. Die Gemeinde liegt in der gefährdeten Ostthüringer Planungsregion (Landkreis Saalfeld-Rudolstadt), deren Niedergang LOCKE folgendermaßen beschreibt:

"Zu DDR-Zeiten (...) war er noch einmal eine Urlauber-Hochburg, die Gegend um Schwarzburg zählte nach der Ostsee zu den begehrtesten Erholungsregionen im Arbeiter- und Bauern-Staat. Im Sommer verdoppelten bis zu 2.000 Gäste täglich die Einwohnerzahl und ließen die Region prosperieren. Zwei- bis dreimal am Tag fuhren Züge von Dresden nach Berlin direkt nach Schwarzburg. Nach 1990 jedoch blieben die Touristen weg, die Hälfte der Einwohner verließ die Gemeinde, und als dann auch noch die örtliche Forsthochschule schloss, habe man kaum mehr junge Menschen gesehen. 1996 gründeten Einwohner den Schloss-Förderverein, um auf die Region aufmerksam zu machen und sie wieder zu beleben."

Das ist offenbar gründlich schiefgegangen, denn 1996 lebten noch 728 Einwohner in Schwarzburg. Nun wird die Hoffnung auf das erste Verfassungsfest gesetzt, zu dem SPD-Prominenz angerückt ist.

"Bei den Europawahlen (...) hat die AfD hier knapp 27 Prozent der Stimmen erhalten, fünf Prozent mehr als im Landesdurchschnitt". Baum will dem etwas entgegensetzen, er hat eine »Zukunftswerkstatt« gegründet, die sich auch um den Leerstand im Ort kümmern will",

erklärt uns LOCKE. Die AfD hat zwar bei der Europawahl als stärkste Partei 26,8 Prozent in Schwarzburg erhalten. Im Gemeinderat sitzt sie jedoch nicht, denn dort dominiert die Feuerwehr (5 Sitze) und die FDP mitsamt liberaler Freunde (3 Sitze). Für die AfD im Kreistag votierten 26,6 % (Landkreisergebnis: 22,3 %) der Schwarzburger Wähler. Die AfD lag damit vor der CDU mit 22,3 Prozent (Landkreisergebnis: 22,9 %).

LEHMANN, Timo/MÜLLER, Ann-Katrin/PIEPER, Milena (2019): Sie sind schon da.
Demokratie: In den drei ostdeutschen Bundesländern, in denen bald gewählt wird, ist die AfD längst Volkspartei, sie könnte auf dem ersten Platz landen. Woher schöpft die Partei ihre Kraft? Eine Spurensuche in fünf Gemeinden,
in:
Spiegel Nr.33 v. 10.08.

LEHMANN/MÜLLER/PIEPER stellen zwei AfD-Politiker aus Thüringen vor, die typisch für die kommunale Verankerung der AfD sein sollen. Zum einen:

"Martin Jacob, 61, hat (...) viel zu tun. Die Pflaumenbäume in Weira, Thüringen, spielen verrückt. (...). Seit Januar 1999 ist er außerdem (...) Bürgermeister, ehrenamtlich.
In der hügeligen Siedlung, eine gute Autostunde östlich von Erfurt entfernt, leben knapp 400 Menschen. (...).
Jacob war lange Mitglied der CDU. Seit August 2017 ist er bei der AfD. Seine Wähler hat das nicht verschreckt, sie wählten ihn trotzdem".

Bei der Gemeinderatswahl in Weira erlangten die Freien Wähler alle 6 Sitze. Im Kreistag des Saale-Orla-Kreise wurde die AfD mit 9 von 46 Sitzen nur zweitstärkste Partei (20,6 %) hinter der CDU (31,9 %; 15 Sitze). In Weira bekam die AfD mit 26,9 % überdurchschnittlich viele Stimmen, blieb aber auch hier hinter der CDU zurück (36,1 %).  

zum anderen:

"Harald Frank aus Thüringen.
Der 62-jährige Verleger wartet im Eingangsbereich seiner Druckerei. (...). Frank (war) früher bei den Liberalen, dann ärgerte er sich über deren Europapolitik und trat aus. 2014 landete er bei der AfD, führt nun deren Stadtratsfraktion, mit zwölf Sitzen ist es die größte.
In seiner Druckerei verlegt Frank seit 1993 auch die kostenlose Wochenzeitung »Neues Gera«. (...).
Alte politische Bekannte verteidigen ihn »Harald Frank ist eigentlich ein rechter FDPler«, sagt etwa der Ratsherr der Linken, Daniel Reinhardt. Man kennt sich seit ein paar Jahren aus dem Stadtrat (...). Doch ein anderer Stadtrat, der anonym bleiben will, wirft Frank vor, mit Rechtsradikalen zu paktieren."

Daniel REINHARDT landete bei der Linkspartei bei der Stadtratswahl in Gera nach der Stimmenanzahl nur auf Platz 4 (1.580), weit abgeschlagen hinter seinem Parteikollege Andreas SCHUBERT (8.349 Stimmen).

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 11. August 2019
Update: 16. August 2019