[ Übersicht der Themen des Monats ] [ Rezensionen ] [ News ]  [ Homepage ]

 
       
   

Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Einsamkeit

 
       
   

Vom Alleinsein in der paar- und familienorientierten Gesellschaft. Eine Bibliografie (Teil 3)

 
       
     
   
     
 

Einführung

Einsamkeit und Alleinleben gelten in unserer paar- und familienorientierten Gesellschaft oftmals als Synonym, obwohl Einsamkeit auch in Partnerschaften ("gemeinsam einsam" oder Familien nicht selten ist. Im viel gelesenen Beitrag Einsamkeit. Single-Haushalte und die Fröste der Freiheit aus dem Jahr 2002 wurden deshalb typische Vorurteile in der Debatte um die so genannte Single-Gesellschaft aufgezeigt und das Alleinleben als anspruchsvolle Lebensform dargestellt. Außerdem wurde aufgezeigt wie man der Einsamkeitsfalle entgehen kann,

Partnerlose werden als "einsame Herzen" bezeichnet und die professionelle Partnersuche gilt als Geschäft mit der Einsamkeit, Partnerlose und Partnersuchende sind jedoch nicht identisch mit Alleinlebenden. In dieser Bibliografie steht nicht diese "Lonely Hearts"-Thematik im Mittelpunkt, weil es dazu zahlreiche speziellere Bibliografien gibt (eine Übersicht findet sich hier). Einsame sind jedoch oftmals Opfer von Liebesbetrügern, weshalb dieser Aspekt in dieser Bibliografie behandelt wird.

Wohngemeinschaften und Mehrgenerationenhäuser werden von Betroffenen als auch von der Politik als Lösung des Einsamkeitsproblems angesehen. Den Alleinlebenden droht dagegen der einsame Tod. Inwiefern dies zutreffend ist, zeigt die kontrovers geführte Debatte um den demografischen Wandel. Können nicht Nachbarn, Haustiere, Freunde oder gar neue Technologien gegen Einsamkeit helfen und das Alleinsein angenehmer gestalten?

Gibt es Risikofaktoren oder Verhaltensweisen, die ein Leben in Einsamkeit wahrscheinlicher machen? Die psychologischen Beiträge in dieser Bibliografie beschäftigen sich mit dieser Frage. Mitte der Nuller Jahre gab es eine regelrechte Flut von Einsamkeitsliteratur, in der es um ein neues Ethos der Einsamkeit geht. In dem zweiteiligen Beitrag Das neue Ethos der Einsamen wird der Wandel des Einsamkeitsverständnisses in der neuen Ratgeberliteratur vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels beschrieben.

Im Zeitalter der Demografiepolitik symbolisiert die kinderlose Karrierefrau die Einsamkeit par Excellence: Einsame Spitze oder Erfolgreich, einsam, kinderlos (so der Untertitel eines Bestsellers) bringen dies auf den Punkt. Auch dieser Aspekt wird in anderen speziellen Bibliografien und Beiträgen ausführlicher beleuchtet (mehr hier) und hier nur am Rande thematisiert.

Kommentierte Bibliografie (Teil 3: 2012 - 2015)

2012

WEBER, Bettina (2012): Besser dran ohne die bessere Hälfte.
Singlefrauen über 35 haben auch heute noch mit Vorurteilen zu kämpfen: Man bemitleidet sie und hält sie für unglücklich. Dabei, so zeigen Studien, ist niemand so wenig einsam wie eben Frauen ohne Partner,
in:
Tages-Anzeiger Online v. 18.01.

FRISSE, Juliane (2012): Die vier Einsamkeitsfallen.
Das Gefühl, allein zu sein, kann jeden treffen. Doch manche Lebenssituationen sind besonders gefährlich,
in: zitty Nr.5 v. 23.02.

BARTENS, Werner (2012): Schmerz der Ausgrenzung.
Isolation, Jobverlust und Einsamkeit tun auch körperlich weh,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 31.03.

SCHOBIN, Janosch (2012): Mit Würde allein sein.
Einsamkeit: Dauerhafte Kontaktlosigkeit gilt heute als individuelles Scheitern. Diese Deutung zementiert die Isolation. Dabei gibt es Alternativen,
in:
TAZ v. 13.04.

HEINRICH, Andreas (2012): Rezepte gegen die Einsamkeit.
Allein im Alter unter vielen. Einsam im Hochhaus. Oder gar tot und unentdeckt, nach Jahren erst gefunden – wie jüngst der Fall in Hagen. Einzelfälle oder doch mehr?
in:
WAZ Online v. 21.05.

RME (2012): Singles und einsame Senioren sterben früher.
Menschen, die sich im Alter einsam fühlen, haben einer aktuellen Studie zufolge ein erhöhtes Sterberisiko. Nach einer anderen Untersuchung enden Herz-Kreislauf-Erkrankungen auch bei "jüngeren" Singles häufiger tödlich,
in:
Deutsches Ärzteblatt Online v. 19.06.

SAUM-ALDEHOFF, Thomas (2012): Im Gefängnis der Einsamkeit.
Wir sind von morgens bis abends am Kommunizieren. Auf Facebook sammeln wir Freunde wie früher Briefmarken. Und doch fühlen sich immer mehr Menschen inmitten von "Kontakten" tief isoliert. Woher rührt die Epidemie der Einsamkeit, die sich in unserer Gesellschaft ausbreitet? Und wie findet man hinaus?
in: Psychologie Heute, Juli

GEO-Titelgeschichte: Der Nachbar

EBERLE, Ute (2012): Guter Nachbar, böser Nachbar.
Die Psychologie der ungewollten Nähe,
in:
GEO, August

WELDING, Malte (2012): Wie in Einzelhaft.
Ein Essay über die wachsende Einsamkeit in unserer Welt und die Frage, warum viele ihr nicht entkommen,
in: Badische Zeitung v. 06.08.

RÖTZER, Florian (2012): Alleinlebende haben höheres Sterberisiko im mittleren Alter.
Während eine Studie ein erhöhtes Risiko bei Alleinlebenden sieht, führt eine andere das höhere Mortalitäts- und Morbiditätsrisiko auf Einsamkeit zurück, die es auch bei Paaren gibt,
in: Telepolis v. 10.08.

Es ist schon merkwürdig wie sorglos Studien interpretiert werden, die das Sterberisiko von Alleinlebenden betreffen. Zuerst einmal müsste geprüft werden, ob die Ergebnisse nicht für Deutschland vom genannten Durchschnitt abweichen.

Der Soziologe Jens ALBER hat in seinem Beitrag Wer ist das schwache Geschlecht? Zur Sterblichkeit von Männern und Frauen innerhalb und außerhalb der Ehe (Zeitschrift Leviathan, Heft 1, März 2005) die Sterblichkeit international und historisch vergleichend untersucht. Danach war die Sterblichkeit von 35-44jährigen Männern in den 1920er, den 1970er und den 1990er Jahren zwischen 1,17 mal (verheiratete Männer in den 1920er Jahren) und 2,84 mal (geschiedene Männer in den 1990er Jahren) so hoch wie von gleichaltrigen Frauen. Innerhalb von Europa ist die Sterblichkeit von geschiedenen Männern in den 1990er Jahren in Frankreich 3,59 mal und in Spanien sogar fast 5 mal so hoch gewesen wie bei gleichaltrigen Frauen. Es gibt also gravierende Unterschiede von Land zu Land und von Geschlecht zu Geschlecht in der Sterblichkeit zu beachten.

RÖTZER nennt aber nur Zahlen für Alleinlebende, nicht aber für deutsche Alleinlebende. Der Link im Artikel verweist nicht zur Studie, sondern lediglich zur Zusammenfassung, in der keine länderspezifische Zahlen für Alleinlebende genannt werden. Man müsste also diese Werte kennen, falls sie vorhanden und aussagekräftig sind.

Das mittlere Lebensalter muss man wohl mit 45-65Jahre gleichsetzen, obwohl das mittlere Lebensalter z.B. in der aktuellen Erhebung des Statistischen Bundesamtes zu Alleinlebenden in Deutschland die 35-65Jährigen umfasst. In Deutschland dominieren im mittleren Lebensalter die Männer, die wie bei ALBER nachzulesen eine höhere Sterblichkeit als Frauen haben. Von den 45-65jährigen Alleinlebenden in Deutschland sind 2,345 Millionen männlich und 2,004 Millionen weiblich.

Geschiedene Männer sind nach einer deutschen Studie von Hans-Werner WAHL u. a. hinsichtlich des Gesundheitszustandes eine Problemgruppe. Rund 1,4 Millionen Alleinlebende sind geschiedene Männer. Davon sind 60,6 % 45-65Jahre alt. Fast jeder 5. Alleinlebende in diesem Alter ist ein geschiedener Mann.

Sind also Alleinlebende generell gefährdeter als Zusammenlebende oder nur bestimmte Risikogruppen? Und wenn es bestimmte Gefährdungen gibt, ist dann tatsächlich Einsamkeit das Hauptproblem?

Um tatsächlich brauchbare Ergebnisse zu bekommen, sind Studien mit sehr großen Fallzahlen erforderlich. Eine Untersuchung von 45.000 Patienten mag auf den ersten Blick ausreichend erscheinen. Bei 44 Ländern, 2 Geschlechtern, 2 Altersgruppen usw. kommt man gerade bei den Alleinlebenden (nicht einmal 8.600 Patienten) ganz schnell zu Fallzahlen die für statistisch signifikante Aussagen zu klein sind.

Welche Probleme gerade hinsichtlich der Erforschung des Gesundheitszustandes verschiedener Bevölkerungsgruppen und deren Ursachen bestehen, darüber klärt das hervorragende Buch Lebensqualität produzieren von Alban KNECHT auf. Am Beispiel der Herz-Kreislauf-Erkrankungen zeigt sich die ganze Komplexität von Sterblichkeitsrisiken.

ECONOMIST (2012): The attraction of solitude.
Living alone is on the rise all over the world. Is this bad news?
in: Economist v. 23.08.

ELBING, Eberhard (2012): Allein allein.
John T. Cacioppo und William Patrick vereinen in ihrem Buch bio- und sozialwissenschaftliche Aspekte der Einsamkeit,
in: Psychologie Heute,
September

EMOTION-Dossier: Ich kann gut allein sein.
Wer gern mit sich ist, wird auch mit anderen glücklich

KALOFF, Susanne (2012): Leere bedeutet auch: Raum für sich.
Einsamkeit ist ein tiefer Schmerz, dass man sich niemandem nahe fühlt, hat unsere Autorin erfahren müssen. Aber sie hat auch gelernt, dass dieser Schmerz sie stark werden lässt,
in:
emotion, September

STEINRÜCK, Alrun (2012): Lieber glücklich allein...
Interview: ... als einsam zu zweit. Ihre Freiheit als Single geben Frauen heute nicht mehr für einen Kompromissmann auf, sagt der US-Soziologe Eric Klinenberg,
in:
emotion, September

KALOFF, Susanne/DELVALLE, Barbara/BARTELS, Stephan/THOLL, Tom/ROKAHR, Lisa (2012): Warum ich jetzt gern Single bin.
Dossier Fünf Singles erzählen: Es werden immer mehr. Und das ist gut so. Denn unsere Gesellschaft braucht Singles. Nie war es einfacher, allein zu leben - und dabei glücklich zu sein,
in: Brigitte Nr.38 v. 19.09.

PETSCHEK, Peter (2012): Allein ist spitze.
Single-Männer: Single-Männern geht's mies, das legt eine Studie nahe: Ohne Frau, so scheint es, können sie einfach nicht glücklich sein. Wer aber seinen alleinstehenden Kumpel mit Verkupplungsversuchen zwangsbeglücken möchte, sei gewarnt - so elend ist das Alleinsein nicht,
in: Spiegel Online v. 21.09.

"Ungünstig für Männer, für mich persönlich aber ohne direkte Folgen ist eine andere Studie, die mir letztens in die Finger kam. Wissenschaftler der Uni Kent hatten sozusagen einen Glücksatlas für Singles erstellt, und dort kam mein Geschlecht gar nicht gut weg. Während Single-Frauen ein hohes Glücksniveau haben, reisen, Freundinnen treffen, viel unternehmen und mittendrin im sozialen Leben sind, wirkt sich ein Single-Leben auf Männer bedrohlich aus: Von Zufriedenheit keine Spur, eher enden die Kerle irgendwann als einsame, Pizza-futternde Sozial-Honks vor der Mattscheibe",

schreibt PETSCHEK. In Deutschland wird das positive Image des Alleinlebens ("Single-Daseins") insbesondere durch Frauen und Frauenzeitschriften geprägt, z.B. aktuell in der Brigitte und der Zeitschrift emotion. Spätestens seit Michel HOUELLEBECQs Romanen Ausweitung der Kampfzone und Elementarteilchen gilt der Singlemann als Problemfall.

LIERE, Judith (2012): Fang den Mann.
Ab dreißig überkommt Männer die große Bindungsangst. Frauen glauben dann, die einsamen Wölfe an sich binden zu müssen. Doch damit wird alles nur schlimmer,
in: Neon, Oktober

BENDER, Justus & Jan Philipp BURGARD (2012): "Einsamkeit ist schon ein Thema".
Claudia Roth, die Bundesvorsitzende der Grünen, im Gespräch über ihre Liebe zu Winnetou, einsame Abende im Hotel und Beziehungen in der Politik,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 10.11.

FREY, Carina (2012): Allein unter vielen.
Einsamkeit betrifft nicht nur Singles,
in:
Märkische Allgemeine Online v. 14.11.

SCHIRG, Oliver (2012): Allein, aber nicht einsam.
Hamburger Haushalte: In 52 Prozent von Hamburgs Haushalten lebt nur eine Person. Viele der Singles in der Hansestadt sind mit der Situation aber ganz zufrieden,
in: Hamburger Abendblatt v. 22.12.

2013

KOLOSOWA, Wlada (2013): Allein, nicht einsam.
Single-Haushalte: Jeder fünfte Deutsche lebt allein, weltweit steigt die Zahl der Ein-Personen-Haushalte. Was bedeutet das für die Gesellschaft? Werden wir egoistischer, isolierter? Mitnichten, meint der Soziologe Eric Klinenberg. Einsamkeit ist weder eine Frage der Wohnverhältnisse - noch des Beziehungsstatus,
in:
Spiegel Online v. 02.01.

PROFIL-Titelgeschichte: Lebensgefühl Einsamkeit.
1,3 Millionen Single-Haushalte in Österreich: Warum immer mehr Menschen allein sind und wie man der sozialen Isolation entkommt

HAGER, Angelika & Sebastian HOFER (2013): Isolationshaft Einsamkeit.
Einsamkeit gilt als Schreckgespenst einer digital restlos vernetzten und manisch beziehungssüchtigen Gesellschaft. Alleinsein muss jedoch nicht nur krank machen, sondern kann auch zum Trainingslager für ein besseres Ich werden,
in:
Profil v. 07.01.

KLUTE, Hilmar (2013): Allein.
Zuschauen, entspannen, nachdenken. Nix twittern, mit niemandem reden. Herrlich! Ein Loblied auf die Einsamkeit,
in: Süddeutsche Zeitung v. 23.02.

ALA (2013): Achtung, verfügbar und ansprechbar!
Single-Mode: Ein Verlangen, ein T-Shirt, eine Botschaft: Im US-Bundesstaat Arizona will eine Unternehmerin Millionen vereinsamter Singles zusammenführen. Ganz altmodisch und analog - dank Gutzy-Meet-Me-Klamotte,
in:
Spiegel Online v. 07.05.

GOLDMANN, Lisa (2013): Niemand antwortet mehr.
Nachlass: Entrümpler sind die Letzten, die sich ein Bild vom Leben mancher Verstorbener machen. Ausweise, Fotos, Liebgewordenes fassen sie noch einmal an, bevor sie es in Müllsäcke stopfen,
in:
TAZ v. 14.06.

"765 Menschen sterben, statistisch gesehen, in Deutschland jeden Tag. Viele von ihnen haben keine Hinterbliebenen - so wie Heinz Ocvirk. (...). Keine Frau, keine Kinder, keine Familie."

Das sind die Geschichten, die unser neues Bürgertum so innig liebt! Geschichten, die die Wiederkehr der Konformität - wie von Cornelia KOPPETSCH beschrieben - zementieren sollen. Ein einsamer Alleinlebender - selber schuld! Oder doch nicht?

Lange tot, bevor sie/ihn jemand fand - trotz Frau (kurz zuvor gestorben), Kind (Kontakt schon vor langer Zeit abgebrochen), Familie (im Ausland lebend). Das ist der wahre Horror, den es nicht geben darf in den Wohlfühlblättern der neuen Mitte. Dann doch lieber Friedhofsromantik.

LILL, Felix (2013): Eine Puppe gegen die Einsamkeit.
Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt kämpft mit einer rasch alternden Gesellschaft. Roboter als Helfer in der Altenpflege sind in Japan daher schon längst Realität geworden,
in: Die Presse
v. 30.06.

BERGEN, Stefan von (2013): Geht der Schwund der Familien so weiter, nimmt die Einsamkeit im Alter zu.
Haushalte ohne Kinder sind heute in der Überzahl. Sind die Familie und das Überleben der Schweiz bedroht? Man habe heute bei Lebensmodellen die freie Wahl, sagt Dominik Schöbi, Familienforscher an der Uni Freiburg,
in:
Berner Zeitung Online v. 14.07.

MIKA, Bascha (2013): Die besseren Single.
Frauen vereinsamen seltener, weil sie sozialer sind. Alleinstehende Männer tun sich verdammt schwer, als Single durchs Leben zu kommen. Sie neigen dann dazu, viel zu saufen und viel zu rauchen,
in:
Berliner Zeitung v. 15.10.

UHLMANN, Berit (2013): Aus der Welt.
Beziehungsweisen (10) - Einsiedler: Seit Jahrtausenden suchen manche Menschen die völlige Einsamkeit - oft aus religiösen Gründen. Andere wollen auch nur ein paar Jahre lang ungestört an ihrem PC spielen,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 20.11.

Berit UHLMANN fasst unter Einsiedler so unterschiedliche Phänomene wie das japanische Hikikomori und Eremiten zusammen. Letzteren soll "ein weitgehend konsumverweigerndes, kontemplatives Leben im Glauben" gemein sein, während ersteres mit den Möglichkeiten und Konflikten bzw. psychischen Krankheiten in modernen Gesellschaften in Verbindung gebracht wird (Geburtenrückgang, Nesthockermentalität, Rollenkonflikte).

Es schwingt aber auch immer die Frage mit, inwiefern Einsamkeit zum Sehnsuchtsort geworden ist. In seinem Aufsatz Die Angst vor der Gemeinschaft beschreibt Urs STÄHELI Schüchterne als Pioniere, die auf die Defizite moderner Gemeinschaften verweisen. Die modernen, "liberalen" Gemeinschaftsformen können in dieser Sicht als Überforderung gesehen werden.

SIMON, Violetta (2013): Allein zu zweit.
Fotoserie mit fiktiver Freundin: Wenn Pärchen und Familien zu Weihnachten zusammenrücken, fühlen sich viele Singles noch alleinstehender. Ein japanischer Fotograf hat seine Einsamkeit in einer Bilderserie dargestellt und sich damit eine Menge neuer Freunde gemacht,
in:
sueddeutsche.de v. 06.12.

WALTER, Tanja (2013): Gefahr für Senioren und Singles.
So krank macht Einsamkeit,
in:
Rheinische Post Online v. 12.12.

KAPPERT, Ines (2013): Erfolgreich, sportlich, attraktiv, charmant. Und einsam.
Chefinnen: Was haben neue Fernsehserien mit Emanzipation zu tun? Zweierlei. Sie haben sich vom Fernsehen emanzipiert. Und sie verhandeln Emanzipation: Wie nie zuvor in der TV-Geschichte bieten sie weiblichen Hauptfiguren eine Plattform. Allerdings gibt es da einen großen Haken,
in:
TAZ v. 31.12.

2014

MAITLAND, Sara (2014): Ich bin dann mal raus.
Rückzug: Nichts ist uns so wichtig wie Freiheit. Aber wenn ein Mensch wirklich allein leben will, versteht das kaum jemand. Ein Plädoyer,
in: Freitag Nr.4 v. 23.01.

Der Freitag hat einen langen Essay der Schriftstellerin Sara MAITLAND, die seit 20 Jahren allein in den schottischen Highlands lebt, gekürzt und übersetzt. Von MAITLAND ist gerade das Buch How to be alone erschienen. Einsamkeit ist für MAITLAND eine Ressource und kein Problem oder gar eine Krankheit.

MIKA, Bascha (2014): Ganz schön allein.
Single sein macht krank und unglücklich. Sagt wer? Eine Agentur für Partnervermittlung. Was für eine Überraschung!
in: Frankfurter Rundschau v. 05.02.

Bascha MIKA hält uns Leser für besonders doof und setzt die Anzahl der Einpersonenhaushalte mit Partnerlosigkeit gleich, obwohl gerade in Großstädten lediglich das multilokale Wohnen zunimmt. Der Mobilitätszwang der Hartz-Gesellschaft führt zur Zunahme von Paaren ohne gemeinsamen Haushalt. Dass der Mobilitätszwang für Partnerschaften nicht unbedingt förderlich ist, das leugnet MIKA, nur weil eine Partneragentur, der es lediglich um das Geschäft mit der Einsamkeit geht, das als Marketinginstrument missbraucht. Genauso wie MIKA die Alleinlebenden für ihren Single-Gesellschaft-Mythos missbraucht.

BERG, Sibylle (2014): Sonntags, wenn wir uns selbst auflösen.
Einsamkeit: Schon wieder dieser Tag, an dem wir allein sind und plötzlich fürchten, dass uns keiner braucht, dass sich keiner für uns interessiert, ja, dass es uns eigentlich gar nicht gibt. Wäre da nicht wenigstens ein Hund, der uns die Pfote reicht,
in:
Spiegel Online v. 02.03.

FREYNSCHLAG, Sophia (2014): Das Geschäft mit einsamen Herzen.
Eine Partnervermittlung verlangte von einem Steirer mehr als 6000 Euro - auch beim Online-Dating lauern Fallen,
in: Wiener Zeitung Online v. 15.04.

KUNZ, Gabriele (2014): Die Einsamkeit der Alten.
Wie hat sich das Leben von Witwen und Witwern in den vergangenen Jahrzehnten verändert? Zumindest in finanzieller Hinsicht hat sich ihre Lage verbessert,
in: Psychologie Heute, August

Gabriele KUNZ fasst den Artikel Persönliche Bilanzierung der Herausforderungen einer Verwitwung im Zeit- und Geschlechtervergleich von François HÖPFLINGER, Stefanie SPAHNI & Pasqualina PERRIG-CHIELLO zusammen, der in der Zeitschrift für Familienforschung, Heft 3/2013 veröffentlicht wurde. Die Wissenschaftler haben 1979, 1994 und 2011 die Lebenssituation von Witwen und Witwern in zwei Schweizer Kantonen untersucht.

DIEHL, Sarah (2014): "Bin ich denn ein Freak?"
Wenn Frauen ihr Leben ohne Kinder prima finden, so wie es ist, und auch keine biologische Uhr ticken hören, sind ihnen Nachfragen sicher. Die Autorin fragt sich, was für ein Bild von Weiblichkeit dahintersteckt,
in: Brigitte
Nr.23 v. 22.10.

HUMMEL, Katrin (2014): Naiv, verliebt, betrogen.
Sie ist einsam, er umwirbt sie. Dann braucht er viel Geld, sie überweist es ihm. Warum funktioniert die Masche immer wieder? In Zeiten des Internets ist der Liebesbetrug so verbreitet, wie nie zuvor,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 02.11.

ZEIT-Thema: Wer hat Angst vor solchen Frauen?
Sie sind jung, gut im Beruf und behaupten sich im Leben. Viele von ihnen bleiben ohne Partner - und werden ständig gefragt - warum

PAUER, Nina (2014): Unheimlich unabhängig.
Sie ist der beliebteste Leistungsträger unserer Gesellschaft: Die junge Frau, erfolgreich, attraktiv und sozial vernetzt. Trotzdem findet sie keinen Mann. Ist das schlimm?
in: Die ZEIT Nr.50 v. 04.12.

RADISCH, Iris (2014): Sie hatte viele beste Freundinnen.
Gar nicht einsam: Tuğçe A. starb, weil sie junge Frauen verteidigte,
in: Die ZEIT Nr.50 v. 04.12.

KÜMMEL, Peter (2014): Mädchen im Sturz.
Von Unsichtbarkeit bedroht, zu Rollenklischees verdammt: Die einsame Frau in den populären Erzählungen von heute,
in: Die ZEIT Nr.50 v. 04.12.

Peter KÜMMEL kennt nur vier Frauenrollen: die Mutter ("Boyhood" von Richard LINKLATER), die lüsterne Frau ("Nymphomaniac" von Lars von TRIER), die Heilige ("Groß und Klein" von Botho STRAUß) und die Rächerin ("Carrie" von Stephen KING).

Die Artikelüberschrift verweist auf die Erzählung Mädchen im Sturz von Dino BUZZATI, die in der ZEIT vom 16. September 1960. Dort heißt es:

"Solche Flüge – besonders von Mädchen – waren keine Seltenheit im Hochhaus und bedeuteten eine interessante Zerstreuung für die Mieter; deswegen war auch der Preis für die Wohnungen besonders hoch."

HAAF, Meredith (2014): Junge Frauen.
Wie der Fall Tuğçe in der Feminismusdebatte instrumentalisiert wird,
in: Süddeutsche Zeitung v. 10.12.

Meredith HAAF kritisiert das ZEIT-Thema der letzten Woche über partnerlose Frauen als skurril und geschmacklos:

"Als Kronzeugin dafür wird in einem beispiellosen Fall von überdrehtem Deutungsopportunismus die Lehramtsstudentin Tuğçe A. ins Feld geführt, die Ende November auf einem Parkplatz in Offenbach von einem betrunkenen, sexuell aggressiven jungen Mann erschlagen wurde. Auch sie sei eine der »weiblich selbstbewussten Premiumsingles«, um die es gehen müsse, heißt es da, »jung, schön«, mit einem großen Freundeskreis ausgestattet, aber trotzdem ein Beispiel für »gebildete, frauenvernetzte Einsamkeit« - schließlich habe sie die ganze Nacht nur mit ihren Freundinnen verbracht, was die Autorin offenbar für sehr modern und bemerkenswert hält. (Laut Presseberichten stand A. tatsächlich kurz vor der Verlobung mit ihrem Freund.) Und das alles steht dann irgendwie in einem Zusammenhang mit der Fernsehserie »Girls«, dem Sado-Maso-Film »Nymphomaniac« und der hohen Aktivität junger Frauen in sozialen Netzwerken."

Wie bereits letzte Woche auf dieser Website kritisiert, wird unverheirateten Frauen oftmals Partnerlosigkeit angedichtet und mit soziodemografischen Daten untermauert, die dafür ungeeignet sind. Auch Medienberichten über Paare mit zwei Wohnungen liegt oftmals diese unterschwellige neubürgerliche Ideologie zugrunde, die lediglich der Ehe (trotz hoher Scheidungsquoten) den "Willen zu lebenslanger Partnerschaft" zuschreibt.

Man hat es hier oftmals mit Projektionen zu tun, die der Tatsache geschuldet ist, dass dem Neubürgerlichen die materielle Grundlage für ein selbstbewusstes Bürgertum fehlt und deshalb Abwertungen als Kompensation nötig sind. Der Soziologe Heinz BUDE spricht deshalb von einer Bürgerlichkeit ohne Bürgertum.

2015

PFISTER, Simona (2015): Welches Kunstwerk wären Sie gern?
Gestern war Valentinstag. Horror für einsame Singles. Heute melden sich wieder viele bei Partner-Portalen im Internet an. Dort geben sie alles für das große Glück.l Und verhindern es damit,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 15.02.

AMOJO, Korede (2015): Allein sein, nein danke.
Hallo? Die Rentnerin Elke Schilling denkt groß: Mit ihrer Krisenhotline "Silbernetz" will sie alten Menschen aus der Einsamkeit helfen,
in: TAZ v. 20.04.

HOLLERSEN, Wiebke (2015): Anleitung zum Alleinsein.
Die Vereinzelung in der Gesellschaft nimmt zu. Kaum ein Mensch wird dem entgehen. Jedoch kann man lernen, dabei nicht einsam zu sein,
in: Welt am Sonntag v. 14.06.

"»In unserer Gesellschaft, die immer mehr Freiheiten bietet und in der es zugleich weniger Kontinuität gibt, müssen wir uns mehr mit dem Alleinsein auseinandersetzen«, sagt etwa Dietrich Munz. Er ist der Vorsitzende der Psychotherapeutenkammer und hat zusammen mit anderen einen Band über eine Psychoanalytiker-Tagung zur »Fähigkeit zum Alleinsein« herausgegeben",

liest man bei Wiebke HOLLERSEN. Wäre es nicht seriös gewesen zu schreiben, dass die Tagung bereits im Jahr 2008 statt fand und der Band 2009 erschienen ist und seit 2011 in 2. Auflage vorliegt?

"In Deutschland leben 16 Millionen Menschen allein. Meistens wird dieser Satz in einem besorgten Tonfall ausgesprochen. Man stellt sich Menschen vor, die verhärmt in dunklen Wohnungen sitzen",

heißt es passend zum Thema Einsamkeit. Im gestrigen Focus heißt es dagegen:

"15 Millionen Singles hierzulande. Damit lebt jeder Fünfte - in den Großstädten gar jeder Vierte - nicht in einer Partnerschaft."

Im Mittelpunkt der Focus-Titelgeschichte stehen nämlich nicht die einsamen Alleinlebenden, sondern die große Freiheit der Singles.

Die derzeit aktuellen Zahlen zu Einpersonenhaushalten stammen aus dem Jahr 2013. Damals gab es in Deutschland 16,176 Millionen Einpersonenhaushalte, aber nur 15,757 Millionen Alleinlebende, weil zu den Einpersonenhaushalte sowohl Haupt- als auch Nebenwohnsitze gezählt werden.

Amtsstatistiker und Haushaltsfetischisten unter den Soziologen und Ökonomen definieren ein Paar amtsstatistisch durch das gemeinsame Haushalten, während sich in der Bevölkerung immer weniger Paare durch einen gemeinsamen Haushalt definieren, obgleich sie sogar in einer gemeinsamen Wohnung leben, im gleichen Haus, in der gleichen Stadt oder aber aus beruflichen Gründen eine Fernbeziehung führen.

NIEJAHR, Elisabeth & Kolja RUDZIO (2015): Und jetzt?
Wer nicht mehr arbeitet, ist seine Pflichten los. Das kann zum Problem werden. Wie man es im Ruhestand schafft, der Langeweile und der Einsamkeit zu entkommen,
in: Die ZEIT Nr.31 v. 30.07.

KAMANN, Matthias (2015): Die jungen Alten.
Die Erwerbstätigkeit bei Senioren steigt. Viele pflegen aufopferungsvoll Angehörige zu Hause. Frauen aber droht Einsamkeit im demografischen Wandel,
in: Welt v. 30.07.

GRASSHOFF, Friederike Zoe (2015): Leerstelle.
Jeder ist vernetzt, wo soll da noch Platz für Einsamkeit sein? Nun will ein Autor ein verdrängtes Gefühl wieder salonfähig machen,
in: Süddeutsche Zeitung v. 22.08.

FEIX, Thomas (2015): Die Einsamen erkennt man nicht.
Seit Peters Tod ist ihr die Wohnung zu groß, und die Tage sind es auch. Sie geht raus, damit die Zeit vergeht. Doch Britta gibt nicht auf,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 04.10.

LANGENAU, Lars (2015): Schriftverkehr.
Im Internet nehmen sogenannte Love-Scammer einsame Frauen aus und hinterlassen gebrochene Herzen. Ein Opfer erzählt, wie es auf einen Betrüger hereinfiel,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 10.10.

PSYCHOLOGIE HEUTE-Titelgeschichte: Zum Glück allein.
Warum Sie bei sich selbst gut aufgehoben sind

NUBER, Ursula (2015): Editorial,
in: Psychologie Heute, Dezember

Ursula NUBER setzt Singles mit Alleinlebenden gleich. Bei aller vorgestellter Heterogenität wird jedoch die große Zahl der Paare ohne gemeinsamen Haushalt ignoriert, denn diese moderne, mobile Lebensform passt nicht zum Bild des typischen Alleinlebens, das ein Produkt der 1990er Jahre ist.

Die Zahlen, die NUBER präsentiert stammen vom Sommer 2012, d.h. dem Mikrozensus 2011. Das war nicht der letzte Mikrozensus wie NUBER erzählt, aber es war der Letzte, der die Zahlen zu Alleinlebenden mundgerecht für Journalisten servierte. Die letzten verfügbaren Zahlen stammen vom Mikrozensus 2014. Demnach ist der Anteil der Alleinlebenden fast gleich geblieben: Gab es im Jahr 2011 ca. 19,64 % Alleinlebende, so sind es im Jahr 2014 ca. 19,7 % (Anstieg von 15,898 auf 15,997 Millionen Alleinlebende). Die Zahlen aus dem Jahr 2011 sind jedoch nicht zensuskorrigiert.

Seit Mitte der Nuller Jahre hat im Mainstream der deutschen Gesellschaft ein Paradigmenwechsel in Sachen Alleinsein bzw. Einsamkeit stattgefunden. Darauf deutet das Phänomen "Mangel an Einsamkeitsfähigkeit" hin, das NUBER erwähnt. War in der hysterischen Debatte um die Single-Gesellschaft in den 1980er/1990er Jahren oftmals Einsamkeit auf soziale Isolation reduziert worden, so gilt Einsamkeit neuerdings als selbst verschuldet:

"Situationen des Alleinseins können auch für Menschen, die in festen sozialen Bindungen leben, eine Herausforderung sein, die sie nicht immer gut bewältigen.
Alleinsein zu können ist eine Kompetenz, an der es vielen Menschen mangelt".

Einsamkeit wird zur Ressource bzw. zum Regulationsmechanismus im Zeitalter des Selbstunternehmers.

HECHT, Martin (2015): Zum Glück allein.
Die Bibel hat recht "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei." Einsamkeit ist kein schöner Zustand. Doch oft gerät in Vergessenheit: Alleinzeiten sind Voraussetzung für ein erfülltes Leben. Sie sind Oasen in der Wüste der Dauerverbundenheit,
in:
Psychologie Heute, Dezember

"Sucht man nach einer positiven Begleitung (...), wird man eher bei der Philsophie als bei der Psychologie fündig (...). Letztere sah bislang im Menschen in erster Linie ein Beziehungswesen und stufte einen Mangel an Bindung zu jedem Lebenszeitpunkt als problematisch ein",

merkt NUBER zum Beitrag von Martin HECHT an, der sich der Thematik kulturgeschichtlich nähert:

"Einsamkeit wurde ursprünglich nicht ausschließlich mit einem bedrückenden Zustand in Verbindung gebracht. Das mag daran liegen, dass die Verlusterfahrung von Gemeinschaftsformen noch nicht so virulent erlebt wurde wie in der Gegenwart. Kulturgeschichtlich gerät die Einsamkeit erst mit dem Beginn der Moderne unter Generalverdacht, und zwar in dem Maß, in dem die Bande der traditionellen Gesellschaft zerreißen und den Menschen in Vereinzelung zurücklassen."

Nicht so sehr die Psychologie - wie NUBER behauptet - , sondern die  Soziologie in Verbindung mit der Psychoanalyse hat das Alleinsein bzw. die Einsamkeit unter Generalverdacht gestellt. Der Aufstieg und Niedergang der einseitig wahrgenommenen Individualisierungsthese von Ulrich BECK geht einher mit der Blickverengung auf die soziale Isolation und die negative Sicht auf Einsamkeit. Die große Ausnahme war in dieser Zeit der Beitrag Solitäre Enklaven von Peter GROSS, der die positive Sicht auf das Alleinsein/die Einsamkeit hervorhob. Am Beispiel des Alleinreisens wurde dieser Ansatz hier gewürdigt.

Während Martin HECHT im Jahr 2000 noch dem Verschwinden der Heimat in der Offline-Gesellschaft nachtrauerte, muss nun die Online-Gesellschaft als Ursache mangelnder Einsamkeitsfähigkeit herhalten. Wenn Einsamkeitsfähigkeit jedoch auf eine psychische Kompetenz bzw. Ressource reduziert wird, dann geraten die gesellschaftlichen Verhältnisse einer neoliberalen Gesellschaft der Selbstunternehmer aus dem Blick.

TRÄGER, Eva-Maria (2015): Ich bin nicht allein, ich habe ja mich.
Alleinsein ist für viele ein Übel, das unbedingt zu meiden ist. Wer den Alleingang scheut, mag sich sicher fühlen - er nimmt sich damit aber auch die Chance auf wertvolle (Selbst-)Erfahrungen,
in:
Psychologie Heute, Dezember

Eva-Maria TRÄGER widmet sich der Frage, warum wir so ungern alleine ausgehen bzw. alleine reisen, obwohl wir uns dadurch wichtige Erfahrungen entgehen lassen. Welche Ängste halten Singles bzw. Partnersuchende von Aktivitäten außer Hause ab (mehr auch hier und hier)? Befürchten wir das negative Urteil der Anderen zu Recht oder leiden wir unter Wahrnehmungsverzerrungen? Verschafft uns das Alleinreisen nicht wichtige neue Erfahrungen? Liegen die Ursachen unseres Unwohlseins in der Kindheit. Können wir das Alleinsein erst genießen, wenn unsere Grundbedürfnisse gestillt sind, wie das z.B. der Psychologe Abraham MASLOW annimmt, oder ist nicht vielmehr entscheidend, ob unser Alleinleben als mehr oder weniger freiwillig erlebt wird?

WELT AM SONNTAG-Titelgeschichte: Warum wir so einsam sind.
Die Furcht vor dem Alleinsein ist das dominante Gefühl der Zeit. Bindungsängste und Nomadentum im Job treiben immer mehr Menschen in die Isolation

GASCHKE, Susanne (2015): Zu oft allein.
Weihnachten rückt näher – für alle Einsamen die schrecklichste Zeit des Jahres. Susanne Gaschke nähert sich einem Leiden, das immer mehr Menschen in unserer hochmodernen Gesellschaft kennen. Ein bisschen Hoffnung freilich gibt es,
in: Welt am Sonntag v. 06.12.

Susanne GASCHKE ("Die Emanzipationsfalle") liefert einen 08/15-Artikel ab, der ohne empirische Daten zur Einsamkeit in Deutschland auskommt. Stattdessen werden US-amerikanische Soziologen wie David RIESMAN ("The Lonely Crowd") und Richard SENNETT ("Der flexible Mensch") zitiert. Aus der Entwicklung der Einpersonenhaushalte und der Scheidungsziffern wird kurzerhand auf Einsamkeit geschlossen. Während im aktuellen Psychologie Heute-Heft, Einsamkeit als Mangel an "Einsamkeitsfähigkeit" beschrieben wird, bleibt GASCHKE dem altmodischen Gemeinschafts-Paradigma der Soziologie verhaftet. Sowohl die Psychologisierung  als auch die Gleichsetzung von Einsamkeit mit objektiven Indikatoren blendet die Demographisierung gesellschaftlicher Probleme aus und die damit verbundene Normierung der Sichtweisen auf gesellschaftliche Phänomene.

Warum erscheinen gehäuft Einsamkeits-Artikel vor Weihnachten, obwohl Einsamkeit an keine bestimmte Zeit gebunden ist, sondern an individuelle Situationen? Die Familie gilt insbesondere in Zeiten der Demographiepolitik als Wert, der für alle in Form der Kernfamilie gelebt werden sollte. Tatsächlich ist dies ein enger Familienbegriff, der z.B. Freunde oder andere Wahlfamilien ausschließt. In diesem Sinne wären solche Artikel über Einsamkeit Teil des Problems: Sie erzeugen mithin erst Einsamkeitsgefühle.

AUTHALER, Theresa (2015): Hauptsache, nicht allein sein.
Immer mehr Menschen stehen im Alter ohne Familie da. Die Angst vor der Einsamkeit verschafft Senioren-WGs großen Zulauf. Auch die Politik hat gemerkt, dass sie sich der neuen Form des Zusammenlebens annehmen muss,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 06.12.

NIEJAHR, Elisabeth (2015): Helfen statt Heulen.
Alt und Jung: Ein Werbefilm über einen einsamen alten Mann rührt Millionen. Dabei sind immer weniger Menschen allein,
in:
Die ZEIT Nr.50 v. 10.12.

Elisabeth NIEJAHR erwidert auf den Einsamkeits-Mainstream in deutschen Medien (mehr hier und hier):

"Einsamkeit sei das große Problem der Gegenwart, heißt es derzeit, Single-Statistiken und Scheidungsraten gelten als Belege. In der Tat waren noch nie so viele Menschen gut darin, Einsamkeit zu überwinden. Sozialwissenschaftliche Studien zeigen: Die Menschen haben mehr Lust auf Gemeinschaft als früher, gerade wenn sie alt sind."

Genannt wird eine "kürzlich" erschienene Studie von Eric KLINENBERG: Going Solo aus dem Jahr 2012 und eine Befragung des Gerontologen Andreas KRUSE.

Die Scheidungsrate ist nach Ansicht von NIEJAHR kein geeigneter Indikator für Einsamkeit, denn:

"In Deutschland sind sie seit vielen Jahren nahezu stabil. Das grenzt an ein Wunder, wenn man bedenkt, dass der gesellschaftliche Druck zum Heiraten abnimmt, die Suche nach einem neuen Partner durch das Internet einfacher wird und außerdem die Lebenserwartung steigt.
Die durchschnittliche Dauer von Ehen fällt daher nicht, sondern steigt."

Nur Arme und Hochaltrige kämpften wirklich mit der Einsamkeit, meint NIEJAHR. Zu den Armen schweigt NIEJAHR, nur Hochaltrigen denkt sie mittels Internetplattformen wie The Amazings aus ihrer sozialen Isolation helfen zu können.

SIMON, Felix (2015): An Weihnachten wird's viral.
Auf die Verpackung kommt es an: Edeka schenkt sich zum Fest der Liebe einen Werbespot, der auf Youtube Rekorde bricht. Warum lassen sich plötzlich Millionen von Reklame zu Tränen rühren?
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 10.12.

"Für die Kampagnen zum Fest der Liebe scheinen den Kreativen in den Agenturen männliche oder weibliche Singles als Werbeträger ungeeignet. Sie könnten mit Einsamkeit assoziiert werden – wie »unsexy«",

schrieb Ursula NUBER im aktuellen Psychologie Heute-Heft. Der Edeka-Werbespot Heimkommen zeigt dagegen, dass Einsamkeit durchaus Werbefilm tauglich ist.

"Dass viele Menschen leiden wie Petra und Torsten, zeigen die heftigen Reaktionen auf den aktuellen Edeka-Weihnachtswerbespots, in dem es um einen einsamen alten Mann geht. Das Gefühl der Verlorenheit prägt unsere Zeit",

meint die ehemalige ZEIT-Redakteurin Susanne GASCHKE in der Welt am Sonntag, während Elisabeth NIEJAHR in der heutigen ZEIT schreibt:

"Wenn in diesem Jahr mehr Großeltern Post von ihren Enkeln bekommen und mehr Gedichte in Altenheimen vorgetragen werden, könnte das (...) an Edeka liegen."

Dabei denkt sie lediglich an Fernsehzuschauer und nicht wie Felix SIMON an Internetplattformen. Nicht Einsamkeit, sondern kein Egoist sein zu wollen, sei das Motiv, das dem Werbefilm zur Verbreitung durchs Netz verholfen hat, meint SIMON.

KÖLNER STADT-ANZEIGER-MAGAZIN-Thema: Einsame Spitze.
An Festtagen wird Alleinsein oft als schmerzvoll empfunden - Vielleicht kann man ihm aber auch etwas Gutes abgewinnen

FLOSS, Julia (2015): Urlaub von den Anderen.
Einsamkeit ist Angst und Luxus zugleich - Ein Versuch, ein ambivalentes Gefühl zu erklären,
in: Kölner Stadt-Anzeiger Magazin v. 24.12.

2016

WEIDERMANN, Volker (2016): Poesie heilt.
Literatur: Ein Leseprojekt in Liverpool hilft vielen Kranken und Einsamen. Auf der Buchmesse in Leipzig präsentiert sich der deutsche Ableger,
in:
Spiegel Nr.11 v. 12.03.

SCHMIDT, Stephanie (2016): Die Geheimnisse der Einsamen.
Nachlasspfleger müssen über zahlreiche Fähigkeiten verfügen. Sie fahnden in aller Welt nach Erben und helfen, Mietverhältnisse abzuwickeln. Sie werden auch dann aktiv, wenn alleinstehende Menschen sterben - ein zunehmendes Problem in Großstädten,
in: Süddeutsche Zeitung
v. 15.04.

RÖTZER, Florian (2016): Sterberisiko Einsamkeit.
Soziale Isolation und Einsamkeit könnten das Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko ähnlich wie Rauchen, Angst oder Stress deutlich erhöhen,
in:
Telepolis v. 21.04.

BERLINER ZEITUNG-Wochenthema: Alt werden in Berlin.
Heute: Die letzte Wohnung

BISCHOFF, Katrin (2016): "Mir fehlt nüscht".
Eva Staikowski wagte nach dem Tod ihres Mannes den Neuanfang. Als es ihr zu einsam wurde, zog sie ins Seniorenwohnhaus Singerstraße. Dort blüht die 88-Jährige auf,
in:
Berliner Zeitung v. 26.05.

HÖFLINGER, Laura (2016): Neue Nähe.
Psychologie: Viele Menschen verbringen mehr Zeit mit ihrem Smartphone,  bei Chat und Spiel, als mit ihrer Familie. Sind wir vernetzt wie nie - und versinken doch in Einsamkeit? Nein: Es geht uns gut,
in:
Spiegel Nr.27 v. 02.07.

RATZESBERGER, Pia (2016): Das Geld der Einsamen.
Sie fahndet Jahre nach Menschen, von denen sie nicht einmal weiß, ob es sie tatsächlich gibt: Sybille Wolf-Mohr ermittelt Erben - aber nur, wenn es um ein beträchtliches Vermögen geht,
in: Süddeutsche
Zeitung v. 09.07.

NIEBERDING, Mareike (2016): Nach zehn Jahren Einsamkeit bin ich wieder Teil von etwas Größerem. Hinter jeder Tür tut sich eine Geschichte auf,
in: Neon,
August

2017

EUL, Alexandra (2017): Warum Frauen keinen abkriegen,
in: Neon, Januar

GLAS, Andreas (2017): Das letzte Solo.
Weil ihre Familien zerbrochen sind, werden immer mehr Menschen ohne Begleitung und auf Kosten der Kommunen beerdigt,
in: Süddeutsche Zeitung
v. 07.01.

BRECH, Sarah Maria & Fanny JIMÉNEZ (2017): Du, du, nur du allein.
Gesellschaft: Singles sind einsam, traurig und krank. Davon sind ihre besten Freunde noch immer überzeugt. Nur: Es stimmt nicht. Neue Studien zeigen, dass Frauen immer glücklicher werden, je länger sie allein leben,
in:
Welt am Sonntag kompakt v. 15.01.

Wenn Fakten nicht mehr heilig sind, bewirbt die Springer Presse den Medienkongress 2017. Leider sind der WamS kompakt die Fakten längst nicht mehr heilig. Vor allem, wenn es um so genannte Singles geht, werden uns besonders gerne Lügenmärchen erzählt.

"DePaulo gilt als eine der weltweit bedeutendsten Experten mit mehr als 100 Veröffentlichungen zu diesem Thema. In den USA ist die Zahl der Singles in den vergangenen Jahrzehnten rasant angestiegen, hat sie herausgefunden. Waren es 1970 noch 28 Prozent, gaben 2014 schon 45 Prozent an, keinen Partner zu haben",

behaupten BRECH & JIMÉNEZ. Die Zahlen sind zum einen dreist abgeschrieben aus der amerikanischen Zeitschrift New York Magazine. Dort heißt es:

"In 1970, there were 38 million single people in the U.S., and they made up just 28 percent of the population. In 2014, there were 107 million and they comprised 45 percent of the population."
(The New Science of Single People von Jesse Singal)

Aus "single people" machten die Autorinnen "partnerlos". Der Begriff Single wird im Amerikanischen jedoch genauso wie im Deutschen in vielen Varianten benutzt. Die Zahlen hat nicht etwa Bella DePAULO herausgefunden, wie uns die Journalistinnen weismachen wollen, sondern sie stammen vom US-amerikanischen Statistikamt. Auf deren Website heißt es nämlich:

"107 million
Number of unmarried people in America 18 and older in 2014. This group made up 45 percent of all U.S. residents 18 and older. Source: America’s Families and Living Arrangements: 2014, Table A1"

Der Begriff "unmarried" steht nicht für partnerlos, sondern für unverheiratet. Dies zeigt, dass Journalisten auch in den selbst ernannten Qualitätszeitungen Fakten nicht heilig sind. Oder warum wird aus dem Familienstand unverheiratet die Partnerlosigkeit, obwohl beides ganz unterschiedliche Lebensformen darstellen?

"In Deutschland ist der Trend ähnlich. Dem Soziologen Jan Eckhard zufolge ist die Zahl der Singles in den vergangenen 20 Jahren um 50 Prozent gestiegen. 1993 gaben 23 Prozent an, partnerlos zu sein, 2014 waren es 35 Prozent",

heißt es bei BRECH & JIMÉNEZ. Auch das ist dreist abgeschrieben, diesmal  bei der Spiegel-Titelgeschichte im Oktober. Dort heißt es:

"Nach Auswertungen des Heidelberger Soziologen Jan Eckhard ist die Zahl der Singles in den vergangenen 20 Jahren um 50 Prozent gestiegen. Waren 1993 noch 23 Prozent der Deutschen ohne festen Partner, gaben 2014 35 Prozent der Befragten an, in keiner festen Beziehung zu leben. Eckhards Quelle ist das Sozio-oekonomische Panel (SOEP), die größte sozialwissenschaftliche Langzeitstudie in Deutschland."

Weder ist die Altersgruppe unmissverständlich angegeben, weil kurz zuvor im Spiegel-Bericht noch von 25-35-Jährigen gesprochen wird, noch geht eindeutig hervor, ob es um partnerlose Deutsche oder um Partnerlose in Deutschland geht - beides wäre möglich und nicht dasselbe (mehr auch hier). Der SOEP kann zumindest Partnerlose von Paaren unterscheiden im Gegensatz zu vielen anderen Forschungsdesigns.

Nimmt man wissenschaftliche Aufsätze von Jan ECKHARD zur Hand, dann wird dort von Bindungsquoten gesprochen, weil es hier nicht um dauerhafte Partnerlosigkeit, sondern um die Dauerhaftigkeit von Partnerschaften geht. Außerdem werden vom SOEP nur Partnerschaften erfasst, die länger als ein Jahr dauern, d.h. es ist eine Frage der Definition inwiefern vom Anstieg der Partnerlosigkeit gesprochen werden kann. Veränderungen gibt es in erster Linie bei der Beziehungsstabilität.

"SOEP und Familiensurvey, die kurzfristige Beziehungen unter-erfassen, zeigen übereinstimmend einen Anstieg der Partnerlosigkeit in Deutschland seit Beginn der 1990er Jahre. So dokumentiert das SOEP für die deutsche Bevölkerung zwischen 18 und 60 Jahren ein Absinken der allgemeinen Bindungsquote von 82 Prozent im Jahr 1993 auf 75 Prozent im Jahr 2009 (Eckhard 2015: 50)"
(2016, S.82),

schreiben Jan ECKHARD und Thomas KLEIN in ihrem Aufsatz Partnerlosigkeit in Deutschland und im internationalen Vergleich aus dem Jahr 2016. Die Autoren betrachten jedoch nur den Zeitraum 1993 - 2009 und kommen hier für die 18- bis 60-Jährigen der deutschen Bevölkerung auf eine Zunahme der Partnerlosigkeit (definiert als Bindungslosigkeitsquote) von 18 auf 25 Prozent. Die Frage nach der Zunahme der Partnerlosigkeit ist in erster Linie eine Normative, wie die Autoren nach einem Vergleich verschiedener Datensätze zeigen:

"Im Ergebnis erfordert die Frage nach der Entwicklung der Partnerlosigkeit eine differenzierte Antwort: Versteht man unter Partnerbindung das Vorhandensein einer gewissen Stabilität der Paarbeziehung, dann ist eindeutig ein Rückgang der Partnerbindung und somit ein Anstieg der Partnerlosigkeit zu konstatieren. Geht man hingegen von einer Definition aus, die unter Partnerbindung auch sehr kurze Beziehungserfahrungen und instabile Verhältnisse subsumiert, so ist von einer weitgehenden Konstanz der Bindungs- bzw. Partnerlosigkeitsquoten zu sprechen."
(2016, S.382)

BRECH & JIMÉNEZ suggerieren uns aber sogar einen Trend, der darauf basiert, dass die USA uns Deutschen immer einen Schritt voraus sind, aber sie vergleichen Äpfel (Unverheiratetsein) mit Birnen (Partnerlosigkeit). Denn wenn man die Zahl der Unverheirateten nimmt, was die Journalistinnen ja für die USA getan haben, dann ist Deutschland den USA weit voraus, denn bei uns sind nicht nur 45 % der Bevölkerung unverheiratet, sondern 2014 waren es nach dem Statistischen Jahrbuch 2016 fast 56 % (vgl. Tabelle 2.1.12, S.33). Die kulturellen Unterschiede werden von den Journalistinnen also beim Single-Dasein ausgeblendet, weshalb sich die Befunde von DePAULO keineswegs einfach auf Deutschland übertragen lassen. Bei uns ist das Unverheiratetsein wesentlich unproblematischer als in den USA, dagegen fokussiert sich die Stigmatisierung in Deutschland auf die Dimensionen Partnerlosigkeit und Kinderlosigkeit.

Der Artikel ist auch ansonsten wenig aussagekräftig, da von Singles gesprochen wird, ohne dass klar wird, wer jeweils gemeint ist: Unverheiratete, Alleinlebende, Paare ohne gemeinsamen Haushalt oder Partnerlose. Dies sind verschiedene Lebensformen, deren Leben sich durchaus ganz unterschiedlich gestalten kann.

"Weil ein genauerer Blick auf Singles überfällig war, stieg Bella DePaulo tief ein in die 19.582 Studien zu Partnerschaften und 501 Studien zu Singles, die sie für den Zeitraum zwischen 2000 und 2015 fand. 814 davon blieben übrig, die sie sinnvoll auswerten konnte: (...).
Je genauer die Wissenschaftlerin aber hinsah, desto mehr grundsätzliche methodische Fehler entdeckte sie. Da wurden zum Beispiel regelmäßig 20-Jährige Singles und 40-jährige Geschiedene zusammen in eine Gruppe gesteckt und mit den verheirateten Paaren verglichen. So rechnete man die gescheiterten Paare aus der Paarstatistik heraus und schob sie den Singles zu",

schreiben die Journalistinnen, als ob das uns Lesern einen Erkenntnisgewinn bringen würde. Offenbar wissen die Journalistinnen nicht, über was sie schreiben. Ihr einziges Fallbeispiel ist eine alleinwohnende 57-jährige Frau, die als Heilpraktikerin in einer Großstadt mit ca. 300.000 Einwohnern lebt und deren letzte Partnerschaft vor 11 Jahren endete. Ist diese Frau überhaupt repräsentativ für Partnerlosigkeit in Deutschland oder soll sie nur ein - gar nicht so neues Stereotyp bestätigen? Soziologen sehen das Problem der Partnerlosigkeit in erster Linie bei jungen Männern. Auch Witwen und weniger Witwer haben (noch) großen Anteil an der Partnerlosigkeit in Deutschland. Die kinder- und partnerlose Karrierefrau ist zwar in den Medien sehr präsent, weil dort diese Spezies auch weit verbreitet ist - gesamtgesellschaftlich spielt sie dagegen eher keine große Rolle.

"Es gab so gut wie keine Studien, die Singles im Zentrum ihres Interesses stellten. Meist waren sie nur zu einem Zweck interessant: Als Kontrollgruppe, als Folie, gegen die man die Paarbeziehungen stellen konnte",

schreiben BRECH & JIMÉNEZ. Das vernachlässigt die Tatsache, dass Singlestudien meist politisch motiviert sind - insbesondere in Deutschland bevölkerungs- und sozialpolitisch. Ihr Negativimage rührt in erster Linie daher, dass sie als Sündenbock herhalten müssen. Ihnen wird die Schuld an der Wohnungsnot, dem Aussterben der Deutschen, den Umweltproblemen usw. zugeschrieben. Da der Singlebegriff so dehnbar ist, wurde schon von Single-Gesellschaft gesprochen, andererseits sind Singles immer die anderen.

BRIGITTE-Dossier: Ich bin einsam.
Mal allein sein, gilt in unserer lärmenden Gesellschaft mittlerweile als Luxus. Sich einsam zu fühlen ist dagegen ein größeres Tabu als jemals zuvor. Dabei kann es jeden irgendwann mal im Leben treffen

NIEMANN, Sonja (2017): Niemand da.
Einsamkeit lässt sich leicht kaschieren, denn sie hat viele Gesichter. Daher erkennt man sie nicht immer sofort. Manchmal noch nicht mal bei sich selbst,
in:
Brigitte Nr.8 v. 29.03.

Sonja NIEMANN erklärt uns den Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein. Während die Soziologie der Gemeinschaft noch vom Alleinleben direkt auf die soziale Isolation schloss, führte die Psychologie der Gesellschaft zu einer Ausdifferenzierung in die objektive Tatsache des Alleinseins und das subjektive Gefühl der Einsamkeit. In der Therapiegesellschaft wurde Einsamkeit zum Problem jedes Einzelnen, das er notfalls unter zur Hilfenahme einer Psychotherapie lösen muss, um seine Funktionsfähigkeit in unserer mobilen und flexiblen Gesellschaft des neuen Kapitalismus wiederherzustellen.

"Die größte Gruppe unter den schwer Einsamen waren (...) nicht die Rentner, sondern diejenigen, die die Studie als »Workaholics« klassifizierte",

schreibt NIEMANN, was auch den Stellenwert von Erwerbsarbeit in unserer Gesellschaft zeigt. Dass Umzüge neuerdings in den Medien vermehrt als Einsamkeitsproblem thematisiert werden, zeigt auch den zentralen Stellenwert der Mobilität. In der Hartz-Gesellschaft werden nicht nur Aufstiegsorientierte, sondern auch jene, die vom Abstieg bedroht sind, zur Mobilität gezwungen, obwohl ihre Ressourcenausstattung ungleich schlechter ist. Während die Psychologie für die Therapierbarkeit der Einsamkeit steht, führen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dazu, dass die "Auslöser" von Einsamkeit immer zahlreicher werden. Gute Zeiten für das Geschäftsfeld Psychologie! Oder wie es bei NIEMANN heißt:

"Es liegt an uns. Und das ist die gute Nachricht."

Ob das schlechte Zeiten für alle jene sind, die an den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen etwas ändern möchten statt nur die Symptome zu kurieren? Auch das liegt an uns!  

ARNDT, Stephanie (2017): "Meine Hoffnung und meine Zukunft - alles war kaputt".
Als Silvia, heute 52, sich vor 14 Jahren scheiden ließ, wusste sie nicht, dass dies auch die Trennung von ihren Kindern bedeuten würde. Sie hat sich bis heute nicht davon erholt. Ein Protokoll,
in:
Brigitte Nr.8 v. 29.03.

WIEBE, Silia (2017): "Was wisst ihr schon von meinem Leben?"
Nike, 34, hatte schon als Kind das Gefühl nicht wirklich dazuzugehören. Und das konnte ihr bis jetzt keiner nehmen. Ein Protokoll,
in:
Brigitte Nr.8 v. 29.03.

ARNDT, Stephanie (2017): "Er ließ mich emotional verhungern".
Ruth, 68, wollte nach dem Tod ihres Mannes nicht allein leben. Sie fand einen neuen Partner und blieb mit ihm zusammen - obwohl sie sich nie so einsam fühlte wie an seiner Seite. Ein Protokoll,
in:
Brigitte Nr.8 v. 29.03.

WERKMEISTER, Meike (2017): "Auch diesen Ort, diese Freunde, werden wir wieder verlassen".
Eva Baker, 40, ist als Angestellte des Goethe-Instituts in den vergangenen zehn Jahren fünfmal umgezogen. Derzeit lebt sie mit ihrem Mann und ihrer fünfjährigen Tochter in Australien. Und jedes Mal bedeutet es einen Neuanfang. Ein Protokoll,
in:
Brigitte Nr.8 v. 29.03.

NIEMANN, Sonja (2017): "Jeder ist selbst für seine Einsamkeit verantwortlich".
Ja, es gibt oft äußere Auslöser. Ja, man muss das erst mal verarbeiten. Aber dann sind wir dran, etwas zu ändern, sagt die Psychologin Dr. Eva Wlodarek. Und sie weiß auch, wie,
in:
Brigitte Nr.8 v. 29.03.

Eva WOLDAREK verkündet uns das neue Ethos der Einsamkeit unseres neoliberalen Zeitalters. Die Psychotherapie ist erst in unserer individualisierten Gesellschaft zum Massenphänomen geworden. Sie ist ein Kind der Bildungsexpansion.  

MÜLLENDER, Bernd (2017): Mitten unter uns.
Reportage: Die Stadt Aachen veranstaltet Trauerfeiern für vereinsamt Verstorbene: ohne Familie, ohne Angehörige, manche auch ohne Freunde - aber mit einem letzten Würdevollen Gedenken,
in:
TAZ v. 03.05.

COULMAS, Florian (2017): Versuchsstation des Weltuntergangs.
Japan wird immer älter - und geht uns voran in eine Zukunft der Roboter und der Einsamkeit,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 22.09.

RÖTZER, Florian (2017): Viele alte Menschen sind chronisch einsam.
Eine britische Organisation spricht von einer "Einsamkeitsepidemie", die mit der älter werdenden Gesellschaft schnell zunehme,
in:
Telepolis v. 23.09.

"51 Prozent der Menschen über 75 Jahre leben allein",

schreibt Florian RÖTZER. In einer PR-Information der Organisation Campaign to End Loneliness steht dagegen:

"Over half (51%) of all people aged 75 and over live alone (Office for National Statistics 2010. General Lifestyle Survey 2008)"

Die Zahlen, die uns RÖTZER nennt, sind also bereits ein Jahrzehnt alt. In der Veröffentlichung Families and households in the UK: 2016 des Office of National Statistics vom November 2016 ist die Entwicklung der Alleinlebenden in Großbritannien zwischen 1996 und 2016 ersichtlich (vgl. 2016, Schaubild 6, Seite 11):

Es zeigt sich, dass das Alleinleben im Alter von 75 Jahren und älter zwischen 2008 und 2016 nicht zugenommen hat, obwohl doch die Bevölkerung altert. Das hohe Alter ist nicht männlich wie im mittleren Lebensalter, sondern weiblich. Frauen besitzen in der Regel mehr Kontakte als Männer. Zudem ist Einsamkeit nicht identisch mit dem Alleinhaushalten. Heimbewohner, die von Einsamkeit betroffen sind, fallen aus dieser Haushaltsstatistik heraus, was von RÖTZER nicht erwähnt wird, obwohl gerade dort die Einsamkeit verbreiteter sein könnte. Mit der Zunahme von modernen Altenpflegeeinrichtungen (Betreutes Wohnen) verändert sich zudem auch das Alleinhaushalten im Alter. Auch dieser Aspekt kommt in dem Artikel nicht vor.

Nicht die Verbesserung des Lebens im Alter steht im Mittelpunkt, sondern die Kostenersparnis, was von RÖTZER dem neoliberalen Zeitgeist zugeschrieben wird:

"Da es mittlerweile zum Usus gehört, stets auf die ökonomischen Folgen hinzuweisen und mit Kostenersparnissen für Veränderungen zu werben, fehlt dies auch hier nicht. Die Organisation hat eine Studie bei Wissenschaftler der London School of Economics (LSE) in Auftrag gegeben, nach der sich die Investition in die Bekämpfung der Einsamkeit rentieren würde.
Für jedes Pfund, das man in wirksame Maßnahmen zur Reduzierung oder Prävention von Einsamkeit investiert, würden 3 Pfund gespart. Pro Person im Alter von über 65 Jahren, die sehr einsam ist, würden die gesellschaftlichen und medizinischen Kosten in zehn Jahren 6000 Pfund betragen. Die Menschen suchen beispielsweise häufig einen Arzt auf, nur um mit jemanden sprechen zu können. Die Studie untersucht im wesentlichen die ökonomischen Faktoren unterschiedlicher Maßnahmen."

Es sagt mehr über unsere Gesellschaft aus, dass Verbesserungen nur dann durchsetzbar erscheinen, wenn sie mit Kostenersparnissen verbunden sind. Eine solche Ideologie sorgt dafür, dass Verbesserungen, die nicht als Kostenersparnis deklariert werden können, gar nicht erst in Angriff genommen werden.

Fazit: Man tut den älteren Alleinlebenden keinen Gefallen, wenn man mit Schwarz-Weiß-Begriffen wie "Einsamkeitsepidemie" hantiert. Das macht Angst und Angst ist bekanntlich der schlechteste aller Ratgeber! Dann steht am Ende nicht Handeln, sondern Ohnmacht und Apathie.

LIPPENS, Jan (2017): Kein Sex ist auch keine Lösung.
Sehnsüchte: Seitdem unser Autor über seine verheerenden Dating-Erlebnisse als 60-Jähriger geschrieben hat, teilen viele ihre Erfahrungen mit ihm. Einsichten in die Einsamkeit,
in:
TAZ v. 30.09.

SCHAAF, Julia  (2017): Ein nahezu perfektes Verbrechen.
Das ist der Albtraum der alternden Gesellschaft: Ein einsamer 80-Jähriger wird erschossen, zehn Jahre liegt seine Leiche in einer Tiefkühltruhe, der Mörder bezieht die Rente - und keiner merkt etwas. Oder vielleicht doch?
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 05.11.

LEE, Felix (2017): 22.860.000.000 Euro gegen die Einsamkeit.
Mit Konsumrabatten wollte der chinesische Internetgigant Alibaba ursprünglich die vielen Singles im Land am 11.11. über ihr Alleinsein hinwegtrösten. Inzwischen hat sich dieser Tag zum größten Verkaufstag der Menschheitsgeschichte entwickelt,
in:
TAZ v. 13.11.

FRIMMER, Valentin (2017): Wenn Einsamkeit krank macht.
Mehr als jeder zehnte Deutsche leidet unter dem Gefühl des Alleinseins. Das kann schwere Folgen für die Gesundheit haben,
in:
Frankfurter Rundschau v. 22.12.

US-amerikanische Christliche Fundamentalistinnen erklären uns immer noch, dass Alleinwirtschaften ("Einpersonenhaushalt"), soziale Isolation und Einsamkeit mehr oder weniger dasselbe wäre. Dabei bezeichnen die drei Begriffe völlig Unterschiedliches. Wer einen Einpersonenhaushalt führt, der muss weder alleinwohnen, noch muss er partnerlos sein. Nur unfreiwillige Partnerlosigkeit bzw. Beziehungslosigkeit über längere Zeiträume ist mit sozialer Isolation (soziologischer Begriff) bzw. Einsamkeit (psychologischer Begriff) gleichzusetzen und krankmachend.  

2018

PILTZ, Christopher (2018): Ohne mich!
Eltern, Partner, Freunde: Ständig haben andere Erwartungen an uns. Passen wir kurz nicht auf, gleicht unsere Freizeit einem Terminmarathon. Wie wir es schaffen, die Kontrolle über die Momente zurückzugewinnen, die eigentlich nur einem gehören sollten: uns selbst,
in:
Neon, Januar

WÄHLER, Martin (2018): Der letzte Weg.
Armenbegräbnis: Von Behörden beauftragte Beerdigungen werden mehr - ein Zeichen für Vereinsamung und wachsende Armut. Wie läuft so etwas ab? Ein Besuch in Düsseldorf,
in:
Freitag Nr.1 v. 04.01.

SCHAAF, Julia (2018): "Einsamkeit schädigt die Gesundheit".
Eine Psychologin über die steigende Zahl einsamer Menschen unter uns und die Frage, ob die deutsche Politik etwas dagegen tun sollte,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 21.01.

Die konservative britische Premierministerin hat öffentlichkeitswirksam die Ministerin Tracey CROUCH, die für Sport und bürgerschaftliches Engagement zuständig ist, mit dem Kampf gegen Einsamkeit betraut (mehr hier und hier). Dies entspricht einer Logik, die der Soziologe Nicolas ROSE als "Regieren durch Community" kritisiert hat. Die Mainstreamzeitungen titelten daraufhin, dass Theresa MAY eine "Ministerin für Einsamkeit" ernannt hätte, was natürlich falsch ist, aber davon zeugt wie die Mainstreammedien ticken.

Bekanntlich hat die frühere neoliberale Premierministerin verkündet, dass es keine Gesellschaft gibt, sondern nur Individuen. Dass eine solche Politik des flexiblen Kapitalismus das Einzelkämpfertum heroisiert, ist kaum verwunderlich. Die Kehrseite wird nun als "Einsamkeits-Epidemie" angeprangert, was das Problem verharmlost, indem es entpolitisiert und psychologisiert wird. Das zeigt sich auch in dem Interview mit der Psychologin Maike LUHMANN. Der flexible Kapitalismus heroisiert den extravertierten Menschen, was auch bei LUHMANN anklingt:

"Schaaf: Ist die Neigung zur Einsamkeit auch eine Frage der Persönlichkeit?
Luhmann: Auf jeden Fall. (...). Extravertierte Menschen sind geselliger und gehen gerne auf andere Menschen zu. Ihnen fällt es einerseits leichter, Kontakte zu knüpfen und Beziehungen zu pflegen. Andererseits haben sie auch ein höheres Bedürfnis nach Kontakten, und wenn die dann fehlen, fühlen sie sich eher einsam als Menschen, die ohnehin introvertiert sind, schüchtern, gern einmal allein."

Gegen solche Vorurteile wehren sich inzwischen Introvertierte. Inwiefern Introversion und Schüchternheit zwei unterschiedliche Aspekte sind, darüber ist inzwischen ein Streit entbrannt. LUHMANN beklagt - im Interesse ihrer Profession eine psychotherapeutische Unterversorgung in Deutschland. Psychologen verwalten jedoch eher das Elend der Einsamkeit, weil sie nichts an den gesellschaftlichen Strukturen, z.B. dem beziehungs- und familienfeindlichen Arbeitsmarkt ändern können. Ziel von Psychotherapie ist die Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit in der Gesellschaft, nicht die Veränderung der Gesellschaft. Das kann nur die Politik. Die Situationen, die Einsamkeit fördern, sind der Zwangsmobilität in der Hartz-Gesellschaft geschuldet. Einsamkeit ist auch nicht - wie gerne angenommen wird - im Alter am verbreitesten (sieht man von krankheitsbedingten Einschränkungen ab), sondern in der Jugend und im Erwachsenalter. Das Problem bei den "Single-Haushalten" bzw. hohen Scheidungsraten zu suchen, lenkt von den gesellschaftlichen Ursachen ab.

MARINIC, Jagoda (2018): Einsamkeit.
Alleingelassen zu sein ist furchtbar. Aber es wäre falsch, das Alleinsein aus dem Leben zu vertreiben und zur Krankheit zu erklären, gar mit Hilfe eines Ministeriums,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 27.01.

EBERHARDT, Wolfram (2018): Einsam sein.
Es kann uns alle treffen: Jeder Dritte fühlt sich zeitweise einsam, und bei vielen wird dieser Zustand chronisch. Denn je mehr uns das Gefühl der Verbundenheit abhandenkommt, desto misstrauischer, eigenbrötlerischer - und einsamer werden wir. Wie entkommen wir dieser Falle?
in:
Psychologie Heute, Februar

Der Artikel von Wolfram EBERHARDT stellt zwei Aspekte in den Vordergrund: zum einen das neue Ethos der Einsamen, das die Psychologin Maike LUHMANN repräsentiert, und zum anderen die

"Armut als viel verlässlicheres Vorzeichen für Einsamkeit als das Alter",

das Oliver HUXHOLD vom Deutschen Zentrum für Altersfragen hervorhebt. Bei der Betonung des Ethos der Einsamen ist es in den letzten Jahren zu einer Verschiebung gekommen, was an der Entdeckung der neoliberalen Misstrauensgesellschaft liegen mag, denn nun wird das Misstrauen der Einsamen als Hauptproblem für deren soziale Isolation gesehen. Vor fast 15 Jahren wurde dieser Aspekt auf dieser Website als Problem ängstlicher Singles beschrieben. Statt von Misstrauen, wurde damals von der Ausrichtung auf negative Aspekte der sozialen Umwelt gesprochen. In der unserer Aktivgesellschaft heißt Integration der Einsamen schlicht, sie zur Selbstsorge aufzufordern:

"Anders als bei einer echten Gefängniszelle müsse in der Zelle der Einsamkeit die Tür fast immer von innen geöffnet werden, sagt Maike Luhmann - und empfiehlt kleine Schritte, um den unwirtlichen, kalten Ort zu verlassen. Aktiv werden, ohne allzu große Erwartungen zu haben, lautet die Devise." 

MÄRZ, Ursula (2018): In der Gefriertruhe.
Am Prenzlauer Berg in Berlin verschwinden zwei alte einsame Menschen und werden jahrelang nicht vermisst. Nur die Rente wird weiter ausbezahlt - an den mutmaßlichen Mörder,
in:
Die ZEIT Nr.6 v. 01.02.

DPA (2018): Einsam und arm – immer mehr Alleinstehende von Armut bedroht.
In Großbritannien wurde zuletzt ein Regierungsposten gegen Einsamkeit eingerichtet. Jetzt werden dramatische Zahlen aus Deutschland bekannt,
in:
Handelsblatt Online v. 13.02.

Die Ergebnisse zur Armutsbedrohung ("Leben in Europa") im Jahr 2016 wurden bereits am 08.11.2017 vom Statistischen Bundesamt veröffentlicht. Unter der Rubrik "Lebensbedingungen, Armutsgefährdung" finden sich die im Artikel genannten 32,9 Prozent Alleinstehende jedoch unter dem Begriff Alleinlebende.

Unter der Rubrik "Armutsgefährdung" wird dagegen für das Jahr 2016 eine Armutsquote für die Einpersonenhaushalte von 26,3 Prozent angegeben. Der Unterschied besteht darin, dass Alleinlebende nur Personen sind, die einen Hauptwohnsitz angegeben haben, während bei den Einpersonenhaushalten sowohl Personen am Haupt- und Nebenwohnsitz gezählt werden.

Der im Artikel verwendete Begriff des Alleinstehenden wird vom Statistischen Bundesamt dagegen für Personen verwendet, die ohne Ehe- oder Lebenspartner und ohne ledige Kinder in einem Haushalt leben. Alleinlebende sind also eine Untergruppe der Alleinstehenden.

Die Agenturmeldung nutzt den Hype um eine wenig erhellende Debatte um eine zusätzliche Aufgabenzuweisung an eine britische Ministerin, um politische Forderungen zur Bekämpfung von Armut zu stellen, denn Einsamkeit ist nicht das Thema des Artikels, sondern nur der Ökonomie der Aufmerksamkeit geschuldet.

GIESELMANN, Dirk (2018): Beim heiligen Hans.
ZEIT-Titelgeschichte Nachbarn: Kommt alle! In einem anonymen Berliner Hochhaus lädt ein alter Herr die Einsamen zum Essen ein,
in: Die ZEIT Nr.
9 v. 22.02.

In der Wohlfühlzeitung gibt es heute einen Artikel, den man eher in einem Boulevardblatt vermutet. Ob Essenseinladungen geeignet sind, um Einsamkeit zu bekämpfen, ist fraglich. Es zeigt aber eine Tendenz, seit von einem angeblichen Einsamkeitsministerium in Großbritannien berichtet wird, dass der Begriff schnell bei der Hand ist und damit Einsamkeit verharmlost wird.

POLIER, Xenia von (2018): Das stille SOS.
Enorm-Titelthema Nie mehr allein: Als Großbritannien im Januar ein Ministerium für Einsamkeit schuf, sorgte das erst für Verwunderung. Dann begann eine wichtige gesellschaftliche Debatte. Denn viele Millionen alte und junge Menschen sind einsam - auch in Deutschland. Warum ist das Gefühl sozialer Isolation so gefährlich und was können wir dagegen tun?
in:
Enorm, Nr.1, März/April

HALANG, Vincent & Xenia von POLIER (2018): Ein Wisch zur Freundschaft.
Enorm-Titelthema Nie mehr alleinAuf dem Smartphone neue Freunde finden - so versprechen es moderne Freundschafts-Apps. Doch braucht es wirklich die digitalen Helfer und was machen sie mit unseren Freundschaften?
in:
Enorm, Nr.1, März/April

LANGROCK-KÖGEL, Christian (2018): Schaut Euch in die Augen, Fremde!
Enorm-Titelthema Nie mehr alleinAnderen Menschen begegnen wir auf der Straße meist ziemlich verschlossen - entsprechend anonym ist die Öffentlichkeit. Die Bewegung "Eye Gazing" möchte mehr Begegnung schaffen - und organisiert Treffen, bei denen man sich einfach schweigend ansieht. Was geschieht dabei?
in:
Enorm, Nr.1, März/April

RÖTZER, Florian. (2018): Soziale Isolation und Einsamkeit machen krank.
Eine umfangreiche Studie weist auf das erhöhte Risiko hin, das stark auch mit sozioökonomischen Faktoren zusammenhängt und damit einen Hinweis auf die Debatte um Hartz-IV gibt,
in:
Telepolis v. 29.03.

Dass chronische, d.h. über einen längeren Zeitraum wirkende Einsamkeit, krank macht ist unbestritten. In letzter Zeit werden aber auch kurzzeitige Einsamkeitsgefühle immer wieder zu einer "Einsamkeitsepidemie" stilisiert. Das hilft einsamen Menschen nicht. Auch der Begriff "soziale Isolation", der ein soziologisches Phänomen bezeichnet ist vom psychologischen Begriff der Einsamkeit zu unterscheiden. Ersterer bezeichnet objektive, empirisch ermittelte Tatbestände, während letzterer subjektiv empfundene Gefühle meint. Inwieweit beide Phänomene krank machen, hängt von der Definition ab. Während der eine Mensch 100 Kontakte haben kann und sich trotzdem einsam fühlt, kann ein anderer wenige Kontakte haben, aber trotzdem zufrieden sein. Entscheidend ist die Qualität der Beziehungen und nicht die reine Quantität, die meist in Massenumfragen erfasst wird.

Armut erhöht die Gefahr von chronischer Einsamkeit, was nicht unbedingt an der Armut an sich, sondern an den Begleiterscheidungen zusammenhängt, die mit Armut einhergehen: fehlende Teilhabemöglichkeiten in einer geldfixierten Gesellschaft. Scheidungen führen bei Männern vielfach zum langfristigen Verlust zentraler Beziehungen sowie Armut und erhöhen dadurch das Sterberisiko. Auch eine Wiederheirat kommt bei armen Männern seltener vor. Die Wege in die Einsamkeit sind jedoch sehr vielfältig.

Ob die Abschaffung von Hartz IV die krankmachende Einsamkeit reduzieren würde, hängt auch mit den gesellschaftlichen Alternativen zusammen, die an die Stelle von Hartz IV treten. Der Artikel von RÖTZER leistet hierzu keine erhellenden Ausführungen. Mit der Abschaffung von Hartz IV fallen noch lange nicht die Stigmatisierungen und Diffamierungen von Armut und Armen in der neoliberalen Gesellschaft weg. 

ERLINGER, Rainer (2018): Ohne alle.
Einsamkeit macht krank und kann sogar töten, so hört man derzeit ständig. Doch Alleinsein kann auch etwas Wunderbares sein. Über einen höchst widersprüchlichen Zustand,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 31.03.

Rainer ERLINGERs Artikel  über die Einsamkeit ist das genaue Gegenteil von Florian RÖTZERs Artikel. Beide gehen auf ihre einseitige Weise am Kernproblem vorbei. Während RÖTZER nicht zwischen kurzzeitigen und chronischen Einsamkeitsgefühlen unterscheidet, setzt ERLINGER Alleinsein mit Einsamkeit gleich. Beides hilft Betroffenen nicht weiter, sondern ist ein Reflex der Debatte über die Single-Gesellschaft. Welche Verschiebungen im Diskurs stattgefunden haben, zeigen zwei Beiträge zum Thema, der erste aus dem Jahr 2002, der zweite aus dem Jahr 2006. Dazwischen liegt ein Paradigmenwechsel, der zum einen mit den Hartz-Gesetzen und zum anderen mit der Verschiebung der Debatte vom Alleinleben zur Partnerlosigkeit zu tun hat.

LENZEN-SCHULTE, Martina (2018): Wird der Einsame krank oder der Kranke einsam?
Der Psychiater Manfred Spitzer will die Antwort auf diese Frage lieber nicht so genau wissen. Sie könnte sein Weltbild trüben, in dem der wahre Verantwortliche für die Misere längst feststeht,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 26.05.

Martina LENZEN-SCHULTE richtet sich gegen "Spitzers Kreuzzüge gegen die digitale Welt" und gegen Interpretation von Korrelationen ("Zusammentreffen von Faktoren") als Kausalzusammenhang, wobei Manfred SPITZER hier keineswegs eine Ausnahme, sondern insbesondere in Medienberichterstattung die Regel ist.

"Es gibt Krankheiten, die gehäuft mit Einsamkeit assoziiert werden - etwa Bluthochdruck, Schlaganfall, Herzinfarkt und Krebs. Spitzer deutet dies als »negative Auswirkungen von Einsamkeit und sozialer Isolation auf die Gesundheit und die Lebenserwartung«. (...). Das geben die Daten indes mitnichten her.
Zahlreiche wissenschaftliche Studien nennen Krankheit vielmehr als Risikofaktor für Einsamkeit",

kritisiert LENZEN-SCHULTE. Sie nennt als Beispiele Schlaganfall und Parkinson, die einen Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben begünstigen.

Dass Krankheiten jedoch die Ursache für jedes Einsamkeitsgefühl ist, wäre jedoch auch zu weit hergeholt. Die Zusammenhänge sind vielmehr komplexer. Einsamkeit kann sehr wohl krank machen, wenn Einsamkeitsgefühle chronisch werden. Krankheiten können auch Einsamkeit fördern wie LENZEN-SCHULTE zu Recht einwirft. Ob dies jedoch eine Kausalursache ist oder eher eine Wechselwirkung, das ist eine Frage, die kaum leicht zu beantworten ist und epidemiologische Untersuchungen erfordert. Selbst dann sind Nachweise schwierig, weil viele Studiendesigns nicht unbedingt das messen, was sie zu messen vorgeben.

"Das Anwachsen der Einpersonenhaushalte soll zum Beispiel die These von der stetig zunehmenden Vereinsamung stützen. Wer auf die Singlewebsites schaut, darf vermuten, dass diese Gruppe eine derart pauschal negative Konnotation sicher von sich weisen würde.
Die wachsende Anzahl alleinlebender älterer Menschen ist dafür ebenfalls kein Beweis",

kritisiert LENZEN-SCHULTE zu Recht, denn insbesondere in den 1980er und 1990er Jahre wurde das Alleinleben gerne als soziale Isolation aufgefasst, obwohl das Alleinleben eine sehr heterogene Lebensform war und ist. Nicht erst seit in Großbritannien angeblich ein "Einsamkeitsministerium" eingerichtet wurde, hat sich in Deutschland wieder eine weniger differenzierte Sicht auf das Alleinleben ausgebreitet. Dies hängt damit zusammen, dass das Alleinleben nicht mehr mit freiwilligem, sondern mit unfreiwilligem Alleinleben assoziiert wird.

"Ist das Buch der »überfällige Weckruf«, als den es der Klappentext anpreist? Bereits vor einem Vierteljahrhundert erschienen Artikel, die mit Titel wie »Preis der Ich-Sucht« auf das »Millionenschicksal Einsamkeit« aufmerksam machten",

wirft LENZEN-SCHULTE zum Schluss ein.

 
     
 
       
   

weiterführender Link

 
       
   

Übersicht - Themen des Monats

 
       
   
 
   

Bitte beachten Sie:
single-generation.de ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten

 
   
 
     
   
 
   
© 2002-2018
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 27. Dezember 2015
Update: 25. Juli 2018