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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Einsamkeit

 
       
   

Vom Alleinsein in der paar- und familienorientierten Gesellschaft. Eine Bibliografie (1977 - heute)

 
       
     
   
     
 

Einführung

Einsamkeit und Alleinleben gelten in unserer paar- und familienorientierten Gesellschaft oftmals als Synonym, obwohl Einsamkeit auch in Partnerschaften ("gemeinsam einsam" oder Familien nicht selten ist. Im viel gelesenen Beitrag Einsamkeit. Single-Haushalte und die Fröste der Freiheit aus dem Jahr 2002 wurden deshalb typische Vorurteile in der Debatte um die so genannte Single-Gesellschaft aufgezeigt und das Alleinleben als anspruchsvolle Lebensform dargestellt. Außerdem wurde aufgezeigt wie man der Einsamkeitsfalle entgehen kann,

Partnerlose werden als "einsame Herzen" bezeichnet und die professionelle Partnersuche gilt als Geschäft mit der Einsamkeit, Partnerlose und Partnersuchende sind jedoch nicht identisch mit Alleinlebenden. In dieser Bibliografie steht nicht diese "Lonely Hearts"-Thematik im Mittelpunkt, weil es dazu zahlreiche speziellere Bibliografien gibt (eine Übersicht findet sich hier). Einsame sind jedoch oftmals Opfer von Liebesbetrügern, weshalb dieser Aspekt in dieser Bibliografie behandelt wird.

Wohngemeinschaften und Mehrgenerationenhäuser werden von Betroffenen als auch von der Politik als Lösung des Einsamkeitsproblems angesehen. Den Alleinlebenden droht dagegen der einsame Tod. Inwiefern dies zutreffend ist, zeigt die kontrovers geführte Debatte um den demografischen Wandel. Können nicht Nachbarn, Haustiere, Freunde oder gar neue Technologien gegen Einsamkeit helfen und das Alleinsein angenehmer gestalten?

Gibt es Risikofaktoren oder Verhaltensweisen, die ein Leben in Einsamkeit wahrscheinlicher machen? Die psychologischen Beiträge in dieser Bibliografie beschäftigen sich mit dieser Frage. Mitte der Nuller Jahre gab es eine regelrechte Flut von Einsamkeitsliteratur, in der es um ein neues Ethos der Einsamkeit geht. In dem zweiteiligen Beitrag Das neue Ethos der Einsamen wird der Wandel des Einsamkeitsverständnisses in der neuen Ratgeberliteratur vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels beschrieben.

Im Zeitalter der Demografiepolitik symbolisiert die kinderlose Karrierefrau die Einsamkeit par Excellence: Einsame Spitze oder Erfolgreich, einsam, kinderlos (so der Untertitel eines Bestsellers) bringen dies auf den Punkt. Auch dieser Aspekt wird in anderen speziellen Bibliografien und Beiträgen ausführlicher beleuchtet (mehr hier) und hier nur am Rande thematisiert.

Kommentierte Bibliografie (Teil 3: 2012 - 2015)

2012

WEBER, Bettina (2012): Besser dran ohne die bessere Hälfte.
Singlefrauen über 35 haben auch heute noch mit Vorurteilen zu kämpfen: Man bemitleidet sie und hält sie für unglücklich. Dabei, so zeigen Studien, ist niemand so wenig einsam wie eben Frauen ohne Partner,
in:
Tages-Anzeiger Online v. 18.01.

FRISSE, Juliane (2012): Die vier Einsamkeitsfallen.
Das Gefühl, allein zu sein, kann jeden treffen. Doch manche Lebenssituationen sind besonders gefährlich,
in: zitty Nr.5 v. 23.02.

BARTENS, Werner (2012): Schmerz der Ausgrenzung.
Isolation, Jobverlust und Einsamkeit tun auch körperlich weh,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 31.03.

SCHOBIN, Janosch (2012): Mit Würde allein sein.
Einsamkeit: Dauerhafte Kontaktlosigkeit gilt heute als individuelles Scheitern. Diese Deutung zementiert die Isolation. Dabei gibt es Alternativen,
in:
TAZ v. 13.04.

HEINRICH, Andreas (2012): Rezepte gegen die Einsamkeit.
Allein im Alter unter vielen. Einsam im Hochhaus. Oder gar tot und unentdeckt, nach Jahren erst gefunden – wie jüngst der Fall in Hagen. Einzelfälle oder doch mehr?
in:
WAZ Online v. 21.05.

RME (2012): Singles und einsame Senioren sterben früher.
Menschen, die sich im Alter einsam fühlen, haben einer aktuellen Studie zufolge ein erhöhtes Sterberisiko. Nach einer anderen Untersuchung enden Herz-Kreislauf-Erkrankungen auch bei "jüngeren" Singles häufiger tödlich,
in:
Deutsches Ärzteblatt Online v. 19.06.

SAUM-ALDEHOFF, Thomas (2012): Im Gefängnis der Einsamkeit.
Wir sind von morgens bis abends am Kommunizieren. Auf Facebook sammeln wir Freunde wie früher Briefmarken. Und doch fühlen sich immer mehr Menschen inmitten von "Kontakten" tief isoliert. Woher rührt die Epidemie der Einsamkeit, die sich in unserer Gesellschaft ausbreitet? Und wie findet man hinaus?
in: Psychologie Heute, Juli

GEO-Titelgeschichte: Der Nachbar

EBERLE, Ute (2012): Guter Nachbar, böser Nachbar.
Die Psychologie der ungewollten Nähe,
in:
GEO, August

WELDING, Malte (2012): Wie in Einzelhaft.
Ein Essay über die wachsende Einsamkeit in unserer Welt und die Frage, warum viele ihr nicht entkommen,
in: Badische Zeitung v. 06.08.

RÖTZER, Florian (2012): Alleinlebende haben höheres Sterberisiko im mittleren Alter.
Während eine Studie ein erhöhtes Risiko bei Alleinlebenden sieht, führt eine andere das höhere Mortalitäts- und Morbiditätsrisiko auf Einsamkeit zurück, die es auch bei Paaren gibt,
in: Telepolis v. 10.08.

Es ist schon merkwürdig wie sorglos Studien interpretiert werden, die das Sterberisiko von Alleinlebenden betreffen. Zuerst einmal müsste geprüft werden, ob die Ergebnisse nicht für Deutschland vom genannten Durchschnitt abweichen.

Der Soziologe Jens ALBER hat in seinem Beitrag Wer ist das schwache Geschlecht? Zur Sterblichkeit von Männern und Frauen innerhalb und außerhalb der Ehe (Zeitschrift Leviathan, Heft 1, März 2005) die Sterblichkeit international und historisch vergleichend untersucht. Danach war die Sterblichkeit von 35-44jährigen Männern in den 1920er, den 1970er und den 1990er Jahren zwischen 1,17 mal (verheiratete Männer in den 1920er Jahren) und 2,84 mal (geschiedene Männer in den 1990er Jahren) so hoch wie von gleichaltrigen Frauen. Innerhalb von Europa ist die Sterblichkeit von geschiedenen Männern in den 1990er Jahren in Frankreich 3,59 mal und in Spanien sogar fast 5 mal so hoch gewesen wie bei gleichaltrigen Frauen. Es gibt also gravierende Unterschiede von Land zu Land und von Geschlecht zu Geschlecht in der Sterblichkeit zu beachten.

RÖTZER nennt aber nur Zahlen für Alleinlebende, nicht aber für deutsche Alleinlebende. Der Link im Artikel verweist nicht zur Studie, sondern lediglich zur Zusammenfassung, in der keine länderspezifische Zahlen für Alleinlebende genannt werden. Man müsste also diese Werte kennen, falls sie vorhanden und aussagekräftig sind.

Das mittlere Lebensalter muss man wohl mit 45-65Jahre gleichsetzen, obwohl das mittlere Lebensalter z.B. in der aktuellen Erhebung des Statistischen Bundesamtes zu Alleinlebenden in Deutschland die 35-65Jährigen umfasst. In Deutschland dominieren im mittleren Lebensalter die Männer, die wie bei ALBER nachzulesen eine höhere Sterblichkeit als Frauen haben. Von den 45-65jährigen Alleinlebenden in Deutschland sind 2,345 Millionen männlich und 2,004 Millionen weiblich.

Geschiedene Männer sind nach einer deutschen Studie von Hans-Werner WAHL u. a. hinsichtlich des Gesundheitszustandes eine Problemgruppe. Rund 1,4 Millionen Alleinlebende sind geschiedene Männer. Davon sind 60,6 % 45-65Jahre alt. Fast jeder 5. Alleinlebende in diesem Alter ist ein geschiedener Mann.

Sind also Alleinlebende generell gefährdeter als Zusammenlebende oder nur bestimmte Risikogruppen? Und wenn es bestimmte Gefährdungen gibt, ist dann tatsächlich Einsamkeit das Hauptproblem?

Um tatsächlich brauchbare Ergebnisse zu bekommen, sind Studien mit sehr großen Fallzahlen erforderlich. Eine Untersuchung von 45.000 Patienten mag auf den ersten Blick ausreichend erscheinen. Bei 44 Ländern, 2 Geschlechtern, 2 Altersgruppen usw. kommt man gerade bei den Alleinlebenden (nicht einmal 8.600 Patienten) ganz schnell zu Fallzahlen die für statistisch signifikante Aussagen zu klein sind.

Welche Probleme gerade hinsichtlich der Erforschung des Gesundheitszustandes verschiedener Bevölkerungsgruppen und deren Ursachen bestehen, darüber klärt das hervorragende Buch Lebensqualität produzieren von Alban KNECHT auf. Am Beispiel der Herz-Kreislauf-Erkrankungen zeigt sich die ganze Komplexität von Sterblichkeitsrisiken.

ECONOMIST (2012): The attraction of solitude.
Living alone is on the rise all over the world. Is this bad news?
in: Economist v. 23.08.

ELBING, Eberhard (2012): Allein allein.
John T. Cacioppo und William Patrick vereinen in ihrem Buch bio- und sozialwissenschaftliche Aspekte der Einsamkeit,
in: Psychologie Heute,
September

EMOTION-Dossier: Ich kann gut allein sein.
Wer gern mit sich ist, wird auch mit anderen glücklich

KALOFF, Susanne (2012): Leere bedeutet auch: Raum für sich.
Einsamkeit ist ein tiefer Schmerz, dass man sich niemandem nahe fühlt, hat unsere Autorin erfahren müssen. Aber sie hat auch gelernt, dass dieser Schmerz sie stark werden lässt,
in:
emotion, September

STEINRÜCK, Alrun (2012): Lieber glücklich allein...
Interview: ... als einsam zu zweit. Ihre Freiheit als Single geben Frauen heute nicht mehr für einen Kompromissmann auf, sagt der US-Soziologe Eric Klinenberg,
in:
emotion, September

KALOFF, Susanne/DELVALLE, Barbara/BARTELS, Stephan/THOLL, Tom/ROKAHR, Lisa (2012): Warum ich jetzt gern Single bin.
Dossier Fünf Singles erzählen: Es werden immer mehr. Und das ist gut so. Denn unsere Gesellschaft braucht Singles. Nie war es einfacher, allein zu leben - und dabei glücklich zu sein,
in: Brigitte Nr.38 v. 19.09.

PETSCHEK, Peter (2012): Allein ist spitze.
Single-Männer: Single-Männern geht's mies, das legt eine Studie nahe: Ohne Frau, so scheint es, können sie einfach nicht glücklich sein. Wer aber seinen alleinstehenden Kumpel mit Verkupplungsversuchen zwangsbeglücken möchte, sei gewarnt - so elend ist das Alleinsein nicht,
in: Spiegel Online v. 21.09.

"Ungünstig für Männer, für mich persönlich aber ohne direkte Folgen ist eine andere Studie, die mir letztens in die Finger kam. Wissenschaftler der Uni Kent hatten sozusagen einen Glücksatlas für Singles erstellt, und dort kam mein Geschlecht gar nicht gut weg. Während Single-Frauen ein hohes Glücksniveau haben, reisen, Freundinnen treffen, viel unternehmen und mittendrin im sozialen Leben sind, wirkt sich ein Single-Leben auf Männer bedrohlich aus: Von Zufriedenheit keine Spur, eher enden die Kerle irgendwann als einsame, Pizza-futternde Sozial-Honks vor der Mattscheibe",

schreibt PETSCHEK. In Deutschland wird das positive Image des Alleinlebens ("Single-Daseins") insbesondere durch Frauen und Frauenzeitschriften geprägt, z.B. aktuell in der Brigitte und der Zeitschrift emotion. Spätestens seit Michel HOUELLEBECQs Romanen Ausweitung der Kampfzone und Elementarteilchen gilt der Singlemann als Problemfall.

LIERE, Judith (2012): Fang den Mann.
Ab dreißig überkommt Männer die große Bindungsangst. Frauen glauben dann, die einsamen Wölfe an sich binden zu müssen. Doch damit wird alles nur schlimmer,
in: Neon, Oktober

BENDER, Justus & Jan Philipp BURGARD (2012): "Einsamkeit ist schon ein Thema".
Claudia Roth, die Bundesvorsitzende der Grünen, im Gespräch über ihre Liebe zu Winnetou, einsame Abende im Hotel und Beziehungen in der Politik,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 10.11.

FREY, Carina (2012): Allein unter vielen.
Einsamkeit betrifft nicht nur Singles,
in:
Märkische Allgemeine Online v. 14.11.

SCHIRG, Oliver (2012): Allein, aber nicht einsam.
Hamburger Haushalte: In 52 Prozent von Hamburgs Haushalten lebt nur eine Person. Viele der Singles in der Hansestadt sind mit der Situation aber ganz zufrieden,
in: Hamburger Abendblatt v. 22.12.

2013

KOLOSOWA, Wlada (2013): Allein, nicht einsam.
Single-Haushalte: Jeder fünfte Deutsche lebt allein, weltweit steigt die Zahl der Ein-Personen-Haushalte. Was bedeutet das für die Gesellschaft? Werden wir egoistischer, isolierter? Mitnichten, meint der Soziologe Eric Klinenberg. Einsamkeit ist weder eine Frage der Wohnverhältnisse - noch des Beziehungsstatus,
in:
Spiegel Online v. 02.01.

PROFIL-Titelgeschichte: Lebensgefühl Einsamkeit.
1,3 Millionen Single-Haushalte in Österreich: Warum immer mehr Menschen allein sind und wie man der sozialen Isolation entkommt

HAGER, Angelika & Sebastian HOFER (2013): Isolationshaft Einsamkeit.
Einsamkeit gilt als Schreckgespenst einer digital restlos vernetzten und manisch beziehungssüchtigen Gesellschaft. Alleinsein muss jedoch nicht nur krank machen, sondern kann auch zum Trainingslager für ein besseres Ich werden,
in:
Profil v. 07.01.

KLUTE, Hilmar (2013): Allein.
Zuschauen, entspannen, nachdenken. Nix twittern, mit niemandem reden. Herrlich! Ein Loblied auf die Einsamkeit,
in: Süddeutsche Zeitung v. 23.02.

ALA (2013): Achtung, verfügbar und ansprechbar!
Single-Mode: Ein Verlangen, ein T-Shirt, eine Botschaft: Im US-Bundesstaat Arizona will eine Unternehmerin Millionen vereinsamter Singles zusammenführen. Ganz altmodisch und analog - dank Gutzy-Meet-Me-Klamotte,
in:
Spiegel Online v. 07.05.

GOLDMANN, Lisa (2013): Niemand antwortet mehr.
Nachlass: Entrümpler sind die Letzten, die sich ein Bild vom Leben mancher Verstorbener machen. Ausweise, Fotos, Liebgewordenes fassen sie noch einmal an, bevor sie es in Müllsäcke stopfen,
in:
TAZ v. 14.06.

"765 Menschen sterben, statistisch gesehen, in Deutschland jeden Tag. Viele von ihnen haben keine Hinterbliebenen - so wie Heinz Ocvirk. (...). Keine Frau, keine Kinder, keine Familie."

Das sind die Geschichten, die unser neues Bürgertum so innig liebt! Geschichten, die die Wiederkehr der Konformität - wie von Cornelia KOPPETSCH beschrieben - zementieren sollen. Ein einsamer Alleinlebender - selber schuld! Oder doch nicht?

Lange tot, bevor sie/ihn jemand fand - trotz Frau (kurz zuvor gestorben), Kind (Kontakt schon vor langer Zeit abgebrochen), Familie (im Ausland lebend). Das ist der wahre Horror, den es nicht geben darf in den Wohlfühlblättern der neuen Mitte. Dann doch lieber Friedhofsromantik.

LILL, Felix (2013): Eine Puppe gegen die Einsamkeit.
Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt kämpft mit einer rasch alternden Gesellschaft. Roboter als Helfer in der Altenpflege sind in Japan daher schon längst Realität geworden,
in: Die Presse
v. 30.06.

BERGEN, Stefan von (2013): Geht der Schwund der Familien so weiter, nimmt die Einsamkeit im Alter zu.
Haushalte ohne Kinder sind heute in der Überzahl. Sind die Familie und das Überleben der Schweiz bedroht? Man habe heute bei Lebensmodellen die freie Wahl, sagt Dominik Schöbi, Familienforscher an der Uni Freiburg,
in:
Berner Zeitung Online v. 14.07.

MIKA, Bascha (2013): Die besseren Single.
Frauen vereinsamen seltener, weil sie sozialer sind. Alleinstehende Männer tun sich verdammt schwer, als Single durchs Leben zu kommen. Sie neigen dann dazu, viel zu saufen und viel zu rauchen,
in:
Berliner Zeitung v. 15.10.

UHLMANN, Berit (2013): Aus der Welt.
Beziehungsweisen (10) - Einsiedler: Seit Jahrtausenden suchen manche Menschen die völlige Einsamkeit - oft aus religiösen Gründen. Andere wollen auch nur ein paar Jahre lang ungestört an ihrem PC spielen,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 20.11.

Berit UHLMANN fasst unter Einsiedler so unterschiedliche Phänomene wie das japanische Hikikomori und Eremiten zusammen. Letzteren soll "ein weitgehend konsumverweigerndes, kontemplatives Leben im Glauben" gemein sein, während ersteres mit den Möglichkeiten und Konflikten bzw. psychischen Krankheiten in modernen Gesellschaften in Verbindung gebracht wird (Geburtenrückgang, Nesthockermentalität, Rollenkonflikte).

Es schwingt aber auch immer die Frage mit, inwiefern Einsamkeit zum Sehnsuchtsort geworden ist. In seinem Aufsatz Die Angst vor der Gemeinschaft beschreibt Urs STÄHELI Schüchterne als Pioniere, die auf die Defizite moderner Gemeinschaften verweisen. Die modernen, "liberalen" Gemeinschaftsformen können in dieser Sicht als Überforderung gesehen werden.

SIMON, Violetta (2013): Allein zu zweit.
Fotoserie mit fiktiver Freundin: Wenn Pärchen und Familien zu Weihnachten zusammenrücken, fühlen sich viele Singles noch alleinstehender. Ein japanischer Fotograf hat seine Einsamkeit in einer Bilderserie dargestellt und sich damit eine Menge neuer Freunde gemacht,
in:
sueddeutsche.de v. 06.12.

WALTER, Tanja (2013): Gefahr für Senioren und Singles.
So krank macht Einsamkeit,
in:
Rheinische Post Online v. 12.12.

KAPPERT, Ines (2013): Erfolgreich, sportlich, attraktiv, charmant. Und einsam.
Chefinnen: Was haben neue Fernsehserien mit Emanzipation zu tun? Zweierlei. Sie haben sich vom Fernsehen emanzipiert. Und sie verhandeln Emanzipation: Wie nie zuvor in der TV-Geschichte bieten sie weiblichen Hauptfiguren eine Plattform. Allerdings gibt es da einen großen Haken,
in:
TAZ v. 31.12.

2014

MAITLAND, Sara (2014): Ich bin dann mal raus.
Rückzug: Nichts ist uns so wichtig wie Freiheit. Aber wenn ein Mensch wirklich allein leben will, versteht das kaum jemand. Ein Plädoyer,
in: Freitag Nr.4 v. 23.01.

Der Freitag hat einen langen Essay der Schriftstellerin Sara MAITLAND, die seit 20 Jahren allein in den schottischen Highlands lebt, gekürzt und übersetzt. Von MAITLAND ist gerade das Buch How to be alone erschienen. Einsamkeit ist für MAITLAND eine Ressource und kein Problem oder gar eine Krankheit.

MIKA, Bascha (2014): Ganz schön allein.
Single sein macht krank und unglücklich. Sagt wer? Eine Agentur für Partnervermittlung. Was für eine Überraschung!
in: Frankfurter Rundschau v. 05.02.

Bascha MIKA hält uns Leser für besonders doof und setzt die Anzahl der Einpersonenhaushalte mit Partnerlosigkeit gleich, obwohl gerade in Großstädten lediglich das multilokale Wohnen zunimmt. Der Mobilitätszwang der Hartz-Gesellschaft führt zur Zunahme von Paaren ohne gemeinsamen Haushalt. Dass der Mobilitätszwang für Partnerschaften nicht unbedingt förderlich ist, das leugnet MIKA, nur weil eine Partneragentur, der es lediglich um das Geschäft mit der Einsamkeit geht, das als Marketinginstrument missbraucht. Genauso wie MIKA die Alleinlebenden für ihren Single-Gesellschaft-Mythos missbraucht.

BERG, Sibylle (2014): Sonntags, wenn wir uns selbst auflösen.
Einsamkeit: Schon wieder dieser Tag, an dem wir allein sind und plötzlich fürchten, dass uns keiner braucht, dass sich keiner für uns interessiert, ja, dass es uns eigentlich gar nicht gibt. Wäre da nicht wenigstens ein Hund, der uns die Pfote reicht,
in:
Spiegel Online v. 02.03.

FREYNSCHLAG, Sophia (2014): Das Geschäft mit einsamen Herzen.
Eine Partnervermittlung verlangte von einem Steirer mehr als 6000 Euro - auch beim Online-Dating lauern Fallen,
in: Wiener Zeitung Online v. 15.04.

KUNZ, Gabriele (2014): Die Einsamkeit der Alten.
Wie hat sich das Leben von Witwen und Witwern in den vergangenen Jahrzehnten verändert? Zumindest in finanzieller Hinsicht hat sich ihre Lage verbessert,
in: Psychologie Heute, August

Gabriele KUNZ fasst den Artikel Persönliche Bilanzierung der Herausforderungen einer Verwitwung im Zeit- und Geschlechtervergleich von François HÖPFLINGER, Stefanie SPAHNI & Pasqualina PERRIG-CHIELLO zusammen, der in der Zeitschrift für Familienforschung, Heft 3/2013 veröffentlicht wurde. Die Wissenschaftler haben 1979, 1994 und 2011 die Lebenssituation von Witwen und Witwern in zwei Schweizer Kantonen untersucht.

DIEHL, Sarah (2014): "Bin ich denn ein Freak?"
Wenn Frauen ihr Leben ohne Kinder prima finden, so wie es ist, und auch keine biologische Uhr ticken hören, sind ihnen Nachfragen sicher. Die Autorin fragt sich, was für ein Bild von Weiblichkeit dahintersteckt,
in: Brigitte
Nr.23 v. 22.10.

HUMMEL, Katrin (2014): Naiv, verliebt, betrogen.
Sie ist einsam, er umwirbt sie. Dann braucht er viel Geld, sie überweist es ihm. Warum funktioniert die Masche immer wieder? In Zeiten des Internets ist der Liebesbetrug so verbreitet, wie nie zuvor,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 02.11.

ZEIT-Thema: Wer hat Angst vor solchen Frauen?
Sie sind jung, gut im Beruf und behaupten sich im Leben. Viele von ihnen bleiben ohne Partner - und werden ständig gefragt - warum

PAUER, Nina (2014): Unheimlich unabhängig.
Sie ist der beliebteste Leistungsträger unserer Gesellschaft: Die junge Frau, erfolgreich, attraktiv und sozial vernetzt. Trotzdem findet sie keinen Mann. Ist das schlimm?
in: Die ZEIT Nr.50 v. 04.12.

RADISCH, Iris (2014): Sie hatte viele beste Freundinnen.
Gar nicht einsam: Tuğçe A. starb, weil sie junge Frauen verteidigte,
in: Die ZEIT Nr.50 v. 04.12.

KÜMMEL, Peter (2014): Mädchen im Sturz.
Von Unsichtbarkeit bedroht, zu Rollenklischees verdammt: Die einsame Frau in den populären Erzählungen von heute,
in: Die ZEIT Nr.50 v. 04.12.

Peter KÜMMEL kennt nur vier Frauenrollen: die Mutter ("Boyhood" von Richard LINKLATER), die lüsterne Frau ("Nymphomaniac" von Lars von TRIER), die Heilige ("Groß und Klein" von Botho STRAUß) und die Rächerin ("Carrie" von Stephen KING).

Die Artikelüberschrift verweist auf die Erzählung Mädchen im Sturz von Dino BUZZATI, die in der ZEIT vom 16. September 1960. Dort heißt es:

"Solche Flüge – besonders von Mädchen – waren keine Seltenheit im Hochhaus und bedeuteten eine interessante Zerstreuung für die Mieter; deswegen war auch der Preis für die Wohnungen besonders hoch."

HAAF, Meredith (2014): Junge Frauen.
Wie der Fall Tuğçe in der Feminismusdebatte instrumentalisiert wird,
in: Süddeutsche Zeitung v. 10.12.

Meredith HAAF kritisiert das ZEIT-Thema der letzten Woche über partnerlose Frauen als skurril und geschmacklos:

"Als Kronzeugin dafür wird in einem beispiellosen Fall von überdrehtem Deutungsopportunismus die Lehramtsstudentin Tuğçe A. ins Feld geführt, die Ende November auf einem Parkplatz in Offenbach von einem betrunkenen, sexuell aggressiven jungen Mann erschlagen wurde. Auch sie sei eine der »weiblich selbstbewussten Premiumsingles«, um die es gehen müsse, heißt es da, »jung, schön«, mit einem großen Freundeskreis ausgestattet, aber trotzdem ein Beispiel für »gebildete, frauenvernetzte Einsamkeit« - schließlich habe sie die ganze Nacht nur mit ihren Freundinnen verbracht, was die Autorin offenbar für sehr modern und bemerkenswert hält. (Laut Presseberichten stand A. tatsächlich kurz vor der Verlobung mit ihrem Freund.) Und das alles steht dann irgendwie in einem Zusammenhang mit der Fernsehserie »Girls«, dem Sado-Maso-Film »Nymphomaniac« und der hohen Aktivität junger Frauen in sozialen Netzwerken."

Wie bereits letzte Woche auf dieser Website kritisiert, wird unverheirateten Frauen oftmals Partnerlosigkeit angedichtet und mit soziodemografischen Daten untermauert, die dafür ungeeignet sind. Auch Medienberichten über Paare mit zwei Wohnungen liegt oftmals diese unterschwellige neubürgerliche Ideologie zugrunde, die lediglich der Ehe (trotz hoher Scheidungsquoten) den "Willen zu lebenslanger Partnerschaft" zuschreibt.

Man hat es hier oftmals mit Projektionen zu tun, die der Tatsache geschuldet ist, dass dem Neubürgerlichen die materielle Grundlage für ein selbstbewusstes Bürgertum fehlt und deshalb Abwertungen als Kompensation nötig sind. Der Soziologe Heinz BUDE spricht deshalb von einer Bürgerlichkeit ohne Bürgertum.

2015

PFISTER, Simona (2015): Welches Kunstwerk wären Sie gern?
Gestern war Valentinstag. Horror für einsame Singles. Heute melden sich wieder viele bei Partner-Portalen im Internet an. Dort geben sie alles für das große Glück.l Und verhindern es damit,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 15.02.

AMOJO, Korede (2015): Allein sein, nein danke.
Hallo? Die Rentnerin Elke Schilling denkt groß: Mit ihrer Krisenhotline "Silbernetz" will sie alten Menschen aus der Einsamkeit helfen,
in: TAZ v. 20.04.

HOLLERSEN, Wiebke (2015): Anleitung zum Alleinsein.
Die Vereinzelung in der Gesellschaft nimmt zu. Kaum ein Mensch wird dem entgehen. Jedoch kann man lernen, dabei nicht einsam zu sein,
in: Welt am Sonntag v. 14.06.

"»In unserer Gesellschaft, die immer mehr Freiheiten bietet und in der es zugleich weniger Kontinuität gibt, müssen wir uns mehr mit dem Alleinsein auseinandersetzen«, sagt etwa Dietrich Munz. Er ist der Vorsitzende der Psychotherapeutenkammer und hat zusammen mit anderen einen Band über eine Psychoanalytiker-Tagung zur »Fähigkeit zum Alleinsein« herausgegeben",

liest man bei Wiebke HOLLERSEN. Wäre es nicht seriös gewesen zu schreiben, dass die Tagung bereits im Jahr 2008 statt fand und der Band 2009 erschienen ist und seit 2011 in 2. Auflage vorliegt?

"In Deutschland leben 16 Millionen Menschen allein. Meistens wird dieser Satz in einem besorgten Tonfall ausgesprochen. Man stellt sich Menschen vor, die verhärmt in dunklen Wohnungen sitzen",

heißt es passend zum Thema Einsamkeit. Im gestrigen Focus heißt es dagegen:

"15 Millionen Singles hierzulande. Damit lebt jeder Fünfte - in den Großstädten gar jeder Vierte - nicht in einer Partnerschaft."

Im Mittelpunkt der Focus-Titelgeschichte stehen nämlich nicht die einsamen Alleinlebenden, sondern die große Freiheit der Singles.

Die derzeit aktuellen Zahlen zu Einpersonenhaushalten stammen aus dem Jahr 2013. Damals gab es in Deutschland 16,176 Millionen Einpersonenhaushalte, aber nur 15,757 Millionen Alleinlebende, weil zu den Einpersonenhaushalte sowohl Haupt- als auch Nebenwohnsitze gezählt werden.

Amtsstatistiker und Haushaltsfetischisten unter den Soziologen und Ökonomen definieren ein Paar amtsstatistisch durch das gemeinsame Haushalten, während sich in der Bevölkerung immer weniger Paare durch einen gemeinsamen Haushalt definieren, obgleich sie sogar in einer gemeinsamen Wohnung leben, im gleichen Haus, in der gleichen Stadt oder aber aus beruflichen Gründen eine Fernbeziehung führen.

NIEJAHR, Elisabeth & Kolja RUDZIO (2015): Und jetzt?
Wer nicht mehr arbeitet, ist seine Pflichten los. Das kann zum Problem werden. Wie man es im Ruhestand schafft, der Langeweile und der Einsamkeit zu entkommen,
in: Die ZEIT Nr.31 v. 30.07.

KAMANN, Matthias (2015): Die jungen Alten.
Die Erwerbstätigkeit bei Senioren steigt. Viele pflegen aufopferungsvoll Angehörige zu Hause. Frauen aber droht Einsamkeit im demografischen Wandel,
in: Welt v. 30.07.

GRASSHOFF, Friederike Zoe (2015): Leerstelle.
Jeder ist vernetzt, wo soll da noch Platz für Einsamkeit sein? Nun will ein Autor ein verdrängtes Gefühl wieder salonfähig machen,
in: Süddeutsche Zeitung v. 22.08.

FEIX, Thomas (2015): Die Einsamen erkennt man nicht.
Seit Peters Tod ist ihr die Wohnung zu groß, und die Tage sind es auch. Sie geht raus, damit die Zeit vergeht. Doch Britta gibt nicht auf,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 04.10.

LANGENAU, Lars (2015): Schriftverkehr.
Im Internet nehmen sogenannte Love-Scammer einsame Frauen aus und hinterlassen gebrochene Herzen. Ein Opfer erzählt, wie es auf einen Betrüger hereinfiel,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 10.10.

PSYCHOLOGIE HEUTE-Titelgeschichte: Zum Glück allein.
Warum Sie bei sich selbst gut aufgehoben sind

NUBER, Ursula (2015): Editorial,
in: Psychologie Heute, Dezember

Ursula NUBER setzt Singles mit Alleinlebenden gleich. Bei aller vorgestellter Heterogenität wird jedoch die große Zahl der Paare ohne gemeinsamen Haushalt ignoriert, denn diese moderne, mobile Lebensform passt nicht zum Bild des typischen Alleinlebens, das ein Produkt der 1990er Jahre ist.

Die Zahlen, die NUBER präsentiert stammen vom Sommer 2012, d.h. dem Mikrozensus 2011. Das war nicht der letzte Mikrozensus wie NUBER erzählt, aber es war der Letzte, der die Zahlen zu Alleinlebenden mundgerecht für Journalisten servierte. Die letzten verfügbaren Zahlen stammen vom Mikrozensus 2014. Demnach ist der Anteil der Alleinlebenden fast gleich geblieben: Gab es im Jahr 2011 ca. 19,64 % Alleinlebende, so sind es im Jahr 2014 ca. 19,7 % (Anstieg von 15,898 auf 15,997 Millionen Alleinlebende). Die Zahlen aus dem Jahr 2011 sind jedoch nicht zensuskorrigiert.

Seit Mitte der Nuller Jahre hat im Mainstream der deutschen Gesellschaft ein Paradigmenwechsel in Sachen Alleinsein bzw. Einsamkeit stattgefunden. Darauf deutet das Phänomen "Mangel an Einsamkeitsfähigkeit" hin, das NUBER erwähnt. War in der hysterischen Debatte um die Single-Gesellschaft in den 1980er/1990er Jahren oftmals Einsamkeit auf soziale Isolation reduziert worden, so gilt Einsamkeit neuerdings als selbst verschuldet:

"Situationen des Alleinseins können auch für Menschen, die in festen sozialen Bindungen leben, eine Herausforderung sein, die sie nicht immer gut bewältigen.
Alleinsein zu können ist eine Kompetenz, an der es vielen Menschen mangelt".

Einsamkeit wird zur Ressource bzw. zum Regulationsmechanismus im Zeitalter des Selbstunternehmers.

HECHT, Martin (2015): Zum Glück allein.
Die Bibel hat recht "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei." Einsamkeit ist kein schöner Zustand. Doch oft gerät in Vergessenheit: Alleinzeiten sind Voraussetzung für ein erfülltes Leben. Sie sind Oasen in der Wüste der Dauerverbundenheit,
in:
Psychologie Heute, Dezember

"Sucht man nach einer positiven Begleitung (...), wird man eher bei der Philsophie als bei der Psychologie fündig (...). Letztere sah bislang im Menschen in erster Linie ein Beziehungswesen und stufte einen Mangel an Bindung zu jedem Lebenszeitpunkt als problematisch ein",

merkt NUBER zum Beitrag von Martin HECHT an, der sich der Thematik kulturgeschichtlich nähert:

"Einsamkeit wurde ursprünglich nicht ausschließlich mit einem bedrückenden Zustand in Verbindung gebracht. Das mag daran liegen, dass die Verlusterfahrung von Gemeinschaftsformen noch nicht so virulent erlebt wurde wie in der Gegenwart. Kulturgeschichtlich gerät die Einsamkeit erst mit dem Beginn der Moderne unter Generalverdacht, und zwar in dem Maß, in dem die Bande der traditionellen Gesellschaft zerreißen und den Menschen in Vereinzelung zurücklassen."

Nicht so sehr die Psychologie - wie NUBER behauptet - , sondern die  Soziologie in Verbindung mit der Psychoanalyse hat das Alleinsein bzw. die Einsamkeit unter Generalverdacht gestellt. Der Aufstieg und Niedergang der einseitig wahrgenommenen Individualisierungsthese von Ulrich BECK geht einher mit der Blickverengung auf die soziale Isolation und die negative Sicht auf Einsamkeit. Die große Ausnahme war in dieser Zeit der Beitrag Solitäre Enklaven von Peter GROSS, der die positive Sicht auf das Alleinsein/die Einsamkeit hervorhob. Am Beispiel des Alleinreisens wurde dieser Ansatz hier gewürdigt.

Während Martin HECHT im Jahr 2000 noch dem Verschwinden der Heimat in der Offline-Gesellschaft nachtrauerte, muss nun die Online-Gesellschaft als Ursache mangelnder Einsamkeitsfähigkeit herhalten. Wenn Einsamkeitsfähigkeit jedoch auf eine psychische Kompetenz bzw. Ressource reduziert wird, dann geraten die gesellschaftlichen Verhältnisse einer neoliberalen Gesellschaft der Selbstunternehmer aus dem Blick.

TRÄGER, Eva-Maria (2015): Ich bin nicht allein, ich habe ja mich.
Alleinsein ist für viele ein Übel, das unbedingt zu meiden ist. Wer den Alleingang scheut, mag sich sicher fühlen - er nimmt sich damit aber auch die Chance auf wertvolle (Selbst-)Erfahrungen,
in:
Psychologie Heute, Dezember

Eva-Maria TRÄGER widmet sich der Frage, warum wir so ungern alleine ausgehen bzw. alleine reisen, obwohl wir uns dadurch wichtige Erfahrungen entgehen lassen. Welche Ängste halten Singles bzw. Partnersuchende von Aktivitäten außer Hause ab (mehr auch hier und hier)? Befürchten wir das negative Urteil der Anderen zu Recht oder leiden wir unter Wahrnehmungsverzerrungen? Verschafft uns das Alleinreisen nicht wichtige neue Erfahrungen? Liegen die Ursachen unseres Unwohlseins in der Kindheit. Können wir das Alleinsein erst genießen, wenn unsere Grundbedürfnisse gestillt sind, wie das z.B. der Psychologe Abraham MASLOW annimmt, oder ist nicht vielmehr entscheidend, ob unser Alleinleben als mehr oder weniger freiwillig erlebt wird?

WELT AM SONNTAG-Titelgeschichte: Warum wir so einsam sind.
Die Furcht vor dem Alleinsein ist das dominante Gefühl der Zeit. Bindungsängste und Nomadentum im Job treiben immer mehr Menschen in die Isolation

GASCHKE, Susanne (2015): Zu oft allein.
Weihnachten rückt näher – für alle Einsamen die schrecklichste Zeit des Jahres. Susanne Gaschke nähert sich einem Leiden, das immer mehr Menschen in unserer hochmodernen Gesellschaft kennen. Ein bisschen Hoffnung freilich gibt es,
in: Welt am Sonntag v. 06.12.

Susanne GASCHKE ("Die Emanzipationsfalle") liefert einen 08/15-Artikel ab, der ohne empirische Daten zur Einsamkeit in Deutschland auskommt. Stattdessen werden US-amerikanische Soziologen wie David RIESMAN ("The Lonely Crowd") und Richard SENNETT ("Der flexible Mensch") zitiert. Aus der Entwicklung der Einpersonenhaushalte und der Scheidungsziffern wird kurzerhand auf Einsamkeit geschlossen. Während im aktuellen Psychologie Heute-Heft, Einsamkeit als Mangel an "Einsamkeitsfähigkeit" beschrieben wird, bleibt GASCHKE dem altmodischen Gemeinschafts-Paradigma der Soziologie verhaftet. Sowohl die Psychologisierung  als auch die Gleichsetzung von Einsamkeit mit objektiven Indikatoren blendet die Demographisierung gesellschaftlicher Probleme aus und die damit verbundene Normierung der Sichtweisen auf gesellschaftliche Phänomene.

Warum erscheinen gehäuft Einsamkeits-Artikel vor Weihnachten, obwohl Einsamkeit an keine bestimmte Zeit gebunden ist, sondern an individuelle Situationen? Die Familie gilt insbesondere in Zeiten der Demographiepolitik als Wert, der für alle in Form der Kernfamilie gelebt werden sollte. Tatsächlich ist dies ein enger Familienbegriff, der z.B. Freunde oder andere Wahlfamilien ausschließt. In diesem Sinne wären solche Artikel über Einsamkeit Teil des Problems: Sie erzeugen mithin erst Einsamkeitsgefühle.

AUTHALER, Theresa (2015): Hauptsache, nicht allein sein.
Immer mehr Menschen stehen im Alter ohne Familie da. Die Angst vor der Einsamkeit verschafft Senioren-WGs großen Zulauf. Auch die Politik hat gemerkt, dass sie sich der neuen Form des Zusammenlebens annehmen muss,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 06.12.

NIEJAHR, Elisabeth (2015): Helfen statt Heulen.
Alt und Jung: Ein Werbefilm über einen einsamen alten Mann rührt Millionen. Dabei sind immer weniger Menschen allein,
in:
Die ZEIT Nr.50 v. 10.12.

Elisabeth NIEJAHR erwidert auf den Einsamkeits-Mainstream in deutschen Medien (mehr hier und hier):

"Einsamkeit sei das große Problem der Gegenwart, heißt es derzeit, Single-Statistiken und Scheidungsraten gelten als Belege. In der Tat waren noch nie so viele Menschen gut darin, Einsamkeit zu überwinden. Sozialwissenschaftliche Studien zeigen: Die Menschen haben mehr Lust auf Gemeinschaft als früher, gerade wenn sie alt sind."

Genannt wird eine "kürzlich" erschienene Studie von Eric KLINENBERG: Going Solo aus dem Jahr 2012 und eine Befragung des Gerontologen Andreas KRUSE.

Die Scheidungsrate ist nach Ansicht von NIEJAHR kein geeigneter Indikator für Einsamkeit, denn:

"In Deutschland sind sie seit vielen Jahren nahezu stabil. Das grenzt an ein Wunder, wenn man bedenkt, dass der gesellschaftliche Druck zum Heiraten abnimmt, die Suche nach einem neuen Partner durch das Internet einfacher wird und außerdem die Lebenserwartung steigt.
Die durchschnittliche Dauer von Ehen fällt daher nicht, sondern steigt."

Nur Arme und Hochaltrige kämpften wirklich mit der Einsamkeit, meint NIEJAHR. Zu den Armen schweigt NIEJAHR, nur Hochaltrigen denkt sie mittels Internetplattformen wie The Amazings aus ihrer sozialen Isolation helfen zu können.

SIMON, Felix (2015): An Weihnachten wird's viral.
Auf die Verpackung kommt es an: Edeka schenkt sich zum Fest der Liebe einen Werbespot, der auf Youtube Rekorde bricht. Warum lassen sich plötzlich Millionen von Reklame zu Tränen rühren?
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 10.12.

"Für die Kampagnen zum Fest der Liebe scheinen den Kreativen in den Agenturen männliche oder weibliche Singles als Werbeträger ungeeignet. Sie könnten mit Einsamkeit assoziiert werden – wie »unsexy«",

schrieb Ursula NUBER im aktuellen Psychologie Heute-Heft. Der Edeka-Werbespot Heimkommen zeigt dagegen, dass Einsamkeit durchaus Werbefilm tauglich ist.

"Dass viele Menschen leiden wie Petra und Torsten, zeigen die heftigen Reaktionen auf den aktuellen Edeka-Weihnachtswerbespots, in dem es um einen einsamen alten Mann geht. Das Gefühl der Verlorenheit prägt unsere Zeit",

meint die ehemalige ZEIT-Redakteurin Susanne GASCHKE in der Welt am Sonntag, während Elisabeth NIEJAHR in der heutigen ZEIT schreibt:

"Wenn in diesem Jahr mehr Großeltern Post von ihren Enkeln bekommen und mehr Gedichte in Altenheimen vorgetragen werden, könnte das (...) an Edeka liegen."

Dabei denkt sie lediglich an Fernsehzuschauer und nicht wie Felix SIMON an Internetplattformen. Nicht Einsamkeit, sondern kein Egoist sein zu wollen, sei das Motiv, das dem Werbefilm zur Verbreitung durchs Netz verholfen hat, meint SIMON.

KÖLNER STADT-ANZEIGER-MAGAZIN-Thema: Einsame Spitze.
An Festtagen wird Alleinsein oft als schmerzvoll empfunden - Vielleicht kann man ihm aber auch etwas Gutes abgewinnen

FLOSS, Julia (2015): Urlaub von den Anderen.
Einsamkeit ist Angst und Luxus zugleich - Ein Versuch, ein ambivalentes Gefühl zu erklären,
in: Kölner Stadt-Anzeiger Magazin v. 24.12.

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 27. Dezember 2015
Update: 30. Mai 2017