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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Der ländliche Raum und Mittelstädte im demografischen Wandel

 
       
   

Abschied von der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse oder Rückbesinnung der Politik auf die Stärkung von Gebieten jenseits der Großstädte und Ballungszentren? Eine kommentierte Bibliografie der Debatte (Teil 2)

 
       
     
   
     
 

Vorbemerkung

Urbanität gilt in der Wissenschaft seit langem als Leitbild und spätestens seit neoliberale Standortortpolitik und Identitätspolitik eine Liaison eingegangen sind, wurde der ländliche Raum abgeschrieben. Die Demografisierung gesellschaftlicher Probleme hat dazu beigetragen, dass die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse kein Wert mehr ist, sondern das angeblich Alternativlose wurde auch noch politisch gefördert. Seit jedoch der Rechtspopulismus den neoliberalen Konsens gefährdet, wurde auch in Deutschland der ländliche Raum als Möglichkeit zur politischen Profilierung entdeckt. Die kommentierte Bibliothek soll einen Überblick über diese Debatte ermöglichen.   

Kommentierte Bibliografie (Teil 2: 2008 - 2014)

2008

BÜCHNER, Gerold (2008): Gesund schrumpfen.
BERLINER ZEITUNG-Tagesthema Demographischer Wandel: Die Bundesregierung fördert Initiativen gegen den Bevölkerungsschwund. Zwei Gebiete wurden für Vorzeigeprojekte ausgewählt. Brandenburg entwickelt eigene Ansätze,
in: Berliner Zeitung v. 09.01.

OESTREICH, Heide (2008): Kaum Krippenplätze in Cloppenburg.
Neue Zahlen zum Kita-Ausbau: Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen bieten die wenigsten Plätze für unter dreijährige Kinder an. Betreuungsquote insgesamt gestiegen. Milliardenschweres Bundesprogramm angelaufen,
in: TAZ v. 09.05.

WISDORFF, Flora (2008): Keine Mitte, nirgends.
Rheinland-Pfalz: Wer studiert hat, geht weg aus Pirmasens und kommt nicht wieder - Was mit einer Stadt passiert, der die Leistungsträger fehlen,
in: Welt v. 17.05.

Pirmasens, Foto: Bernd Kittlaus 2018

HORDYCH, Harald (2008): Omi et Orbi.
Deutsche Zukunft: Ein lehrreicher Besuch in Bad Orb, wo die Menschen heute schon älter sind als in anderen Städten,
in: Süddeutsche Zeitung v. 28.06.

KÜHL, Christiane (2008): Leben mit offener Richtung.
Kunst und Soziologie haben oft denselben Gegenstand: den Menschen. So in Wittenberge, wo man gemeinsam den Alltag in einer schrumpfenden Stadt untersucht,
in: TAZ v. 09.07.

STERNBERG, Jan (2008): Die Sozialkapitalisten aus Jottwehdeh.
Perspektivenwechsel: Alle kennen Wittenberge als Klischee des Niedergangs. Aber niemand weiß Bescheid, sagen sich Forscher und Künstler,
in: Freitag Nr.30 v. 25.07.

POSSEMEYER, Ines (2008): Demografie - Wie sich Europa erneuert.
Die meisten Grenzen sind gefallen, Billigflieger verbinden alle Winkel des Kontinents - und Millionen Europäer haben sich auf den Weg gemacht, neue Chancen, ein besseres Leben zu suchen. Ein GEO-Team hat fünf Orte des demografischen Wandels bereist,
in: Geo,
September

HAHN, Michael (2008): Pyramide und Tannenbaum.
Die Rottenburger Bevölkerungsstruktur weicht vom Landesdurchschnitt ab,
in: Schwäbisches Tagblatt v. 10.09.

Justizvollzuganstalt und ledige Theologen sorgen bei den über 40jährigen Männern für einen außergewöhnlichen Männerüberschuss in Rottenburg.

HOLLSTEIN, Miriam (2008): Heitere Rückkehr der Frauen.
Viele junge hoch qualifizierte Frauen wollen Ostdeutschland nicht ungebildeten Männern überlassen. Sie ziehen zurück in ihre Heimat, um diese zu verändern,
in: Welt am Sonntag v. 05.10.

HONNIGFORT, Bernhard (2008): Der Osten vergreist,
in:
Frankfurter Rundschau v. 09.12.

2009

GROBECKER, Claire/KRACK-ROBERG, Elle/SOMMER, Bettina (2009): Bevölkerungsentwicklung 2007,
in:
Wirtschaft und Statistik, Heft 1, S.55-67

Aus der folgenden Tabelle ist die Abwanderung aus Ostdeutschland (ohne Berlin) für die Jahre 2000 bis 2007 ersichtlich:

Tabelle: Abwanderung aus
den neuen Bundesländern
Jahr

Abwanderungsverlust

2000 75.958
2001 97.590
2002 80.824
2003 58.350
2004 51.675
2005 48.976
2006 54.144
2007 54.805
2008* 51.008
2009* 32.319
Quelle: WIST 1/2009, Tabelle 4,
S.59; * Zahlen für 2008 und 2009
aus WIST 5/2011, Tabelle 4
S. 424

Im Jahr 2011 haben GROBECKER & KRACK-ROBERG die Darstellung der Wanderungsverhältnisse wieder geändert. Statt wie bislang den Wanderungssaldo von Berlin den neuen Bundesländer zuzuschlagen (Reduzierung des Abwanderungsverlustes), erhöht er nun den Abwanderungsverlust. Eine Erklärung für diese veränderte Darstellung wird nicht gegeben.

Der Abwanderungsverlust der neuen Bundesländer beträgt vom Jahr 2000 bis 2009 605.649 Personen. Für den Zeitraum 1991 bis 1999 ergeben sich je nach Zählweise ein Abwanderungsverlust zwischen 461.910 und 535.345 Personen.

LINK, Rainer (2009): Lütjenburg im Dorfpunk-Fieber.
Schleswig-Holstein: Eine Kleinstadt in Ostholstein wird berühmt,
in: DeutschlandRadio v. 20.04.

HAIMANN, Richard (2009): Die Deutschen sind ein mobiles Volk.
Jeder zehnte Bundesbürger wechselt im Jahr seinen Wohnort. Ländliche Gebiete werden entvölkert, während Großstädte gewinnen,
in: Welt v. 06.06.

MARON, Monika (2009): Bitterfelder Bogen. Ein Bericht, S. Fischer Verlag

KLINGHOLZ, Reiner (2009): Herr Minister, wir schrumpfen!
Im Grundgesetz ist die "Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse" angemahnt: das Konstrukt der alten Bundesrepublik, die nur Wachstum kannte. Das ist längst eine Illusion. Ein Plädoyer für eine neue Demographiepolitik,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 30.06.

Das Berlin-Institut soll das Demografiebewusstsein in der deutschen Bevölkerung verankern. Die Studien der Institution werden deshalb gerne mit großem publizistischem Getöse veröffentlicht. Wo gehobelt wird, fallen eben auch Späne - weswegen manche Kampagne zum Bumerang geworden ist. Im letzten Jahr erklärte der Island-Fan KLINGHOLZ die Insel zum Primus in Sachen Nachhaltigkeit. Kurz danach versank das Eiland in einer nachhaltigen Finanzkrise. In der FAZ ist KLINGHOLZ nun in Sachen Ostdeutschland unterwegs.

TIEFENSEE, Wolfgang (2009): Der Letzte macht das Licht aus.
Man soll schwach bevölkerte Regionen nur noch versorgen, nicht mehr fördern, meint Reiner Klingholz. So spricht die Wissenschaft. Die Politik kann sich das nicht leisten,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 04.07.

DRÖSSER, Christoph (2009): Republik in Schieflage.
Deutschlands Bevölkerung schrumpft - doch nicht überall in gleichem Maße. In manchen Regionen ist die Zahl der Geburten größer als die der Todesfälle, manche ziehen Zuwanderer an, andere verlieren Einwohner. Blick auf ein Land im Wandel,
in: Die ZEIT Nr.29 v. 09.07.

PLATTHAUS, Andreas (2009): Geht doch rüber!
Den Frauen hinterher: Zwanzig Jahre nach 1989 macht die Entvölkerung in Ostdeutschland Schlagzeilen. Wir sind den umgekehrten Weg gegangen,
in: Frankfurter Allgemeine
Zeitung v. 01.08.

FISCHER, Konrad (2009): Kommunen im Wickelkrieg.
Aus Angst vor dem drohenden Einwohnerverlust liefern sich Städte und Gemeinden eine teure Werbeschlacht um junge und bauwillige Familien,
in: Wirtschaftswoche Nr.34 v. 17.08.

NEU, Claudia (2009)(Hrsg): Daseinsvorsorge. Eine gesellschaftswissenschaftliche Annäherung, VS Verlag für Sozialwissenschaften

SIEMS, Dorothea (2009): Ein einig Volk von Rentnern.
Demografie-Studie: Deutschlands Bevölkerung schrumpft und altert unaufhaltsam - Ost-Länder besonders betroffen,
in: Welt v. 19.11.

2010

KRÜGER, Isabel (2010): Überalterung im Osten.
Das Statistische Bundesamt stellt bedrohliche Zahlen vor: Die Bevölkerung im Osten Deutschlands wird in den kommenden 50 Jahren schneller zurückgehen als der Westen des Landes,
in: Tagesspiegel v. 24.02.

SCHMIDT-TYCHSEN, Ingo (2010): Angst vor sozialer Ansteckung.
Brandenburg: Die ostdeutsche Gesellschaft zerfällt immer mehr. Dies ist das Ergebnis einer in der brandenburgischen Kleinstadt Wittenberge realisierten Langzeitstudie, die von der Bundesregierung mit 1,7 Millionen Euro unterstützt wurde,
in: Tagesspiegel v. 03.03.

NUTT, Harry (2010): Als die Forscher in der Stadt blieben.
Brandenburg: Niedergang einer Kommune,
in: Frankfurter Rundschau v. 03.03.

DAS MAGAZIN-Titelgeschichte: Stadt oder Land?
Das ewige Hin und Her, wo es sich besser leben lässt

BOMBOSCH, Frederik (2010): Die neuen Siedler.
Der Begriff "Raumpioniere" klingt ziemlich gut. Er adelt Leute, die in Landschaften ziehen, wo kaum mehr jemand leben will. Fragt sich, wer sie sind und was sie suchen,
in: Das Magazin,
April

MEIER, André (2010): Stadt, Land, Sex.
Die Großstadt galt seit jeher als Hort der Verführung. Heute versuchen die Metropolen, ihre wilde Vergangenheit schamhaft zu kaschieren, und tun nicht mehr viel für ihren schlechten Ruf,
in: Das Magazin,
April

"Vorzeitige Defloration droht eher auf der Dorfdisco oder dem Feuerwehrball als im großstädtischen Technotempel. (...).
Fast rührend muten (...) die Versuche des Feuilletons an, mit der Skandalisierung solch bizarrer Vergnügungsstätten wie dem Berliner Techno-Club Berghain den Mythos vom Sündenbabel Großstadt aufrechtzuerhalten
. Früher hießen die Szene-Klubs Tresor, Bunker oder E-Werk und signalisierten knallharte Urbanität. Der Name Berghain symbolisiert hingegen Schäferspielereien und ländliche Idylle. Wer das für einen Zufall hält, liegt schief", meint André MAIER.

DEUTSCHLANDFUNK-Serie: Die alternde Gesellschaft (Teil 3)

NOVY, Beatrix (2010): Städte vergreisen, Dörfer verwaisen.
Teil 3 der Serie über die Auswirkungen des demografischen Wandels,
in: DeutschlandRadio v. 04.04.

NATH, Dörthe (2010): Zu schön, um wieder wegzugehn?
Mecklenburg-Vorpomemrn-Städtevergleich: Schwerin ist langweilig, voller Rentner - Greifswald ist quirlig, voller Räder. Wie unterscheidet sich eine Uni-Stadt von einer Kleinstadt ohne staatliche Hochschule?
in:
TAZ v. 24.04.

RÖTZER, Florian (2010): Boom der Großstädte.
Während die Bevölkerung in Deutschland schrumpft, wachsen die Großstädte und werden in der Wissensgesellschaft auch wirtschaftlich bedeutsamer,
in: Telepolis v. 12.05.

KLOEPFER, Inge (2010): Alt braucht Jung.
Nordrhein-Westfalen: Deutschland wird älter. Bad Sassendorf hat das Problem aktiv angepackt - und bewusst alte Menschen angesiedelt. Das hat die Einwohnerzahl stabilisiert und die Immobilienvermögen. Jetzt subventioniert Bad Sassendorf den Zuzug junger Familien - um nicht zu überaltern,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 14.05.

MÜLLER, Rainer (2010): Wohnlotsen am Wattenmeer.
Niedersachsen: Schon in wenigen Jahren könnte in Cuxhaven jedes vierte Haus leer stehen. Jetzt versucht die Stadt an der Nordsee gegenzusteuern,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.06.

"Altenwalde (ist) ein ganz normales Wohngebiet in Cuxhaven. (...). Früher war Altenwalde ein Dorf, drei Kilometer südlich vom Stadtzentrum, heute ist es eingemeindet und zu einem typischen Vorort geworden. In den anderen Wohngebieten der 52.000-Einwohner-Sadt sieht es ähnlich aus. Mehr als die Hälfte des Stadtgebietes besteht aus Bauten, die zwischen 1950 und 1975 errichtet wurden - und ein Großteil davon sind Einfamilienhäuser. Cuxhaven (...) ist von drei Seiten vom Wattenmeer umgeben. Im Süden des historischen Zentrums liegen die ausgedehnten Einfamilienhausgebiete wie ein zweites Watt, aus dem sich nicht das Meer, sondern die Bevölkerung langsam zurückzieht",

berichtet Rainer MÜLLER anlässlich der Ergebnisse einer geförderten Untersuchung der Stadt zum demografischen Wandel und des städtischen Wohnungsmarktes.

"Mit den Häusern sind auch ihre Bewohner in die Jahre gekommen: 27 Prozent aller Cuxhavener sind bereits 65 Jahre oder älter. Im Rest des Landes sind es weniger als 20 Prozent. Statistisch gesehen werden daher in Cuxhaven bis 2030 mehr als 6.000 Einfamilienhäuser »freigesetzt« - das wären zwei Drittel des Einfamilienhausbestandes.
In Zukunft übersteigt das Angebot wegen der demographischen Entwicklung bei weitem die Nachfrage: Die Stadt wird nicht nur älter, sie schrumpft. Die Forscher gehen für das Jahr 2030 von einer Bevölkerungszahl von 39.000 aus, rund ein Viertel weniger als heute. (...).
Cuxhaven ist kein Extremfall. Arbeitslosigkeit und Abwanderung sind im Ruhrgebiet oder den ostdeutschen Ländern wesentlich stärker ausgeprägt. Was Cuxhaven von anderen Mittelstädten unterscheidet: Seine Bevölkerung ist bereits heute so alt, wie das für Deutschland in 30 Jahren erwartet wird. Cuxhaven ist in Zukunft überall",

erzählt uns MÜLLER zur Zukunft der Stadt und Deutschlands. Was den Artikel unglaubwürdig werden lässt, das ist die scheinbare Präzision, mit der die Entwicklung ablaufen soll:

"Auf präzise 2145 wurde der »Angebotsüberhang« an Häusern prognostiziert, von denen sich 1.162 in Stadtrandlagen wie Altenwalde befinden."

Die vorgegaukelte Präzision soll ein "zielgerichtetes Gegensteuern" ermöglichen. Das soll mit dem Wohnlotsen-Projekt erreicht werden. "Best Practice" ist ein Schlagwort das solche Projekte begleitet.    

BANSE, Juliane/MÖBIUS, Martina/DEILMANN, Clemens (2010): Wohnen im Alter 60+. Ergebnisse einer Befragung in der Stadt Döbeln, IÖR Text Nr.160, Juli

USLAR, Moritz (2010): Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung, Köln: Kiepenheuer & Witsch

REINECKE, Stefan (2010): "Der Osten verschwindet".
Deutsche Einheit: 20 Jahre nach der Wiedervereinigung ist der Kampf zwischen Ossis und Wessis vorbei. Der Osten spaltet sich selbst sozial auf, sagt der Soziologe Wolfgang Engler,
in: TAZ v. 02.10.

REIMANN, Katja (2010): Das Dorf am Ende des Lebens.
Keine Alten-WG, kein Pflegeheim, kein Generationenhaus: Im Emsland entsteht ein ganzer Ort nur für Menschen jenseits der 60. Wer hier wohnt, flieht vor der Welt in die Ruhe – und in die Gewissheit: Den Nachbarn geht’s wie mir,
in: Tagesspiegel v. 18.10.

SCHOLL, Joachim (2010): Schreibtischtäter im Kuhstall.
Zwei Neuerscheinungen porträtieren die deutsche Provinz. Gespräch mit Barbara Bollwahn und Moritz von Uslar,
in: DeutschlandRadio v. 08.12.

KÖLNER STADT-ANZEIGER-Serie: Wir werden weniger (Teil 1)

KLINKHAMMER, Gudrun (2010): Wenn Leere einzieht, wo einst Leben war.
Die kleine Gemeinde Hellenthal in der Eifel verliert. Die Deutschen werden immer weniger und zugleich älter - Neue Serie zum demografischen Wandel
in: Kölner Stadt-Anzeiger v. 23.12.

KÖLNER STADT-ANZEIGER-Serie: Wir werden weniger (Teil 2)

PETER, Tobias (2010): Die Jugend regiert ganz leise.
Die Wähler werden älter, doch Monheim macht einen 27-Jährigen zum Bürgermeister,
in: Kölner Stadt-Anzeiger v. 27.12.

KÖLNER STADT-ANZEIGER-Serie: Wir werden weniger (Teil 7)

BISKUP, Harald (2010): Rollstuhl-Karawane ins Jugendzentrum.
Arnsberg wurde zur "seniorenfreundlichen Stadt" gewählt - Die Zukunftsagentur im Rathaus macht aus Ruheständlern hilfreiche Ehrenamtler, die mitten im Leben bleiben - Realschüler trainieren Rentner an Handys und PC,
in: Kölner Stadt-Anzeiger v. 31.12.

2011

KÖLNER STADT-ANZEIGER-Serie: Wir werden weniger (Teil 8)

HÖHNER, Jens (2011): Die verlorene Jugend.
In der Kleinstadt leben, wenn der 18. Geburtstag noch fern ist: Das ist nicht immer leicht - Bergheim hat das Problem erkannt und kämpft um den Zuzug von Familien,
in: Kölner Stadt-Anzeiger v. 08.01.

Jens HÖHNER stellt die Kreisstadt Bergheim im Regierungsbezirk Köln vor, die eine Abwanderung der erwerbsfähigen Bevölkerung mit Prämien für Kinder beim Erwerb von Bauland verhindern möchte:

"Wer erstmals Bauland erwirbt und ein Grundstück aus dem Besitz der Stadt erwirbt, erhält pro Kind eine Prämie von 3000 Euro".

Die umstrittene Bertelsmann-Stiftung, die in Deutschland die Debatte um die Agenda 2010 prägte, bietet ein Tool namens Wegweiser-Kommunen an, mit dem für jede Gemeinde über 5000 Einwohner eine Bevölkerungsprognose bis zum Jahr 2025 abgerufen werden kann. Für Bergheim wird eine Stagnation der Bevölkerungszahl (bei ca. 62.000 Einwohnern) aber bei steigendem Alter der Bevölkerung ausgewiesen.

Die Gemeinde wird dem Demografiemuster 6: Städte und Gemeinde im ländlichen Raum mit geringer Dynamik zugeordnet. Die Beschreibungen der charakteristischen Entwicklungen entsprechen den Problemen, die HÖHNER schildert.

Es werden zudem Handlungsempfehlungen für diesen Gemeindetyp gegeben. Arnsberg, das zum gleichen Demografiemuster wie Bergheim gehört, gilt der Bertelsmann-Stiftung als Vorbild für eine seniorenfreundliche Stadt, wie sie von BISKUP in der Serie geschildert wird.

Bergheim versucht dagegen einen eigenen Weg, der eher wenig Erfolg verspricht, wenn Doppelverdiener-Familien zunehmen, die lieber in innenstadtnahen Stadtgebieten von Großstädten wie dem nahe gelegenen Köln wohnen möchten. Das Bauland, das Bergheim propagiert, ist dagegen eher für Alleinverdiener-Familien mit höherer Kinderzahl attraktiv.

Erfolg oder Misserfolg städtischer Strategien hängen immer auch mit zukünftigen Entwicklungen auf dem Felde der Lebensformen zusammen. Man darf also gespannt sein, wie die Situation in 10 Jahren aussieht.

HORDYCH, Harald (2011): Daheim ist daheim.
Wer von der Kleinstadt in die Großstadt geht, hat es geschafft. Aber was ist eigentlich mit denen, die wieder zurückkehren? Sind sie Verlierer? Oder heimliche Gewinner?
in: Süddeutsche Zeitung v. 15.01.

EICHHORN, Daniel & Holger OERTEL (2011): Kleinräumige Bevölkerungsentwicklung im Landkreis Greiz – Herausforderungen für die Kommunalplanung aus demografischer Sicht, IÖR Text Nr.164, Juni

Aus der folgenden Tabelle ist die Bevölkerungsentwicklung von 2000 bis 2009 und die prognostizierte Bevölkerungsentwicklung 2010 bis 2025 des IÖR ersichtlich:

Tabelle: Bevölkerungsentwicklung des Landkreises Greiz in Thüringen
Bevölkerung Stand der Bevölkerungsentwicklung
zum 31.12. des Jahres
Bevölkerungsprognose 2010 bis 2025
Variante "Status Quo"
(jeweils zum 31.12. des Jahres)
2000 2005 2009 2010 2015 2020 2025
unter 15-Jährige 15.331 11.259 11.159        
15-44-Jährige 50.750 44.201 34.957        
45-64-Jährige 34.704 34.407 35.148        
65 Jahre und älter 23.084 26.453 27.739        
Insgesamt 123.869 116.320 109.003 106.633 98.634 90.540 82.295
15- bis 45-jährige Frauen 24.226 20.879 16.280        

Quelle: 2011 Tabelle 2, S.18 und Tabelle 4, S.27; eigene Darstellung

Im Jahr 2015 lebten im Landkreis Greiz statt der prognostizierten 98.634 Einwohner 101.114 Menschen (vgl. Kreiszahlen für Thüringen – Ausgabe 2016, Thüringer Landesamt für Statistik, S.39). Im Jahr 2010 waren es 107.555 statt 106.633. Die tatsächliche Bevölkerungsentwicklung stellt sich somit für die Jahr 2010 bis 2015 positiver dar als prognostiziert.

Die Autoren gehen auch für die Gemeinden innerhalb des Landkreises von einer differenzierten Bevölkerungsentwicklung bis 2025 aus:

"Auf Gemeinde- bzw. Gemeindeclusterebene gibt es große Unterschiede (...). Für alle Gemeinden/Gemeindecluster ergibt sich ein Bevölkerungsrückgang. Überdurchschnittliche Bevölkerungsverluste sind insbesondere in Langenwolschendorf (-35,2 %), Seelingstädt (-33,7 %), Hohenleuben (-33,4 %) und Hohenölsen (-33,1 %) zu erwarten. Relativ günstige Bevölkerungsentwicklungen weisen dagegen die Gemeinden Caaschwitz (-0,7 %), Korbußen und Bethenhausen (Cluster 9, -6,8 %) sowie Hartmannsdorf und Crimla (Cluster 1, -10,7 %) auf. (...). Für die beiden größten Städte im Landkreis Greiz und Zeulenroda-Triebes ergibt die IÖR-Bevölkerungsvorausberechnung einen Einwohnerverlust von -29,9 % und -27,2 %."

Die Gemeinde Hohenölsen wurde 2013 aufgelöst.

Die Website des Landkreises Greiz führt zur aktuellen Gemeindestruktur folgendes aus:

"Der Landkreis Greiz besteht aus neun Städten und 37 Gemeinden. Elf davon haben eine eigene Verwaltung. Bei den übrigen wird die Verwaltung durch eine der drei im Landkreis existierenden Verwaltungsgemeinschaften oder eine erfüllende Gemeinde wahrgenommen." (Seitenabruf: 03.04.2017)

HUMMEL, Katrin (2011): Ein Leben unter Niveau.
Viele junge Frauen kehren den ländlichen Gebieten Ostdeutschlands den Rücken. Zurück bleiben alleinstehende Männer, die nicht nur die Frau fürs Leben, sondern oft auch Arbeit suchen. Oder nicht einmal mehr das. Im Kyffhäuserkreis in Thüringen ist es besonders schlimm,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 06.08.

KLINGHOLZ, Reiner/KRÖHNERT, Steffen/KUHN, Eva/KARSCH, Margret/BENNERT, Wulf (2011): Die Zukunft der Dörfer. Zwischen Stabilität und demografischem Niedergang, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, November

Die Autoren stilisieren das Dorf zum Pionier der Postwachstumsgesellschaft, weil es dazu aufgrund der demografischen Entwicklung angeblich keine Alternative gibt:

"(I)n der modernen Wissensgesellschaft, entstehen aus der kritischen Masse von klugen Köpfen und Ideen neue Unternehmen und die Jobs der Zukunft. Gerade junge Menschen finden im Leben auf dem Lande kaum mehr Erfüllung.
Der demografische Wandel verstärkt die Landflucht. Der allgemeine Bevölkerungsrückgang in Deutschland, der sich bis 2050 auf mindestens zwölf Millionen Menschen summieren dürfte, wird überwiegend entlegene ländliche Regionen treffen. Aber nicht nur Deutschland ist von diesem Trend betroffen: Alle Nationen mit stagnierenden oder gar rückläufigen Bevölkerungszahlen – von Portugal über Mittel- und Osteuropa bis nach Japan – erleben den gleichen Niedergang weiter ländlicher Gebiete.
Viele deutsche Dörfer nehmen damit voraus, was für immer mehr Regionen der Welt Alltag werden könnte: Sie werden zu Testfeldern der (demografischen) Post-Wachstumsgesellschaft. Und darin liegt eine große Chance – auch für das Land."
(2011, S.4)

Um das zu belegen, werden uns zwei Landkreise, der hessische Vogelsbergkreis und der thüringische Landkreis Greiz, vorgestellt. Letzterer wird folgendermaßen charakterisiert:

"Im Kreis Greiz gibt es 233 Orte, für die eine eigenständige Einwohnerstatistik geführt wird. Von diesen 233 Orten haben nur 17 mehr als 1.000 Einwohner. In 20 Dörfern leben zwischen 500 und 1.000 Einwohner. 197 Orte haben weniger als 500 Bürger, und bei drei Vierteln dieser kleinen Dörfer liegt die Einwohnerschaft unter der Grenze von 250. (...).
In den kleinsten Dörfern, etwa Horngrund und Ölsengrund (Gemeinde Hohenölsen), Rüßdorf (Gemeinde Teichwolframsdorf) oder Wüstenroda (Gemeinde Pölzig) lebten 2009 nicht einmal 20 Bürger. (...).
Den stärksten Einwohnerverlust zwischen 2004 und 2009 erlebte Nattermühle (Gemeinde Steinsdorf) mit einem Minus von 88 Prozent. Dieser Extremwert erklärt sich daraus, dass dort ein Heim für Asylbewerber geschlossen wurde. Als Ort existiert Nattermühle praktisch nicht mehr, nur neun Einwohner sind dort noch verblieben. Ansonsten bewegt sich die Entwicklung der Einwohnerzahl zwischen einem Verlust von 29 Prozent in Eubenberg (Ortsteil von Arnsgrün) und einem Zuwachs von 41 Prozent in Kleindraxdorf (Gemeinde Hohenölsen). Beides sind sehr kleine Orte, wodurch Verlust oder Zugewinn von wenigen Einwohnern prozentual stark ins Gewicht fallen. Insgesamt haben fast 200 der 233 analysierten Orte zwischen 2004 und 2009 mehr als zwei Prozent ihrer Bevölkerung verloren, 19 Orte sogar mehr als 15 Prozent. Demgegenüber haben 24 Orte mehr als ein Prozent Bevölkerung hinzugewonnen, zwölf Orte sogar mehr als fünf Prozent." (2011, S.37),

Die Autoren gehen in der Broschüre Die Zukunft der Dörfer von einem Ortsbegriff aus, der nichts mit der Struktur der politischen Gemeinden bzw. Verwaltungsgemeinschaften im Landkreis Greiz zu tun hat. Die beschriebene Gemeinde Hohenölsen wurde bereits 2013 aufgelöst und existiert damit in dieser Form gar nicht mehr.

"Nimmt man (...) die Einwohnerdichte als Kriterium für Ländlichkeit und betrachtet solche Gemeinden als „ländlich“, in denen sich nicht mehr als 150 Einwohner je Quadratkilometer – ein häufig verwendeter Grenzwert – finden, so leben nur etwa 17 Millionen Deutsche in ländlichen Gemeinden",

erklären die Autoren ihr Verständnis von "ländlichem Raum", bieten uns aber keine explizite Definition des Begriffs "Dorf" an. Implizit sind damit jedoch Orte mit weniger als 500 Einwohnern gemeint, denn nur diese werden einer Risikobewertung unterzogen. Während auf Seite 37 von 233 Orten gesprochen wird, von denen 197 weniger als 500 Einwohner haben, wird auf Seite 50 nur noch von 196 Orten mit weniger als 500 Einwohnern gesprochen.

Wikipedia erklärt uns zur Entwicklung es Dorfes in Deutschland:

"Traditionell stellte das Dorf – im Gegensatz zum kleineren Weiler – als Gemeinde der Bauern eine politische Einheit dar. Vor der Schaffung von Gemeinderäten im 19. Jahrhundert gab es im deutschsprachigen Raum den Ortsvorsteher, den Dorfschulzen. Durch die Gebietsreformen der 1970er bis 1990er Jahre sind die meisten Dörfer in Deutschland keine Gebietskörperschaften mehr, sondern wurden zu Ländlichen Gemeinden zusammengefasst oder in benachbarte Städte eingemeindet. Einen Kompromiss mit Resten von Eigenständigkeit der Dörfer stellen die Samtgemeinden dar." (Seitenabruf: 04.04.2017) 

Der Humangeograph Gerhard HENKEL unterscheidet in seinem Aufsatz Geschichte und Gegendwart des Dorfes unterschiedliche Siedlungsgrößen der Dörfer:

"Gemeinhin unterscheidet man vier Größenstufen des deutschen beziehungsweise mitteleuropäischen Dorfes:
 - das kleine bis mäßig große Dorf mit 20 bis 1OO Hausstätten beziehungsweise 100 bis 500 Einwohnern,
- das mittelgroße Dorf mit 1OO bis 4OO Hausstätten beziehungsweise 500 bis 2000 Einwohnern,
- das große Dorf mit 400 bis 1000 Hausstätten beziehungsweise 2000 bis 5OOO Einwohnern und
- das sehr große Dorf mit mehr als 1000 Hausstätten und 5000 Einwohnern.
Für die beiden letztgenannten Größenstufen werden vielfach auch die Bezeichnungen »Großdorf« und »Stadtdorf« gebraucht, womit die statistische Nähe zur städtischen Siedlungen deutlich wird." (2016, S.10)

Das Berlin-Institut beschränkt sich also bei seiner Dorfbetrachtung auf die kleinste Siedlungsgröße des Dorfes. HENKEL beziffert die Anzahl der Dörfer in Deutschland auf rund 35.000 Ortschaften, wobei er die Heterogenität der Dörfer herausstreicht.

Der Landkreis Greiz widerspricht auf der Orts- bzw. Siedlungsebene jenen angeblichen Zusammenhängen, die mit dem Begriff der Abwärtsspirale verbunden werden, was die Autoren ratlos zurück läßt:

"Für die Dörfer des Kreises Greiz lassen sich kaum Zusammenhänge zwischen der Entwicklung der Einwohnerzahl und den vor Ort erhobenen Indikatoren zur Siedlungsstruktur ausmachen. Weder sind im Gesamteindruck als attraktiv bewertete Orte im Mittel besonders stabil, noch solche, in denen der bauliche Zustand besonders positiv bewertet wurde. Orte mit klarem Ortsmittelpunkt entwickeln sich im Mittel ebenso wie solche ohne zentralen Platz. Lediglich die landschaftliche Attraktivität der Umgebung zeigt den erwarteten Einfluss: Jene Orte, deren Einbettung in die Landschaft mit der Bestnote bewertet wurde, zeigen im Schnitt eine Bevölkerungszunahme." (2011, S.43)

Auch bei der Infrastruktur ist die Sache keineswegs so klar wie dies meist dargestellt wird, denn obwohl die Infrastrukturspannbreite auf der Ortsebene im Landkreis Greiz gering ist, wird dies durch die gute, überörtliche Erreichbarkeit von Infrastruktureinrichtungen wieder wett gemacht. Die in den Medien gerne intonierte Melodie, dass ein Dorf stirbt, wenn das letzte Gasthaus schließt, ist in dieser Schlichtheit nicht haltbar.

Ab Seite 50 wird die Zukunftsfähigkeit der Dörfer des Landkreises Greiz nach 6 Indikatoren bewertet: Dorfgröße, Bevölkerungsentwicklung 2004-2010, Anteil der unter 18-Jährigen im Jahr 2009, Vereine je 1.000 Einwohner im Jahr 2011, offensichtlicher Leerstand im Jahr 2011, Fahrzeit zum Oberzentrum in Minuten.

Die folgende Tabelle ermöglicht einen Vergleich mit der Studie des IÖR, die ganz andere Gebiete beim Landkreis Greiz betrachtet:

Tabelle: Vergleich der betrachteten Gebiete des Landkreises Greiz in den Studien des IÖR und des Berlin-Instituts und der Bewertung hinsichtlich ihrer Zukunftsfähigkeit
Gemeinde bzw. Gemeindecluster Bevölkerungsverluste
gemäß IÖR bis 2025
Orte mit weniger als 500 Einwohner gemäß
Berlin-Institut
Risikobewertung (hoch = 15-18; niedrig = 3-6 Punkte)
Langenwolschendorf - 35,2 %   keine
Seelingstädt - 33,7 % Zwirtzschen 15-18
    Seelingstädt Dorf; Friedmannsdorf 10
    Chursdorf 9
    Bahnhof Seelingstädt keine
Hohenleuben - 33,4 % Hohenleuben keine
    Brückla 9
Hohenölsen - 33,1 % Horngrund 15-18
    Neudörfel 12-14
    Kleindraxdorf 10
    Ölsengrund 9
Greiz - 29,9 % Eubenberg; Rothenthal; Mühlenhäuser 15-18
    Thalbach; Schönbach 12-14
    Dölau; Tremnitz 11
    Raasdorf; Caselwitz; Gablau; Hohndorf 9
    Moschwitz; Untergrochlitz; Reinsdorf; Waltersdorf; 8
    Kurtschau; Pansdorf; Sachswitz 7
    Cossengrün; Leiningen 3-6
    Irchwitz; Schönfeld keine
Zeulenroda-Triebes - 27,2 % Büna 15-18
    Frotschau; Piesigitz; Quingenberg; Zadelsdorf 12-14
    Mehla 11
    Wolfshain; Dörtendorf; Läwitz; Niederböhmersdorf 10
    Dobia 9
    Kleinwolschendorf; Schönbrunn; Förthen; Leitlitz; Silberfeld; Weckersdorf 8
    Pahren; Merkendorf; Stelzendorf 7
    Arnsgrün; Bernsgrün 3-6
Hartmannsdorf und Caaschwitz - 10,7 % Hartmannsdorf 8
Korbußen und Bethenhausen - 6,8 % Bethenhausen 3-6
Hartmannsdorf und Crimla - 0,7 % Crimla 9
 

Die Tabelle zeigt, dass stark schrumpfende Gemeinden wie Langenwolschendorf bei der Betrachtung des Berlin-Instituts herausfallen, weil es Orte mit mehr als 500 Einwohner sind und deshalb nicht als Dörfer zählen.

Ein Vergleich wird zudem erschwert durch falsche Einordnungen (Kleinwolschendorf, Dörtendorf, Förthen, Läwitz, Leitlitz, Pahren mit Stelzendorf und Weckersdorf werden z.B. vom Berlin-Institut als Gemeinden geführt, obwohl  sie seit den 1990er Jahren Stadtteile von Zeulenroda-Triebes sind.

Zudem fanden nach den beiden Untersuchungen Eingemeindungen statt, die in der Retrospektive zu Verzerrungen führen können. In Greitz eingemeindet wurden nach den Untersuchungen die Ortsteile Cossengrün, Hohndorf (mit Gablau, Leiningen, Pansdorf, Tremnitz) und Schönbach und die Gemarkung Eubenberg des Ortsteils Arnsgrün.

Zu Zeulenroda-Triebes gehören Arnsgrün mit Büna, Bernsgrün mit Frotschau sowie Schönbrunn, Pöllwitz mit Dobia sowie Wolfshain, Silberfeld mit Quigenberg und Zadelsdorf.

STUTTGARTER ZEITUNG-Tagesthema: Deutschland vergreist.
Demografen warnen: Die Altersstruktur der Bevölkerung verschiebt sich dramatisch. Betroffen sind vor allem ländliche Gebiete und der Osten

LINK, Christoph (2011): Angst vor der großen Leere.
Demografie: Der starke Rückgang der Bevölkerung trifft zuerst strukturschwache Gebiete. Im Süden steht die Region Pirmasens beispielhaft für das Problem. Man erprobt in der Pfalz längst Strategien gegen Abwanderung - seit Jahrzehnten ist man betroffen,
in: Stuttgarter Zeitung v. 21.11.

Pirmasens, Foto: Bernd Kittlaus 2018

2012

HÄHNIG, Anne (2012): Da sind sie wieder.
Wanderungsbilanz: Jahrelang wanderten Ostdeutsche in die alten Länder ab. Eine große Untersuchung zeigt: Das kehrt sich um,
in:
ZEIT Online v. 18.07.

WAGNER, Thomas (2012): Wo reiche Rentner unter sich sind.
Baden-Württemberg: Eine Reportage aus Überlingen am Bodensee,
in: DeutschlandRadio v. 26.08.

"Überlingen liegt am Bodensee und hat 22.000 Einwohner. Mehr als die Hälfte sind über 45 Jahre alt. Damit ist Überlingen, nach Baden-Baden, die Stadt mit dem zweithöchsten Altersdurchschnitt in Deutschland. Und jeden Tag ziehen noch mehr Rentner zu, denn Überlingen bietet außer Seeblick, Ruhe und Kultur noch einen vermeintlichen Vorteil: Man ist unter sich",

heißt es auf der Website. Der Beitrag zeichnet ein betont einseitiges Bild vom Rentnerdasein. Den Grund erfährt man nicht im PDF-Manuskript, sondern auf dem MP3-Mitschnitt:

"Reporter Thomas Wagner lebt am schönen Bodensee und er ist noch nicht im Rentenalter. Dass er später ebenso unbeschwert seinen Lebensabend genießen wird wie die Rentner am Bodensee heute, das ist ziemlich unwahrscheinlich. Immerhin weiß er nun wie es sein könnte. Wunderbar nämlich."

Es geht also um den Aufstand der Jungen (eher der nicht mehr so ganz Jungen!) und die viel beschworene Generationengerechtigkeit. Die zunehmende Polarisierung zwischen Arm und Reich innerhalb den jüngeren Generationen gerät dagegen aus dem Blick.

STATISTISCHES LANDESAMT BADEN-WÜRTTEMBERG (2012): Durchschnittsalter in Baden-Württemberg: 43 Jahre.
Büsingen am Hochrhein mit der ältesten, Riedhausen mit der jüngsten Bevölkerung,
in: Pressemitteilung Statistisches Landesamt Baden-Württemberg v. 30.08.

"Die regionalen Unterschiede beim Durchschnittsalter für die 1.101 Gemeinden im Land fielen sogar noch höher aus als auf der Ebene der Stadt- und Landkreise. Hierbei haben insgesamt 10 Kommunen den hohen Wert der Stadt Baden-Baden (47,8 Jahre) noch übertroffen. Mit im Durchschnitt 51,7 Jahren hatte Ende 2011 die Ex- bzw. Enklave Büsingen am Hochrhein im Landkreis Konstanz die älteste Bevölkerung in Baden-Württemberg (Frauen: 52,5 Jahre, Männer: 50,8 Jahre). Es folgten Untermarchtal aus dem Alb-Donau-Kreis (50,7 Jahre) sowie die vom Kurbetrieb geprägte Kommune Badenweiler (49,6 Jahre) im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald,

meldet das Statistische Landesamt Baden-Württemberg.  Dagegen beläuft sich der Altersdurchschnitt in Überlingen - gemäß einer  Reportage von Thomas WAGNER "die Stadt mit dem zweithöchsten Altersdurchschnitt in Deutschland"  nach einer Tabelle des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg auf 47,0 Jahre im Jahr 2011 (2010: 46,7 Jahre; 2009: 46,4 Jahre; 2005: 45,2 Jahre; 2000: 43,9 Jahre; 1995: 42,9 Jahre).

GRAWE, Simone (2012): Wohnkonzept für Singles und Senioren.
Bebauungsplan für Wohnpark: Bad Laer geht neue Wege,
in: Neue Osnabrücker Zeitung Online v. 17.09.

KERSTEN,Jens/NEU, Claudia/VOGEL, Berthold (2012): Demografie und Demokratie. Zur Politisierung des Wohlfahrtsstaates, Hamburg: Hamburger Edition

BORSTEL, Stefan von & Dorothea SIEMS (2012): Kommunen fürchten Folgen der Alterung.
Städte- und Gemeindebund fordert vor Merkels Demografie-Gipfel "komplettes Umsteuern" im Sozialstaat,
in: Welt v. 04.10.

2013

RADEMACHER, Christian (2013): Deutsche Kommunen im demographischen Wandel. Eine Evaluation lokaler bevölkerungspolitscher Maßnahmen, Springer VS

HENZLER, Claudia (2013): Bis zum letzten Mann.
SZ-Thema Die Provinz verwaist: Von Nordfriesland bis Heidesheim: Gemeinden versuchen alles, damit ihre Einwohner bleiben. Sie sanieren ihre Städte, fördern die Industrie: Es ist ein Wettstreit, den nicht alle gewinnen werden,
in: S
üddeutsche Zeitung v. 12.01.

SCHMOLLACK, Simone (2013): Stadt-Land-Gefälle.
Kitas: In den Metropolen fehlen Betreuungsplätze, auf dem Land nicht, sagen Lobbyverbände,
in: TAZ v. 27.02.

FABER, Kerstin & Philipp OSWALT (2013)(Hrsg.): Raumpioniere in ländlichen Regionen. Neue Wege der Daseinsvorsorge, Edition Bauhaus, Spector Books

MARTIN, Ralph (2013): Geht aufs Land, darauf kommt's jetzt an.
Gentrifizierung: Die Stadt kann keine Avantgarde sein - viel zu teuer. Trend ist nicht Berlin, sondern das Umland der Hauptstadt,
in:
TAZ v. 30.03.

MACHOWECZ, Martin (2013): Sollen wir die Dörfer aufgeben?
Landflucht: Eine Streitschrift aus Sachsen-Anhalt provoziert: Der Staat könne sich seine Provinz nicht mehr leisten,
in: Die ZEIT Nr.15 v. 04.04.

KÜHNTOPF, Stephan & Susanne STEDTFELD (2012): Wenige junge Frauen im ländlichen Raum: Ursachen und Folgen der selektiven Abwanderung in Ostdeutschland. BiB Working Paper 3/2012. Wiesbaden: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Veröffentlichung 07.08.2013)

KLINGHOLZ, Reiner & Eva /KUHN (2013): Vielfalt statt Gleichwertigkeit. Was Bevölkerungsrückgang für die Versorgung ländlicher Regionen bedeutet, September

KAMANN, Matthias (2013): Leere Landschaften.
Studie zum demografischen Wandel sieht politischen Handlungsbedarf,
in: Welt kompakt v. 10.09.

Bericht über das Diskussionspapier Vielfalt statt Gleichwertigkeit.

HÄHNIG, Anne (2013): Zurück für die Zukunft.
Immer mehr Ostdeutsche im Westen liebäugeln damit, wieder in der alten Heimat zu leben. Nun haben Forscher Abertausende Daten ausgewertet. Nie wusste man so viel über die Rückkehrer wie jetzt,
in:
Die ZEIT Nr.51 v. 12.12.

KNÖDLER, Gernot (2013): Überwiegend Schwund im Norden.
Wandel: In Norddeutschland werden in Zukunft immer weniger Menschen leben. Vor allem die Jungen zieht es in die Städte. Das heißt aber nicht, dass ländliche Gebiete in Zukunft keine Chance mehr hätten,
in:
TAZ Nord v. 14.12.

Gernot KNÖDLER berichtet über Prognosen der Bertelsmann-Stiftung, der PROGNOS AG und des Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Lobbyorganisationen einer neoliberalen Politik, die die Vergangenheit einfach in die Zukunft fortschreibt.

Viel interessanter wäre. Was ist aus den Prognosen der Vergangenheit geworden? Stattdessen immer mehr vom Gleichen, obwohl sich längst Trends entwickelt haben, deren Auswirkungen unberücksichtigt bleiben.

Selbst das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung bzw. das Statistische Bundesamt hält den Indikator Geburtenrate (TFR) nicht mehr für allein aussagekräftig, der aber in allen Prognosen der neoliberalen Lobbyorganisationen weiterhin uneingeschränkt verwendet wird.

Keine Berücksichtigung findet in den Prognosen der Paradigmenwechsel in der Familienpolitik hin zur Bevölkerungspolitik, der einerseits zu höherer Müttererwerbstätigkeit, höheren Kinderzahlen von Akademikerinnen bei weiterer Zunahme der Spätgebärenden und andererseits zu einer Spaltung der Gesellschaft in Niedriglöhner und besserverdienende Zwei-Karriere-Familien führt. Letztere führen zur Ausweitung des Niedriglohnsektors durch die Ausweitung der haushaltsnahen Dienstleistungen. Und wie steht es mit der Berücksichtigung der Beschäftigungskrise in den Mittelmeerländern?

Die fortschreitende Spaltung der Gesellschaft, die durch die Hartz-Gesetzgebung beschleunigt wird, führt vermehrt zur erzwungenen Multilokalität, deren Erforschung gerade erst beginnt. Dieses Phänomen, das die Städte verändern wird, wird in dem Bericht nur kurz gestreift:

"Dass Familien und Alte in die Großstädte zurückkehrten, hält Gans für eine Mär. Es sei die Altersgruppe der 18- bis 30-Jährigen, die in die großen Städte ziehe. Dabei spiele vermutlich eine Rolle, dass die Beschäftigungsverhältnisse der unter 35-Jährigen nicht mehr so stabil seien. Ein Häuschen zu bauen, sei unter diesen Umständen schwierig. Paare mit Arbeitsplätzen in verschiedenen Städten seien auf eine gute Verkehrsanbindung angewiesen. In den Städten lasse sich der Alltag einfacher organisieren."

Dabei wird übersehen, dass der Arbeitsmarkt keineswegs nur für die Jungen schwierig ist, sondern Multilokalität auch im mittleren  Erwachsenenalter zunimmt. In dem Aufsatz Die Ausweitung der Zwischenzone (Soziale Welt, Heft 3, 2013) beschreiben Natalie GRIMM, Andreas HIRSELAND und Berthold VOGEL die Auswirkungen der neuen Arbeitsmarktpolitik, deren Ziel nicht mehr die Lebensstandardsicherung, sondern lediglich die Erhöhung der Erwerbstätigenquote um jeden Preis ist.

Statt uns auf die neuen Verhältnisse einzustellen, lesen wir die Zukunft lediglich als Fortschreibung vergangener Zeiten. Die Zukunft lässt sich jedoch nur als Bruch mit der Vergangenheit verstehen. Die Folgen dieses Bruches können noch übersehen werden, weil die Kontinuitäten der Vergangenheit eine Zeitlang weiterwirken werden. Wer jedoch Augen zum Sehen hat, der lässt sich von den Prognosen neoliberaler Lobbyorganisationen nicht blenden.

GEISSLINGER, Esther (2013): In der ersten Reihe.
Seniorenschwemme: Im ehemaligen Fischerdorf Timmendorfer Strand steigen die Preise für Wohnraum. Finanzstarke Senioren machen sich breit. Es droht eine Entwicklung wie auf Sylt,
in:
TAZ Nord v. 21.12.

2014

HAIMANN, Richard (2014): Senioren lösen neue Wanderungsbewegung aus.
Die ältere Generation zieht in kleine Städte in reizender Landschaft und reichem Kulturangebot. Schrumpfende Orte haben nun wieder eine Zukunft; denn durch die Senioren entstehen neue Arbeitsplätze,
in:
Welt Online v. 08.03.

Richard HAIMANN macht PR im Sinne der Immobilienwirtschaft. Schon vor einiger Zeit wurde Investoren aufgrund der Überhitzung des Wohnungsmarktes in Metropolen und dort insbesondere der angesagten Szeneviertel, nunmehr die Investition in "Städte der zweiten Reihe" als lukrativ empfohlen. Nun also werden die scheinbar dazu passenden Statistiken der Öffentlichkeit als angeblich neuer Trend präsentiert.

Gibt es aber einen neuen Trend? Die Wanderungsbewegungen von 2009-2012 sollen das belegen. Aber unterscheiden die sich von früher und wenn ja warum? HAIMANN erklärt Weimar als Vorbild dieses angeblich neuen Trends. Bereits im Jahr 2006 schrieb aber das auf die Demografie fixierte Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung:

"Während sich das wirtschaftsschwache Ostthüringen zu einer der am stärksten überalterten Gegenden der Republik entwickelt, stellt Jena die jüngste Stadt im Osten dar. Sie zählt mit Weimar, Erfurt und Eisenach (...) als Region der Stabilität im schrumpfenden Ostdeutschland".

Weimar gehörte bereits seit längerem zu den Städten mit positivem Wanderungssaldo. Bereits im Jahr 2008 berichtete die FAS über die Attraktivität von Weimar für Rentner.

Es ist eines der demografischen Märchen, dass Deutschland schrumpft, denn im Gegenteil wächst Deutschland derzeit. Und innerhalb von Deutschland gibt es große Unterschiede bezüglich der demografischen Entwicklung von Gemeinden und Regionen.

ZSCHIECK, Marco (2014): Sterbende Landschaften.
Brandenburg: Der Bevölkerungsforscher Reiner Klingholz fordert, stark schrumpfende Orte einfach aufzugeben. Die Landesregierung will davon nichts wissen: Ein Rückzug aus der Fläche sei die falsche Konsequenz,
in: TAZ v. 26.05.

Die taz berichtet unkritisch über Reiner KLINGHOLZ, dessen Berlin-Institut Propaganda in Sachen Demografisierung gesellschaftlicher Probleme betreibt. Christian RADEMACHER hat deutsche Kommunen im demographischen Wandel untersucht. Seine Analyse hat ergeben, dass der Bevölkerungsrückgang keineswegs automatisch zum wirtschaftlichen Niedergang führt. Demnach widersprechen fast die Hälfte der Kreise, die er untersucht hat, diesem angeblichen Trend.

Politik muss nicht einfach den demografischen Wandel ergeben hinnehmen, sondern trifft Weichenstellungen über die zukünftige Entwicklung. Journalisten, die das verschleiern oder erst gar nicht thematisieren, kommen ihrer Pflicht zur Aufklärung nicht nach.

Man sollte die Propaganda, die KLINGHOLZ in den vergangenen Jahre in Umlauf gesetzt hat, genauer unter die Lupe nehmen. Wo sind also die kritischen Journalisten, die sich der Wahrheit und nicht nur dem Mainstream verpflichtet fühlen?

Das Problem der Demografisierung wird von Journalisten erst seit kurzem überhaupt thematisiert - wenngleich auch nur im Internet - und auch nur unzureichend, da der herrschende Diskurs zum Thema demografischer Wandel bereits den Status einer unhinterfragten Selbstverständlichkeit erreicht hat, der auch das Denken in alternativen Sichtweisen beeinflusst.  

KLOEPFER, Inge (2014): Glanz und Elend.
Eichstätt in Oberbayern boomt, Gelsenkirchen im Ruhrgebiet schrumpft. Kann es sein, dass das mit zwei sehr unterschiedlichen Einstellungen zum Leben zu tun hat?
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 01.06.

Der Artikel von Inge KLOEPFER zeigt, wie unseriöse Berichterstattung über wachsende und schrumpfende Kommunen in Deutschland aussieht. KLOEPFER vergleicht nicht die Stadt Eichstätt im Landkreis Bayern mit der Großstadt Gelsenkirchen, sondern den Landkreis Eichstätt mit der Großstadt Gelsenkirchen anhand der Arbeitslosenquote:

Landkreis Eichstätt: "Die Arbeitslosenquote liegt hier bei 1,4 Prozent Prozent. Hinter Eichstätt verbirgt sich nicht bloß das barocke Juwel. Es ist ein blühender Landreis mit 125 000 Einwohnern. (...).
Steht Eichstätt am einen Ende der Arbeitsmarktstatistik, befindet sich Gelsenkirchen am anderen. Die Arbeitslosigkeit beträgt hier 15,5 Prozent.
Eigentlich sind beide Zahlen schwer vergleichbar (...). Aber man kann jeweils die gleiche Frage stellen: Woher kommt der dauerhafte Erfolg, woher die so nachhaltige Misere? Und man kann in jedem der Fälle von einer Pfadabhängigkeit sprechen, von Entwicklungsprozessen, die sich im Laufe der Zeit nahezu verselbständigen."

KLOEPFER redet von Pfadabhängigkeit, d.h. es wird ein Muster unterstellt, dass der Niedergang von Kommunen quasi vorprogrammiert sei. Der Politikwissenschaftler Christian RADEMACHER kritisiert in seiner exzellenten Studie Deutsche Kommunen im Demographischen Wandel gerade solche geschichtskonservativen Annahmen, die einer Empirie oftmals nicht standhalten.

"Eichstätt hat, was viele gerne hätten: eine stetig wachsende Bevölkerung, seit Jahren die niedrigste Arbeitslosigkeit",

verklärt KOEPFER die Entwicklung des Landkreis Eichstätt. Wie aber sieht die Wirklichkeit aus? Der Landkreis besteht gemäß Wikipedia (online abgerufen am 4. Juni 2014) aus zwei Städten (Eichstätt und Beilngries), 17 Gemeinden, 11 Märkten, 4 Verwaltungseinheiten und einem kreisfreien Gebiet.

Die Bundesagentur für Arbeit führt gemäß RADEMACHER die Arbeitslosenquote nur bis auf Kreisebene, d.h. amtliche Daten stehen für die Städte und Gemeinden des Landkreises nicht zur Verfügung. Lediglich der Wegweiser Kommune der Bertelsmann Stiftung weist für Kommunen über 5000 Einwohner eine Schätzung aus, die gemäß RADEMACHER einigermaßen stimmig ist (vgl. 2013, S.184f.). Lediglich 7 Kommunen (Eichstätt, Beilngries, Altmannstein, Gaimersheim, Kipfenberg, Kösching und Großmehring haben im Jahr 2012 mehr als 5000 Einwohner und können verglichen werden. KLOEPFERs Berichterstattung beruht also in erster Linie auf Spekulationen. Widerspricht nur eine einzige Kommune dem Bild einer stetig wachsenden Bevölkerung, das KLOEPFER zeichnet, dann fällt ihre Argumentation zusammen wie ein Kartenhaus. Hier die Daten für die Kommunen:

Kommune Merkmal  Wikipedia Wegweiser
EICHSTÄTT
(Stadt)
Bevölkerung 2012 13 146 13 684
  Bevölkerungs-entwicklung
2005-2012
  + 6,0 %
  Jugendquotient   29,0
  Altenquotient   31,3
  Arbeitslosen- quote   2,1 %
BEILNGRIES Bevölkerung 2012 8 781 8 796
  Bevölkerungs-entwicklung
2005-2012
  + 1,1 %
  Jugendquotient   32,0
  Altenquotient   27,2
  Arbeitslosen- quote   1,6 %
GAIMERSHEIM Bevölkerung 2012 11 339 11 601
  Bevölkerungs-entwicklung
2005-2012
  + 5,9 %

 

  Jugendquotient   36,1
  Altenquotient   28,3
  Arbeitslosen- quote   1,2 %
KÖSCHING Bevölkerung 2012 9 101 9 157
  Bevölkerungs-entwicklung
2005-2012
  + 10,3 %
  Jugendquotient   35,7
  Altenquotient   26,5
  Arbeitslosen- quote   2,1 %
ALTMANNSTEIN Bevölkerung 2012

6 778

6 754
  Bevölkerungs-entwicklung
2005-2012
  - 2,9 %
  Jugendquotient   33,4
  Altenquotient   33,3
  Arbeitslosen- quote   1,8 %
GROßMEHRING Bevölkerung 2012 6 655 6 6696
  Bevölkerungs-entwicklung
2005-2012
  + 4,5 %
  Jugendquotient   31,8
  Altenquotient   24,4
  Arbeitslosen- quote   1,8 %
KIPFENBERG Bevölkerung 2012 5 587 5 757
  Bevölkerungs-entwicklung
2005-2012
  + 0,6
  Jugendquotient   31,9
  Altenquotient   25.0
  Arbeitslosen- quote   1,5 %

Man sieht auf den ersten Blick, dass die Kommunen des Landkreis Eichstätt keineswegs von einer stetig wachsenden Bevölkerung geprägt sind, wenn man die Kommunen über 5.000 Einwohner betrachtet. Die Bertelsmann Stiftung ordnet 6 Kommunen dem Demografietyp 1 (Kleinere stabile ländliche Städte und Gemeinden) zu. Lediglich Gaimersheim wird dem Demografietyp 3 (Prosperierende Kommunen im Umfeld dynamischer Wirtschaftszentren) zugeordnet. Die Demografietypen der Bertelsmann Stiftung sind umstritten, weil die Datengrundlage intransparent ist. Aufgrund der mangelhaften Datenlage in Deutschland bieten sie jedoch zumindest einen ersten Anhaltspunkt für die Betrachtung kommunaler Entwicklungen.

Für den Landkreis Eichstätt wird für 2012 im Wegweiser Kommune eine Arbeitslosenquote von 1,7 % angegeben, liegt also um 0,3 % höher als bei KLOEPFER angegeben. Vernachlässigt man diese Differenz, dann lässt sich zumindest zeigen, dass sich die einzelnen Kommunen über 5.000 Einwohner im Landkreis Eichstätt stark unterscheiden. Die Arbeitslosenquote differiert zwischen 1,2 % (Gaimersheim) und 2,1 % (Eichstätt), d.h. die Arbeitslosigkeit in Eichstätt ist fast doppelt so hoch wie in Gaimersheim.

KLOEPFER suggeriert, dass die Unterschiede zwischen schrumpfenden und wachsenden Kommunen auf Mentalitätsunterschieden zwischen Stadt und Land beruhen:

"Das Wunder von Eichstätt erklärt sich (...) durch die Kleingliedrigkeit des Landkreises mit vielen Gemeinden.
(...).
In Gelsenkirchen regiert indes die Anonymität einer Großstadt."

Demnach müssten kleinere Kommunen besser da stehen als größere Kommunen. Gaimersheim hat mit 1,2 % die niedrigste Arbeitslosenquote im Landkreis Eichstätt. Sie ist nach Eichstätt aber die zweitgrößte Kommune des Landkreises. Die kleinste Kommune mit mehr als 5.000 Einwohnern hat dagegen eine Arbeitslosenquote von 1,5 %.

Fazit: Es besteht kein linearer Zusammenhang zwischen "Mentalität" (Land vs. Stadt) und kommunaler Entwicklung.

Das größte Bevölkerungswachstum von Kommunen mit mehr als 5.000 Einwohnern (2005 - 2012) weist im Landreis Eichstätt die Kommune Kösching mit 10,3 % auf, obwohl sie dem Demografietyp 1 ("stabil") zugeordnet wird, genauso wie Altmannstein (- 2,9 %). Die Demografietypen der Bertelsmann Stiftung wären also falsch interpretiert, wenn man sie im Sinne eines einfachen Zusammenhangs zwischen Bevölkerungsentwicklung und kommunale Entwicklung interpretiert.

Fazit: Bevölkerungsrückgänge bzw. -anstiege sind kein geeigneter Indikator, die die weitere Entwicklung von Kommunen bestimmen ("Entwicklungspfade" gemäß KLOEPFER). Stattdessen bedarf es eines genaueren Blicks auf die demografische und ökonomische Situation von Kommunen sowie auf das kommunale Handeln. Dies legt auch die exzellente Studie Deutsche Kommunen im Demographischen Wandel von Christian RADEMACHER nahe

KONICZ, Tomasz (2014): Raum ohne Volk.
Der Boom der deutschen Metropolregionen geht mit der Entvölkerung weiter Landstriche in der Peripherie der Bundesrepublik einher,
in:
Telepolis v. 23.07.

Deutschland ist durch ein Nebeneinander von Wachstum und Schrumpfung gekennzeichnet. Insbesondere die Großstädte wachsen, während die Peripherie verödet. Ursache ist die Wissensökonomie, deren Konzentrationsprozesse von der Politik zusätzlich verschärft werden. Der neoliberalen Standortlogik folgend, geraten schrumpfende Kommunen in einen Abwärtssog. Anders als es das private Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung propagiert, ist Schrumpfung aber kein Problem des demografischen Wandels an sich, sondern ein ökonomisches Problem, das demografische Folgen zeitigt. Schrumpfungsprozesse verstetigen sich in ökonomisch abgehängten Regionen, während andernorts Großstädte an ihre Wachstumsgrenzen gelangen. Statt dem jedoch politisch entgegen zu wirken, erfolgt das genaue Gegenteil. Die boomenden Städte überbieten sich mit der Schaffung von neuem Wohnraum. Was aber wenn neue wirtschaftliche Entwicklungen diese Trends obsolet machen? Was aber, wenn die Bevölkerungsentwicklung ganz anders verläuft und sich nicht an die Bevölkerungsvorausberechnungen hält? Die Zukunft ist offen auch wenn Bevölkerungswissenschaftler das Gegenteil verkünden. Die Demographisierung gesellschaftlicher Probleme bietet scheinbaren Halt in unsicheren Zeiten. Dies könnte jedoch fatale Folgen für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands haben.

ROST, Norbert (2014): Von Hoyerswerda lernen.
Aufstieg und Fall der Lausitzer Braunkohle und ihrer Städte: Hoyerswerda und Weisswasser mahnen, wie wacklig unsere fossile Industriekultur sein kann,
in:
Telepolis v. 27.07.

FARKAS, Christoph (2014): Guten Morgen, Limbach-Oberfrohna!
Bleiben ist ein Abenteuer,
in:
TAZ v. 16.08.

WOLDING, Philipp (2014): Mit dem Rollator zum Krafttraining.
Deutsche werden immer älter und pflegebedürftiger. Fachkräfte, die sich um die Betagten kümmern, fehlen. Im fränkischen Rödental will man das Dilemma nun mit einem Experiment lösen. Ein Besuch im seniorenfreundlichsten Ort Deutschlands,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 17.08.

FRIGELJ, Kristian (2014): Rollatoren und Kinderwagen in Bad Sassendorf.
Ein Kurort in NRW zieht Rentner und Familien an,
in:
Welt v. 06.09.

ROHRBECK, Felix (2014): Sie hassen die Provinz.
Wo sie hinziehen, explodieren die Mieten. Wenn sie wegziehen verrotten die Häuser: Immer mehr Deutsche wollen in den besonders angesagten Städten wohnen. Wie soll das gehen? Und was bedeutet das für die Übrigen?
in: Die ZEIT Nr.40
v. 25.09.

Deutschland schrumpft nicht - entgegen aller Prognosen. Nun stürzen sich die Ursachenforscher auf die Polarisierung zwischen wachsenden und schrumpfenden Städten. Möchte man mit altbekannten Problemen Aufmerksamkeit erregen, dann belegt man sie mit modischen Attributen. War früher der Schmetterling ein solches Symbol, so ist es jetzt der Vogelschwarm: Schwarmstädte machen angeblich den Unterschied zwischen wachsenden und schrumpfenden Städten.

Das Wanderungsverhalten junger Menschen sei entscheidend hat Harald SIMONS von der Leipziger Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur herausgefunden. Dabei wird jedoch nur das innerdeutsche Wanderungsverhalten betrachtet, obwohl Deutschlands Wachstum seit mehreren Jahren entscheidend von der Einwanderung dominiert wird. Von diesen Wanderungen profitieren aber nur Städte im Gegensatz zum Land. Und es profitieren vor allem jene Städte, in denen bereits eine größere ethnische Gruppe existiert. Dazu benötigt man keine Schwarmthese.

Arbeitsplätze machen keinen Unterschied? Aber sicher, doch nicht in der simplen Weise wie uns ROHRBECK erläutert.

"Überall sind junge Menschen abgewandet, vom platten Land und aus Städten wie Duisburg, Remscheid, Salzgitter und Bremerhaven".

Das ist nun wahrlich kein neuer Trend seit dem Jahr 2000, sondern die Probleme altindustrieller Städte im Westen existieren bereits seit den 1970er Jahren (vgl. HÄUßERMANN & SIEBEL "Die schrumpfende Stadt und die Stadtsoziologie", 1988). Neu ist jedoch eine Stadtpolitik, die die Starken stärkt und die Schwachen schwächt. Das ist neoliberale Standortpolitik und kein Schwarmproblem. Hochschulen und Universitäten können Wachstum und Schrumpfung nicht erklären? Auch das ist nichts Neues, sondern wird durch Eliteuniversitäten im Gegensatz zum Rest noch verstärkt.

Halle an der Saale wird von ROHRBECK als typisch für eine Schwarmstadt vorgestellt. Nur, weil selbsternannte Prognostiker falsch lagen! Das taten sie nicht nur dort, sondern z.B. auch bei Berlin. Überhaupt liegen kleinräumige Bevölkerungsprognosen langfristig gesehen selten richtig.

Also vergesst den Schwarm! Nur weil ein paar Kreative das Privileg haben ihren Arbeitsplatz und die Stadt zu wählen, in der sie leben wollen, gilt das noch lange nicht für die Mehrheit der Bevölkerung. Zumal jene Gruppe von Menschen, die derzeit im Mittelpunkt dieser modischen Theorie steht, die 20-35jährigen, in Zukunft ihre Bedeutung als Trendsetter verlieren wird.

Monokausale Ansätze sind zum Scheitern verurteilt, weil die Situation von Städten aufgrund der vielen verschiedenen Einflussfaktoren zu unterschiedlich sind. Die Debatte um die Reurbanisierung bzw. Renaissance der Städte zeigt diese Vielfalt von Einflussfaktoren auf.

Ländlicher Raum und Mittelstädte Brandenburg Sachsen Sachsen-Anhalt Thüringen
 
     
 
       
     
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 12. Januar 2016
Update: 05. Oktober 2019