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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Die Entwicklung der Lebenserwartung in Deutschland

 
       
   

Die Debatte um den Anstieg der Lebenserwartung, die Gesundheit Älterer und die Unterschiede der Sterblichkeit und ihre Gründe (Teil 1: 2001 - 2004)

 
       
   

Die Chronologie der Debatte

 
       
   
     
 

Vorbemerkung

Die Entwicklung der Lebenserwartung gilt Demografen und Ökonomen neben der Entwicklung der Geburten in Deutschland als das gesellschaftliche Hauptproblem des demografischen Wandels. Insbesondere die Rentenversicherung und die Krankenversicherung sowie die Pflegeversicherung (Stichworte: Pflegebedarf bzw. Pflegenotstand) erscheint in einer Gesellschaft der Langlebigen als bedroht. Spätestens seit Ende der 1970er Jahre wird das Rentensystem aufgrund der steigenden Altenlast immer wieder vor dem Kollaps gesehen. Leistungseinschnitte oder Privatisierungen gelten Neoliberalen bzw. Nationalkonservativen als einzige Möglichkeit, um die Sozialversicherungssysteme zu retten. Dabei bleiben die zentralen Fragen außen vor: Was bedeutet der Anstieg der Lebenserwartung überhaupt für unsere Gesellschaft? Nicht demografische Aspekte, sondern nicht-demografische Aspekte wie der medizinische und technologische Fortschritt, die Gesundheit jüngerer und älterer Menschen, infrastrukturelle und arbeitsmarktstrukturelle Veränderungen sind in der hier vertretenen Sicht bedeutender. Die Zukunft Deutschlands könnte also ganz anders aussehen als dies die üblichen Prognosen behaupten. Diese Bibliografie widmet sich deshalb in erster Linie jenen Fragen, die gewöhnlich eher vernachlässigt werden, weil sie nicht von mächtigen Interessensgruppen vorangetrieben werden.

Tabelle: Entwicklung der ferneren Lebenserwartung 65-Jähriger
(in Jahren)
Jahr Männer Frauen
Deutschland West Ost Deutschland West Ost
1950

12,98

12,81 13,40 13,92 13,67 14,52
1955

12,57

12,46 12,89 14,03 13,91 14,33
1960 12,19 12,14 12,33 14,24 14,23 14,27
1965 12,23 12,22 12,26 14,84 14,94 14,58
1970 11,92 11,93 11,89 14,83 14,99 14,38
1975 12,10 12,15 11,95 15,31 15,56 14,61
1980 12,75 12,98 12,03 16,25 16,69 14,92
1985 13,30 13,56 12,38 16,95 17,45 15,30
1990 13,98 14,26 12,77 17,63 18,03 16,07
1995 14,69 14,86 13,88 18,55 18,77 17,63
2000 15,72 15,85 15,17 19,50 19,61 19,05
2005 16,71 16,82 16,29 20,22 20,29 19,93
2010 17,47 17,58 17,09 20,69 20,75 20,46
2015 17,67 17,75 17,33 20,84 20,83 20,88
Quelle: Marc Luy, lebenserwartung.info (Stand:04.06.2016)

         

Kommentierte Bibliografie

2001

KIRKWOOD, Tom (2001): Wir sind aufs Leben programmiert, nicht aufs Sterben.
Schöne neue Alten-Welt (1): Als Hundertfünfzigjährige werden wir Triumphe der biologischen Revolution feiern,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v.21.04.

Die FAZ lässt den britischen Gerontologen KIRKWOOD in einer Serie über die veränderten Bedingungen des Alterns zur Wort kommen.

Während der Spiegel von "Greisenstaat" und dem "Aussterben der Deutschen" (seit den 1970er Jahren immer mal wieder das Thema) berichtet, setzt dem die FAZ mit dieser Serie positive Utopien über das Altern entgegen.

Die Titelgeschichte des österreichischen Nachrichtenmagazins Profil liefert dazu die richtigen Kosmetika, damit mann/frau auch mit 150 noch gut aussieht (Profil Nr.17 v. 23.04.2001).

MAYER, Kurt-Martin (2001): Permanent verrechnet.
Die steigende Lebenserwartung bringt Versicherer in die Bredouille. Eine neue Hochrechnung soll helfen,
in: Focus Nr.17 v. 23.04.

Besonders neu ist diese Erkenntnis nicht. Der Bevölkerungswissenschaftler Herwig BIRG hat z.B. in einem WDR-Interview vom 13.07.2000 auf diesen Sachverhalt hingewiesen. Es ist deshalb seit längerem bekannt, dass nicht die Kinderlosen das Hauptproblem des Prozesses sind, der mit "Geburtenrückgang" eigentlich falsch bezeichnet ist. Vielmehr ist die Erhöhung der Lebenserwartung die Ursache für die ständig niedriger werdende Geburtenrate.

Zumindest in den alten Bundesländern hat sich die Anzahl der Geburten seit 1978 erhöht. In den neuen Bundesländern gab es aufgrund des politischen Umbruchs einen Einbruch bei den Geburtenzahlen, die in den gesamtdeutschen Darstellungen der Geburtenrate unsichtbar bleibt (Hier wäre ein Ost-West-Lastenausgleich notwendig).

Wer also andauernd das Aussterben der Deutschen beschwört hat, der suchte nur einen Sündenbock. Wenn sich nämlich die Lebenserwartung erhöht, dann heißt dies, dass sich bei gleich bleibender Geburtenzahl die Altersstruktur verschiebt. Die junge Generation muss also verstärkt Kinder gebären, um diesen Effekt zu kompensieren. Wenn dies aber der Fall ist, dann müssen zur Finanzierung der Familienpolitik alle herangezogen werden. Dies ist aber nicht das einzige Problem der Statistik. Das Gravierendere ist die unzureichende Berücksichtigung der Lebenslaufperspektive.

2002

LUY, Marc (2002): Warum Frauen länger leben. Erkenntnisse aus einem Vergleich von Kloster- und Allgemeinbevölkerung, Materialien zur Bevölkerungsforschung, Heft 106, Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung

Warum Frauen länger leben

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung und Aufgabenstellung
II Hauptteil
1 Theoretische und statistische Grundlagen der Arbeit
1.1 Die geschlechtsspezifischen Sterblichkeitsunterschiede
1.1.1 Einführung in die Thematik
1.1.2 Theorien und Erklärungsversuche für die männliche Übersterblichkeit
1.1.2.1 Verhaltens- und umweltorientierte Erklärungsansätze
1.1.2.1.1 Geschlechtsspezifische Mortalitätsunterschiede innerhalb der menschlichen Lebensspanne und der Todesursachenstruktur
1.1.2.1.2 Die Theorie der "individual freedoms"
1.1.2.1.3 Das unterschiedliche Rauchverhalten von Frauen und Männern
1.1.2.1.4 Die sozio-ökonomische Stressbelastung
1.1.2.1.5 Der Einfluss des Familienstands
1.1.2.1.6 Die ungleiche Selektion der beiden Weltkriege
1.1.2.1.7 Der Einfluss der Schichtzugehörigkeit
1.1.2.2 Die biologischen Erklärungsansätze
1.1.2.2.1 Prä- und neonatale Sterblichkeit
1.1.2.2.2 Die männliche Übersterblichkeit in Tierpopulationen
1.1.2.2.3 Genetische und hormonelle weibliche Schutzeffekte
1.1.2.2.4 Die Theorien von Hayflick und Carey/Lopreato
1.1.2.3 Das Zusammenwirken von biologischen und verhaltensbedingten Einflussfaktoren
1.1.2.4 Der Ansatz dieser Untersuchung
1.2 Mortalitätsanalysen anhand von Klosterdaten
1.2.1 Die Bedeutung von Klosterdaten für eine Mortalitätsanalyse
1.2.2 Ältere Klosterstudien und ihre Ergebnisse im Überblick
1.3 Der Datensatz bayerischer Frauen- und Männerklöster
2 Methodik der Arbeit
2.1 Die Konstruktion von Sterbetafeln
2.1.1 Einführung in Logik und Erstellung von Sterbetafeln
2.1.2 Die Berechnung der Sterbetafelfunktionen
2.1.2.1 Altersspezifische Sterbeziffer und Sterbewahrscheinlichkeit
2.1.2.2 Die Überlebenswahrscheinlichkeit
2.1.2.3 Anzahl überlebender Personen und Survivalrate
2.1.2.4 Sterbefälle der Sterbetafelbevölkerung
2.1.2.5 Von der Sterbetafelbevölkerung durchlebte Jahre und noch zu durchlebende Jahre
2.1.2.6 Durchschnittliche Lebenserwartung
2.1.3 Zur Konstruktion der Periodensterbetafeln für bayerische Klöster
2.1.4 Gewinnung der notwendigen Daten aus dem Klosterdatensatz
2.1.5 Das Kaplan-Meier Verfahren für Längsschnittanalysen
2.2 Testverfahren für statistische Ergebnisse
2.2.1 Varianz, Standardabweichung und Konfidenzintervalle
2.2.2 Statistische Tests für die Sterbetafelfunktionen
2.2.2.1 Nullhypothesen und Annäherung an die wahren Sterbetafelwerte
2.2.2.2 Konfidenzintervalle für die Sterbetafelpunktschätzungen
2.2.2.2.1 Sterbewahrscheinlichkeit im Altersintervall
2.2.2.2.2 Durchschnittliche Lebenserwartung im Alter
2.2.2.2.3 Überlebende Personen im Alter
2.2.2.3 Konfidenzbänder für den Survivalverlauf
2.2.2.3.1 Das Kolmogorov-Smirnov Band
2.2.2.3.2 Das Equal Precision Band
2.2.2.3.3 Das Hall-Wellner Band
3 Auswertung der Klosterdaten
3.1 Die Periodensterbetafeln für bayerische Frauen- und Männerklöster
3.1.1 Der Einfluss von Missionstätigkeit auf die Überlebensverhältnisse von Ordensmitgliedern
3.1.2 Die Konstruktion der Periodensterbetafeln für die bayerische Klosterbevölkerung
3.2 Die Mortalität der bayerischen Klosterbevölkerung im Vergleich mit der deutschen Allgemeinbevölkerung
3.2.1 Vergleich der Sterbewahrscheinlichkeiten
3.2.2 Vergleich der Sterbetafelverläufe
3.2.3 Vergleich der Lebenserwartung
3.2.4 Bedeutung der Ergebnisse für die zugrundeliegende Fragestellung
III Zusammenfassung

KISSLER, Alexander (2002): Abstieg ins Nirgendwo.
In der demographischen Zeitenwende (5): Die Erfindung des Alters,
in: Süddeutsche Zeitung v. 16.09.

CARSTENSEN, Laura L. (2002): Ein Triumph der Kultur.
Die Diskussionen übers Altern werden viel zu negativ geführt, meint die amerikanische Psychologin Laura Carstensen - und plädiert für eine neue Perspektive,
in: Tagesspiegel v. 27.09.

KRAMM, Jutta (2002): Demographie.
Die geriatrische Gesellschaft,
in: Berliner Zeitung v. 19.10.

SERINGHAUS, Peter (2002): Selbstbewusste Senioren.
Die Sicht aufs Alter beginnt sich zu wandeln,
in: Saarbrücker Zeitung v. 02.11.

LACHMANN, Günther (2002): Wie funktioniert eine alternde Konsumgesellschaft?
Die Alten müssen in Zukunft länger und mehr arbeiten und werden eine wichtige Zielgruppe mit neuen Ansprüchen und Möglichkeiten,
in: Welt am Sonntag v. 10.11.

BAIER, Tina (2002): Im Land der Greise.
SZ-Tagesthema Sozialversicherung: Die Überalterung der Bevölkerung birgt gesellschaftliche Sprengkraft,
in: Süddeutsche Zeitung v. 15.11.

WÜLLENWEBER, Walter (2002): Die Last mit den Alten.
Konflikt der Generationen. Die Jungen klagen an! Rentenbeiträge, Krankenversicherung, Steuern - die Belastung wird unerträglich. Ihre Eltern hinterlassen ihnen einen hochverschuldeten, abgewirtschafteten Staat. Gleichzeitig bedienen sie sich rücksichtslos weiter. Eine zornige Abrechnung,
in: Stern Nr.48 v. 21.11.

BONDE, Bettina (2002): Die Alten sind ein Segen.
Deutschland fürchtet die Vergreisung. Doch viele Branchen können sich über die Rentner freuen,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 24.11.

Bettina BONDE hat Sönke JENS vom Forschungsinstitut PROGNOS in Basel aufgesucht. Gemäß ihrer aktuellen Studie profitieren Versicherungen, Freizeit- und Gesundheitsbranche sowie der Maschinenbau vom Rentnerparadies Deutschland.

SEIDL, Claudius (2002): Pro arbeiten bis zum Umfallen, das heißt mindestens bis 80.
FAS-Pro & Contra: Altern macht jünger,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 08.12.

ZIELKE, Anne (2002): Contra arbeiten bis zum Umfallen, das heißt mindestens bis 80.
FAS-Pro & Contra: Jünger des Alters,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 08.12.

TAZ-DOSSIER "Glück im Alter - aber wie?"
in: TAZ v. 13.12.

TIMM, Tobias (2002): Trau' keinem unter Sechzig.
Warum die Überalterung Deutschland verjüngen wird,
in: Süddeutsche Zeitung v. 17.12.

WIESCHE, B. aus der (2002): Die Angst vor der Einsamkeit des Alters,
in: Kölner Stadt-Anzeiger v. 20.12.

"Eine Viertel der Kölner Bevölkerung, etwa 250 000 Menschen, sind älter als 60 Jahre. Ihr Hauptproblem ist nicht etwa materielle Armut - die überwiegende Mehrheit hat ein gutes Einkommen - sondern die Gefahr der Vereinsamung. Betroffen sind vor allem Alleinstehende, Verwitwete und Kinderlose",

behauptet WIESCHE. Die Sozialstatistik und -forschung weis da anderes zu berichten.

SCHLAFFER, Hannelore (2002): Krankheit und Schönheit.
Unsystematisches über das Alter und das Altern,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 21.12.

SCHMIDT, Volker (2002): Alles von meinem Geld.
Wo verprassen unsere Alten eigentlich ihren Reichtum? Die Recherche eines jungen Neiders,
in: Frankfurter Rundschau v. 28.12.

FR (2002): Menschen im 21. Jahrhunderts.
Nach der Krise werden wir nicht nur anders aussehen, sondern auch andere sein. Fünf schriftliche Versuche, den Menschen von morgen ins Bild zu bringen,
in: Frankfurter Rundschau v. 31.12.

Nicht um Menschen, sondern um soziale Typen wie Unternehmer, Rentner, Angestellte, Studentinnen und Arbeitslose geht es den Autoren:

"Zur Zeit erzeugt das Glück des Rentners noch Neid. Aber wir wären ja blöd, wenn wir nicht lernten, das Glück und die Freiheit des Alters als Errungenschaft zu schätzen. Außerdem wird sich zeigen, dass sich das Glück des Rentners zu einem Teil an unserem Unglück nährt. Weil wir voll Neid auf ihn schauen, muss er ja geradezu denken, dass gerade er es noch geschafft hat, dass er der letzte sein wird, der sein Alter sorgenfrei genießen kann. Von wegen. Noch nie haben wir uns so auf den Ruhestand gefreut wie heute" schreibt ALZ zum Rentnerproblem.

2003

OTTO, Annett (2003): Warum Frauen länger leben - noch.
Eine aufschlussreiche Studie über die Lebenserwartung von Nonnen und Mönchen,
in: Berliner Zeitung v. 20.09.

Annett OTTO bringt die Studie des Demografen Mark LUY auf einen knappen Nenner: "Gleichberechtigung ist offenbar lebensgefährlich".

SCHLAFFER, Hannelore (2003): Das Alter. Ein Traum von Jugend, Frankfurt a/M: Suhrkamp Verlag

Das Alter

"Was ist Alter? Wann beginnt es? Wann ist man alt? »Eigentlich gibt es kein Alter«, schreibt Hannelore Schlaffer, »denn wer alt und glücklich ist, kann sich für jung halten.« Ist man also tatsächlich so alt, wie man sich fühlt? Von der Antike, die ein Lob des Alters sang, bis zum Heute der »Selpies« (second life people), der »Uhus« (der Unterhundertjährigen) und der »Mumienpässe« (der Rentnerausweise) sucht die Autorin alle möglichen Figuren und Orte des Alterns auf und entdeckt dabei eine ganze Kultur, die mit der Abwehr von Krankheit und Tod beschäftigt ist. Ernährungswissenschaft, Medizin und Fitneßbewegung gelingt es, Todesangst in Lebenshunger zu verwandeln, und es entstehen neue gesellschaftliche Leitbilder und Statussymbole. Nur eines hat sich wahrscheinlich seit der Antike nicht geändert: »Auch im Alter gibt es zwei Kulturen. Die Art, wie Männer sich das Alter ausmalten und wie Frauen es erlebten und erleben, hat wenig miteinander zu tun.«
Die Kapitel dieses Buches sind Stationen einer Reise durch das Alter: Krankheit und Schönheit; Todesangst und Lebenshunger; Charaktere (Der Senator, Der Großvater, Der große Alte, Der Lebensmüde, Senioren und Seniorinnen); Der alte Mann und das Mädchen; Die unwürdige Greisin."
(Klappentext)

HALTER, Hans & Kathrin HECHT (2003): Land der 100-jährigen Frauen.
In welchen Regionen lebt sich's am längsten? Sterben Arme früher als Reiche? Welche Berufe verkürzen, welche verlängern das Leben? Bevölkerungsforscher haben die steigende Lebenserwartung der Deutschen untersucht und sind dabei auf verblüffende Unterschiede gestoßen,
in: Spiegel Nr.44 v. 27.10.

"Statistisch gesehen macht es einen beträchtlichen Unterschied, ob man ledig, verheiratet, verwitwet oder geschieden ist.
Wer verheiratet ist, lebt am längsten. Die Erklärung: Verheiratete Personen haben in der Regel ein sozial stabiles Umfeld und legen deshalb auch mehr Wert auf ihre Gesundheit. Die psychische Stabilität der Durchschnittsfamilie vermindert den Stress. Der geordnete Alltag mit seinen regelmäßigen Essens- und Schlafenszeiten ist offenbar eine gesunde Lebensweise",

schreiben die Autoren. Keinen Moment lang zweifeln die Journalisten an dem Ansatz, dass der Familienstand entscheidend sei. Es spricht jedoch vieles dafür, dass die Heterogenität der unterschiedlichen Lebensverhältnisse nicht genügend berücksichtigt wird. Liest man weiter dann heißt es dort:

"Lebensverlängernd wirkt die Ehe auf beide Geschlechter. Der Tod des Partners jedoch trifft die Männer härter. Während Witwen ihre Ehepartner um viele Jahre überleben, sterben verwitwete Männer ihren Frauen oft schnell hinterher. »Übersterblichkeit« nennen die Statistiker das und führen es auf die verbreitete Hilflosigkeit der Ehemänner im verwaisten Haushalt zurück."

Nach dieser Erklärung müssten in Zukunft allein wohnende Männer, die gelernt haben einen Haushalt zu führen, einen Vorteil haben. Hier zeigt sich, dass generationenspezifische Besonderheiten nicht berücksichtigt werden.

"Die gesicherte Tatsache, dass ledige und geschiedene Menschen die niedrigste Lebenserwartung haben, öffnet den Spekulationen Tür und Tor. Meist sind die finanziellen Rahmenbedingungen Geschiedener unterdurchschnittlich, der Stress bei der neuen Partnersuche große und der Alkoholverbrauch beträchtlich",

schreiben die Autoren weiter. Nimmt man hinzu, dass "Einkommen (der) einflussreichste Bestimmungsfaktor für die Lebenserwartung" ist, dann kommt der Klassenzugehörigkeit die entscheidende Bedeutung zu. Sowohl unter Singles als auch unter Verheirateten gibt es in dieser Hinsicht große Unterschiede. Für Berlin heißt es:

"In Kreuzberg sterben die Männer circa fünf Jahre früher als in Zehlendorf, die Frauen ungefähr drei Jahre früher. Ganz generell gilt: In Bezirken mit einer ungünstigen Sozialstruktur - viele Arbeitslose und allein Erziehende - lebt es sich kürzer."

2004

GÜNTNER, Joachim (2004): Hinfällige Jugend.
Zweierlei Lebenserwartung für Alt und Jung?
in: Neue Zürcher Zeitung v. 16.06.

GÜNTNER zweifelt die Praxis der linearen Fortschreibung von Trends in der Demographie an. Die ständig steigende Lebenserwartung könnte sich als Irrtum der Demografen herausstellen, behauptet GÜNTNER unter Berufung auf eine WHO-Gesundheitsstudie:

"Schon Kinder haben Alterskrankheiten. Die heutigen Jugendlichen könnten zur ersten Generation werden, die vor ihren Eltern stirbt. Zum Krieg der Generationen taugen diese Kombattanten nicht. Und die gängige Idee, Wohlstandsbürger würden immer älter, könnte sich als Fehlinterpretation einer historischen Ausnahmesituation erweisen."

GÜNTNER sieht - wie Paul NOLTE - einerseits sozioökonomische Faktoren wirken:

"Es ist nicht ganz einfach, die besorgniserregenden Befunde der WHO mit der Zukunftsmusik biowissenschaftlich argumentierender Demographen zu einer schlüssigen Vision zu verquirlen. Die einen erklären schlecht ernährte Jugendliche zu Frühsterblichen, die anderen propagieren eine weitere Vermehrung der über Hundertjährigen. Beides kann stimmen - nur eben für verschiedene Gruppen. Wie bei der Bildungsstudie PISA stehen auch hier wieder Kinder aus sozial schwachen und Migrantenfamilien auf der Verliererseite. Die Scheidelinie zwischen unterschiedlichen Lebensspannen wäre demnach sozioökonomisch bestimmt und nicht etwa durch die Zugehörigkeit zu bestimmten Generationen. Junge stürben nicht deswegen früher, weil sie ausgerechnet heutzutage jung sind, sondern weil sie arm, missachtet, deklassiert und verwahrlost aufwachsen."

Andererseits existieren gemäß GÜNTNER jedoch auch einzigartige historische Faktoren, die die Single-Generation zu "Glückskindern der Geschichte" werden lässt:

"Wir hatten eine begünstigte Jugend. Bewegung bekamen wir genug, denn die Strasse gehörte noch uns, nicht wie heute den Autos, und wir streunten frei herum. Der flexible Kapitalismus war noch nicht erfunden, die Arbeitszeiten der Eltern waren berechenbar, die Mahlzeiten regelmässig. Die Politik liess Schulen und Badeanstalten noch nicht verkommen. Fernsehprogramme, die uns zu Stubenhockern hätten machen können, waren noch kein Problem. Mangel und Überfluss waren in unserem Dasein gerade richtig dosiert. Als Glückskinder der Geschichte haben viele von uns jetzt die Chance, erstaunlich alt zu werden."

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 02. Juni 2017
Update: 09. Juli 2017