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Frühjahrsthema

 
       
   

Steht Deutschland ein nachhaltiger Anstieg der Geburtenrate bevor?

 
       
   

Warum der Einfluss der Kinderlosigkeit auf den Geburtenrückgang in Deutschland stark überschätzt wurde und dadurch andere Ursachen der niedrigen Geburtenrate zu lange vernachlässigt wurden.
 

 
       
   
  • Die Themen des Essays

Einführung
Überhöhte Schätzungen der Kinderlosigkeit führten zu einer Fehleinschätzung der Wirksamkeit bevölkerungspolitischer Maßnahmen
Die überhöhte Zahl von 40 Prozent kinderloser westdeutscher Akademikerinnen führte zu einer weiteren Verengung bevölkerungspolitischer Maßnahmen
Statt die Kinderlosigkeit der Nicht-Akademikerinnen in den Blick zu nehmen wird nach Subgruppen von Akademikerinnen mit hoher Kinderlosigkeit geforscht
Wie schätzt das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung die zukünftige Entwicklung der Geburtenrate ein?

Der Übergang vom ersten zum zweiten Kind wurde in der deutschen Bevölkerungswissenschaft vernachlässigt
Fallbeispiel: Frauenjahrgang 1968 - Späte Mutter mit 43 Jahren
Exkurs: Die 1990er Jahre und die Debatte um Yuppies und die Single-Gesellschaft
Fallbeispiel: Die kinderlose Karrierefrau gerät in ihrem Milieu ins Abseits
Kinderlose Männer, das untererforschte Objekt der Sozialwissenschaft
Fazit: Die Beurteilung der weiteren Entwicklung der Geburtenrate werden erschwert durch die Versäumnisse der Bevölkerungswissenschaft
 
   
     
 

Gerontokratie? Nichts da! Bald kommt der Baby-Boom

"Auf die Jahrgänge 1967 bis 1969 entfallen die absoluten Minima der altersspezifischen Geburtenziffern; in den jüngeren Jahrgängen steigen die Geburtenzahlen wieder an. So hatten 1000 Frauen des Jahrgangs 1968 bis zu ihrem 25. Geburtstag 382 Kinder geboren - beim Jahrgang 1973 waren es zum gleichen Zeitpunkt bereits 421. Die meisten absoluten Tiefststände für einzelne Jahre liegen ebenfalls bereits einige Zeit zurück, mit besonderer Häufung im Jahr 1995: Von keinem Jahrgang wurden so wenige Frauen mit 23 Mutter wie von den 72ern. Bei den 24-jährigen Müttern gebührt diese zweifelhafte Ehre dem 71er-Jahrgang, bei den 25-jährigen den 70ern und bei den 26-jährigen den 69ern. Belegen lässt sich damit bisher nur, dass der seit Mitte der sechziger Jahre andauernde Trend zur Abnahme der Zahl junger Mütter Mitte der neunziger Jahre gestoppt wurde. Aus den bisher vorliegenden Daten ist natürlich nicht zu entnehmen, ob die heute zwischen 20 und 30 Jahre alten Frauen, die bisher mehr Kinder bekommen haben als die vorangehenden Jahrgänge, auch insgesamt mehr Kinder bekommen werden. Wenn sich allerdings herausstellen sollte, dass auf die Jahrzehnte des andauernden Geburtenrückgangs nun eine nachhaltige Steigerung der Geburtenzahlen folgt, also ein zweiter demographischer Übergang, wird als Wendepunkt der Entwicklung wahrscheinlich das Jahr 1995 angegeben werden." [mehr]
(Welt vom 19.08.2003)

Einführung

Als Detlef GÜRTLER im Jahr 2003 schrieb, dass bald der Baby-Boom kommt, da sollte  dieser Artikel ein ganzes Jahrzehnt über mehr oder weniger die einzige journalistische Gegenstimme gegen das Gerede vom Geburtenrückgang sein, das damals zusammen mit der Angst vor dem Aussterben der Deutschen bzw. dem Niedergang der deutschen Intelligenz aufgrund der hohen Kinderlosigkeit der Akademikerinnen die Berliner Republik beherrschte. Typisch war die Frage von Susanne GASCHKE: Wo sind die Kinder? Deutschland galt als Land der Egoisten und die Forderung (man könnte es auch als Prophezeiung lesen) wurde laut: Kein Nachwuchs, keine Rente.

Wie kam GÜRTLER zu seiner abweichenden Meinung vom konformistischen Mainstream? Im Gegensatz zur damals üblichen Praxis in der nationalkonservativen Bevölkerungswissenschaft, berief sich GÜRTLER nicht auf die zusammengefasste Geburtenziffer (TFR), auch als Geburtenrate bezeichnet, sondern auf die Kohortenfertilität (CFR), d.h. die endgültige Kinderzahl von Frauenjahrgängen. Während ausländische Demografen längst die Verzerrung der Geburtenrate durch das ansteigende Erstgebäralter diskutierten, weigerte sich die nationalkonservative Bevölkerungswissenschaft in Deutschland, dessen herausragender Vertreter Herwig BIRG ist, beharrlich diese Erkenntnisse zu popularisieren. Auf dieser Website wurde bereits im Jahr 2001 - im Zusammenhang mit dem Pflegeurteil des Bundesverfassungsgerichts - auf diesen Aspekt hingewiesen. Die Berliner Zeitung berichtete damals über die Sichtweise der Demografen Ron LESTHAEGHE und David COLEMAN, wonach der Geburtenrückgang keineswegs jene Ausmaße erreicht hat, die in Deutschland diskutiert wurden. Tom LEVINE schreibt dazu:

Praktizierte Gleichberechtigung - größere Kinderzahl

"Die Frauen der Jahrgänge 1957 bis 1961 etwa hätten zwar viel später mit dem Kinderkriegen angefangen als ihre Vorgängerinnen, aber dann aufgeholt: Die Geburtenrate ihrer Altersgruppe liegt bei rund 1,6 Kindern pro Frau ; verglichen mit 1,8 für die Jahrgänge 1942-1946. Die heute 35- bis 40-Jährigen hätten bereits jetzt eine Rate von 1,5 erreicht - obwohl sie sich durchschnittlich noch länger Zeit gelassen hätten, bevor das erste Baby kam." [mehr]
(Berliner Zeitung vom 14.04.2001)

Mit den 35- bis 40-Jährigen sind die 1961 bis 1965 geborenen Frauen gemeint. Der Frauenjahrgang 1961 hat inzwischen eine endgültige durchschnittliche Kinderzahl von 1,63, der Frauenjahrgang 1965 von 1,55 Kindern pro Frau erreicht. Die Frauenjahrgänge 1961 bis 1965 erreichten also eine durchschnittliche Kinderzahl von 1,59 (vgl. Statistisches Bundesamt). Das sind 90 Geburten pro 1000 Frauen mehr als 2001 von den fortschrittlichsten Demografen angenommen und 190 (TFR = 1,3) bis 290 Geburten (TFR = 1,4)  pro 1000 Frauen mehr als die zusammengefasste Geburtenziffer (TFR) der Nuller Jahre suggerierte. Die damalige Fehleinschätzung lag in erster Linie an der Überschätzung der Kinderlosigkeit in den jüngeren Frauenjahrgängen.

Überhöhte Schätzungen der Kinderlosigkeit führten zu einer Fehleinschätzung der Wirksamkeit bevölkerungspolitischer Maßnahmen

In seinem viel beachteten Bestseller Die demographische Zeitenwende (Die SZ benannte danach sogar eine ganze Demografie-Serie) veröffentlichte Herwig BIRG seine Schätzung der Paritätsverteilung bei den Frauenjahrgängen 1940 - 1965. Ein Vergleich mit der Paritätsverteilung des Mikrozensus 2012 zeigt folgende Differenzen:   

Tabelle 1: Vergleich der Paritätsverteilung der Frauenjahrgänge
1940 - 1965 bei Herwig Birg und dem Mikrozensus 2012
Jahrgang

Paritätsverteilung (Anteile in Prozent)

Birg MZ Birg MZ Birg MZ Birg MZ Birg MZ
0 1 2 3 4+
1940 10,6 12,2 26,4 23,3 34,1 37,9 18,5 17,1 10,4 9,5
1945 13,0 12,0 30,4 28,5 34,6 39,4 14,0 14,2 8,0 5,9
1950 15,8 13,7 29,4 27,8 34,3 39,8 13,1 13,5 7,4 5,2
1955 21,9 15,6 24,9 25,5 33,5 39,7 12,5 13,9 7,3 5,2
1960 26,0 17,9 21,6 22,5 32,4 41,3 12,4 13,0 7,7 5,3
1965 32,1 20,3 17,6 24,8 31,2 38,0 11,1 12,4 8,1 4,4
Quelle: Birg = Herwig Birg 2001, S.77; MZ = Martin Bujard & Detlev Lück 2015,
S.262; eigene Darstellung. Bei Birg wurden die Werte je 1000 Frauen
angegeben, während sie hier als Prozentanteile dargestellt werden. Im Gegensatz
zu Bujard & Lück wurden die Paritäten 4 und 5+ in dieser Darstellung zu 4+
zusammengefasst.

Vergleicht man die Paritätsverteilung bei BIRG (2001) und BUJARD & LÜCK (2015) so wird bei BIRG der Anteil der Kinderlosen bei den jüngeren Frauen um bis zu 58 % überschätzt (Frauenjahrgang 1965). Der Anteil der Frauen mit 4 und mehr Kindern bei den jüngeren Frauen wird sogar bis zu 84 % (Frauenjahrgang 1965) überschätzt. Dagegen wird der Anteil der jüngeren Frauen mit nur einem Kind um bis zu 29 % (Frauenjahrgang 1965) unterschätzt. Der Anteil der Frauen mit zwei Kindern wird um 17,9 % unterschätzt. Lediglich die Werte für Frauen mit 3 Kindern wurden von BIRG annähernd richtig geschätzt.

Aus der von BIRG geschätzten Paritätsverteilung ergibt sich fälschlicherweise, dass der Geburtenrückgang hauptsächlich vom Anstieg der Kinderlosigkeit bei den Frauenjahrgängen 1940 bis 1965 verursacht wurde. Konsequenterweise wurde deshalb in der Bekämpfung der Kinderlosigkeit die Lösung für den Anstieg der Geburtenrate in Deutschland gesehen. Diese Sichtweise wurde erst in jüngster Zeit in Frage gestellt (vgl. z.B. BUJARD & LÜCK 2015).

Die überhöhte Zahl von 40 Prozent kinderloser westdeutscher Akademikerinnen führte zu einer weiteren Verengung bevölkerungspolitischer Maßnahmen

Während Herwig BIRG das gesamte Niveau der Kinderlosigkeit in Deutschland betrachtete, richtete sich das Hauptaugenmerk der Medien und der Politiker auf die kinderlosen Akademikerinnen des  Frauenjahrgangs 1965, dem eine 40 %ige Kinderlosigkeit zugeschrieben wurde. BUJARD et al. (2015) sehen überhöhte Werte für diese Gruppe in den Jahren 1995 bis 2005 im Umlauf. Tatsächlich heißt es noch in der 7. Auflage des 2008 erschienen familiensoziologischen Fachbuchs Familienformen im sozialen Wandel von Rüdiger PEUCKERT, dass sich die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen in Westdeutschland auf 40 % zu bewegt (vgl. 2008, S.131). Erst in der 5. Auflage aus dem Jahr 2004 findet sich bei PEUCKERT das Kapitel Steigende Kinderlosigkeit als entscheidende Steuerungsgröße der Geburtenentwicklung. Selbst in dem 2015 erschienenen Buch Kritik des Familismus von Gisela NOTZ werden mit Bezug auf einen Spiegel-Artikel vom September 2005 noch die Zahl von 40 % kinderlosen Akademikerinnen verbreitet ohne dass zumindest in einer Fußnote darauf hingewiesen wird, dass diese Zahl weit überhöht war.

Dagegen war die Zahl von 40 % kinderlosen Akademikerinnen nicht bereits 1995 im Umlauf wie BUJARD et al. (2005) behaupten, sondern fand sich erst in einer wissenschaftlichen Publikation 1998 (mehr hier) und 1999 in der Spiegel-Titelgeschichte Die Baby-Lücke. Die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen stand im Mittelpunkt der nachhaltigen Familienpolitik, in deren Zentrum wiederum die Durchsetzung des Elterngeldes stand. Kurz nach der vorzeitigen Bundestagswahl 2005 wurde das Buch Die Emanzipationsfalle der ZEIT-Redakteurin Susanne GASCHKE auf den Buchmarkt geworfen. Der Untertitel: Erfolgreich, einsam, kinderlos. Damit waren die Akademikerinnen gemeint. Das Buch suggerierte sogar, dass zukünftig 50 % der Akademikerinnen kinderlos bleiben werden.

Die Emanzipationsfalle

"Bis zu ihrem fünfunddreißigsten Lebensjahr bleiben laut Mikrozensus des Statistischen Bundesamts inzwischen zweiundsechzig Prozent der Hochschulabsolventinnen kinderlos. Auch wenn es bei ihnen einen deutlichen Trend zur »späten Mutterschaft« mit Mitte, Ende dreißig gibt: Wie viele von ihnen werden bis Anfang vierzig wirklich noch Kinder bekommen? Zehn Prozent? Zwanzig? Demografen gehen für die Zukunft davon aus, dass etwa die Hälfte aller Akademikerinnen für immer kinderlos bleiben werden."
(2005, S.72)

Um eine Vorstellung davon zu gewinnen um welche Größenordnungen es sich bei den betrachteten Akademikerinnen handelt, ist ein Blick auf die Fallzahlen des Mikrozensus 2012 für die Kinderlosen der Frauenjahrgänge 1960 bis 1971 aufschlussreich:

Tabelle 2: Anteil der Kinderlosen an den Frauenjahrgängen 1960 bis 1971 nach unterschiedlichen Bildungsstufen (Mikrozensus 2012; N = 63.593)
  ISCED 1 ISCED 2 ISCED 3 ISCED 4 ISCED 5B ISCED
5A + 6
Anteil
Kinderloser
(in Prozent)
15,96 14,85 17,66 25,62 21,31 26,76
Fallzahlen
(N)
2.019 6.717 33.165 5.657 7.053 8.982
Quelle: Martin Bujard et al. 2015, S.352; eigene Darstellung
Anmerkungen: ISCED 1 = ohne Abschluss; 2 = Haupt- bzw. Realschulabschluss;
3 = Lehre oder Hochschulreife; 4 = Lehre und Hochschulreife; 5 B = Meister; 5 A + 6 = Hochschulabschluss (inklusive Promotionen)

Wer nur die Akademikerinnen (ISCED 5A + 6) im Blick hat, der ignoriert die mehr als 3 mal so große Gruppe der Frauen mit Lehre oder Hochschulreife, die eine fast gleich hohe Kinderlosigkeit wie die Akademikerinnen aufweist. Mit den Promotionen wird zudem eine Subgruppe von Akademikerinnen erfasst, die besonders spät Kinder bekommt (mehr hier). Jürgen DORBRITZ (2015, S.306) beziffert den Anteil der kinderlosen Akademikerinnen der Frauenjahrgänge 1964 bis 1968 mit 30,8 % (West: 33,1 %; Ost: 14,0 %). BUJARD (2015, S.281) kommt dagegen für die Frauenjahrgänge 1960 bis 1969 auf 27,2 % (West: 29,1 %; Ost: 20,2 %). Die unterschiedlichen Werte für West- und Ostdeutschland sind dem Umgang mit Berlin geschuldet (mehr hier).

Statt die Kinderlosigkeit der Nicht-Akademikerinnen in den Blick zu nehmen wird nach Subgruppen von Akademikerinnen mit hoher Kinderlosigkeit geforscht

Die Strategie der Nuller Jahre setzt sich nun innerhalb der Subgruppe der Akademikerinnen fort. Das Motto: Wer findet das höchste Niveau an Kinderlosigkeit unter den Akademikerinnen?

Tabelle 3: Anteil der Kinderlosen an den Frauenjahrgängen 1950 bis 1969 ohne Migrationshintergrund in Großstädten nach unterschiedlichen Bildungsstufen (Mikrozensus 2012)
  ISCED 1 + 2 ISCED 3 + 4 + 5B (ISCED
5 A + 6)
1950-1954 21,6 % (N = 429) 25,0 % (N = 2.067) 34,9 % (507)
1955-1959 20,1 % (N = 452) 26,6 % (N = 2.374) 38,7 % (628)
1960-1964 23,6 % (N = 483) 30,8 % (N = 2.676) 38,4 % (780)
1965-1969 24,6 % (N = 417) 33,2 % (N = 2.642) 37,5 % (920)
Quelle: Martin Bujard 2015, S.283; eigene Darstellung
Anmerkungen: ISCED 1 = ohne Abschluss; 2 = Haupt- bzw. Realschulabschluss;
3 = Lehre oder Hochschulreife; 4 = Lehre und Hochschulreife; 5 B = Meister; 5 A + 6 = Hochschulabschluss (inklusive Promotionen)

Betrachtet man die Tabelle, dann fällt auf, dass die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen an den westdeutschen Frauenjahrgängen 1955 bis 1959 in Großstädten mit mehr als 100.000 Einwohnern mit 38,7 % ihren Höhepunkt hatte. Seitdem ist sie bis zu den Jahrgängen 1965 bis 1969 geringfügig zurückgegangen. Ausgeblendet werden hier die in den 1970er Jahre geborenen Frauen, die verstärkt vom Ausbau der Kinderbetreuung in Westdeutschland profitieren. Die weitaus größte Gruppe der Frauen mit mittlerer Bildung (ISCED 3 + 4 + 5B) mit mehr als doppelt so vielen Kinderlosen verzeichnet einen Anstieg der Kinderlosigkeit von 8,2 %. Ein Rückgang der Kinderlosigkeit bei den Akademikerinnen um 1 % würde sich also auf die Geburtenrate wesentlich weniger auswirken als ein Rückgang bei den Frauen mit mittlerer Bildung. Der Blick auf die hohe Kinderlosigkeit von akademischen Subgruppen verdeckt die Tatsache, dass die Akademikerinnen aufgrund ihrer noch immer geringen Quantität keinesfalls einen großen Beitrag zur Steigerung der Geburtenrate leisten konnten, wenn die anderen Gruppen missachtet werden. Wie das jedoch bei den in den 1970er Jahren geborenen Frauen aussieht, das wäre die wichtigere Frage, bei denen uns die Analysen der Mitarbeiter des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung im Stich lassen. Erst der Mikrozensus 2016 könnte hier ein genaueres Bild liefern.

Wie schätzt das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung die zukünftige Entwicklung der Geburtenrate ein?

Im aktuellen Heft der Zeitschrift für Familienforschung beurteilen DORBRITZ sowie BUJARD et. al. auch die weitere Entwicklung des Fertilitätsniveaus in Deutschland.

Paritätsverteilungen nach Geburtsjahrgängen, Lebensformen und Bildung bei besonderer Beachtung von Kinderlosigkeit und Kinderreichtum

"In den Fertilitätsmustern der jüngeren Kohorten lassen sich keine so deutlichen Veränderungen feststellen, die auf einen anstehenden Wandel des Fertilitätstrends hindeuten."
(2015, S.310)

"Insgesamt gesehen besteht in Deutschland eine Kombination von sozioökonomischen und kulturellen Einflussfaktoren, die contra Kinderreichtum und pro Kinderlosigkeit wirken. Nach diesen Ergebnissen kann davon ausgegangen werden, dass ein soziales Klima entstanden ist, in dem ein deutlicher Anstieg des Fertilitätsniveaus nur schwerlich realisierbar zu sein scheint." [mehr]
(2015, S.319)

DORBRITZ ist angesichts eines oberflächlichen Vergleichs der Paritätsverteilung in den Frauenjahrgängen 1964-1968 und 1974-1978 eher skeptisch was einen nachhaltigen Anstieg der Geburtenrate in Deutschland angeht. Aus der folgenden Tabelle ist der Zusammenhang von Lebensform (verheiratet, zusammenwirtschaftend; unverheiratet, zusammenwirtschaftend; nicht zusammenwirtschaftend oder partnerlos) und die Verteilung auf die Paritäten 0 (Kinderlose) und 3+ (Kinderreiche) ersichtlich.

Tabelle 4: Anteil der Kinderlosen und Kinderreichen an den Frauenjahrgängen 1964-1968 und 1974-1978 nach Lebensform in Deutschland, West- und Ostdeutschland (Mikrozensus 2012)
  Deutschland
  Kinderlose Kinderreiche
  Ehe NELG Ohne Ehe NELG Ohne
1964-1968 11,8 % 34,7 % 39,3 % 19,4 9,8 11,3
1974-1978 14,5 % 44,0 % 58,3 % 16,0 5,3 6,0
Quelle: Jürgen Dorbritz 2015, S.306; eigene Darstellung

Die Zahlen suggerieren, dass sich der Trend zu Kinderlosigkeit und der Rückgang fortgesetzt hat. Dies ist aber aus der Tabelle nicht ersichtlich, denn die Frauenjahrgänge 1964-1968 waren im Jahr 2012 zwischen 44 und 48 Jahren alt, haben ihre endgültige durchschnittliche Kinderzahl fast erreicht, während die 1974-1978 geborenen Frauen erst 34 bis 38 Jahre alt waren. Angesichts der Tatsache, dass viele Kinderlose erst spät Kinder bekommen, ist die Aussagekraft der Zahlen eher gering. Ein Vergleich zwischen dem Mikrozensus 2008 und 2012 hinsichtlich der Altersgruppen 34 bis 38 Jahre wäre hier angebrachter gewesen - selbst bei etwas geringerer Validität der Daten aus dem Jahr 2008. Aufgrund fehlender Angaben zu den Fallzahlen lässt sich auch nicht die Größenordnung der jeweils betrachteten Lebensformgruppe ersehen. Höhere Kinderlosigkeit bei kleinen Fallgruppen beeinflusst die Geburtenrate möglicherweise weniger als eine vergleichsweise niedrigere Kinderlosigkeit bei einer großen Fallgruppe. Auch Verschiebungen innerhalb der Paritäten 1 und 2 bleiben unbetrachtet. Das größte Manko jedoch ist, dass der Mikrozensus 2012 den Anstieg der Geburtenrate von 2012 bis 2014 (2011: 1,39; 2012: 1,41; 2013: 1,42; 2014: 1,47) nicht widerspiegelt. Aktuelle Geburtentrends können hier also gar nicht diskutiert werden.

Der Übergang vom ersten zum zweiten Kind wurde in der deutschen Bevölkerungswissenschaft vernachlässigt

Im August gab das Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock eine Pressemeldung heraus, nach der es einen Anstieg um 7 % bei den Ein-Kind-Familien gab:

Macht das erste Kind unglücklich, kommen seltener Geschwister

"Tatsächlich liegt die Zahl der Geburten pro Frau aber seit 40 Jahren unter 1,5. Während als Ursache häufig der steigende Anteil von Kinderlosen diskutiert wird, wird vernachlässigt, dass immer häufiger zwar ein erstes Kind kommt – dann aber nicht mehr das ursprünglich gewollte zweite. Lag der Anteil an Ein-Kind­Familien noch bei 25 Prozent für Mütter, die Ende der 1930er-Jahre geboren wurden, hat er für die jetzt etwa 45-jährigen Mütter der späten 1960er-Jahrgänge schon 32 Prozent erreicht. Zum Vergleich: In England und Wales liegt der Anteil für die späten 1960er-Jahrgänge nur bei 21 Prozent." [mehr]
(Pressemeldung der Max-Planck-Gesellschaft v. 05.08.2015)

Rachel MARGOLIS & Mikko MYRSKYLÄ beziehen sich bei ihren Daten auf einen Beitrag von Michaela Kreyenfeld & Dirk KONIETZKA, in dem es heißt:

Parental Well-being Surrounding First Birth as a Determinant of Further Parity Progression

"In Germany, relatively low transition rates to parity 2 is an important component of persistent low fertility. The proportion of mothers who stopped at having one child has been increasing rapidly, from 25 % for the 1935–1939 birth cohort to 32 % for the 1965–1969 birth cohort (Kreyenfeld and Konietzka forthcoming)." [mehr]
(Demography, 04.08.2015)

Der Mikrozensus 2012 zeigt, dass der Anteil von Frauen mit nur einem Kind bei den Frauenjahrgängen 1937 bis 1971 (vgl. BUJARD 2015, S.262) fast unverändert geblieben ist. Der Anteil beim Frauenjahrgang 1938 markiert mit 22,2 % den niedrigsten Wert, während der Jahrgang 1945 mit 28,5 % den höchsten Wert markiert. Der Frauenjahrgang 1971 liegt mit 25,2 % zwischen diesen Polen. Der Anteil der Frauen mit 2 Kindern bewegt sich zwischen 35,2 % (Jahrgang 1937) und 42,5 % (Jahrgang 1953). Der Jahrgang 1971 liegt auch hier mit 38,1 % zwischen diesen Polen. Auf den ersten Blick, also mit den Augen derjenigen, die sich lediglich auf den Anstieg bzw. Rückgang innerhalb von Paritäten konzentrieren, ergibt sich kein Anlass zur Besorgnis. BUJARD et al. schreiben zu den Voraussetzungen eines Anstiegs Folgendes:

Paritätsverteilungen nach Geburtsjahrgängen, Lebensformen und Bildung bei besonderer Beachtung von Kinderlosigkeit und Kinderreichtum

"Voraussetzung für einen nachhaltigen Fertilitätsanstieg ist ein Wandel in den Paritätsstrukturen, getragen von einem Rückgang bei der Parität 0 und Zuwächsen bei den Paritäten 2 und 3. Ein solcher Wandel hat noch nicht grundsätzlich eingesetzt, ist aber in Ansätzen zu erkennen. In der Gruppe der Ungelernten sind ein Rückgang der Kinderlosigkeit und ein Anstieg bei den Anteilen dritter sowie vierter und weiterer Kinder zu erkennen. Generell scheint der Anstieg der Kinderlosigkeit in allen beruflichen Ausbildungsgruppen gestoppt zu sein. Diese Erkenntnis ist vor allem bei den Hochqualifizierten, die maßgeblich zum hohen Niveau der Kinderlosigkeit in Deutschland beitragen, von Bedeutung."
(2015, S.365)"
[mehr]

In dieser Formulierung wird davon ausgegangen, dass die Anteile der Parität 1 gleich bleiben sollen. Dies ist auf zwei Wegen möglich: Zum einen, wenn Frauen, die bislang kinderlos geblieben sind, mindestens zwei Kinder gebären. Zum anderen dadurch, dass bislang kinderlos bleibende Frauen ein Kind gebären. Dann müssten aber jene, die bislang nur ein Kind bekommen haben, zukünftig im gleichen Verhältnis mindestens zwei Kinder bekommen. Genau auf diese Umverteilung zielt die Studie von MARGOLIS & MYRSKYLÄ ab. Die Autoren haben mittels Ereignisanalysen, die mit den Mikrozensen nicht möglich sind, weil dazu ein Längsschnittdesign erforderlich ist (z.B. SOEP), die Übergangswahrscheinlichkeiten berechnet und nach möglichen Ursachen gesucht. Auch solche Ursachensuche ist mittels Mikrozensus nicht möglich, der lediglich Korrelationen, aber keine Kausalitäten aufzeigen kann. Wenn also z.B. DORBRITZ (vgl. Tabelle 4) den Zusammenhang von Lebensform und Kinderlosigkeit in den Blick nimmt, dann bleibt offen, ob die Lebensform Ausdruck der Kinderlosigkeit ist oder deren Ursache.

Fallbeispiel: Frauenjahrgang 1968 - Späte Mutter mit 43 Jahren

Im Jahr 2013 erschien das Buch Ansichten einer späten Mutter der Journalistin Susanne FISCHER. Angesichts der bevölkerungspolitischen Debatte um die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen in den Nuller Jahren verwundert die folgende Selbstbeschreibung nicht:

Ansichten einer späten Mutter

"Ich habe der Statistik ein Schnäppchen geschlagen, hurra! Im jüngsten Fachbericht der Bundesregierung, dem »Familienreport 2011«, zählte ich noch zu den 22 Prozent meines Jahrgangs (1968), die im Jahr 2009 41 Jahre alt und kinderlos waren. Mit mir haben die deutschen Demografen nicht mehr gerechnet. Und meine Familie auch nicht. Wie sagte so charmant meine 80-jährige (kinderlose) Tante, als ich ihr von meiner Schwangerschaft erzählte? »Ich dachte ja eher, du kommst jetzt in die Wechseljahre«.
Mutter mit 43 - darf frau das? (...).
Zu meiner Beruhigung kann ich sagen: Ich bin nicht allein. (...). Die Zahl der Frauen, die mit über 35 Jahren (noch) ein Kind bekommen, steigt von Jahr zu Jahr, vor allem in Westdeutschland und da vor allem in den Städten und unter den Akademikerinnen. Jede vierte Frau in Deutschland bringt inzwischen mit über 35 Jahren ihr erstes Kind zur Welt. Schaue ich mich unter meinen Freundinnen um, kommt es mir sogar vor, als müssten es noch viel mehr sein. Und auch die Zahl der (Erst-)-Mütter über 40 wächst. 2008 lag der Anteil der verheirateten Frauen, die bei der Geburt ihres ersten Kindes 40 Jahre oder älter waren, bei 3,4 Prozent, Tendenz steigend. In München machen die Mütter über 40 sogar schon fünf Prozent aus, in anderen Großstädten sieht es ähnlich aus."
[mehr]
(2013, 22f.)

Selbst bei der von Martin BUJARD et. al. vorgeschlagenen Herangehensweise zur Schätzung der Kinderlosenanteile anhand der Kinder im Haushalt, bliebe das Kind von Susanne FISCHER unerfasst, weil der Auszug von Kindern die Interpretation verzerrt. Beim Mikrozensus 2012 und anhand der Geburtenfrage könnte das Kind erfasst werden. Jedoch lebt Susanne FISCHER in Beirut und ist nur noch zeitweise in Deutschland. Erfasst würde sie nur, wenn sie in Deutschland einen Hauptwohnsitz angemeldet hätte. Von daher hat sie zwar recht, dass die deutschen Demografen mit ihr eher nicht rechnen, ob ihr Kind jedoch nach 2011 in die Rechnung der Demografen eingeht, ist dagegen fraglich.

Susanne FISCHER, Jahrgang 1968, sieht sich als typisch für hochqualifizierte Frauen ihrer Generation (vgl. 2013, S.28), die nicht vor der Frage stehen: früh oder spät zu gebären, sondern ein spätes Kind zu haben oder gar keines:

Ansichten einer späten Mutter

Für "viele von uns lautet die Alternative nicht »Kind mit 25 oder 40«, sondern eher »Kind mit 40 oder gar kein Kind«. Weil wir uns nicht entscheiden wollen zwischen Kind und Karriere, brechen wir den Normallebenslauf - Studium, kurze Berufstätigkeit, Kinderpause, Endstation Teilzeit - auf und entzerren zeitlich Karriere und Familie. Entstanden ist so ein neues biographisches Muster, das der Statistik zufolge an Popularität gewinnt, bei allen damit verbundenen Risiken (...). Die Demografen sprechen von Postponement und Recuperation, vom Phänomen der aufgeschobenen und später im Lebenslauf nachgeholten Geburten, das in allen Industrieländern zu beobachten ist. Die späte Mutterschaft als neue Antwort auf die Frage, ob Frauen alles haben können: Ja, aber wann wir welchen Teil von diesem »alles« wollen, entscheiden wir!" [mehr]
(2013, 30f.)

FISCHER beschreibt sich also als Aufschieberin (mehr hier). Die Journalistin sieht sich nicht als Egoistin, wie viele andere (vor allem Journalistinnen) den späten Müttern vorwerfen, sondern als Pionierin (vgl. 2013, S,31). Die früheren Fehleinschätzungen zur Kinderlosigkeit der Akademikerinnen in Deutschland wendet FISCHER ins Positive:

Ansichten einer späten Mutter

"Wenn durch uns späte Mütter eben nur 30 Prozent der Akademikerinnen kinderlos bleiben und nicht 40 Prozent, ist das bevölkerungspolitisch gesehen doch ein Plus. Und zwar eines, das inzwischen selbst die Aufmerksamkeit der Forscher errungen hat: Dank der wachsenden Zahl später Geburten sei der Abwärtstrend unter Akademikerinnen gestoppt, berichtete im September das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Während die Anzahl der Kinder aller Frauen in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren konstant blieb, bekamen Akademikerinnen wieder etwas mehr Kinder - aber dies eben vor allem als späte Mütter" [mehr]
(2013, 32)

Diese Sichtweise übersieht, dass die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen nur falsch eingeschätzt worden ist, denn sie blieben in Deutschland nie zu 40 Prozent lebenslang kinderlos, sondern die Bevölkerungswissenschaft hat die späten Mütter lediglich ignoriert. Anders formuliert: Man hat ein Phantom bekämpft und dadurch viel mehr Schaden angerichtet als mancher glaubt. Dazu später mehr.

In den so genannten "Mütterkriegen" sieht FISCHER einen Grund für die niedrige Geburtenrate:

Ansichten einer späten Mutter

"Warum nur sind Debatten rund ums Kind in Deutschland so verdammt ideologisch? Ob Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die Frage der richtigen Kinderbetreuung, das beste Alter zum Kinderkriegen oder die Grenzen und Möglichkeiten der modernen Fortpflanzungsmedizin: Die eigene Position gilt als die allein selig machende. Die anderen sind wahlweise Egoisten, Glucken, Rabenmütter, Karrierezicken, Heimchen am Herd oder pfuschen gottlos der Natur ins Handwerk. Da überrascht es wenig, dass Deutschland ein »Niedrig-Fertilitätsland« ist, wie es im Deutsch der Demografen heiß. Weltweit gibt es kein zweites Land mit einer über einen so langen Zeitraum konstant so niedrigen Geburtenrate: Seit vierzig Jahren (!) kommen wir über 1,3 bis 1,4 Kinder pro Frau nicht hinaus. Weltmeister ist Deutschland auch bei der Zahl dauerhaft kinderloser Frauen." [mehr]
(2013, 32)

FISCHER sieht das Feinbild "späte Mutter" als Hindernis für einen Rückgang der Kinderlosigkeit in Deutschland (vgl. 2013, S.38). Das ist ein Aspekt, der beim Leitbildsurvey des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung fehlt - möglicherweise, weil das Institut selber dieses Feindbild aus bevölkerungspolitischen Strategiegründen pflegt.

FISCHER kritisiert auch die mediale Panikmache bezüglich später Geburten, die bis zur aktiven Desinformation reicht:

Ansichten einer späten Mutter

"Niemand behauptet, dass es ideal sei, sein erster Kind mit über 40 zu bekommen. Schon weil es sehr viel schwieriger ist, schwanger zu werden. Die vielen Geschichten aber von Frauen, die problemlos und unauffällig mit Anfang 40 schwanger werden und gesunde Kinder zur Welt bringen, bleiben unerzählt. Über all die Warnungen (...) verlieren wir eines leicht aus dem Blick: 96 Prozent aller Kinder von Müttern über 40 kommen gesund und ohne Komplikationen zur Welt. (...).
Eine regelrechte »Panikmache in Sachen Fruchtbarkeit« diagnostizierte die amerikanische Autorin Elizabeth Gregory in den Medien. »Sie übertreiben oder stellen die Risiken falsch dar«, und das in einem Ausmaß, das an aktive Desinformation grenze."
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(2013, 41)

In dem Fachbuch Zukunft mit Kindern werden aufgrund der Desinformation in Sachen Fruchtbarkeit Regeln formuliert, die auch in deutschen Medien nicht immer eingehalten werden. FISCHER sieht auch in der Klassifizierung "Spätgebärende" ein Relikt aus vergangen Zeiten, das angesichts der Fortschritte der Medizin nicht mehr zeitgemäß sei:

Ansichten einer späten Mutter

"Die künstliche Schreckensschwelle 35 wurde in den siebziger Jahren von den Krankenkassen eingeführt, um festzulegen, ab welchem Alter die Kosten für spezielle Vorsorgeuntersuchungen übernommen werden. Angesichts des Fortschritts der Pränatalmedizin halten viele Ärzte den Begriff für überholt, jedenfalls in der praktizierten breiten Anwendung.
Wolfgang Henrich, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin an der Berliner Charité, rät Frauen über 35, sich »vom Damoklesschwert des Alters zu befreien«. Nicht auf das biologische Alter kommt es an, »sondern auf den tatsächlichen Gesundheitszustand«."
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(2013, 43)

Breiten Raum nimmt der Aspekt der Partnerwahl bzw. der Partnerschaft im Zusammenhang mit dem Kinderkriegen ein. FISCHER beschreibt wie der Kinderwunsch durch eine Partnerschaft aufgeschoben wird. Nicht der falsche Partner, sondern der fast richtige Partner wird in dieser Sicht zum Hindernis für die Umsetzung eines Kinderwunschs. FISCHER lernt mit 24 Jahren ihren gleichaltrigen Partner kennen, der ebenfalls Journalist ist. 13 Jahre, also bis zu ihrem 37. Lebensjahr dauert diese Partnerschaft. Und immer wieder stellt sich die Frage: Bleiben oder Gehen. Mal leben die beiden in einer Fernbeziehung (Dresden - München; Bonn - Berlin), dann Living apart together, d.h. in der gleichen Stadt, aber mit getrennten Wohnungen. Erst nach vier Jahren beziehen sie eine gemeinsame Wohnung, die aus beruflichen Gründen immer wieder Fernbeziehungen weichen muss. Der Mikrozensus kennt keine Partnerschaften mit getrennten Wohnungen, diese werden als Partnerlose angesehen. Bei DORBRITZ (vgl. Tabelle 4) wird von "ohne Partner im Haushalt" gesprochen, d.h. selbst Paare, die zusammenwohnen, aber nicht zusammenwirtschaften, werden als zwei Partnerlose (neudeutsch: "Single") gezählt.

Problematisch wird es, wenn FISCHER ihre Situation in den 1990er Jahren mit Statistiken aus den Nuller Jahren unterfüttert. So heißt es bei FISCHER:

Ansichten einer späten Mutter

"Wir sind, mit anderen Worten, ein typisches junges Akademikerpaar, young urban professionals, die sich bereitwillig einlassen auf die Anforderungen der modernen Arbeitswelt und mit dem Gefühl leben, das wir offenbar mit vielen in unserem Alter teilen: 65 Prozent der deutschen Frauen zwischen 26 und 30 sind kinderlos." [mehr]
(2013, 49)

Die Zahlen stammen aus der Januarausgabe der Zeitschrift Neon aus dem Jahr 2012 (mehr hier)! Den Mikrozensus 2012 konnte FISCHER nicht mehr zitieren. Der ergab für die 25-29jährigen Akademikerinnen (Jahrgang 1983 bis 1987) sogar einen Anteil von 83 % Kinderlosen. Aber wie sah es aus, als FISCHER in den 1990er Jahren in diesem Alter war?

Exkurs: Die 1990er Jahre und die Debatte um Yuppies und die Single-Gesellschaft

Anfang der 1990er Jahre popularisierte der Bestseller Das ganz normale Chaos der Liebe von Ulrich BECK & Elisabeth GERNSHEIM die Rede von der Single-Gesellschaft. Young urban professionals hieß damals schlicht Yuppie und war ein Schimpfwort. Fernbeziehungen waren weitgehend unerforscht, stattdessen wurde die einsame, alleinwohnende Karrierefrau zum Klischeebild. In der unveröffentlichten Magisterarbeit Das Single-Dasein von Bernd KITTLAUS heißt es dazu:

Das Single-Dasein

"Wiener und Tempo, in denen die Welt der Yuppies beschrieben wird (vgl. BLASIUS 1993, S.78) (haben) längst die wohlhabende Familie (»Yappies« für Young Affluent Parents als Thema entdeckt:

»Zurück zur Familie: Als eine coole Single-Generation an ihrer selbstgewählten Einsamkeit zu ersticken drohte, verkündete TEMPO im Februar 1988 das Comeback der Familie« (TEMPO 1990, S.78).

Im Anschluß an die amerikanische Debatte Mitte der 80er Jahre greifen auch westdeutsche Zeitgeist-Magazine das Thema beruflich erfolgreicher, aber privat unzufriedener Frauen auf. Im Wiener erscheinen Reportagen über vereinsamte Karrierefrauen im fernen New York (MOYNIHAN 1987) oder hierzulande (STRASSER 1989), die sich nichts sehnlichster wünschen als eine feste Liebesbeziehung. Dies geht so weit, daß das Single-Dasein mit Einsamkeit und Krankheit gleichgesetzt wird:

»Vor 15 Jahren brach der große Single-Kult aus. doch was einst Freiheit versprach, mündete in einem Krüppelballett auf dem Ball der einsamen Herzen. Eva Strasser fordert die totale Ent-Singelung der Gesellschaft: Denn Einsamkeit mach krank!« (STRASSER 1990, S.77)

Ein Jahr später greift das Nachrichtenmagazin Der Spiegel das Thema in einem Bericht mit dem Titel Dauerhaft ist nur die Trennung (SCHÖPS 1991) auf. Darin wird auch die amerikanische Heiratsstudie in der Newsweek-Version von 1986 zitiert. Das Nachrichtenmagazin Focus sieht in der Einsamkeit den »Preis der Ich-Sucht« von Eremiten in ihrem Single-Appartement (KLONOWSKY 1993).
(1998, S.15f.)

In Zeitgeistmagazine wie Tempo und Wiener, Stadtmagazine wie Prinz, die Werbebranche und Trendforscher als Wegbereiter des flexiblen Kapitalismus vermittelten aber auch das coole Bild einer Liebe auf Distanz. So hieß es z.B. in einer Werbebeilage im Wiener vom Mai 1994:

People on the move - Eine Generation unterwegs

"SIE arbeitet im Team der schrillen Designerin Vivienne Westwood in London, ER ist DJ aus Hamburg. Beide sind sehr szenige Typen, die es genießen, in der ganzen Welt zu Hause zu sein. Die Entfernung spielt keine Rolle, denn die Beziehung lebt davon."

"ER ist bei der Bild-Zeitung in Hamburg leitender Politikredakteur, SIE studiert gerade in New York Politik und Fernsehen. (...). Die extreme Kommunikation ersetzt den Alltag. Kai, 29, sagt: »Das Telefonmanagement in einer Beziehung muß man lernen. Wir haben Regeln, zum Beispiel wird beim Streit nie aufgelegt. Und wir besuchen uns spätestens alle vier Wochen«"
(Beilage zum Wiener, Mai 1994)

Eine zahlenunterfütterte Debatte um die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen war bis Ende der 1990er Jahre gar kein Thema in den deutschen Medien. Erstmals werden im Spiegel im Jahr 1999 Zahlen zur Kinderlosigkeit der Akademikerinnen genannt:

Der Kinder-Crash

"Je höher die berufliche Qualifikation einer Frau, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie kinderlos bleibt. 40 Prozent der 35- bis 39-jährigen Akademikerinnen haben keinen Nachwuchs, fast doppelt so viele wie bei den gleichaltrigen Frauen mit Hauptschulabschluss.

Karriere-Männern schadet Familie nicht, im Gegenteil: Sie gelten als sozial gefestigt, verlässlich und verantwortungsbewusst. Führungsfrauen sind zumeist kinderlos, »weil es schlicht nicht anders geht«, sagt Silvia, 39, gut bezahlte Angestellte eines Versicherungskonzerns in Bayern. »Wer als Frau Kinder zu Hause hat, kann einfach nicht richtig konkurrieren mit den Männern.«" [mehr]
(Spiegel Nr.35 vom 30.08.1999)

Im Jahr 1993 gab es eine Spiegel-Titelgeschichte, in der lediglich ein genereller Anstieg des Erstgebäralters erwähnt wird, während zur Anzahl der Kinderlosen keine Zahlen genannt werden:

Milde Form des Irreseins

"Von 1950 (1,1 Millionen) sank die Zahl der Geburten auf rund 800 000 im Jahr 1992. (...) Auffallend fanden die Soziologen vom Deutschen Jugendinstitut die Tendenz, die Kinderfrage zu vertagen, sich auf ein Kind zu beschränken oder den Wunsch schließlich ganz aufzugeben. In der Bundesrepublik hat bereits jedes dritte Erstgeborene eine Mutter über 30, pro Jahr bekommen rund 50 000 Frauen ihr erstes Baby, wenn sie ihren 35. Geburtstag schon gefeiert haben." [mehr]
(Spiegel Nr.35 vom 30.08.1999)

Anfang der 1990er Jahren sorgte sich die Öffentlichkeit vor allem um kinderlose Ehen. Der Focus brachte am 14. August 1995 die Titelgeschichte Singles contra Familien und fragte: Wer lebt auf wessen Kosten? Kinderlose Paare galten als Double Income No Kids (DINKs) und Alleinlebende wurden als einkommensstarke Yuppies dargestellt. Die kinderlose Akademikerin stellte sich der Focus hier als Teil eines kinderlosen Paares vor. Dagegen repräsentierte ein männlicher Cabrioletfahrer die Single-Yuppies (mehr hier), obwohl die Einkommensverhältnisse innerhalb dieser Gruppe der männlichen Alleinlebenden stark differierte. 

Singles contra Familien

"Paare ohne Kinder
Ehepaare ohne Nachwuchs stellen mit drei Millionen den größten Anteil. Plus eine Million unverheiratet zusammenlebende Kinderlose ergibt 4 Mio.

Rentner:
Die ältere Generation hat ihr Soll für die Gesellschaft erfüllt. Senioren leben in Deutschland 20 Mio."

Singles:
Es existieren 12,4 Millionen Einpersonenhaushalte. Echte Singles sind davon 6,7 Mio."

"Jungdynamiker sind gefragt in der modernen Leistungsgesellschaft. Die Werbung propagiert sie, nach ihnen richten sich die Trends: Zwölf Stunden am Tag arbeiten, flexibel allerorten einsetzbar, abends im Roadster auf dem Hedonistentrip, am Wochenende aufs Surfbrett, im Urlaub auf die Malediven. Während die Single-Gesellschaft zum Kurztrip nach San Francisco fliegt, fahren die Familien nach Kalifornien - an der Ostsee, gleich hinter Kiel, 800 Einwohner."  [mehr]
(Focus Nr.33 vom 14.08.1995)

1995 erschien das Gutachten Die "Single-Gesellschaft" von Stefan HRADIL. Zu den Einkommensunterschieden von erwerbstätigen Alleinlebenden gab es damals lediglich Daten aus dem Jahr 1988, denn eine Singleforschung, die diesen Namen verdient hätte, existierte Mitte der 1990er Jahre nicht. HRADIL unterschied 4 Einkommensgruppen. Immerhin verdiente mehr als ein Fünftel der männlichen Alleinlebenden und fast ein Viertel der weiblichen Alleinlebenden unter 1200 DM, während der Anteil der Yuppies, die über 3000 DM verdienten, bei den Frauen gerade einmal 9 % betrug. Bei den Männern waren es dagegen mit 18 % doppelt so viele.

Auf dieser Website wird davon ausgegangen, dass viele der einkommensstarken Einpersonenhaushalte keine alleinwohnenden Partnerlosen waren, sondern getrenntwirtschaftende Paare, die entweder zusammenwohnten oder in getrennten Wohnungen wohnten. Die amtliche Statistik kennt keine Paare, die getrennt wirtschaften und führt sie deshalb als Alleinlebende (besser: Alleinwirtschaftende). In der Stadtforschung, die sich mit der Aufwertung von innenstadtnaher Stadtviertel beschäftigte, wurden deshalb von Jörg BLASIUS (1993) die Alleinlebenden differenzierter betrachtet (mehr hier). Inzwischen wird auch eingeräumt, dass nicht so sehr die Alleinwohnenden, sondern in erster Linie Wohngemeinschaften, die vielfach als mehrere Einpersonenhaushalte gezählt werden, um den lukrativen Wohnraum mit Familien konkurrieren. Der Single-Begriff verdeckt eher die Heterogenität der Lebensformen als dass er eine genaue Analyse ermöglicht.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass die Debatte um die kinderlose Akademikerin erst Ende der 1990er Jahre entbrannte. Wenn Detlef GÜRTLER in seinem eingangs erwähnten Artikel vom Wendejahr 1995 spricht, dann hat das weniger mit einem Wendepunkt beim Geburtenrückgang zu tun, sondern mit einem Wendepunkt in der Single-Debatte. Denn im Gegensatz zu den frühen 1990er Jahren kommen die Singles nun weniger als Alleinwohnende in den Blick, sondern als Kinderlose. Von daher verwundert es kaum, dass FISCHER sich nicht als kinderlose Problemgruppe erkennt, sondern erst Daten aus dem Jahr 2012 ihre damalige Situation rückwirkend deutlicher erscheinen lässt:

Ansichten einer späten Mutter

"Wir sind Herr und Frau unserer Zeit, kurzfristig verfügbar und damit perfekte Kandidaten für einen oft nicht planbaren Redaktionsalltag. Vermutlich kein Zufall, dass Publizisten die Berufsgruppe mit der niedrigsten Geburtenrate sind. Fast zwei Drittel der Männer (57,1 Prozent) in diesem Beruf haben mit 40 Jahren noch keine Kinder (und der Rest vermutlich eine nicht berufstätige Ehefrau zu Hause). Die Frauen in meiner Branche schneiden ein wenig besser ab: Ein gutes Drittel (36,7 Prozent) ist mit 40 Jahren noch Kinderlos. Weitaus besser wären meine Chancen auf (zeitigen) Nachwuchs gewesen, hätte ich mich in einen Arzt, einen Gymnasiallehrer oder noch besser in einen Bauern verguckt. Aber ein Journalist mit einer Journalistin, noch dazu beide gleich alt - babytechnisch nicht empfehlenswert." [mehr]
(2013, S.52)

Die Zahlen, die FISCHER zitiert, stammen aus der Broschüre Talsohle bei Akademikerinnen durchschritten? von Martin BUJARD und beziehen sich nicht auf kinderlose Männer und Frauen, sondern auf Personen ohne Kinder im Haushalt. Die Zahlen sind deshalb nur als Obergrenze zu sehen. Das höhere Niveau der Kinderlosigkeit bei Publizisten im Gegensatz zu Publizistinnen, könnte damit zusammenhängen, dass die Kinder der geschiedenen Publizisten bei den Frauen wohnen. Es handelt sich dann nicht um "noch" Kinderlose, sondern um Frauen und Männer, deren Kinder bereits ausgezogen sind. Hier fehlen also präzisere Studien. Bereits in den 1990er Jahren ist die Situation für Journalistinnen nicht mehr so rosig, sondern wer Karriere bei den großen Verlagen machen will, der muss flexibel sein:

Ansichten einer späten Mutter

"Es ist nicht einfach nur Ehrgeiz, der uns treibt. Zwar gehören wir noch nicht zur Generation Praktikum, die sich von einem schlecht bezahlten Zeitvertrag zum nächsten hangeln muss. Doch feste Redakteursverträge mit Betriebsrente und Gewinnbeteiligung sind auch nicht mehr selbstverständlich. Wir gehören zu den ersten Jahrgängen der Hamburger Journalistenschule, die nicht gleich im Anschluss an die Ausbildung komplett von einem der großen Hamburger oder Münchener Verlage übernommen werden. Aus meinem Kurs haben am letzten Schultag fünf oder sechs von 18 einen Redakteursvertrag in der Tasche, die anderen suchen noch oder arbeiten erst einmal frei. Trotz Ausbildung an einer sogenannten Eliteschule begleitet ein Gefühl der ökonomischen Unsicherheit die ersten Jahre im Beruf. Ein Gefühl, das immer prägender werden soll für unsere Branche." [mehr]
(2013, S.52)

Während in den 1990er Jahre noch viel mehr als heute von Multioptionsgesellschaft und Wahlfreiheit gesprochen wurde, zeigt sich schon bei FISCHER, dass mehr und mehr die Umstände des Arbeitsmarktes den Lebensverlauf vorgeben. Und ganz deutlich wird hervorgehoben, dass die Partnerwahl entscheidenden Einfluss auf die Realisierung eines Kinderwunsches haben kann. Nicht das Fehlen eines Partners wird von FISCHER als Problem gesehen, sondern die Partnerschaft mit einem fast richtigen Partner, sodass der Kinderwunsch immer weiter aufgeschoben wird, bis es fast zu spät ist.

Fallbeispiel: Die kinderlose Karrierefrau gerät in ihrem Milieu ins Abseits

Bettina WÜNDRICH, Jahrgang 1960, ist 8 Jahre älter als Susanne FISCHER und ebenfalls Journalistin. Im Jahr 2011 schreibt sie ein Buch über ihre Situation als kinderlose Karrierefrau. Der provokante Untertitel: Warum berufstätige Frauen glücklicher sind. Ausschlaggebend für ihr Buch war ein Klassentreffen, bei dem ihr das schlechte Image kinderloser Karrierefrauen bewusst wurde:  

Einsame Spitze

"Für Beobachter war es ein heiteres Treffen, ein fröhliches Hallo. Aber für uns standen an diesem Vormittag unsere Lebensentwürfe auf dem Prüfstand. Ich kam mir vor wie das Schreckgespenst, das wir auch aus Zeitschriften, Zeitungen und TV-Serien kennen: erfolgreich, einsam, kinderlos. Erstaunlich, welch schlechtes Image Karriere hierzulande immer noch hat: Karriere macht, dass Frauen die Männer weglaufen. Sie formt uns zu gehetzten, geldgeilen Egoistinnen. Und im Alter, wenn es denn zu spät ist für privates Glück, lässt sie uns verrunzelt links liegen. So entstand die Idee zu diesem Buch: das hartnäckige Klischee der hässlichen »einsamen Spitze« anzugreifen." [mehr]
(2011, S.14)

Das Buch ist kein Beitrag zu einer Kultur der Kinderlosigkeit (wenngleich auch mehr Toleranz gegenüber Kinderlosen gefordert wird), sondern ein Plädoyer für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Vor allem sollen die Männer ihren Teil dazu beitragen.

WÜNDRICH beschreibt sich als Frühentscheiderin ("early articulators"), weil Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch gar nicht als Option für Karrierefrauen erschien. Von daher wäre zu fragen, ob es diese Gruppe heutzutage unter veränderten Rahmenbedingungen in dieser Form überhaupt noch gibt oder ob es sich hier um ein historisches Phänomen handelt, das zukünftig keine Rolle mehr spielen wird. WÜNDRICH, die Älteste von drei Geschwistern, zog mit 16 zuhause aus und profitierte von der Bildungsexpansion insofern, dass sie als Erste in ihrer Familie studieren konnte:

Einsame Spitze

"Als ich 1979 mit dem Studium begann, hatte von allen beschäftigten Frauen nur knapp jede zweite eine Berufsausbildung (heute sind es immerhin 68 Prozent, die eine Qualifikation nachweisen können). Nur 27.000 Akademikerinnen gab es zu jener Zeit, heute sind es fünfmal so viele. In meiner Familie war ich die Erste, die studierte. Meine Mutter hatte die Handelsschule besucht und arbeitete danach als Sekretärin, mein Vater machte seine Ausbildung zum Kontakter in der Werbeagentur meines Großvaters, wo er auch sein Geld verdiente, als ich geboren wurde. (...) Über das Schicksal meiner zwei Jahre jüngeren Schwester entschied ich mit: Für ein zweites Studium war erst mal kein Geld da. Ich war privilegiert. Meine Zukunft war mir von niemandem aus meinem Umkreis vorgelebt worden. Die Gebrauchsanweisung für mein Leben musste ich selber schreiben." [mehr]
(2011, S.32)

2005 wurden auf dieser Website zwei Typen von Karrierefrauen vorgestellt: Die "Geburtselite", also Frauen, die aus einem Akademikerhaushalt kamen, und die Aufsteigerinnen. Es wurde von einer Milieutheorie der Kinderlosigkeit ausgegangen, d.h. vor allem Karrierefrauen aus Nicht-Akademikerelternhäusern sahen in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie keine Option. Das galt für Katja KULLMANN, Jahrgang 1970, genauso wie für WÜNDRICH. Die Journalistin meint, dass es damals nur zwei Gruppen von Frauen gab:

Einsame Spitze

"Viele Frauen, mit denen ich studierte, teilen sich in zwei Gruppen: Die, die sehr früh Kinder bekamen, mit Mitte zwanzig, und das »aus Versehen« (...) oder sie nicht wieder eine Abtreibung über sich ergehen lassen wollten. Und jene, die wie ich kinderlos sind, darunter auch welche, die das bedauern. (...). Beruf und Kind - ich hätte mir das auch nie zugetraut. Es gab auch keine guten, selbstbewussten Vorbilder, die Mut gemacht hätten. Die, die ihr Kind allein großzogen, taten das aus der Not heraus, weil der Vater des Kindes sich verdrückt hatte oder sich nicht in der Lage sah, die Rolle eines Familienvaters einzunehmen." [mehr]
(2011, S.38f.)

WÜNDRICH beschreibt ihr Leben im Studium, während der Ausbildung und des Berufseinstiegs als kinderfreie Zone. Führt aber ein Leben ohne Kind zur Konkurrenz zwischen Kinderlosen und Müttern oder verläuft die Konfliktzone nicht eher zwischen berufstätigen Müttern und Müttern, die zuhause bleiben? Oder stimmt gar beides, weil hier zwei unterschiedliche Konfliktzonen angesprochen werden: Konkurrieren kinderlose Frauen mit Müttern in der Arbeitswelt, während sich die Mütterkriege eher auf die familienpolitischen Lösungswege beziehen? Hier lassen uns auch die Empiriker eher im Stich.

Welche Rolle spielt die Partnerschaft für das Kinderkriegen? Sind die Männer im Zeugungsstreik? Fehlt der Partner oder ist es der falsche Partner, der zur Kinderlosigkeit führt? Bei WÜNDRICH werden diverse Studien und Interviewauszüge sowie eigene Erfahrungen aufgeführt, um das Thema, speziell unter dem Gesichtspunkt von "Powerpaaren" zu erörtern.

Dass die kinderlose Karrierefrau ein schlechtes Image hat, das hat auch eine Auftragsstudie des Bundesfamilienministeriums ergeben. Der Soziologe Carsten WIPPERMANN beschreibt in der Broschüre Kinderlose Frauen und Männer unterschiedliche Milieus und ihre Einstellung zur Kinderlosigkeit:

Kinderlose Frauen und Männer

"Soziale Stigmatisierung und Ausgrenzung aufgrund ihrer Kinderlosigkeit erfahren (nach »Traditionellen«) vor allem Frauen in den Milieus Etablierte, Postmaterielle und Performer. Diese in der Regel beruflich gut und höchst qualifizierten Frauen stehen – mehr als Männer dieser Milieus – unter erheblichem Druck, nicht nur aufgrund persönlicher Ambitionen beruflich erfolgreich zu sein, sondern auch Familie zu haben. Dahinter steht die in vielen Unternehmen subkutan bestehende Haltung, dass man Spitzenleistungen im Rahmen einer globalisierten Wirtschaft mit steigenden Anforderungen an Flexibilität, Mobilität und Verfügbarkeit nur auf dem Fundament von Sicherheit und Ordnung erbringen kann. Wenn eine Frau in eine Führungsposition will, ist für sie einerseits dieses Fundament notwendig, andererseits ist es suspekt, wenn sie ihre Familie im Alltag hintanstellt oder nur (professionell) »organisiert«. Die Umkehr der traditionellen Rollenverteilung wird im Spitzenmanagement der Wirtschaft nicht so selbstverständlich akzeptiert wie bei Männern. Und wenn Frauen die Konsequenz ziehen und zugunsten ihrer Karriere auf Kinder verzichten, haben sie den Makel der radikalen, i. w. S. »unordentlichen« und »unberechenbaren« Einzelkämpferin, die keine Sphäre zur Balance hat." [mehr]
(2014, S.175)

Der nationalkonservative Bevölkerungswissenschaftler DORBRITZ konstatiert dagegen eine Diskrepanz zwischen der Akzeptanz der Kinderlosen durch Eltern und der Sicht der Kinderlosen, die sich im Gegensatz dazu weniger akzeptiert sehen. Auch DORBRITZ sieht, dass mit steigender Bildung Kinderlosigkeit weniger akzeptiert wird:

Paritätsverteilungen nach Geburtsjahrgängen, Lebensformen und Bildung bei besonderer Beachtung von Kinderlosigkeit und Kinderreichtum

"Mit steigendem Bildungsabschluss wird seltener davon ausgegangen, dass Kinderlosigkeit etwas Normales ist, dass man sich ohne Kinder viel mehr leisten kann und dass vor der lebenslangen Verantwortung zurückgeschreckt wird. (...).
Frauen, die in einer Partnerschaft ohne Kinder leben, stimmen deutlich seltener der Aussage zu (33,1 %), dass Kinderlosigkeit etwas Normales ist. Dies trifft auch auf die alleinlebenden Frauen zu, wenn auch in einem schwächeren Ausmaß (59,7 %). Die höchste Zustimmung erfährt die Aussage von Frauen in einer Partnerschaft mit Kindern (69,5 %). Die Unterschiede sind hochsignifikant. Damit bestätigt sich der Befund (...), nach dem die Kinderlosen Kinderlosigkeit am wenigsten als normal ansehen."
[mehr]
(2015, S.315)

Im Gegensatz zum Milieuansatz von WIPPERMANN führt DORBRITZ diesen Widerspruch darauf zurück, dass ungewollt Kinderlose ihren kinderlosen Lebensstil als weniger normal ansehen als gewollt Kinderlose. Ganz offensichtlich gibt es hier weiteren Forschungsbedarf. Auf dieser Website wird davon ausgegangen, dass das mediale Bild der Kinderlosen, das sich im Rahmen der öffentlichen Debatte über die Single-Gesellschaft seit Anfang der 1990er Jahre entwickelt hat, großen Schaden angerichtet hat, weil in dieser Debatte weder ein realistisches Bild über das Single-Dasein noch über die Kinderlosigkeit gezeichnet wurde. Der Terror der Individualisierungsthese und die Rede vom Familien-Sektor haben ein Zerrbild der gesellschaftlichen Verhältnisse entstehen lassen. Ausschlaggebend war dafür der Deutungskrieg um die Normalfamilie. Singles wurden als Sündenböcke benötigt, um von einer verfehlten Familienpolitik abzulenken.   

Kinderlose Männer, das untererforschte Objekt der Sozialwissenschaft

Ist unsere Arbeitswelt - wie WÜNDRICH (vgl. 2011, S.213) schreibt - tatsächlich auf den Single-Mann ausgerichtet oder nicht viel mehr auf den Ehemann, dem die Hausfrau und Mutter den Rücken frei hält? Dazu gibt es leider keine aktuellen Studien, sondern Ideologien beherrschen dieses Themenfeld. In ihrem Beitrag Väter zwischen Wunsch und Realität über neue Vereinbarkeitsprobleme bei Männern beschreiben Martin BUJARD & Lars SCHWEBEL (2015) kinderferne Männer als Konkurrenten zu Vätern. Kinderferne wird dabei lediglich mit Haushaltszahlen (Leben ohne Kinder im Haushalt) belegt. Weder werden Einkommensverhältnisse, noch die Art der Kinderlosigkeit und der Partnerstatus berücksichtigt. Betrachtet wird die Altersgruppe der 35 bis 50-jährigen Männer, wobei nicht danach unterschieden wird, ob die betrachteten Männer (noch) kinderlos sind oder die Kinder bereits ausgezogen sind bzw. es sich um partnerlose Scheidungsväter handelt. So werden Vorurteile gegen eine heterogene Gruppe von Männern gefördert. Seriöse Forschung sieht dagegen anders aus. Sie müsste zu allererst fragen: Ist Karriereorientierung überhaupt noch das dominante Muster angesichts der Tatsache, dass immer mehr Männer eher gegen den beruflichen Abstieg kämpfen müssen? WÜNDRICH schreibt z.B., dass Väter bei Gehaltsverhandlungen nicht etwa mit ihren beruflichen Leistungen argumentieren, sondern mit ihrer Ernährerrolle (vgl. 2011, S.97).             

Fazit: Die Beurteilung der weiteren Entwicklung der Geburtenrate werden erschwert durch die Versäumnisse der Bevölkerungswissenschaft   

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Forschungen zu Kinderlosigkeit und Kinderreichtum bislang kaum dazu geeignet sind, zuverlässige Prognosen über die weitere Entwicklung der Geburtenrate zu ermöglichen. Die einzige zuverlässige Quelle, die Rückschlüsse auf die Paritätsverteilung in den jüngeren Frauenjahrgängen zulässt, ist der Mirkozensus, der jedoch nur im vierjährigen Turnus Aufschluss über die Paritätsverteilung gibt. Die Bevölkerungswissenschaft hat sich zu lange nur auf den Anstieg der Kinderlosigkeit - und hier besonders auf die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen  - konzentriert und dadurch Entwicklungen im Bereich des Kinderreichtums, des Übergangs vom ersten zum zweiten Kind und der Kinderlosigkeit von Nicht-Akademikerinnen vernachlässigt. Ganz zu schweigen davon, dass über den kinderlosen Mann wenig harte Fakten, dafür umso mehr ideologisch gefärbte Meinungen vorliegen.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Partnerschaft als Voraussetzung der Familiengründung, die Partnerwahl und ihr Einfluss auf die Familiengründung sowie die Diskriminierung derjenigen, die nicht ins Bild des heterosexuellen Paares mit Kinderwunsch passen (Partnerlose und gleichgeschlechtliche Paare) spielen in der Bevölkerungswissenschaft gar keine oder eine zu geringe Rolle. Die Fallbeispiele zweier Journalistinnen zeigen, dass zum einen die Partnerwahl und zum anderen die Karrierewünsche und die Einschätzung ihrer Verwirklichung eine große Bedeutung für die Kinderfrage haben. Ausgeblendet wird in diesen Fallbeispielen dagegen die Milieuzentriertheit dieser Sichtweisen. Die Konzentration auf kinderlose Akademikerinnen vernachlässigt Binnendifferenzierungen genauso wie Milieuunterschiede. Inwiefern spielt z.B. die Herkunft eine Rolle bei der Einschätzung von Verwirklichungschancen? Ist der Mengeneffekt für den Anstieg der Geburtenrate nicht bedeutender als die Erforschung des Kinderlosenniveaus von Kleinstgruppen?

Wir werden wohl bis zur Veröffentlichung der Ergebnisse des Mikrozensus 2016 warten müssen. Erst dann ist es möglich genauere Aussagen zu treffen. Der Anstieg der Geburtenrate in den letzten Jahren seit dem Mikrozensus 2012 zeigt, dass es Veränderungen gibt, die jedoch unsere Bevölkerungswissenschaftler (noch) nicht (?) analysieren. Die vorgestellten Publikationen bleiben durch die Konzentration auf die Analyse der endgültigen Kinderlosigkeit hinter den Möglichkeiten zurück, die Vergleiche  der Entwicklungen von Erst-, Zweit, Dritt- usw. Geburten jüngerer Frauenjahrgänge bieten würden. 

Die Single-Lüge - Das Buch zur Debatte

"Dies ist die erste grundlegende Auseinandersetzung mit dem nationalkonservativen Argumentationsmuster, das zunehmend die Debatte um den demografischen Wandel bestimmt. Hauptvertreter dieser Strömung sind Herwig Birg, Meinhard Miegel, Jürgen Borchert und Hans-Werner Sinn. Die Spannbreite der Sympathisanten reicht von Frank Schirrmacher bis zu Susanne Gaschke. Als wichtigster Wegbereiter dieses neuen Familienfundamentalismus muss der Soziologe Ulrich Beck angesehen werden.
          
 Es wird aufgezeigt, dass sich die nationalkonservative Kritik keineswegs nur gegen Singles im engeren Sinne richtet, sondern auch gegen Eltern, die nicht dem klassischen Familienverständnis entsprechen."

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 29. Februar 2016
Update: 03. Oktober 2016