[ Übersicht der Themen des Monats ] [ Rezensionen ] [ News ]  [ Homepage ]

 
       
   

Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Der ländliche Raum und Mittelstädte im demografischen Wandel

 
       
   

Abschied von der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse oder Rückbesinnung der Politik auf die Stärkung von Gebieten jenseits der Großstädte und Ballungszentren? Eine kommentierte Bibliografie der Debatte (Teil 5)

 
       
     
   
     
 

Vorbemerkung

Urbanität gilt in der Wissenschaft seit langem als Leitbild und spätestens seit neoliberale Standortortpolitik und Identitätspolitik eine Liaison eingegangen sind, wurde der ländliche Raum abgeschrieben. Die Demografisierung gesellschaftlicher Probleme hat dazu beigetragen, dass die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse kein Wert mehr ist, sondern das angeblich Alternativlose wurde auch noch politisch gefördert. Seit jedoch der Rechtspopulismus den neoliberalen Konsens gefährdet, wurde auch in Deutschland der ländliche Raum als Möglichkeit zur politischen Profilierung entdeckt. Die kommentierte Bibliothek soll einen Überblick über diese Debatte ermöglichen.   

Kommentierte Bibliografie (Teil 5: 2017)

2017

DPA/ND (2016): Die Frühaufsteher altern zusehends.
Der demografische Abwärtstrend in Sachsen-Anhalt scheint trotz vermehrten Zuzugs ungebrochen,
in:
Neues Deutschland v. 02.01.

Bericht über Ergebnisse zur Bevölkerungsentwicklung in Sachsen-Anhalt aus dem Anfang Dezember erschienenen Statistischen Jahrbuch 2016.

LOBENSTEIN, Caterina (2017): Hier herrscht Klassenkampf.
In der Arbeiterstadt Bitterfeld ist die AfD stärkste Partei. Ihre Wähler haben nicht nur mit Flüchtlingen ein Problem, sondern auch mit dem Kapitalismus,
in:
Die ZEIT Nr.2 v. 05.01.

SOMMERFELDT, Nando & Michael FABRICIUS (2017): Ende der Völkerwanderung.
Erstmals seit der Wiedervereinigung ist die Flucht von Ost nach West gestoppt. Stattdessen verfestigt sich ein anderes Phänomen,
in:
Welt v. 07.01.

FRITZSCHE, Andreas (2017): Neuruppin als Perle herausputzen.
Studie rät zu Konzentration als Rezept gegen die Abwanderung aus Nordwestbrandenburg,
in:
Neues Deutschland v. 07.01.

Andreas FRITZSCHE berichtet über eine Studie der neoliberalen Lobbyorganisation Empirica, mit der die geplante Gebietsreform gerechtfertigt werden soll. Der Begriff "versteckte Perlen" ist in der Wohnungswirtschaft üblich, um Investoren anzulocken. In dem Artikel von FRITZSCHE bekommt er jedoch eine umfassendere Bedeutung, denn solche Städte, die für Immobilieninvestoren lukrativ sind, sollen auch noch zusätzlich politisch gefördert werden.

"In Nordwestbrandenburg fällt Empirica da nur Neuruppin ein. Bereits Wittenberge und Perleberg fehle das Potenzial".

Das Ziel: Konkurrenz soll ausgeschaltet werden zum Wohle der Investoren. Der demografische Wandel dient dazu als Vorwand, um die Investoreninteressen zu verschleiern. Die vergangenen Jahre zeigen, dass sich Prognose zum demografischen Wandel sehr schnell ändern können. Wo gestern noch Schrumpfung die Bedrohung darstellte, sind es heute aus allen Nähten platzende Großstädte.

DPA/ND (2017): Rot-Rot-Grün zieht vor Gericht.
Thüringens Regierung will rechtliche Bedenken gegen Volksgehren prüfen lassen,
in:
Neues Deutschland v. 09.01.

"Derweil wird im Freistaat um das zentrale Argument für die Gebietsreform gestritten: Die Thüringer werden weniger. Kommunalpolitiker bezweifeln die entsprechende Prognose der Statistiker öffentlich, das Statistische Landesamt verteidigt seine Berechnungen. Er habe keinerlei Verständnis dafür, wenn Kommunalpolitiker »ein knallhartes Rechenmodell« anzweifelten, sagte der Präsident des Amtes, Günter Krombholz",

heißt es in dem Bericht. Das ist schon merkwürdig. Das Statistische Bundesamt hat in einer Überprüfung ihrer Bevölkerungsvorausberechnungen der letzten Jahre ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Berechnungen keineswegs die zukünftige Entwicklung treffsicher prognostizieren. Jetzt tut das Landesamt so, als ob die Prognosen Wahrheiten wären. Dass die Rechenmodelle mathematisch korrekt sind, ist ja gar nicht das Problem. Prognosen stehen und fallen mit ihren Annahmen und diese sind Festlegungen und können deshalb durchaus in Frage gestellt werden. Es zeigt sich jedoch, dass der Umgang mit Prognosen oder Bevölkerungsvorausberechnungen durchaus interessengeleitet ist.

"Thüringen hat derzeit etwa 2,17 Millionen Einwohner. Nach der Prognose des Landesamtes werden 2030 nur noch etwa 1,95 Millionen Menschen im Freistaat leben, fünf Jahre später nur noch etwa 1,88 Millionen Menschen. 2015 wurden jedoch so viele Kinder wie seit 1990 nicht mehr geboren: 17.934.
Zuletzt hatte etwa die Präsidentin des Thüringischen Landkreistages, Martina Schweinsburg (CDU), angezweifelt, dass die Prognose des Landesamtes zutreffend sei",

wird uns berichtet. Die Babyboomer werden dem Bericht zufolge als "Generation, die nach 1950 geboren wurden" bezeichnet.

FABRICIUS, Michael (2017): Preisboom sogar im Allgäu.
In den teuren Metropolen gerät der Aufschwung ins Stocken. Die Käufer wandern ab in die Provinz,
in:
Welt v. 11.01.

NEIßE, Wilfried (2017): Gegner der Kreisreform sind siegessicher.
Effektivste Volksinitiative in Brandenburgs Geschichte,
in:
Neues Deutschland v. 01.02.

IÖR (2017): Studienergebnisse liegen vor: Wohnen in Görlitz - attraktive Alternative zum Großstadtstress,
in: Pressemitteilung des Leibnitz Instituts für ökologische Raumentwicklung v. 02.02.

LASCH, Hendrik (2017): Eine Woche Feldversuch in der Kleinstadt.
Zweite Auflage des Probewohnens in Görlitz: Deutsch-polnische Grenzstadt überzeugt viele der Zuzügler,
in: Neues Deutschland
v. 04.02.

BRANKOVIC, Maja & Christian SIEDENBIEDEL (2017): Kein Land der Abgehängten.
Die Globalisierung hat die Exportnation Deutschland reich gemacht. Aber auch hier gibt es Regionen, in denen viele arbeitslos geworden sind. Die Autoren haben sich unter Profiteuren und Verlierern umgehört,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung
v. 11.02.

NEIßE, Wilfried (2017): Die Linke sucht neue Wege übers Land.
Konzept zur Entwicklung des ländlichen Raums vorgestellt,
in:
Neues Deutschland. 24.02.

Bericht über das Konzeptpapier Neue Wege übers Land der Linkspartei in Brandenburg.

SCHMITZ, Thorsten (2017): Dorfschönheit.
Was passiert, wenn sich ein Milliardär in einen Ort verliebt, aus dem eigentlich alle wegwollen? Über ein Experiment mit nachhaltiger Wirkung,
in: Süddeutsche Zeitung
v. 27.02.

Thorsten SCHMITZ berichtet über das schrumpfende Dorf Grebenhain im hessischen Landkreis Vogelsberg:

"Vor zehn Jahren haben in Grebenhain und seinen 14 Ortsteilen 5.200 Menschen gelegt, heute sind es noch 4.700."

Grebenhain hat jedoch einen Philanthropen, wie ihn sich der FDP-Philosph Peter SLOTERDIJK wünscht. Schließlich ist Wahlkampf und die FDP braucht PR, die SCHMITZ ihr mit diesem Artikel liefert. Man darf bezweifeln, dass Philanthropie eine wirkliche Alternative zu einem Sozialstaat ist. Mit der Bahn ist das Dorf nicht mehr zu erreichen, aber die Philanthropen kommen sowieso per Hubschrauber und haben natürlich mehrere Wohnsitze in Metropolen. So lässt sich die Ödnis besser ertragen!.

RIPPEGATHER, Jutta (2017): Mit Jobs gegen die Landflucht.
Finanzbehörden verlagern Stellen aus Großstädten an kleinere Ämter,
in:
Frankfurter Rundschau v. 15.03.

Bislang verstärkt der Staat mit seiner Zentralisierung von Behörden die räumlichen Disparitäten zusätzlich zur Privatwirtschaft. Dieser neoliberale Standortwettbewerb gerät nun angesichts der stärker gewordenen Antiglobalisierungsfront unter Rechtfertigungsdruck. Das hessische Finanzministerium will nun mit einer Dezentralisierung den ländlichen Raum stärken, wobei die Bergstraße nicht unbedingt zum ländlichen Raum gezählt werden kann.

HAAK, Sebastian (2017): Ein seltenes Schauspiel.
In Thüringen liegen sich die rot-rot-grüne Regierung, die CDU-Fraktion und das Landtagspräsdium gehörig in den Haaren,
in:
Neues Deutschland v. 21.03.

DPA/ND (2017): Unterschriften gegen Gebietsreform.
Mit dem landesweiten Thüringer Bürgeraufruf soll das Projekt gestoppt werden,
in:
Neues Deutschland v. 21.03.

NEIßE, Wilfried (2017): Politische Mathematik von Plus bis Minus.
Im Finanzausschuss stritt die Stadt Cottbus mit der Regierung über die finanziellen Folgen der Kreisreform,
in:
Neues Deutschland v. 24.03.

ALTENBOCKUM, Jasper von (2017): Ab in die Stadt! Ab aufs Land!
Stadt und Land haben nicht unter Demographie zu leiden. Aus Prognosen sind Klischees geworden,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 25.03.

"Die Ballungsgebiete platzen aus den Nähten, der ländliche Raum dagegen klagt über Auszehrung. (...). Der Grund liegt darin, dass die »demographische Krise« eine Krise vorschneller Prognosen ist: Nicht der Geburtenrückgang und eine angeblich schrumpfende Bevölkerung sind das größte Problem, sondern die Folgen der Vorhersage, dass das perspektivlose Land in wenigen Jahrzehnten so entvölkert sei wie die deutsche Provinz nach dem Dreißigjährigen Krieg. Jeder (junge) Mensch muss sich da sagen: Ab in die Stadt!",

erklärt uns Jasper von ALTENBOCKUM ausgerechnet in jener Zeitung, die vor 12 Jahren genau jene zum Klischee geronnenen Prognosen von Herwig BIRG in 10 Lektionen unters Volk brachte, die dann auch noch zum Buch Die ausgefallene Generation zusammengebraut wurden. Der Wissenschaftsjournalist Björn SCHWENTKER schrieb dazu in ZEIT Online:

"Heute fordert Herwig Birg, derzeit wohl der medial einflussreichste Bevölkerungsforscher Deutschlands, öffentlich ein »ökologisch nachhaltiges Handeln« für den »Menschen als natürliche Spezies«. Insbesondere der Geburtenrückgang in Ostdeutschland sei »schlimmer als der Dreißigjährige Krieg«. Die FAZ räumt Birg gleich eine ganze Serie ein, in der er als alleiniger Autor und ohne Gegenstimme seine Ansichten in einem zehnteiligen Grundkurs Demographie verbreiten darf. Damit ist das Blatt in unguter Gesellschaft: Im Internet findet sich kaum eine NPD-Seite, die nicht vor Äußerungen des Bielefelder Katastrophisten strotzt."

Jetzt will die FAZ von BIRG, der von Frank SCHIRRMACHERs Feuilleton damals hofiert und protegiert wurde, nichts mehr wissen? ALTENBOCKUM sollte also erst einmal die unselige Vergangenheit der eigenen Zeitung aufarbeiten. Aber das ist nicht Sache von FAZ-Journalisten. Lieber schreiten sie zu neuen Ufern und schaffen damit neue Mythen. Jetzt fordert ALTENBOCKUM sogar auf zur Planwirtschaft, die als Wohnsitzpflicht für Flüchtlinge umschrieben wird:

"Ausgerechnet zwei Bundesländer mit besonders hohem ländlichen Anteil, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz, verzichten auf die von Städten und Landkreisen dringend empfohlene Regelung, dass den Wohnort nicht wechseln darf, wer anerkannter, aber arbeitsloser Flüchtling ist. Städte wie Goslar, die sich durch den Zuzug einen Aufschwung erhofften und alles dafür vorbereitet hatten, sehen sich deshalb um ihre Hoffnungen betrogen",

kritisiert ALTENBOCKUM. Nicht genug: Die Planwirtschaft soll zudem von der kommunalen Selbstverwaltung konterkariert werden. Oder anders formuliert: Planwirtschaft ja, aber nur, wenn sie der Kommune auch passt:

"An oberster Stelle steht dabei eine Stärkung eigener, dauerhafter Finanzierungsquellen von Städten und Landkreisen, deren Verteilung gegen das Gefälle von Reich und Arm, von Ballung und Auszehrung gerichtet ist."

Tatsächlich wird schon seit längerer Zeit eine Neuordnung des Finanzausgleichs diskutiert, denn dieser berücksichtigt die regionalen Bedarfe nicht angemessen. Der Politikwissenschaftler Christian RADEMACHER schreibt dazu in seinem 2013 erschienenen Buch Deutsche Kommunen im demographischen Wandel:

"Solange der kommunale Finanzausgleich sich vor allem an Einwohnerzahlen und nicht an der Altersstruktur und damit verbundenen Kostenprofilen (...) orientiert, gehen interkommunale Ausgleichsysteme von einer Bedarfsstruktur aus, die möglicherweise gar nicht (mehr) besteht. In diesem Zusammenhang wird eine zielgerichtete, dynamische Anpassung des Finanzausgleichs, an sich verändernde Alterstrukturen diskutiert". (2013, S.235)

Das Hauptproblem besteht für RADEMACHER aber im Fehlen einer Datengrundlage zur Bestimmung der kommunalen Bedarfe. Wie kann es sein, dass die private Bertelsmann Stiftung solche Daten liefert, denen es jedoch gravierend an Transparenz mangelt? Wieso fehlen also staatliche Daten? Dazu lesen wir nichts bei ALTENBOCKUM, der uns gleich mit Konzepten kommt, deren angemessene Umsetzbarkeit erst gar nicht in den Blick kommt.

Ein drittes Problemfeld wird von ALTENBOCKUM mit den ostdeutschen Gebietsreformen angesprochen, speziell Thüringen, wo die CDU den Aufstand gegen die dortige Gebietsreform organisiert.

NEIßE, Wilfried (2017): "Wir lassen uns nicht degradieren".
Brandenburg: Volksinitiative gegen die Kreisreform im Innenausschuss des Landtages angehört,
in:
Neues Deutschland v. 31.03.

FREUDENBERG, Sandra (2017): An der Schwelle zum Paradies.
Reportage: Die "Zuagroasten" gehen sonntags nicht in die Kirche. Das Wirtshaus am Marktplatz serviert vegane Gerichte. Ein kleines Haus kostet 850.000 Euro. Wie Holzkirchen versucht, sich mit dem Umbruch zu arrangieren,
in:
TAZ v. 04.04.

"Holzkirchen liegt etwa 30 Kilometer südlich von München und ist so etwas wie das Einfallstor für Städter, die das Wochenende am Tegernsee oder in den bayerischen Alpen verbringen wollen. (...) Entsprechend oft ballt sich rund um die 17.000-Seelen-Gemeinde der Autoverkehr - bundesweit bekannt ist Holzkirchen vor allem durch die Staumeldungen auf der A8 Richtung Salzburg",

beschreibt Sandra FREUDENBERG die Lage von Holzkirchen im oberbayerischen Landkreis Miesbach.

"Nach Holzkirchen ziehen Menschen, die ihre Jobs und ihr Leben in der Großstadt nicht aufgeben, ihre Kinder zugleich aber auf »dem Land« großziehen wollen. »Auskindern« nennt das der ortsansässige Immobilienmakler",

erklärt uns FREUDENBERG das Klientel der Family-Gentrifier von Holzkirchen. Der Begriff wurde ursprünglich für jene Doppelkarrierefamilie geprägt, die innenstadtnah wohnen wollte. Im Zuge der neoliberalen Standortpolitik in Deutschland, können sich viele Doppelkarrierefamilien eine innenstadtnahe Wohnung in den großen, attraktiven Metropolregionen nicht mehr leisten und ziehen deshalb wieder vermehr in die Umlandgemeinden von Metropolen. Die taz folgt nun ihrem Klientel des urbanen, kreativen Milieus in die neuen "sozialen Brennpunkte".

Holzkirchen wird nicht wie von Wikipedia als "bevölkerungsreichste und wirtschaftlich stärkste Kommune des Landkreises" beschrieben, sondern als Ort, an dem sich das grüne taz-Klientel wohlfühlen könnte:

"Holzkirchen (...) an der Schnittstelle der Landkreise München und Miesbach (...). Es gibt neben dem staatlichen auch ein privates Gymnasium, eine private Grundschule bietet Ganztagsbetreuung. Für den Nachwuchs ist rundum gesorgt: Waldorf- und Waldkindergarten, Montessori- und Musikschule."

Statt einer Fußgängerzone gibt es jedoch nur eine Hauptverkehrsstraße im Ortskern. Und die einheimische Jugend lungert herum, während die eingefallenen "Neureichen" Golf, Polo und sonstige mehr oder weniger trendigen Freizeitvergnügungen nachgehen.

Fazit: FREUDENBERG stellt Holzkirchen als Ort vor, in dem Etablierte und Außenseiter (Norbert ELIAS) bzw. Einheimische und Zugereiste (FREUDENBERG) mit ihren je eigenen Vorstellungen vom guten Leben aufeinanderprallen.  

DÖRR, Julian (2017): EU-Strukturpolitik auf Abwegen.
Einst nur für arme Regionen gedacht, fließen die Fördergelder heute bis ins reiche Bayern - mit absurden Verteilungseffekten. Höchste Zeit für die Reform der heimlichen Ersatzwirtschaftspolitik,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 07.04.

Julian DÖRR kritisiert die so genannte Kohäsionspolitik der EU und plädiert für einen Wettbewerb der Regionen:

"Schlussendlich sollte die Förderung tatsächlich auf die Regionen beschränkt werden, die weder selbst die Leistungsfähigkeit haben, sich zu entwickeln, noch auf eine wirtschaftstarke, übergeordnete Instanz zurückgreifen können."

Bei der Betrachtung der Kohäsionspolitik aus neoliberaler Perspektive wird jener Punkt ausgeklammert, mit dem die EU ihre "uneinsichtigen" Mitgliedsstaaten zur Räson bringen will:

"Die Kommission kann die Fondsmittel für einen Mitgliedstaat aussetzen, falls er sich nicht an die EU-Wirtschaftsregeln hält." ( Juni 2014)

Die Kohäsionspolitik der EU setzt mit ihrer Förderung auch Akzente hinsichtlich der Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen in Deutschland, bei der es um die Frage der Benachteiligung ländlicher Regionen geht, die aufgrund der Angst unserer neoliberalen Eliten vor populistischen Erfolgen immer stärker auf die politische Agenda drängt.

LASCH, Hendrik (2017): Auf dem Land spielt die Musik.
Wie Bürgermeister Andreas Brohm in Tangerhütte den Altmark-Blues vertreibt,
in:
Neues Deutschland v. 12.04.

"Von 2008 bis 2025 sagte das Statistische Landesamt voraus, werde die Einwohnerzahl um 25 Prozent sinken. Dabei wohnt hier schon jetzt kaum jemand: Tangerhütte mit seinen 30 weit verstreuten Ortsteilen hat zwar mit 295 Quadratkilometern mehr Fläche als Frankfurt (Main), aber nur ein Zweiundsechzigstel der Einwohnerzahl: exakt 11.005, Tendenz fallend",

berichtet uns Hendrik LASCH über die Gemeinde Tangerhütte im Landkreis Stendhal in Sachsen-Anhalt, die mit ihrem Bürgermeister einen eloquenten Vermarkter der Landgemeinde hat und dadurch überregionale Aufmerksamkeit erhält. Inwiefern dadurch der Abwärtstrend gestoppt werden kann, wird die Zukunft zeigen müssen.

LASCH, Hendrik (2017): Landlust bei der Regierung.
Sachsen-Anhalt denkt über neues Staatsziel nach,
in:
Neues Deutschland v. 12.04.

Hendrik LASCH geht auf den Stimmungswechsel im Land Sachsen-Anhalt ein, das im Jahr 2004 mit dem Strategiepapier 68-seitigen Sachsen-Anhalt 2020 des SPD-Politikers Jens BULLERJAHN eine Abkehr von der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse einleiten wollte:

"Für ländliche Räume und Ballungsgebiete wird des unterschiedliche Entwicklungswege geben müssen",

zitiert LASCH. Heute fordert vor allem Reiner KLINGHOLZ Vielfalt statt Gleichwertigkeit. Die Grünenpolitikerin Claudia DALBERT will dagegen die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in die Verfassung des Landes aufnehmen, das von derzeit von einer CDU/SPD/Grünen-Koalition regiert wird.

"In Sachsen-Anhalt leben nach Angaben der Regierung 1,7 Millionen Menschen auf dem Land, 80 Prozent der Gesamtbevölkerung. Im ländlichen Raum werden zudem 75 Prozent des sachsen-anhaltinischen Bruttoinlandsprodukts erzeugt",

berichtet LASCH über das ostdeutsche Bundesamt.   

GROSSARTH, Jan (2017): Jugendstil.
Ein Künstler wagt den Neuanfang in Görlitz. Mit achtzig. Das ist eine typische Geschichte für diese Stadt, die alt ist und doch sehr in Bewegung. Jeder Vierte zog weg. Aber für viele ist das zurückgelassende Paradies aus Barock und Jugendstil, tief im Osten, wie ein Magnet,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 13.04.

HALLMANN, Barbara (2017): Mit den Kindern geht auch das Dorfleben.
In Sachsen-Anhalt organisieren sich Eltern und Pädagogen gegen Schulschliessungen - von der Politik wird das nicht gern gesehen,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 18.04.

Es ist erstaunlich, dass die NZZ über eine geplante Schule im sachsen-anhaltinischen Dorf Kamern berichtet. Weniger erstaunlich ist es jedoch, wenn man weiß, dass es um ein Privatschule geht. Eine staatliche Schule hätte Barbara HALLMANN dagegen nicht interessiert. Der Artikel zeigt jedoch wie unsinnig die Demografisierung gesellschaftlicher Probleme ist, denn die Schulplanung und -förderung ist von Bevölkerungsvorausberechnungen und politischen Gemeindestrukturen abhängig, was fatale Folgen zeitigt. So wird in der Politik nicht etwa die aktuelle Bevölkerungsvorausberechnung, sondern eine überholte Berechnung aus dem Jahr 2010 unterstellt, weil die EU den nationalen Statistiken immer einen Schritt zurückliegt. Es darf also keinen wundern, dass das Ansehen der EU gering ist.

HALLMANN geht es jedoch nicht um solche Missstände, sondern nur um die Kontroverse Privat- vs. Staatsschule, wobei erstere aus neoliberaler Sicht zu bevorzugen ist. So kritisiert HALLMANN die weiten Schulwege der staatlichen Schulen, nur um begeistert davon zu schreiben, dass die geplante Privatschule einen großen Einzugsbereich hat:

"Nur wenige Anmeldungen für ihr Schulprojekt kämen direkt aus dem Ort, sondern aus der Umgebung und auch aus dem knapp 30 Kilometer entfernten Rathenow."

Der Klientel der Privatschule ist die Entfernung jedoch egal, denn ihre Kinder müssen nicht mit dem Schulbus fahren, sondern werden von ihren begüterten Eltern oder ihrem Hauspersonal im Auto chauffiert.

Dass klamme ostdeutsche Gemeinde durch die Demografisierung gesellschaftlicher Probleme (vgl. die neoliberale Propaganda des Privatinstituts von Reiner KLINGHOLZ) zu unsinnigen Mitteln greifen, ist ein generelles politisches Problem, das unter dem Begriff der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Deutschland diskutiert wird und seltsame Blüten treibt.   

BÜSCHEMANN, Karl-Heinz (2017): Das gallische Dorf.
SZ-Serie NRW vor der Wahl (4): Auch im Sorgenland Nordrhein-Westfalen gibt es wirtschaftlich erfolgreiche Landstriche. Einer ist das Sauerland. Hier ist die Arbeitslosigkeit niedrig, die Unternehmen expandieren und die Landesregierung ist weit weg,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 27.04.

"Der Hochsauerlandkreis hat 265.000 Einwohner und grenzt im Süden von Nordrhein-Westfalen an Hessen. In diesem größten Landkreis von NRW, der aber gerade so viele Einwohner hat wie die Ruhrgebietsstadt Gelsenkirchen, liegt die Arbeitslosigkeit bei nur 4,8 Prozent. Im Landesdurchschnitt beträgt diese Kennzahl für wirtschaftliches Wohlergehen 7,6 Prozent, und in mancher Region ist sie sogar zweistellig",

lobt Karl-Heinz BÜSCHEMANN den CDU-regierten Hochsauerlandkreis und dessen erfolgreiche Mittelständler. Den Erfolg leitet BÜSCHEMANN aus der Wirtschaftsgeschichte ab. Das Sauerland erscheint in dieser Sicht als Gegenbild zum Ruhrgebiet:

"Heute gibt es im Sauerland noch immer genauso viele Industriearbeitsplätze wie 1982. In ganz Nordrhein-Westfalen ist die Zahl der Industriejobs in der gleichen Zeit um 40 Prozent gefallen."

Warum gerade 1982 und nicht 1974 oder 1960? Weil dann das Sauerland weniger gut abschneiden würde? Als einzigstes Problem wird uns die Abwanderung der Jungen geschildert:

"Es ist schwierig, die jungen Leute in der ländlichen Region zu halten, die weit weg liegt von großen Städten und urbanem Leben. Es gibt im Sauerland keine Universität, und wenn die Jugendlichen zum Studium wegziehen, kommen sie meist nicht zurück."

TIMMLER, Vivien (2017): Plötzlich reich.
SZ-Serie NRW vor der Wahl (5): Durch eine drastische Senkung der Gewerbesteuer wurde Monheim auf einen Schlag all seine Schulden los. Jetzt ist viel Geld da - und mit ihm auch viel Ärger,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 28.04.

NIMZ, Ulrike (2017): Biegen und Brechen.
In Eisenhüttenstadt, der gescheiterten Utopie des Sozialismus, protestiert ein Grüppchen seit 663 Montagen gegen die Folgen von Schröders Agenda 2010. Wie einst die DDR wollen sie auch Hartz IV abschaffen. Besuch einer Arbeiterstadt, der die Arbeit abhanden gekommen ist,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 29.04.

"Die Stadt ist einzigartig, ein gescheitertes Experiment. Aus dem Boden gestampft als Wohnstadt für die Arbeiter des Eisenhüttenkombinats Ost, jünger noch als Salzgitter oder Wolfsburg, ein Metropolis nach sowjetischem Muster. 1950 fiel die erste Kiefer, ein Jahr später entstanden die ersten Wohnkomplexe. (...). Vor allem junge Familien zog es in den komfortablen Schatten des Eko. (...) Heute gehört es dem größten Stahlkonzern der Welt: ArcelorMittal. Von den ehemals 12.000 Mitarbeitern durften 2.500 bleiben. Geblieben sind auch Probleme: Arbeitslosigkeit, Abriss und das, was Statistiker Sterbeüberschuss nennen. Die Einwohnerzahl Eisenhüttenstadts hat sich seit der Wende halbiert. Dass sie zuletzt wieder gestiegen ist, liegt daran, dass Flüchtlinge kamen.
Noch etwa 30.000 leben im größten Flächendenkmal Deutschlands",

berichtet Ulrike NIMZ über Eisenhüttenstadt. Vor diesem Hintergrund werden ein "linksextremistischer" Montagsdemonstrant und die "Hütte-Version von Bob Dylan und Joan Baez" porträtiert.

"Noch ist die SPD stärkste Kraft in der Stadt, die Bürgermeisterin eine Linke. Aber bei der Landtagswahl 2014 erzielte die AfD hier ihr bestes Ergebnis. »Die erste sozialistische Stadt auf deutschem Boden ist nicht mehr rot«, schrieb die Berliner Zeitung nach dem Wahltag",

beschreibt NIMZ den Niedergang der Sozialdemokratie, die immer noch der Meinung ist, dass ein Weiter-So mit Martin SCHULZ ausreicht.

"Beim Jobcenter heißen Liebende, die zusammenleben, Bedarfsgemeinschaft, Beziehungsstatus kompliziert",

ist alles, was NIMZ zu Hartz IV einfällt. Man darf sich daran erinnert fühlen, dass Hartz IV mit dem Vorwurf des Sozialmissbrauchs die Arbeitnehmerschaft gespalten hat. Diese Strategie zeitigt langsam aber sicher ihre unbeabsichtigten Nebenwirkungen. Der Kollateralschaden für das politische System ist absehbar - auch wenn das von Deutschlands Eliten noch immer geleugnet wird. Und Reportagen wie jene von NIMZ aus Eisenhüttenstadt machen das nicht besser!     

NIEWEL, Gianna (2017): Nett hier.
Büdingen, Hessen, viel Fachwerk, wenig Arbeitslose. Warum die NPD ausgerechnet hier mehr als zehn Prozent hat? Keine Ahnung. Der Bürgermeister hat niemanden gefunden, der zugibt, rechtsradikal gewählt zu haben. Er kämpft trotzdem - im Namen des Volkes,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 02.05.

"Endgültiges Ergebnis: 10,2 Prozent für die NPD in der Stadt Büdingen, Hessen. (...) 21.361 Einwohner. (...) Arbeitslosenquote im Kreis 4,5 Prozent",

nennt Gianna NIEWEL die Fakten der Wetteraugemeinde Büdingen, dessen Bürgermeister zu einem Kämpfer gegen den Rechtsradikalismus stilisiert wird.

"Michelau, auf einer Anhöhe gelegen, 19,5 Prozent NPD. Einfamilienhäuser, Wachhunde, Kinder laufen Bällen nach. Hier sind nicht mal Geflüchtete untergebracht, sagt Erich Spamer. Oder Orleshausen, 16,9 Prozent",

verkündet uns NIEWEL. Michelau hat jedoch nur rund 340 Einwohner, d.h. die 19,5 Prozent sind in Wirklichkeit nicht einmal 35 Einwohner (bei 50 Prozent Wahlbeteiligung!) der 21.000 Einwohnergemeinde. Orleshausen hat zwar über 750 Einwohner, aber auch diese 16,5 Prozent (ca. 61 Einwohner bei 50 Prozent Wahlbeteiligung!) können keineswegs erklären, warum die Gesamtstadt über 10 Prozent kommt. Wo also wohnten die restlichen 1.000 NPD-Wähler, die uns verschwiegen werden? 2011 kam die NPD auf 2,2 %, hat sich also innerhalb von 5 Jahren fast verfünffacht. Eine Wählerwanderungsanalyse unterbleibt jedoch, weshalb der Artikel auch wenig informativ ist. Stattdessen wird uns der Aktionismus des Bürgermeisters präsentiert. Ob dies jedoch der richtige Weg ist, um dem Verfall der politischen Kultur in Deutschland entgegen zu treten, darf bezweifelt werden, denn offenbar ist die Wahl der NPD nur ein Symptom. Wäre die AfD dort angetreten, hätte man wohl sie gewählt.

Dass die Arbeitslosenquote nur auf Kreisebene, aber nicht auf Gemeindeebene erfasst wird, zeigt ebenfalls ein Defizit unserer amtlichen Statistik an, denn dadurch werden mögliche gravierende Unterschiede in den einzelnen Gemeinden verdeckt. Vielleicht sieht die Bilanz des Bürgermeisters doch nicht so gut aus wie sie in der Reportage dargestellt wird?     

GOOS, Hauke (2017): Wir hier, ihr dort.
Provinz: Durch die Gesellschaft geht ein Riss, er trennt Stadt und Land, Gewinner und Verlierer. Das ländliche Deutschland, heißt es, fühlt sich abgehängt. Eine Expedition ins Heimatdorf,
in:
Spiegel Nr.19 v. 06.05.

"Ein Viertel der Deutschen lebt so oder so ähnlich. Nimmt man die Klein- und Mittelstädte hinzu, dann lebt jeder Zweite in der Provinz und eben nicht in Zentren wie Berlin oder München oder Brüssel, wo Trends entstehen und Entscheidungen fallen, die später im Dorf als Nachrichten oder Vorschriften ankommen",

meint Oberlehrer Hauke GOOS, der uns das Dorf Albersdorf in Dithmarschen in Schleswig-Holstein als typischen Ort für diejenigen darstellt, die nicht wie er zu den Zuarbeitern der Eliten gehören.

"3668 Einwohner, Ergebnis bei der Bundestagswahl vor vier Jahren: 48 Prozent CDU, 26 Prozent SPD, 4 Prozent AfD, 0,6 Prozent Tierschutzpartei. Albersdorf ist Deutschland.
261 Ausländer leben hier (...), das sind etwa sieben Prozent. Deutschlandweit sind es über elf Prozent",

heißt es da. Nimmt man aber jene hinzu, die in Großstädten leben und dennoch nicht dem Machtzentrum angehören, dann bleibt eigentlich kaum ein Deutscher mehr übrig. Denn selbst Berlin ist Provinz.

Ein Rentner aus dem Akademikermilieu wie der Autor, nur eben Marke älterer weißer Mann - provinziell eben, statt Politik-Insider wie GOOS, wird uns als Sinnbild für die Provinz vorgestellt. Mehr als die typischen Journalisten-Klischees findet man hier jedoch nicht.

"Früher hat das Land die Stadt ernährt, die Dörfler bezogen daraus ihren Stolz. Die ländliche Identität im Allgemeinen hat seither diverse Kränkungen hinnehmen müssen, weil Landwirtschaft, Handwerk und Industrie an Bedeutung verloren. Heute belohnt die Gesellschaft jene Bürger, die mit dem Kopf arbeiten",

erklärt uns GOOS. Man sollte erwähnen, dass der Rentner, der uns vorgestellt wird,  Architekt war und kein Bauer wie man vermuten könnte - also Kopfarbeiter wie GOOS. Und vielleicht rührt die Arroganz daraus, dass der Journalismus seine Bedeutung verloren hat und uns gekränkter Stolz aus dem Spiegel entgegenblickt.

"Beim Lokalblatt »Dithmarscher Landeszeitung«, die jeden Tag auch aus Albersdorf berichtet  und an die Lange seine Briefe schickt, freuen sie sich über Menschen wie ihn. Lokalzeitungen geben denen, die sich als sprachlos empfinden, eine Stimme. Wut festigt die Leser-Blatt-Bindung."

Da fragt man sich höchstens, ob damit die Auflage des Spiegels erhöht werden soll. Ist die Abgrenzung zum Dorfdepp die Leser-Blatt-Bindung des Nachrichtenmagazins?

"In der Provinz wohnen Menschen, die in den öffentlichen Debatten nicht mehr auftauchen, eben weil sie glauben, in den öffentlichen Debatte nicht länger erwünscht zu sein",

meint GOOS, der wohl nie in die Provinz gereist wäre, wenn nicht die AfD erfolgreich wäre - egal wer sie repräsentiert. Selbstmarginalisierung nennt man das, was GOOS jenen vorwirft, die nicht wie er mit dem Schreibstift am Machtzentrum partizipieren darf.

Im letzten Drittel nimmt die Story dann eine Wende ins Kitschige und das Dorf wird überhöht, wohl als Kompensation für die anderen zwei Drittel der Story. Die Stadt-Land-Differenz wird dann zur harmonischen Symbiose: Ihr dort. aber wir hier. Stadt und Land sollten sich ergänzen lautet die Vorstellung des Städters: Wir sind das Gehirn und Ihr die Hände, die das anpacken. Und wenn sie nicht gestorben sind, reiten sie noch heute der untergehenden Sonne entgegen!

FRITSCHE, Andreas (2017): Spektakulär saniert.
Brandenburg: Programm zum Tag der Städtebauförderung am 13. Mai vorgestellt,
in:
Neues Deutschland v. 06.05.

LEMBKE, Judith (2017): Problemfall Eigenheim.
Das Einfamilienhaus ist Traumziel der Deutschen. Doch viele alte Siedlungen werden für Eigentümer und Kommunen zur Last,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 14.05.

"Wenn von schrumpfenden Regionen die Rede ist, geht es meistens um die Ortskerne (...). Doch seit einiger Zeit blicken immer mehr Kommunen und Planer mit Sorge auf Viertel, die lange Zeit als Selbstläufer galten: Einfamilienhäuser der fünfziger bis siebziger Jahre. Viele von ihnen sind gemeinsam mit ihren Erbauern alt geworden (...). Wenn die Siedlungen in der Nähe eines Ballungszentrums liegen, ist das kein Problem. (...). Doch in Regionen wie der Vulkaneifel, dem Hochsauerland oder der Fränkischen Schweiz werden viele Häuser leer bleiben, sobald der Erstbesitzer ausgezogen ist - oder zu Schleuderpreisen verramscht.",

erklärt uns Judith LEMBKE  Deshalb wurde in Nordrhein-Westfalen ein Arbeitskreis Einfamilienhausgebiet im Umbruch gegründet, der von dem Geograph Christian KRAJEWSKI geleitet wird.

"15 Millionen Ein- und Zweifamilienhäuser gibt es in Westdeutschland, jede zweite Wohnung befindet sich in diesem Haustyp, der in ländlichen Gebieten mehr als 80 Prozent der Wohngebäude ausmacht.
Viele dieser Häuser stehen in reinen Wohngebieten",

beschreibt LEMBKE das Ausmaß des Problems, das von der Änderung der Wohnpräferenzen junger Familien verschärft wird.

"Altena, eine Kleinstadt im märkischen Sauerland, gehörte lange zu den am stärksten schrumpfenden Kommunen in Deutschland, hat seit dem Jahr 2000 mehr als 20 Prozent der Bevölkerung eingebüßt",

beschreibt LEMBKE die Gemeinde im Lennetal, die nun davon zu profitieren gedenkt, dass sie in Ruhrgebietsnähe mit seinen gestiegenen Immobilienpreisen liegt. Zielgruppe der Kommunen sind "Schwellenhaushalte", die noch vor kurzem Immobilien in den urbanen Gebieten gekauft hätten, aber sich das finanziell nicht mehr leisten können. Selbst Singles gelten als Zielgruppen, die mit großen Wohnflächen gelockt werden sollen. Realistischer sind dagegen Versuche z.B. Hochbetagte durch Maßnahmen ein längeres Verbleiben in ihren Häusern zu ermöglichen.

LEMBKE beschreibt außerdem das Strukturförderungsprogramm Regionale 2016, das Einfamilienhäusern eine neue Perspektive verschaffen soll. LEMBKE spricht von vier Gemeinden im Münsterland, die daran teilnehmen. Sie nennt nur Billerbeck. Die Projektseite nennt noch den Nordkirchener Stadtteil Südkirchen als Einfamilienhausgebiet und den Stadtteil Wulfen-Barkenberg in Dorsten.

TARLI, Ricardo (2017): Ein Dorf lässt sich nicht abhängen.
Im Nordschwarzwald sorgt ein von Ehrenamtlichen betriebenes Bürgerauto für den Anschluss an die Nachbargemeinden,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 16.05.

Ricardo TARLI berichtet aus der rund 2.800 Einwohner zählenden Gemeinde Oberreichenbach im Baden-Württembergischen Landkreis Calw:

"Die (...) Gemeinde besteht aus den vier zerstreuten Ortsteilen Oberreichenbach, Oberkollbach, Würzbach und Igelsloch."

Das ist nur ein Teil der Wahrheit, denn diese vier ehemals eigenständigen Gemeinden bestehen wiederum aus mehreren Dörfern. Zu Würzbach gehört noch Naislach. Zum Dorf Oberreichenbach gehört der Weiler Siehdichfür und zu Igelsloch gehört das Gehöft Unterkollbach. Bei der Betrachtung der Verkehrsanbindungen, die TARLI zum Thema hat, wäre das keineswegs unerheblich, wird aber nicht erwähnt.

Das Pilotprojekt eines Elektrobürgerautos, das von Ehrenamtlichen betrieben wird, wird widersprüchlich bewertet. Für die optimistische Sicht steht Jürgen ARING vom Bundesverband  für Wohnen und Stadtentwicklung (VHW), der die Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung betont. Skepsis verbreitet dagegen Daniel BLEHER vom Darmstädter Öko-Institut, der die Verantwortung für die Aufrechterhaltung des ÖPNV bei den Gemeinden sieht. Seine Kritik:

"Ein Bürgerauto kann (...) nur als Ergänzung zum öffentlichen Verkehr und nicht als Gegenmodell funktionieren."

GROSSARTH, Jan (2017): Görlitz ist fürs Kapital ein gefährliches Pflaster.
Die vielleicht schönste Stadt Deutschlands ist paradoxerweise eine der günstigsten, was die Hauspreise betrifft. Das hat seine Gründe, und somit will ein Kauf gut überlegt sein,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 19.05.

KASTNER, Bernd (2017): Wer zuletzt lacht.
"Unsere Notdurft verrichten wir auf Toiletten": 2015 echauffierte sich Deutschland über den "Flüchtlingsknigge" aus der Odenwaldgemeinde Hardheim. Das Ende der Geschichte, fast zwei Jahre später: Das Miteinander funktioniert erstaunlich gut,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 23.05.

HÖLL, Susanne (2017): Rettet die Dörfer!
Landflucht: Die Bundesländer sparen allzu gern auf Kosten der kleineren Städte,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 29.05.

Statt Steuerentlastungen oder Sozialleistungen erhöhen, will Susanne HÖLL die regionalen Unterschiede verringern:

"Die Häuser der Eltern und Großeltern verfallen, die Busse fahren bestenfalls vier Mal pro Tag in den nächstgrößeren Ort, der Arzt ist 20 Kilometer weit weg, das nächste Krankenhaus auch",

beschreibt HÖLL jene Orte, die besser gefördert werden sollen. Angeblich geht es nicht um Gemeinden im Speckgürtel der Großstädte, aber da kommen angesichts der Zielgruppen Zweifel auf:

"Paare, die ihre Miete in den Zentren nur mit Mühe und zwei Einkommen leisten können und keinen Platz für ein Kinderzimmer haben. Oder jene Berufstätigen, die in München, Hamburg oder Frankfurt leben, aber als Rentner die hohen Preise mit Sicherheit nicht mehr zahlen können. Und vor allem die Polizisten, Krankenschwestern und Erzieher, die bislang im Umland wohnten, aber vertrieben werden von Besserverdienenden, die in den Metropolen keine passende Unterkünfte mehr finden."

Das ist eher ein Plädoyer für die Ausweitung der großstädtischen Speckgürtel als eine Rettungsaktion für ländliche Gemeinden in Randzonen, mit denen diese Förderung begründet wird:

"Warum soll man kleine Nester mit viel Aufwand am Leben halten, aus denen die tatkräftigen Leute fliehen und nur noch Alte verharren?
(...). (W)er ganze Regionen verwahrlosen lässt, nährt Radikale jedweder Couleur".

Man lernt daraus zweierlei: Unsere Eliten reagieren nur auf Abwahl und Kosmopoliten wie HÖLL vermarkten ihre Interessen immer strategisch. Man darf daran erinnern, dass die SZ nach der Jahrtausendwende vehement für die Abschaffung der Pendlerpauschale und das Ausbluten der Dörfer eingetreten ist, indem sie uns den Standpunkt von Reiner KLINGHOLZ bei jeder Gelegenheit präsentierte. Man darf also an der Einsichtsfähigkeit durchaus zweifeln. Sobald sich die Mitteparteien wieder im Aufwind fühlen, wird man von der Rettung der Dörfer nichts mehr lesen.    

ÖFINGER, Hans-Gerd (2017): Wie Hessens drittgrößte Stadt entsteht.
Im Odenwald fusionieren vier Gemeinden aus Finanznot - man erhofft sich höhere Zuwendungen seitens des Landes,
in:
Neues Deutschland v. 31.05.

"Im dünn besiedelten Süden des hessischen Odenwaldkreises ist die Fusion der Gemeinden Beerfelden, Hesseneck, Sensbachtal und Rothenberg zur neuen 10.000 Einwohner-Stadt Oberzent nicht mehr aufzuhalten. (...). Oberzent wird mit 165 Quadratkilometern von der Fläche her nach Frankfurt am Main und Wiesbaden die drittgrößte Stadt in Hessen sein",

berichtet Hans-Gerd ÖFINGER. Die neue Gemeinde erhofft sich aufgrund der hessischen Regeln zum Finanzausgleich rund 900.000 Euro Mehreinnahmen:

"In Hessen werden Städte und Gemeinden mit mehr als 7.500 Einwohnern vom Land finanziell besser ausgestattet als kleinere Kommunen",

erläutert ÖFINGER dazu. Oberzent könnte damit zum Vorbild für andere hessische Gemeinden in Finanznot werden. Ein DGB-Repräsentant wird zu den Problemen kleiner Gemeinden folgendermaßen zitiert:

"Oberzent sei flächenmäßig größer als Offenbach, müsse aber mit sehr viel weniger Einwohnern für die Infrastruktur einer größeren Fläche aufkommen". ÖFINGER ergänzt dazu:

"Die an Bayern und Baden-Württemberg grenzende Region Oberzent nimmt mehr als ein Viertel der Fläche des Odenwaldkreises ein, stellt aber nur ein Zehntel der Kreisbevölkerung. Seit der Jahrtausendwende sank die Einwohnerzahl von über 11.000 auf rund 10.000. Hinzu kommen die Probleme durch das steigende Durchschnittsalter."

HOFFMANN, Catherine  & Benedikt MÜLLER (2017): Ganz schön was los hier.
Der Immobilienboom macht längst nicht mehr an den Grenzen der Metropolen halt. Inzwischen sind manche Mittelstädte sogar noch teurer,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 17.06.

HOFFMANN & MÜLLER beschreiben die Immobilienentwicklung in den 616 deutschen Mittelstädten (20.000 - 99.999 Einwohner), wobei sich die Grafik zum Artikel nur auf die 15 am schnellsten wachsenden kreisfreien Städte und Kreisstädte ab 50.000 Einwohner in den Jahren 2010 bis 2015 bezieht, die aus der nachfolgenden Übersicht ersichtlich sind.

Kreisfreie Städte und Kreisstädte
zwischen 50.000 und 99.999
Einwohnern
Einwohnerzahl im Jahr 2015 Bevölkerungswachstum
zwischen 2010 und 2015
Kaufpreis-
anstieg
2015-2017
Gießen 84.455 12,7 % 9,3 %
Landshut 69.211 9,4 % 10,0 %
Böblingen 48.696 8,6 % 13,0 %
Ludwigsburg 92.973 8,0 % 8,2 %
Schwerin 96.800 5,9 % 16,6 %
Lüneburg 74.042 5,8 % 9,8 %
Konstanz 95.209 5,8 % 8,1 %
Tübingen 87.464 5,6 % 8,2 %
Esslingen 91.271 4,9 % 11,8 %
Schwäbisch Hall 51.057 4,8 % 13,6 %
Kempten (Allgäu) 66.947 4,6 % 28,8 %
Fulda 67.253 4,3 % 4,7 %
Flensburg 85.942 4,2 % 23,4 %
Delmenhorst 76.323 4,2 % 13,9 %
Rosenheim 61.844 4,1 % 14,5 %

Die Tabelle zeigt zugleich, dass zwischen Bevölkerungswachstum und Immobilienpreisentwicklung kein enger Zusammenhang besteht, sondern es sind in erster Linie die speziellen lokalen Verhältnisse für hohe Preisanstiege verantwortlich. Die Durchschnittswerte beim Kaufpreisanstieg sagen auch nichts darüber aus, inwiefern nur spezielle Gruppen von Wohnungssuchenden für den Preisanstieg verantwortlich sind.  

Beispielhaft wird von HOFFMANN & MÜLLER der Immobilienboom in Kempten und Tübingen betrachtet:

Die "Hochschule, die vor 15 Jahren noch 2.500 Studenten zählte, heute sind es 6.000 - und es wird über einen neuen Bauabschnitt nachgedacht, um Platz für weitere 1.000 Studenten zu schaffen.",

wird als Ursache des Booms in Kempten genannt. Vor 10 Jahren wurden dagegen in Kempten noch händeringend Mieter und Kapitalanleger gesucht.

Für Tübingen wird die Konkurrenz zwischen Studenten-WGs, alleinlebende Studenten und Familien hervorgehoben. Mit Blick in die Zukunft jedoch ist diese Berichterstattung kurzsichtig, denn die Studentenzahlen werden in den nächsten Jahren nicht mehr so steigen wie in den vergangenen Jahren. 

KASUMOV, Aziza (2017): Gallisches Dorf an der Ems.
Während sich manche Dörfer leeren, erlebt das Emsland eine Blütezeit. Anstatt in die Stadt zu ziehen, gründen die Menschen im Emsland Familien und bauen Häuser. Warum funktioniert hier der Kampf gegen die Landflucht?
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 21.06.

Aziza KASUMOV hebt die Vorzüge des Emsländer Menschenschlags hervor: Er ist Vereinsmeier, katholisch und wählt CDU. Hintergrund ist die Broschüre Von Kirchtürmen und Netzwerken des berüchtigten Berlin-Instituts, das vor einigen Jahren vorschlug die Dörfer aussterben zu lassen und nun im Zeichen der neuen Landlust vor der Bundestagswahl das Emsland entdeckt hat.

"Es ist einer der größten Landkreise Deutschlands, trotzdem leben hier nur rund 319.000 Menschen in überwiegend kleinen Ortschaften. (...).
Das Emsland wächst, als eine der wenigen ländlichen Regionen in Deutschland. Zwar sterben auch hier inzwischen mehr Menschen als neue geboren werden, aber durch die Einwanderung aus den Niederlanden und die Aufnahme von Flüchtlingen gab es auch in den vergangenen Jahren keinen Rückgang bei der Bevölkerung. Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosenquote fällt - mit 3,1 Prozent liegt sie bei fast der Hälfte des niedersächsischen Durchschnitts - und die Steuereinnahmen steigen. Es werden Kindertagesstätten gebaut, Neubaugebiete geplant, Ortskerne saniert",

erklärt uns KASUMOV. 

HOFMANN, René (2017): Lebe wohl, Heimat.
In den Städten wird zu wenig gebaut, auf dem Land zu viel und das Falsche. Die Folgen sind fatal. Höchste Zeit, die Bagger umzuleiten,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 24.06.

Kaum sind die Landtagswahlen vorbei, kehrt in der SZ wieder die Abkehr vom ländlichen Raum ein. René HOFMANN kommt uns mit der Lobbyorganisation IW Köln, die ihr Mantra vom letzten Jahr wiederholt. Was einem ganz bitter aufstößt, wenn man die SZ über Jahre gelesen hat:

"Was nötig wäre: Mehr kleinere Wohnungen, drei Zimmer oder weniger, weil die Zahl der Single-Haushalte steigt, die Menschen älter werden, große Anwesen im Alter zur Last werden und das Nebeneinander viel mehr Fläche frisst als ein wohlgeordnetes Miteinander. Das aber entsteht kaum."

Bis vor zwei Jahren hat die SZ gegen Single-Haushalte gepöbelt und mit allen Mitteln darauf insistiert, dass einzig Familienwohnungen das Non-Plus-Ultra seien. Dann kam die "Flüchtlingskrise" und plötzlich waren auf einmal Single-Wohnungen gefragt. Ist es da ein Wunder, dass sich viele Bürger über die so genannte "Lügenpresse" erregen? Das Eigenheim jenseits der Großstädte war dagegen seit eh und je das Feindbild der Kosmopoliten.

Dass das IW Köln eine Lobbyorganisation ist, das las man vor wenigen Jahren noch nicht. Aber dank des Internets, muss nun auch die Mainstreampresse zumindest darauf hinweisen, um dann das Körnchen Wahrheit besonders hervorzuheben:

"Sein Wirken zielt durchaus auch darauf, politische Debatten im Sinn der Unternehmen zu lenken, also beispielsweise darauf hinzuwirken, dass neue Wohnungen vor allem dort entstehen, wo viele Firmen dringend Arbeitskräfte suchen. Dass die Analyse aber mehr ist als Lobbisten-Alarmismus, zeigt ein einfacher Realitätscheck: ein Blick auf die Homepage der Stadt Wunsiedel im Fichtelgebirge."

HOFMANN nimmt ein Extrembeispiel wie Wunsiedel, um den Lobbyismus zu verharmlosen. Sätze wie

"Die Zahlen, die das Institut zusammengetragen hat, sind erschreckend. Es hat die demografischen Trends ermittelt, die als gesichert gelten."

Gesicherte demografische Trends? Fakt ist etwas ganz anderes. Blickt man 10 Jahre zurück, da wurden uns ganz andere demografische Trends als gesichert beschrieben. Es galt als sicher, dass Deutschland rapide schrumpft und zwar schon seit Jahren. Stattdessen platzt Deutschland aus allen Nähten. Je kleinräumiger demografische Prognosen sind, desto unsicherer sind sie zugleich, weil sie Brüche in den Trends nicht berücksichtigen können. HOFMANN versucht also die Zahlen des Instituts gegen Kritik zu immunisieren. Und wenn  etwas erschreckend ist, dann diese Überheblichkeiten demografische Vorausberechnungen zu Wahrheiten umzudeuten, die sie nicht sind.

Anhand von Extrembeispielen die Normalität in Deutschland beschreiben zu wollen, das ist der große Skandal, der auf dieser Website als Demografisierung gesellschaftlicher Probleme angeprangert wird. HOFMANN schreibt über seine Heimatstadt, das rund 9.000 Einwohner zählende Wunsiedel.

Gabelmannsplatz mit Gabelmannsbrunnen in Wunsiedel, Foto: Bernd Kittlaus 2015

Das Städtchen liegt in einem strukturschwachen Gebiet und teilt das Schicksal mit vielen Gemeinden, die nicht vom Wirtschaftswachstum profitieren konnten, das - auch aufgrund einer Politik für die Ballungsräume - ausblieb. Nichts davon lesen wir bei HOFMANN. Stattdessen wird eine größere Kleinstadt folgendermaßen beschrieben:

"Ein Phänomen aus einem kleinen Ort, in einem ganz dünn besiedelten Gebiet? Von wegen. Die Szene spielt mitten drin in dieser Republik, in Bayern, in einem Postleitzahlengebiet, das mit 9 beginnt. Und in der Kleinstadt gleich nebenan zeigt sich in einem etwas größeren Rahmen ein ganz ähnliches Bild. Das Hallenbad: stillgelegt. Das Krankenhaus: mit größeren Kliniken fusioniert. Die Landmaschinenfabrik: geschlossen. Die meisten Gebäude, die nicht mehr gebraucht werden, bleiben auch hier einfach stehen. Abgerissen wurde die Furnierfabrik. Wo sie einst stand, wurde ein Einkaufszentrum hochgezogen. Aber auch das hielt sich letztlich nicht und wurde abgebrochen. An gleicher Stelle darf nun eine andere Supermarkt-Kette erneut ihr Glück versuchen. Dagegen wäre wenig zu sagen, stünden ein paar Hundert Meter entfernt in der historischen Altstadt nicht viele Geschäfte leer. Auf heimeligem Kopfsteinpflaster lässt sich dort an Schaufenstern vorbeiflanieren, in denen nur Staub liegt.".

Vor nicht einmal einem Jahr schwärmte dagegen Markus MAYR von der neuen Landlust in Marktredwitz, einer ca. 17.000 zählenden Kleinstadt in der Nähe von Wunsiedel mit einem riesigen Einkaufszentrum direkt neben der historischen Altstadt.

Marktredwitz, Foto: Bernd Kittlaus 2015

Aufstrebende und niedergehende Ortschaften können dicht nebeneinander liegen - mit demografischem Wandel hat das - zuerst einmal - nichts zu tun. Eine aktuelle Prognos-Studie kommt zu einer differenzierteren Einschätzung, die Wohnungsknappheit auch im ländlichen Raum entdeckt hat.

KNUTH, Hannah (2017): Planet der Alten.
Die Hälfte der 8.000 Einwohner von Bad Füssing ist über 57. Was erzählt so ein Ort vom Dasein im letzten Lebensdrittel? Ein Besuch,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 25.06.

Anfang der 1990er Jahre machte der CDU-Begriff "Freizeitpark Deutschland" die Runde. Bald wird man vom "Kurpark Deutschland" sprechen, wenn es nach dem Willen unserer Edelfedern ginge. Soll uns die Vergreisung vorgehalten werden, dann schicken die Leitmedien dieser Republik ihre Reporter in die Kurstädte. So soll angeblich ganz Deutschland aussehen, wenn die Babyboomer in Rente gehen. Hannah KNUTH ist nur eine von vielen, wenn sie schreibt:

"Bad Füssing, Europas erfolgreichstem Kurort. Der Ort, der am besten erzählen kann, wie Deutschland aussehen wird, wenn die Babyboomer (...) in ein paar Jahrzehnten vergreist sind."

Das ist schon deshalb dämlich, weil die Babyboomer bereits im nächsten Jahrzehnt in Rente gehen und in dem Bericht lediglich Menschen Mitte 60 vorgestellt werden, die sonst als "junge Alte" oder "Best Ager" als Vorzeige-Alte für das produktive Alter gelten.

"2030 wird Bad Füssing die älteste Gemeinde in Deutschland sein. Jeder zweite Einwohner ist dann 63 Jahre oder älter. Die Bevölkerungspyramide wird dem Abbild einer Vogelscheuche gleichen (...). Schon heute ist die Hälfte der knapp 8.000 Einwohner über 57 Jahre alt.
Trotzdem ist Bad Füssing keine dieser ländlichen Gemeinden, denen Statistiker prophezeien, dass sie aussterben werden. Die Geburtenrate ist zwar niedrig. 2016 wurden nur 54 Kinder geboren; die Kitas haben freie Plätze, die Schulklassen schrumpfen. Doch Bad Füssing wächst. Denn die Senioren ziehen massenweise her",

nörgelt KNUTH. Jene, die wie KNUTH unsere künftige Bevölkerungspyramide mit Negativbegriffen belegen, glorifizieren gerne jene Pyramidenform, die typisch ist für eine Gesellschaft mit hoher Kindersterblichkeit wie sie heutzutage noch in Afrika südlich der Sahara vorzufinden ist. Man sollte auch daran erinnern, dass noch bis vor allzu langer Zeit die hohen Geburtenzahlen im ländlichen Raum gelobt wurden. Das war zu jener Zeit als in Deutschland das große Schrumpfen prophezeit wurde. Die schrumpfenden Klassen wurden den Großstädten prophezeit, deren Schulklassen inzwischen aus allen Nähten platzen, weil unsere Demagogen - insbesondere in der FAZ/FAS - Deutschland derart in Hysterie versetzt hatten, dass viele diesen Blödsinn für bare Münze nahmen, so wie jetzt ganz Deutschland zum Kurort stilisiert wird:

"In  Bad Füssing kommen auf 8.000 Einwohner 120 Physiotherapeuten, 30 Ärzte, drei Rehakliniken und 23 Friseure. Es gibt einen Rollator-Verleih, eine Spielbank und zwei Kinos (...) An fast jeder Straßenecke stehen Sitzbänke. Auch sechst Telefonzellen gibt es noch",

beschreibt KNUTH die Infrastruktur, die typisch sein soll für das Deutschland nach 2030. Und natürlich werden nun alle unsere Städte so hergerichtet wie das in Bad Füssing schon passiert ist:

"Seit 2002 sind über 250 Millionen Euro in die Gemeinde Bad Füssing geflossen. Örtliche Banken und Familienbetriebe haben in den Ausbau und die Sanierung der Kleinstadt investiert, ein Finanzmann aus Abu Dhabi, im Nachbarort geboren, hat 14 Millionen Euro in eine Restaurant-Anlage außerhalb des Zentrums gesteckt. 80 neue Eigentumswohnungen sind im vergangenen Jahr entstanden. Bad Füssing floriert",

beschreibt KNUTZ was angeblich in ganz Deutschland bevorsteht. Alles wird sich nur noch um die Greise drehen, will das sagen. Und was machen diese Alten den ganzen lieben langen Tag? Gottesdienst, Thermenbesuch, Spielkasino oder Disco: "Erholung vom Leben"!

Aber Bad Füssing ist ein Kunstprodukt der Gebietsreformen der 1970er Jahren in Deutschland. Es ist eine Ansammlung von 40 Ortsteilen und kein 8.000 Seelen-Städtchen wie die Reportage suggeriert. Bad Füssing hieß davor Safferstetten. Die Gesamtansammlung hatte Anfang April 2017 7.280 Einwohner. Wie groß der Ortskern ist, das verschweigt die Website der Gemeinde, die mit Fakten eher geizt.

BURFEIND, Sophie (2017): Scherbenhaufen.
Deutschland war die Porzellanhochburg in Europa, nach der Wende zerbrach alles. Ein paar Unternehmen sind jetzt wieder erfolgreich. Wie schaffen sie das? Über eine Welt, die vom Wandel der Gesellschaft erzählt,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 01.07.

"Leere Häuser, leere Straßen, Schaufenster, in denen zwar noch Blümchentassen liegen, an deren Scheiben aber schon diese schwarzen Schilder mit Telefonnummer hängen: »Haus zu verkaufen«. Arzberg in Oberfranken war einmal eine der Porzellanhauptstädte Deutschlands, so wie Deutschland einmal die Porzellanhochburg Europas war. Es waren 260 Hersteller, 29.000 Beschäftigte, nach der Wende brach alles zusammen. In Arzberg gab es einmal vier Porzellanfabriken, drei sind schon abgerissen, die vierte ist bald dran",

schreibt Sophei BURFEIND über den Niedergang der Porzellanindustrie in Oberfranken. Die neue Erzählung heißt nun jedoch, dass die Krise vorbei sei. Dazu präsentiert uns BURFEIND Kahla in Thüringen, das weniger durch sein Porzellanproduktion als durch seine Neonazis Schlagzeilen macht. Weitere Stationen der Reportage sind Reichenbach in Thüringen, sowie Selb  in Oberfranken und Weiden in der Oberpfalz.

HÜLSEN, Isabell (2017): Erschöpfte Stadt.
Standorte: Gera war einmal reich. Heute ist Thüringens drittgrößte Stadt pleite. Der Niedergang begann, wie bei vielen ostdeutschen Kommunen, mit der Wende. Andere rappelten sich auf. Gera gelang das nie. Und das liegt nicht allein am Geld,
in:
Spiegel Nr.27 v. 01.07.

"Gera ist pleite. Vor drei Jahren musste Thüringens drittgrößte Stadt ihre Betriebe - die Stadtwerke mitsamt Nahverkehr und Müllabfuhr - in die Insolvenz schicken. Als erste und einzige Stadt der Republik. (...).
Mit 9,9 Prozent Arbeitslosigkeit ist Gera heute Schlusslicht in Thüringen. Mit der Arbeit gingen die Menschen. Seit 1990 ist die Einwohnerzahl um fast ein Drittel geschrumpft. Wer Arbeit hat, verdient im Schnitt knapp 26.000 Euro im Jahr, brutto. Das ist fast ein Fünftel weniger als im Bundesdurchschnitt.
Ja, Gera ist arm. Aber Geld ist nicht einmal das größte Probleme. Gera ist nicht Duisburg-Marxloh, es brennt hier nicht wie in Dortmunds Nordstadt oder in Berlin-Hellersdorf - Stadtteilen, die in Armut, Drogen und Kriminalität versinken",

beschreibt Isabell HÜLSEN die Situation der Stadt. Wenn eine Stadt beim Wettbewerbsindividualismus versagt, dann wird das gerne auf die Mentalität geschoben.

"Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Der Niedergang bringt den Frust. Aber in Gera scheint auch das Gegenteil zu stimmen. Der Frust bedingt den Niedergang. Das Bewusstsein bestimmt das Sein",

schreibt HÜLSEN das was - wäre Gera ein Dorf - als typische Abwärtsspirale gilt. Aber in Gera leben über 95.000 Einwohner.

"Gera war schon so vieles: Einkaufsstadt, Otto-Dix-Stadt. Doch jedes neue Etikett, das die Stadtoberen ihr anhefteten, brachte Enttäuschung. Nun also Hochschulstadt",

kritisiert HÜLSEN die neueste Idee, der als Alternative die Gesundheitsstadt empfohlen wird. Für eine Hochschulstadt fehle Gera die Tradition, denn Gera sei nur eine Arbeiterstadt.

"Es ist nicht so, dass Gera stirbt, im Gegenteil, die Stadt wächst sogar leicht. Im vergangenen Jahr wurden hier 782 Babys geboren, das sind 76 mehr als im Jahr davor. Über 1.300 Menschen sind in derselben Zeit gestorben. Das Wachstum verdankt Gera auch dem kleinen, aber stetigen Zuwachs von Ausländern. Sie machen inzwischen 4,8 Prozent der Einwohner aus",

heißt es zur demografischen Entwicklung. HÜLSEN greift sich einen Textilbetrieb heraus, um der Bevölkerung ihr "irres Anspruchsdenken" und ihr rechtsextremes Gedankengut vorzuwerfen:

"In Gera leben Flüchtlinge auch aus Afrika. Denen werde das Geld hinterhergeworfen, hetzt die AfD. Aber darüber, dass gut 200 Jobs an Afrika hängen, wird in der Stadt nicht geredet".

Die AfD sitzt jedoch nicht im Stadtrat - wie in so mancher ostdeutschen Gemeinde. Dagegen ist die Linkspartei stark vertreten. Die Oberbürgermeisterin ist dagegen parteilos, konnte jedoch auf die Unterstützung von CDU und FDP zählen.

FÖRSTER, Andreas (2017): Bürger gegen braune Horden.
Im Juli sollen im thüringischen Themar drei große Konzerte rechter Bands stattfinden. Erwartet werden bis zu 5.000 Neonazis aus ganz Europa. Das wollen sich die Ortsansässigen nicht gefallen lassen - sie planen eine Gegenveranstaltung,
in:
Frankfurter Rundschau v. 01.07.

"Themar liegt in Südthüringen, nicht weit von Hildburghausen und der Landesgrenze zu Bayern. Gut 1200 Jahre alt ist der Ort, der knapp 3.000 Einwohner hat und am Ufer der Werra liegt",

berichtet Andreas FÖRSTER über den Ort, der zur Kulisse einer Provinzposse degradiert wird. Im Zentrum steht die verschworene Gemeinschaft der Bürgermeister der Verwaltungsgemeinschaft Feldstein, die sich plötzlich mit einem Feind in den eigenen Reihen konfrontiert sieht, der ihren Widerstand zunichte macht:

"Bodo Dressel, der Bürgermeister von Grimmelshausen. Das 300-Seelen-Dorf, dem mit dem »Simplicissimus« ein literarisches Denkmal gesetzt worden ist, gehört zur »Feldstein«-Gemeinschaft. Dressel war noch als CDU-Mitglied in das Bürgermeisteramt seiner Gemeinde gewählt worden, inziwschen gehört er der AfD an und sitzt in deren Kreisvorstand."   

NICOLAS, Timo (2017): Die Schönheit von Gallin.
Politik: Wie regiert man ein Dorf, wenn man nicht mal Geld für Sprit hat? Ein Besuch beim ärmsten Bürgermeister Deutschlands,
in:
TAZ v. 08.07.

"Holger Klukas (...) ist der Chef von Gallin-Kuppentin: 5 Dörfer, 472 Einwohner. Er ist der vielleicht ärmste Bürgermeister Deutschlands.
Die Gemeinde Gallin-Kuppentin liegt zwischen den Dörfern Rom, Goldberg und Benzin an der Mecklenburgischen Seenplatte. (...).
Als Klukas 2006 zum Bürgermeister gewählt wird, ist der Kindergarten schon geschlossen und die Schule wird bald folgen (...).
Die Tragik steckt im Detail. Der Zugfan, der extra neben den Bahnhof zog, dessen Gleise jetzt stillgelegt sind. Die letzte Kneipe, die gerade schließen musste. Die staatlichen Gutshäuser, einst Mittelpunkt des Dorflebens, die heute Bayern oder Berlinern gehören. Die freiwillige Feuerwehr, die 26 Mitglieder hat, von denen aber nur zehn fit für den Einsatz sind. Wenn überhaupt. Dass die Jungen wegziehen, weil es weder Arbeit gibt noch guten Handyempfang. Und dass die Alten nicht mehr rauskommen, weil der Bus nur zweimal am Tag fährt. (...).
Wenn sich daran nicht bald etwas ändert, stirbt Gallin-Kuppentin. Wird eine tote Gemeinde, in der Bayern und Berliner ihre Ferienhäuser haben",

berichtet Timo NICOLAS aus der Gemeinde Mecklenburg-Vorpommern. Im Mittelpunkt steht der parteilose Bürgermeister, der von Hartz IV leben muss und dessen Aufwandsentschädigung sich aufgrund der politischen Vorgaben, die an die Demografie eines Ortes und die Knechtschaft der Hartz-Gesellschaft gekoppelt sind, verringert hat:

"Als seine Gemeinde auf unter 500 Einwohner schrumpft, sinkt auch seine Aufwandsentschädigung. Nur noch 350 Euro. (...). 2010 bekommt er ein Schreiben aus Schwerin. Der Ehrenamtssold von Bürgermeistern soll auf den Hartz-IV-Satz angerechnet werden. Es blieben ihm dann nur noch 200 Euro."

SCHIERITZ, Mark (2017): Mein Haus, mein Auto, meine Provinz.
Fühlen sich die Menschen abseits der Metropolen wirklich abgehängt? Mark Schieritz besucht nach langer Zeit wieder einmal seine Heimat - und ist überrascht,
in:
Die ZEIT Nr.29 v. 13.07.

NIEMANN, Julia (2017): Heimat, die ich meine.
Dem Dorf Glaubitz in Sachsen laufen die Frauen davon. Die Männer mögen Zoten und Pegida. Aber nach ein paar Bier erzählen sie, warum sie immer noch da sind,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 15.07.

MÜLLER, Rainer (2017): Zwischen Mittelalter und Moderne.
Die Hansestadt Lüneburg gilt als beschauliche Alternative zu Hamburg - viel günstiger lebt man dort nicht mehr,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 16.07.

ND/DPA (2017): Mehr Millionäre - und viel Kinderarmut.
Sachsen-Anhalt: Im Kreis Jerichower Land sind die meisten Höchstverdiener pro 100.000 Einwohner gemeldet,
in:
Neues Deutschland v. 26.07.

Bericht über die Pressemitteilung 3,9 Milliarden EUR festgesetzte Einkommensteuer im Jahr 2013 des Statistischen Landesamtes Sachsen-Anhalt, der mit einer Anfrage der Linken zur Armutsgefährdungsquote von Kindern im Jahr 2015 in Verbindung gebracht wird, obwohl die Armutsgefährdungsquote nur landesweit und nicht wie die Daten zur Einkommenssteuer auf Kreisebene genannt werden.

HALLMANN, Barbara (2017): Ein paar Kabel in die weite Welt.
In der Altmark ist man überzeugt, dass Breitbandverbindungen die Abwanderung verringern könnten - ginge deren Ausbau schneller,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 02.08.

Barbara HALLMANN berichtet über eine Posse aus der ostdeutschen Altmarkt, die typisch ist für den Standortwettbewerb neoliberaler Prägung:

"Als die Ortschaftsräte und der Bürgermeister sich für einen Glasfaserausbau bis in jedes einzelne Haus starkmachten, winkte die Telekom nur ab: Zu dünn besiedelt die Gegend, zu hoch das finanzielle Risiko.(...).
Also gründeten altmärkische Kommunen einen Zweckverband Breitband, um dieses Projekt bis Mitte 2019 abzuschliessen – und damit eine Forderung umzusetzen, die alle etablierten Parteien von links bis rechts in ihren Programmen für die diesjährige Bundestagswahl nennen. Rund 40 Millionen Euro gibt der Bund zum Glasfasernetz in der Altmark dazu; das Land Sachsen-Anhalt hat dagegen noch nicht über einen Zuschuss entschieden. Allerdings hat die Kalkulation einen Haken. Seit die beiden grössten Städte der Altmark, Stendal und Salzwedel, sich für eine Kooperation mit der Telekom entschieden haben, geht das Finanzierungsmodell nicht mehr auf: Die hohe Anschlussdichte in den Städten sollte helfen, die unrentablen, weil dünn besiedelten Dörfer ebenfalls mit Breitband versorgen zu können. Das Verlegen der Leerrohre und Glasfaserleitungen ist teuer; mit 140 Millionen Euro rechnet der Verband für die Erschliessung der gesamten Altmark."

Im föderalen System des Gegeneinander statt des Miteinander sind die kleinen Gemeinden die Verlierer. Nicht die Demografie ist das Problem, sondern die Aufgabe des politischen Ziels der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse im kurzsichtigen Neoliberalismus. Statt Gegensteuerung wird Standortwettbewerb zur Maxime der Politik. Dass ein kapitalistischer Konzern keine Rücksicht auf die Belange von Kommunen nimmt, ist einleuchtend. Dass jedoch die Politik nicht das nötige Geld für den Aufbau der Infrastruktur in die Hände nimmt, ist eine politische Entscheidung und kein Sachzwang!

DIECKMANN, Christoph (2017): Wartburka und Elisabeth.
Eisenach, deutsches Herzland, im Wahljahr 2017: Die einen fürchten den Schleier, die anderen die Kommunisten. Wo einst die Revolution begann, möchte man heute: Bloß nicht noch einen Umbruch,
in:
Die ZEIT Nr.32 v. 03.08.

Christoph DIECKMANN zeichnet ein seltsam blasses Stadtporträt der ca. 43.000 Einwohner zählenden Thüringer Stadt Eisenach, bei dem nicht die Bewohner, sondern die Parteien die Hauptrolle spielen.

taz-Titelgeschichte: Herzliche Grüße aus der Provinz

SCHWAB, Waltraud (2017): Wenn die Luft vibriert.
Gemeinschaft: Dörfer sind Rätsel. Wenn es gut läuft, hält sie etwas zusammen. Was? Eine Spurensuche auf dem Dorffest von Oberrimsingen in Südbaden,
in:
TAZ v. 05.08.

Geht die Großstadtzeitung ins Dorf, dann herrscht dort entweder Gaudi oder Krimi. Heute ist bei der taz Volksfest angesagt, aber der SS-Krimi darf dabei auch nicht ganz fehlen!

Oberrimsingen ist übrigens kein Dorf, sondern ein Stadtteil von Breisach am Rhein. Selbst nach den Kriterien des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung wäre Oberrimsingen kein Dorf: Mit 1.500 Einwohnern liegt es weit über den 500 Einwohnern, die bei einer Studie zur Zukunft der Dörfer als Dorf klassifiziert werden. Auch liegt die Bevölkerungsdichte von Oberrimsingen über jenen 150 Einwohnern pro Quadratkilometern, die als Grenze für ländliche Gemeinden gilt.

Fazit: Uns wird von Waltraud SCHWAB eine Gemeinde als Dorf verkauft, das nur in der Vorstellung von Großstädtern als Dorf durchgeht.

DAUM, Philipp (2017): "Es gibt da so eine Anpacker-Mentalität".
Zukunft: Die Jungen ziehen weg, die Alten bleiben. Nur wenige Dörfer schaffen den Generationenwechsel. Der Demograf Manuel Slupina erforscht, wie es klappt,
in:
TAZ v. 05.08.

Dorf reimt sich bei der Großstadt-taz immer noch auf Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, das noch vor gar nicht so langer Zeit das Dorf aussterben lassen wollte. Nachdem jedoch die AfD Erfolge im ländlichen Raum feiert, hat das neoliberale Privatinstitut die Dorfgemeinschaft als Bollwerk gegen den demografischen Wandel entdeckt. Selbst schuld also, wenn Dörfer aussterben! Dann ist die Dorfgemeinschaft eben "eingeschlafen". Die Dörfer sollen sich wie Münchhausen selber aus ihrem Sumpf ziehen, so die Großstadtvorstellung, denn Politik ist schließlich nur für die Großstädte da - der Rest ist der taz egal!

Fazit: Geht's auf dem Dorf schief, dann ist das ein Mentalitätsproblem. Geht's in der Großstadt schief, ist das Politikversagen.

"Man kann die demografische Entwicklung nicht aufhalten",

ist das Credo von Manuel SLUPINA, als ob die demografische Entwicklung ein Naturgesetz wäre und nicht etwa durch politische Entscheidungen verschärft werden könnte. Neben uns die Sintflut, könnte man da auch sagen. 

NUSPLIGER, Niklaus (2017): Europa an der wiedervereinigten Strasse.
NZZ-Serie Deutschland wählt: Zwei Provinzstädte - die eine in Deutschland, die andere in den Niederlanden - versuchen den europäischen Gedanken zu leben,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 05.08.

Niklaus NUSPLIGER berichtet in der Serie zur Bundestagswahl über die

"europäische Modellgemeinde Eurode -einer Zweckgemeinschaft der Grenzstädte Herzogenrath auf der deutschen und Kerkrade auf der niederländischen Seite mit je knapp 50.000 Einwohnern."

Eurode hat zwar eine länderübergreifende Stadtregerierung, dennoch wächst auch hier Europa nicht wirklich zusammen, was wohl auch mit der langen Geschichte zu tun hat, denn immer wieder wurden Grenzen errichtet, die den Austausch behinderten. Da mag Aachen, Maastricht und Lüttich von Europaeuphorikern als "neuer Agglomerationsraum" betrachtet werden, aber die unterschiedlichen Kulturen und Gesetzgebungen stehen dem entgegen:

"Die Landesgrenze mag nicht mehr sichtbar sein, wegen unterschiedlicher Sozial-, Steuer- und Schulsysteme bleiben die zwei Welten aber real."

Aus neoliberaler Sicht hebt NUSPLIGER die potenziellen Vorteile der offenen Grenzen hervor:

"Auf niederländischer Seite gibt es zu viele Pflegefachleute, in Deutschland einen Fachkräftemangel. Doch wegen Problemen bei der Diplomanerkennung, Sprachbarrieren und Grenzen in den Köpfen liegt viel Potenzial brach."

Die Absurditäten zeigen sich jedoch im Alltag, denn die unterschiedliche Strafgesetzgebung führt dazu, dass das was im einen Land erlaubt ist, im anderen Land verboten ist. Kriminalität ist also auch eine Sache nationaler Kulturen und nicht etwa ein objektiver Tatbestand, der universelle Gültigkeit hätte. Die rechtspopulistischen Parteien sind für NUSPLIGER, der hier einen niederländischen Lokalpolitiker der rechtsliberalen Partei VVD zitiert, im Grunde nichts anderes als ein nationalstaatlich verursachtes Demokratieproblem, wenn es heißt:

"Eine Rückkehr zu den Sperren und Kontrollen in den Quartierstrassen wünscht sich in Herzogenrath und Kerkrade niemand. Umso mehr erstaunt, dass in Kerkrade die Partei für die Freiheit des Rechtsnationalisten Geert Wilders bei den niederländischen Parlamentswahlen vom März einen Stimmenanteil von 34 Prozent errang. Wilders propagiert den niederländischen EU-Austritt und die Einführung von Grenzkontrollen – was den Einkaufstourismus der Niederländer aus dem strukturschwachen Limburg in Deutschland beschränken würde. Laut Stadtrat Schneider waren die Stimmen für Wilders aber nicht gegen die deutschen Nachbarn gerichtet, sondern Ausdruck einer generellen Unzufriedenheit mit der Regierung in Den Haag."

Die AfD spielt dagegen bei der Bundestagswahl nach Meinung von NUSPLIGERs Zitatpolitiker keine Rolle:

"Bei der Bundestagswahl vom September aber zeichnen sich keine grossen Gewinne für die EU-feindliche Alternative für Deutschland (AfD) ab, weshalb spürbare Auswirkungen des Wahlergebnisses auf die Grenzregion unwahrscheinlich sind. In Herzogenrath kam die AfD bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen jüngst auf 5,4 Prozent."

Dass die Städte Kerkrade und Herzogenrath beide ein eigenes Hallenbad bauen wollen, erscheint NUSPLIGER als Ausdruck "lokaler Kirchturmpolitik", eher jedoch zeigt es jedoch, dass Europa kein vertrauensvolles Konstrukt ist. Jeder muss damit rechnen, dass die alten Feindschaften wieder aufbrechen so wie z.B. in Jugoslawien nach dem Zerfall der Sowjetunion. Eine Ideologie wie der Neoliberalismus ist eben nur eine historisch begrenzt wirkmächtige Ideologie, denn sie spiegelt lediglich die Herrschaft des Finanzkapitalismus wieder, aber nicht eine universelle Grundmacht, die die Zeiten überdauert.

ÖFINGER, Hans-Gerd (2017): Integration à la Neuhengstett.
Die Gemeinde in Baden-Württemberg wurde einst von Waldensern gegründet,
in: Neues Deutschland
v. 08.08.

Hans-Gerd ÖFINGER berichtet über die Geschichte der ehemaligen Waldenser Kolonie "Bourcet", die heute als Neuhengstett ein Ortsteil von Althengstett im baden-württembergischen Landkreis Calw ist.

PRZYBILLA, Steve (2017): Kleinstadt auf grossem Fuß.
Die Gemeinde Walldorf in Baden-Württemberg lebt in einer wohligen Symbiose mit dem Konzern SAP - das ist nicht ohne Risiko,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 08.08.

Die Stadt Walldorf wird von Steve PRZYBILLA als eine der reichsten Städte in Baden-Württemberg beschrieben. Dies verdankt sie dem SAP-Konzern, der dort seinen Hauptsitz hat:

"Walldorf, eine Kleinstadt zwischen Heidelberg und Karlsruhe mit 16.000 Einwohnern, wächst in rasantem Tempo. Verantwortlich dafür ist der Weltkonzern SAP, der seit 1977 in Walldorf seinen Hauptsitz hat."

Walldorf ist eine verschlafene Gemeinde, vergleicht man sie mit den umliegenden Gemeinden, die weit mehr Lebensqualität aufweisen. Der Fernbahnhof, der von PRZYBILLA Walldorf zugeschrieben hat, heißt Wiesloch-Walldorf. Wiesloch ist die größere, und lebendigere Stadt der beiden Gemeinden. SAP und Walldorf werden deshalb zu Recht als "zwei Welten" beschrieben, die im Grunde nichts miteinander zu tun haben:

"Auf der einen Seite: die Altstadt samt Kirchturm, Buswendeschleife und Doppelhaushälften. Hier sieht es aus wie in vielen Kleinstädten, in die sich ab und zu einmal Touristen verirren (...).
Auf der anderen Seite der Brücke, hinter einer Schranke, sieht es ähnlich aus wie im Silicon Valley."

Walldorf gehört zu jenen Gemeinden, die von einem einzigen Arbeitgeber extrem abhängig sind, weshalb die CDU-Bürgermeisterin sowie der Stadtrat dem Konzern sehr weit entgegen kommt. Man könnte auch sagen, dass die Bauvorhaben der SAP von der Stadt im Grunde nur noch abgesegnet werden. Verglichen wird die Abhängigkeit mit Rust:

"In Baden-Württemberg sei eine solche Konstellation nicht nur in Walldorf, sondern etwa auch in Rust gegeben, wo sich Deutschlands größter Freizeitpark befinde (...). Solche Extrembeispiele gebe es aber recht selten: dass eine Stadt so stark von einem einzigen Gewerbesteuerzahler abhängig sei, treffe auf weniger als zehn Prozent der Kommunen in Baden-Württemberg zu",

wird ein Verwaltungsfachmann zitiert. 

SANDER, Matthias (2017): Für Südpfälzer ist Paris wichtiger als Berlin.
NZZ-Serie Deutschland wählt: An der Grenze zu Frankreich bekommen die Deutschen die Politik des Nachbarlandes direkt zu spüren,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 14.08.

Matthias SANDER berichtet aus Schweigen-Rechtenbach in der Südpfalz an der französischen Grenze zu Wissembourg sowie aus dem französischen Lauterbourg, dem Sitz des Eurodistrikt Pamina.

TOETZKE, Paul (2017): Die vergessenen Mieter.
Delmenhorst: Einst stand der Wollepark für Aufbruch und Moderne. Heute gilt das Viertel als sozialer Brennpunkt, die Stadt wünscht den Abriss. Seit April hat sie BewohnerInnen das Gas und Wasser abgestellt,
in:
TAZ v. 17.08.

Paul TOETZKE berichtet über den sozialen Brennpunkt Wollepark in der über 76.000 Einwohner zählenden Stadt Delmenhorst:

"Früher einmal stand der Wollepark für Aufbruch und Moderne. Vier- bis fünfzehngeschossige Blöcke, darin 1.300 Wohnungen. »Urbanität durch Dichte« nannten das die Stadtentwickler. Die heutigen Straßennamen, Zwirnerei, Kämmerei oder Färberei, zeugen von einer vergessenen Zeit, in der die Textilindustrie der wichtigste Arbeitgeber war. Etwa 4.000 Menschen arbeiteten Ende des 19. Jahrhunderts in den Fabriken. Schon damals wurden Arbeitskräfte aus osteuropäischen Ländern angeheuert. Die jungen Frauen aus dem heutigen Polen und Tschechien (...) wurden von den Delmenhorstern »Wollmäuse« genannt. In den frühen 80ern schlossen die Fabriken, der Wollepark und die Menschen blieben.
Wann der Wollepark genau zum »sozialen Brennpunkt«, zum »Problemviertel« wurde, ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich gegen Ende der 90er. Deshalb wurde er ins Städtebauförderprogramm »Soziale Stadt« aufgenommen. 2012 standen so viele Wohnungen leer, dass es kurz so aussah, als würde die Stadt den Wollepark zumachen. Inzwischen gibt es Wartelisten für die Wohnungen, viele Migranten wollen hierherziehen." 

PRZYBILLA, Steve (2017): Große Flut.
Auf Rügen ging es bisher eher beschaulich zu. Jetzt haben neue Projekte und steigende Immobilienpreise eine hitzige Diskussion entfacht: Wie viel Neubau verträgt Deutschlands größte Insel?
in:
Süddeutsche Zeitung v. 18.08.

Steve PRZYBILLA berichtet über ein umstrittenes Bauprojekt im verschlafenen 450-Seelen-Dorf Lohme auf der Insel Rügen:

Seit Ende der 1990er Jahre liegt die Fläche brach, nun möchte die Gemeinde ein Neubaugebiet mit Eigentumswohnungen, Ferienhäusern, Hotelanlage und privater Kurklinik errichten, genannt: »Medical Wellness«. Allein im Medical-Wellness-Hotel sollen 400 Betten entstehen. Welche Folgen ein solches Dorf im Dorf haben könnte, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die einen sehen die Chance, das von Abwanderung geplagte Dorf zu retten. Die anderen befürchten das Gegenteil: die Zerstörung von allem, was Lohme ausmache."

Lohme, Foto: Bernd Kittlaus 2017

Auch in Prora, einem Stadtteil von Binz, soll aus dem "ehemaligen Graffiti-Schandfleck", das von den Nationalsozialisten als riesiges "Kraft durch Freude"-Ferienzentrum geplant war, ein "lebendiges Viertel" werden:

"Derzeit wird ein Block nach dem anderen saniert. Eine Jugendherberge, ein Seniorenwohnheim, ein Aparthotel sowie 400 Eigentums- und Ferienwohnungen befinden sich bereits in der Anlage (...). Der Investor Ulrich Busche ersteigerte zwei komplette Blöcke für 455.000 Euro - ein guter Deal, wenn man bedenkt, dass eine einzige Eigentumswohnung heute mehr kostet als der gesamte Block."

Prora, Foto: Bernd Kittlaus 2017

HAGEN, Hans von der & Jan SCHMIDBAUER (2017): Baden gegangen.
Das Kurwesen wirkte wie ein Konjunkturprogramm für die deutsche Provinz. Es war für die Patienten ein Segen und für die Heilbäder auch. Dann stürzte Gesundheitsminister Seehofer viele Kurorte in die Krise,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 19.08.

HAGEN & SCHMIDBAUER greifen sich das hessische Bad Orb und das niedersächsische Bad Eilsen heraus, um den Wandel des Kurbetriebs in der deutschen Provinz zu beschreiben.

Bad Eilsen wird uns als Ort mit 6.700 Einwohner vorgestellt, obwohl der Ort lediglich rund 2.500 Einwohner zählt. 6.700 Einwohner zählt dagegen der Gemeindeverband Eilsen, der die Gemeinden Ahnsen, Bad Eilsen, Buchholz, Heeßen und Luhden umfasst. HAGEN & SCHMIDBAUER schreiben einmal von Bad Eilsen, dann wieder von Eilsen, wodurch sich ein Zerrbild ergibt:

"Eilsen zählte einst zu den bekanntesten Kurorten Deutschlands - heute ist es ein Fleck, in dem viele Hilfe brauchen (...), weil hier ungewöhnlich viele alte Menschen wohnen. (...). Der kleine Laden mit Bekleidung? Weg. Die Drogerie? Weg. Der alte Elektroladen, der seit mindestens 50 Jahren hier war? Weg."

Verglichen wird das dörfliche und schrumpfende Bad Eilsen mit der fast 10.000 Einwohner zählenden Kleinstadt Bad Orb, die den Wandel durch den Bau einer teuren Therme angeblich geschafft hat. Der Wandel wird weg vom Kur- hin zum Wellnessbetrieb beschrieben:

"Deutschland und seine 350 Heilbäder und Kurorte, das gehörte mal zusammen wie Kaffee und Kuchen.
Es ist in dieser Form ein weltweit wohl einzigartiges Phänomen, das seine Anfänge schon vor vielen Hundert Jahren nahm. (...).
Die Kur, heute oft verlacht als staatlich alimentierter Gratisurlaub, sollte der »Erhaltung der Arbeitskraft« dienen. Die Generation, die dieses Angebot in den Boomjahren des Kurtourismus - allen voran die 1970er - und 1980er Jahre - nutzte, hatte den Krieg erlebt und überlebt. Viele übten Berufe aus, in denen körperlich gearbeitet wurde."

Der Kurtourismus wird also mit der Bonner Arbeitnehmerrepublik und der Kriegsgeneration verknüpft. Der Niedergang findet dann in der Berliner Republik statt:

"Die goldene Ära der deutschen Heilbäder, sie endete spätestens im Jahr 1996. (...). Die Dauer der Kuren wurde von vier auf drei Wochen verkürzt, Genehmigungen wurden erschwert, außerdem mussten Patienten jetzt Urlaubstage für die Kur opfern und deutlich höhere Zuzahlungen leisten. Es vergingen nur Monate, bis die Gästezahlen in den deutschen Heilbädern einbrachen. Deutschlands Kurorte gerieten in eine Schwere Krise, von der sich viele bis heute nicht erholt haben.
So wie Bad Elsen."

Bad Orb, das einst fünftgrößte Bad der Republik, soll den Wandel im Gegensatz zu Bad Eilsen geschafft haben, und zwar dank einer neuen Therme.

"Statt auf Kurgäste setzt Bad Orb nun stärker auf Wellness-Touristen und auf Reha-Patienten."

Anpassung an die neuen Verhältnisse wird das genannt. Bad Eilsen dagegen habe den Wandel verschlafen:

"Geblieben sind vor allem ältere Menschen, viele von ihnen sind ehemalige Kurgäste, die einst nach Eilsen zogen.
Aus den Pensionen wurden Altenheime - die Pflege von Menschen ist nun das Metier des Ortes."

Aber kann ein 2.500 Einwohner zählender Ort mit einem vier mal so großen Kurort verglichen werden? Bad Orb hat sich für seine Therme hoch verschuldet. Ob das jedoch den Ort wirklich voranbringen wird, bleibt dahin gestellt:

"Heute stehen in der Fußgängerzone viele Häuser leer, trotz Aufschwung und Toskana-Therme",

schreiben  HAGEN & SCHMIDBAUER über Bad Orb.

HONNIGFORT, Bernhard (2017): 700 Jahre Heimat für ein Jahr Feuer.
Das Dorf Pödelwitz bei Leipzig soll geschlossen werden, weggebaggert, damit dort Braunkohle abgebaut werden kann. Eine kleine Gruppe Anwohner will das verhindern,
in:
Frankfurter Rundschau v. 21.08.

BÖGER, Heidrun (2017): Das Sterben der Landgasthöfe.
Bürokratie, Nachwuchssorgen und Fachkräftemangel sorgen für einen drastischen Schwund in der ländlichen Gastronomie Thüringens,
in:
Neues Deutschland v. 21.08.

ND/DPA (2017): Die fremdbestimmte Kommune.
Stadt Haltern in Nordrhein-Westfalen bedauert Einsetzung einer Sparkommissarin,
in:
Neues Deutschland v. 30.08.

Die Agenturmeldung berichtet über einen Konflikt zwischen Land und der rund 38.000 Einwohner zählenden Gemeinde Haltern am See, der nun in der Einsetzung einer Beauftragten für den Haushalt durch die Bezirksregierung Münster geführt hat:

"Es ist nach Nideggen (2013) und Altena (2014) erst das dritte Mal, dass das Land einen solchen Beauftragten eingesetzt hat."

Haltern am See ist wesentlich größer als Nideggen oder Altena, die als die Stadt mit dem größten Bevölkerungsrückgang in Westdeutschland galt:

"Altena, nahe Hagen gelegen, ist eine schrumpfende Stadt. In ganz Nordrhein-Westfalen verlieren Kommunen seit Jahren in hohem Tempo an Einwohnern, vor allem im Osten des Bundeslandes, im Sauerland, in Lippe, Höxter, der ländlichen Gegend rund um Siegen . Zwischen 2008 und 2030 wird die Bevölkerung in diesen Landstrichen um zehn Prozent kleiner werden, schätzen Fachleute . Altena aber schrumpft schneller. 1970 lebten in der Stadt noch 32.000 Einwohner. Heute sind es 18.000. Hollstein sagt: »Wir sind die am schnellsten schrumpfende Kommune Westdeutschlands«.
Besonders das Ende mehrerer großer Industriebetriebe in den Achtziger Jahren macht der Stadt immer noch zu schaffen. Damals zogen viele junge Einwohner wegen der schlechten Arbeitsmarktchancen weg. Heute hat die Stadt das gleiche Problem wie viele Kommunen der Region: Sie ist zu weit weg und gleichzeitig zu nah dran an den Ballungsgebieten rund um Köln und dem Ruhrgebiet. Zu weit weg, um als »Speckgürtel« von der Anziehungskraft der Großstädte zu profitieren. Zu nah, weil viele junge Leute aus den Kleinstädten in die Metropolen ziehen. Mit der Zahl der Einwohner sinken auch die Steuereinnahmen",

berichtete Lenz JACOBSEN im Mai 2012 auf ZEIT online.

WEBER-KLÜVER, Katrin (2017): Ein Lehrstück aus der tiefsten Provinz.
Zu DDR-Zeiten war Torgelow eine graue Kleinstadt in Vorpommern, nach der Wende suchten vor allem viele junge Menschen das Weite. Inzwischen gibt es erstmals Zuversicht. Wie kann das sein?
in: Cicero,
September

"Bis heute hat Torgelow mit dem Verlust von Tausenden Arbeitsplätzen auch ein Drittel seiner Bevölkerung eingebüßt. Von 14.000 im Jahr 1989 ist die Zahl auf 9.500 Einwohner gesunken, ohne Eingemeindungen wären es noch weniger.
(...).
Der Nachwendeniedergang setzte sich fort (...) bis auch die Region Uecker-Randow in den bundesweiten Trend einfädelte, der seit 2005 rückläufige Arbeitslosenzahlen aufweist. In Torgelow ging die Zahl zwischen 2007 und 2016 kontinuierlich von 1.189 auf 677 Menschen zurück.
Im Sommer 2017 liegt die Arbeitslosenquote bei gut 10 Prozent, viel im Vergleich zum Bundesdurchschnitt, im Vergleich zu den trostlosen Jahren fast gefühlte Vollbeschäftigung. Doch die Jahrzehnte der Abwanderungen haben (...) zu »Verwerfungen« geführt, die die Stadt prägen. Es sind ja nicht die gegangen, die mutlos waren, in Torgelow gibt es nun offene Stellen, für die es an qualifizierten Kräften fehlt, und Ausbildungsplätze, die schwer vermittelbar sind",

beschreibt Katrin WEBER-KLÜVER die Lage in Torgelow, wobei sie die Perspektive dreier engagierter Bürger in den Mittelpunkt ihrer Reportage stellt: den Bürgermeister Ralf GOTTSCHALK (Bürgerbündnis), der das Amt seit der Wende geerbt hat, einen Unternehmer und die "gute Fee", die sich Dörpkieker nennt, der Volkssolidarität. In Torgelow und Vorpommern gelten die Polen als Chance:

"Vorpommern (soll) wieder (...) Teil des Speckgürtels von Stettin (werden). Die polnische Grenzstadt ist nur gut 50 Kilometer entfernt.
Die Region wächst bereits zusammen, allein schon weil Polen, auch wenn sie weiterhin in Stettin arbeiten, ins günstigere Vorpommern ziehen."

Neben den Polen setzt die Region auf die Heimatverbundenen und Großstädter, die sich hier noch den "Traum vom bezahlbaren Wochenendhäuschen" erfüllen können. Torgelow wird zu einer Art Dorf der Gallier stilisiert, wenn es heißt:

"Patrick Dahlemann (...) ist im September 2016 als Direktkandidat de SPD in den Schweriner Landtag eingezogen. Um seinen, den Torgelower Wahlkreis herum hat die AfD alles abgeräumt."

Die Niedriglohnstrategie der 1990er wird als Fehlentscheidung beschreiben, denn

"Lohndumping ist schlecht fürs Selbstwertgefühl und schlecht für die Kaufkraft. (...). Nach wie vor sind viele Jobs schlecht bezahlt, und die Kaufkraft in Torgelow gehört mit 75 Prozent des Bundesdurchschnitts zu den niedrigsten überhaupt."

Und nicht zuletzt wird die "Überalterung" angesprochen:

"(D)ie Indikatoren des Alterns (sind) nicht zu übersehen: die Dichte an Apotheken, die Büros karitativer Verbände, Sanitätsfachhandel in bester Lage. Pflegeeinrichtungen wie Pflegeberufe sind ein florierender Wirtschaftszweig." 

SCHMITZ, Thorsten (2017): Vergiss Utopia.
Wer ins Französische Viertel in Tübingen zieht, trifft eine Entscheidung. Autos sind hier verpönt. Man fährt Rad, geht zu Fuß, die Straße gehört den Menschen. Sieht so die Zukunft aus? Oder parkt man einfach nur ein bisschen weiter weg?
in:
Süddeutsche Zeitung v. 01.09.

"Das Französische Viertel (...), in dem 2.500 Menschen wohnen und 400 arbeiten, sollen Autos eine Neben-, am besten aber gar keine Rolle mehr spielen. Bis 1991 waren französische Soldaten hier stationiert, daher der Name. Heute leben sehr gut verdienende Akademiker und Beamte in 140-Quadratmeterwohnungen. Sie alle haben einen gemeinsamen Feind: das Auto.
(...). Nirgendwo sonst in Deutschland bekommen die Grünen mehr Stimmen, bei der jüngsten Landtagswahl 60 Prozent. Die CDU kam hier gerade mal auf sechs Prozent",

berichtet Thorsten SCHMITZ über das Viertel, das ansonsten schlecht weg kommt. Was den einen die Nazis sind, das sind für die anderen die Ökos, wobei SCHMITZ vor allem die Kluft zwischen dem hehren Ideal und der miesen Realität beschreibt. Bedenkt man, dass in Tübingen rund 87.000 Menschen leben, dann ist das Viertel geradezu bedeutungslos!

LASCH, Hendrik (2017): Nahverkehr im Ehrenamt.
Bürgerbus erhält in der Lommatzscher Pflege Mobilität trotz demografischen Wandels,
in:
Neues Deutschland v. 01.09.

HAHN, Thomas (2017): Toll hier.
Natürlich gibt es auch schöne Dinge in Mecklenburg-Vorpommern, zum Beispiel die weite Natur, und keine Anwohner, die bei Festivals stören. Eine Jugend zwischen Langeweile und Bundestagswahl,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 04.09.

Thomas HAHN beschreibt Wolgast in Mecklenburg-Vorpommern aus der Sicht eines 17-jährigen Lehrerinnensohns und lässt sich dessen Sicht durch einen Sozialpädagogen und einen Drogenbeauftragten bestätigen.

"Wolgast ist ein 12.000-Einwohner-Städtchen an der Zugbrücke zur Insel Usedom. Es gibt hier viele hübsche Häuser und viel Ruhe. Aber wenn in den letzten Jahren von Wolgast die Rede war, ging es meistens um Verluste. Läden und Kneipen machten zu. Das Finanzamt verschwand. Das Amtsgericht verschwand. Erbittert kämpften die Bürger dafür, dass wenigstens das Krankenhaus blieb. Wolgast wirkt wie eine Art Hotspot des demografischen Wandels. Viele Ältere leben hier, die nach der Wende arbeitslos wurden und ihre Enttäuschung in Beschwerden über Ausländer und die Ohnmacht des kleinen Mannes gießen",

beschreibt HAHN das Bild, das die Mainstreamzeitungen von Wolgast vermittelten, um dann nicht etwa die eigene Rolle kritisch zu reflektieren, sondern die Bewohner für das schlechte Image haftbar zu machen:

"Die Elterngeneration hat noch sehr stark dieses Frustpotenzial. Das überträgt sich auf die nächste Generation. Den Älteren fehlt eine Vision, und die Jungen übernehmen das",

zitiert HAHN den Leiter eines Jugendhauses. Für den Niedergang von Städten und Regionen sind jedoch nicht in erster Linie die Einheimischen verantwortlich, sondern die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die verstärkende Stigmatisierung durch Medienberichte, die dafür sorgen, dass sich Abwärtsspiralen verfestigen  Der Versuch von HAHN das ramponierte Image von Wolgast etwas aufzuhübschen, ist da leider nur gut gemeint!

NIEWEL, Gianna (2017): Die inneren Werte.
Niedrige Lebenserwartung, hohe Arbeitslosigkeit, leere Häuser: Pirmasens gilt vielen als das Beispiel für missglückten Strukturwandel. Ein Ortstermin,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 05.09.

"Pirmasens, Westpfalz, sieben Hügel, viel Wald. Michael Schieler sitzt in seinem Büro im Rathaus. (...). Die Journalisten kommen in seine Stadt wie Kriegsberichterstatter. (...). Und manchmal kommen sie gar nicht erst, es werden genug Meldungen über die Agenturen gejagt, um Pirmasens auch vom Redaktionsbüro aus niederzuschreiben",

schreibt Gianna NIEWEL über die stigmatisierende Medienberichterstattung zu Pirmasens, die sie mittels einigen Berichten belegt: "Pleitestadt Pirmasens" (SZ 05.03.2008), "Pirmasens abgehängt" (FAS 22.05.2016) oder "Früher sterben in Pirmasens" (Spiegel 10.06.2017). Eine Schlagzeile der Springer-Presse ("Keine Mitte nirgends", Welt 17.05.2008) tritt uns dagegen nur als Frage entgegen: "Was passiert mit einer Stadt, der die Mittelschicht wegbricht?". Gianna NIEWEL will dem Selbstbild, das die Stadt für sich entworfen hat, nicht folgen. 

"350 Schuhfabriken hatte die Stadt, 25 000 Menschen, die Leder schnitten und Rahmen vernähten. Die Pirmasenser sagen »Schlabbeflicker«. (...). In der Stadt lebten so viele Millionäre wie sonst nirgendwo in Deutschland. Das alles war, bevor Inder und Pakistaner für weniger Lohn die Sohlen stanzten. Bevor 1997 auch die US-Kaserne schloss, die Soldaten und Offiziere wegzogen und noch einmal Kaufkraft verloren ging. Pirmasens hat heute 42 120 Einwohner. Um in der Schuhfabrik zu arbeiten, brauchten die Jungs und Mädchen keinen Schulabschluss, und als sie arbeitslose Erwachsene waren, holten viele die mittlere Reife nicht nach. Arbeitslosenquote 12,9 Prozent (...).
Allen voran fehlt es an Geld, 350 Millionen Euro Schulden. Aber das fehlt in anderen Gemeinden auch. Gröde in Schleswig-Holstein, St. Wendel im Saarland, Oberhausen, Darmstadt. Alle pleite. Und trotzdem leben da Menschen, arbeiten, halten es aus, dass ihre Heimat nicht überall schön ist. Es sind Gemeinden, die Werbeagenturen beauftragen, die sich Slogans ausdenken",

beschreibt NIEWEL die Entwicklung von Pirmasens anhand typischer Niedergangsindikatoren, bevor die Versuche der Stadt geschildert werden, die Misere zu überwinden - aber sehr optimistisch wirkt das nicht. Mehr als zu einem "Pirmasens ist aushaltbar" reicht es nicht.

"Nach den Journalisten beugten sich die Sozioökonomen über Pirmasens, um den Strukturwandel zu analysieren",

auch hierzu wird nur Negatives berichtet, obwohl einige Forscher ein weniger negatives Bild zeichnen. NIEWELs Ortsbesuch reiht sich ein in eine endlose Reihe an stigmatisierenden Medienberichterstattungen:

"The analysis of national media for the city of Pirmasens showed that negative articles about the city accumulate from about the mid 2000s. The stigma of the so-called »bankrupt city« is a repeated one, referring primarily to private poverty in the city. Pirmasens seems in this way to have become a West German counterpart to the East German crisis cities. (...). The high density of private insolvencies is primarily associated with the downward trend of the city and the lack of a middle class. The »bankrupt city« stigma is at times interpreted as a failure of local politics. Indications of stigmatisation can be reconstructed using numerous press reports. In October 2004 the article »Where Germany is going bankrupt« in the magazine Der Spiegel (Bönisch 2004) emphasises that a national comparison shows that with 269 per 100.000 inhabitants private insolvencies in Pirmasens and Wilhelmshaven are four times as high as the national average",

beschreiben Thomas BÜRK, Manfred KÜHN und Hanna SOMMER in ihrem Aufsatz Stigmatisation of Cities. The Vulnerability of Local Identities den Beginn der stigmatisierenden Medienberichterstattung über Pirmasens. In dem 2013 erschienenen Buch Peripherisierung, Stigmatisierung, Abhängigkeit? herausgegeben von Matthias BERNT & Heike LIEBMANN wird die Entwicklung von 6 Städten, darunter auch Pirmasens anhand unterschiedlicher Aspekte untersucht.

"Während in Sangerhausen weitestgehende Auflösung der wirtschaftlichen Basis und in Eschwege anhaltende Erosion und starke Abhängigkeit von überlokalen Unternehmenszentralen die Gegenwart prägen, ist die Situation in Pirmasens eher durch ein Nebeneinander von Krise, Abwanderung und Transformation bestehender Unternehmen gekennzeichnet.
Im Gegensatz zu den bisher beschriebenen Städten führt die Peripherisierung deshalb in Pirmasens zu einer stärkeren Kooperation von Wirtschaft, Stadtpolitik und Verwaltung" (S.70),

heißt es in dem Beitrag Governanceprozesse und lokale Strategiebildung von Matthias BERNT, der der Stadtpolitik eine Wandlung von einer "eher reaktiven zu einer pro-aktiven Politik bescheinigt. Manfred KÜHN & Sabine WECK sehen in ihrem Beitrag Interkommunale Kooperation, Konkurrenz und Hierarchie ein Problem durch die Konkurrenz zwischen der Stadt Pirmasens und dem umgebenden Landkreis Südwestpfalz:

"Die ungleiche Verteilung der Einkommen(ssteuer) und (Sozial-)Ausgaben durch anch wie vor anhaltende Stadt-Umland-Wanderungen (bei quantitativ geringeren Reurbanisierungstendenzen) belastet die Kernstadt-Umland-Beziehungen. In peripherisierten Regionen wird dadurch die Lage von hochverschuldeten Kernstädten noch zusätzlich geschwächt und der Handlungsspielraum der Stadtpolitik weiter eingeengt." (S.88)

Solch differenzierende Betrachtungen sucht man in den Medienberichten vergeblich.

MORGENSTERN, Tomas (2017): Ein Musterdorf erfindet sich neu.
Brandenburg: Der kleine Ort Paretz zeigt, wie ländliche Entwicklung mit EU-Hilfe zum Erfolg führen kann,
in:
Neues Deutschland v. 02.10.

"Nur auf den ersten Blick wirkt Paretz etwas verschlafen. Denn der 400 Einwohner zählende Flecken im Landkreis Havelland hat wachen Auges seine Zukunft geplant. Im April 2017 als selbständiger Ortsteil von Ketzin/Havel anerkannt, hat Paretz seit drei 'Wochen nun auch eine Ortsvorsteherin und kann so eigenständig für seine Stärken werben. Als naturnahes Ausflugs- und Ferienziel und als Ort, an dem Geschichte, Bildung und Kultur zueinander finden",

berichtet Tomas MORGENSTERN über einen Ort in Brandenburg, der insbesondere von EU-Fördergeldern profitierte. 



NEUES DEUTSCHLAND-Tagesthema: Alt und jung.
In der einen Stadt sind die Familien jung, traditionell und kinderreich. In der anderen altern die Alten und die Jungen sind ausgewandert. Zwei Porträts über Cloppenburg, das sein Kinderglück kaum fassen kann, und Dessau, das zum Rentnerparadies werden will

WEIERMANN, Sebastian (2017): Heile Welt rund um den Pfanni-Turm.
Die niedersächsische Kleinstadt Cloppenburg ist jung und konservativ,
in:
Neues Deutschland v. 02.10.

LASCH, Hendrik (2017): Sehnsucht nach der Schwarmstadt.
Dessau-Roßlau ist die "älteste deutsche Stadt" - und damit (noch) nicht glücklich,
in:
Neues Deutschland v. 02.10.

"Heute bringt es die Stadt in Sachsen-Anhalt regelmäßig zu eher zweifelhaftem Ruhm wegen der vielen alten Dessauer. Das Durchschnittsalter in der Kommune liegt bei 49,5 Jahren - was deutscher Rekord ist: In einer Liste von 400 Landkreisen und kreisfreien Städten, die das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) publizierte, rangiert Dessau-Roßlau ganz am unteren Ende, knapp hinter Suhl und dem Altenburger Land (beide Thüringen). Besserung ist nicht in Sicht. Eine von der Bertelsmann Stiftung herausgegebene Studie zur demografischen Entwicklung geht davon aus, dass das Durchschnittsalter in Dessau im Jahr 2030 sogar bei 51,8 Jahren liegen wird. Der Anteil der Menschen über 65 an der Stadtbevölkerung werde, so die Prognose, von jetzt 29,9 auf dann 37 Prozent steigen",

berichtet Hendrik LASCH als eine Art Kriegsberichterstatter auf dem Felde des demografischen Wandels. Im August fand die "Demografiewoche Sachsen-Anhalt" statt, deren pessimistische Sicht der Artikel unreflektiert transportiert. Während die verantwortlichen Politiker von Schwarmstädten träumen. Im neoliberalen Standortwettbewerb kämpfen die Kommunen um die Jugend und junge Familien, während die älteren Menschen als Anwälte nur die Sozialverbände haben. Deshalb kommt im Artikel ein Vorstand der Volkssolidarität zur Wort:

"Auch ältere Menschen sorgten für Arbeit: bei Sozialdiensten und im Pflegeeinrichtungen, in den Praxen von Ärzten oder Physiotherapeuten. Allein die Volkssolidarität biete in Dessau-Roßlau 180 Menschen einen Job: in der Tagespflege und Pflegeheimen, bei einem »Menüdienst« und einem Reisebüro. Insgesamt habe die Sozial- und Pflegewirtschaft in der Stadt 1.000 Beschäftigte."

Der Sozialstaat hat jedoch in Zeiten der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme einen schlechten Ruf und gilt lediglich als Kostenverursacher und nicht etwa als Job- oder Konsummotor der Wirtschaft.

"Dessau-Roßlau gehörte zu den ersten Städten im Bundesland, die einen Seniorenbeauftragten einsetzten. Der Seniorenbeirat wird regelmäßig gehört",

berichtet LASCH. Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der deutschen Gesellschaft der Langlebigen, dass einerseits die älteren Menschen mittels "Aktivierungsparadigma" zu Junggebliebenen stilisiert werden, während sie andererseits von den traditionellen Sozialverbände wie Pflegefälle behandelt werden. Es mangelt also an einem Vokabular, das den heutigen Verhältnissen gerecht wird, denn sonst wird sich der Altersrassismus, der in den Mainstreammedien recht verbreitet ist, durchsetzen.

FISCHER, Konrad (2017): Schwaben und Chinesen kaufen.
Immobilien: Selbst in Pirmasens kann man 2017 Geld mit Immobilien verdienen. Ein Ortsbesuch belegt den realen Wahnsinn am deutschen Häusermarkt,
in:
Wirtschaftswoche Nr.42 v. 06.10.

Dürfen sich von Medien und Ökonomen stigmatisierte Städte wie Pirmasens der neoliberalen Theorie widersetzen? Wenn es nach Konrad FISCHER ginge, dann nicht. Dazu wird von ihm eine Gleichgewichtsthese aufgestellt: Wenn die Immobilienpreise in den Metropolen steigen, dann müssen sie in der Provinz fallen, denn sonst läuft etwas falsch. Pirmasens wird von FISCHER deshalb nun auch noch zum Problemfall eines fehlgeleiteten Immobilienmarktes stilisiert, denn:

"Nach menschlichem Ermessen dürfte die Mischung aus Abwanderung und Perspektivlosigkeit Immobilien hier zu Ladenhütern machen".

FISCHER inszeniert Pirmasens deshalb als trostloseste Stadt Deutschland, um dann schreiben zu können:

"Natürlich sind die Preise hier noch nicht groß gestiegen, aber eben auch nicht gesunken, was für sich genommen schon erstaunlich ist. In einem Ort, der heute 50 Prozent weniger Einwohner hat als zu seinen besten Zeiten. Und selbst das liegt wohl allein daran, dass so wenig Neubauten auf den Markt kommen."

Wie schlecht steht es um Pirmasens aber tatsächlich? Man könnte z.B. als Indikator für die Perspektivlosigkeit der kreisfreien Städte in Rheinland-Pfalz die Zweitstimmenergebnisse der AfD nehmen. Dann ergäbe sich folgendes Bild der perspektivlosten Städte:

Rang Kreisfreie Stadt AfD-Zweitstimmenanteil Veränderung zu 2013
1 Frankenthal 16,5 % + 11,2 % (2)
2 Ludwigshafen am Rhein 16,3 % + 9,7 % (3)
3 Pirmasens 16,1 % + 11,5 % (1)
4 Worms 15,0 % + 8,9 % (6)
5 Zweibrücken 14,5 % + 9,6 % (4)
6 Kaiserslautern 13,7 % + 9,2 % (5)
7 Speyer 13,5 % + 8,2 % (7)
8 Neustadt an der Weinstraße 12,0 % + 7,5 % (8)
9 Landau 10,0 % + 5,1 % (9)
10 Koblenz 8,4 % + 3,8 % (10)
11 Trier 7,8 % + 3,6 % (11)
12 Mainz 7,3 % + 3,0 % (12)

Betrachtet man die Ergebnisse, dann befindet sich Pirmasens hinsichtlich der Perspektivlosigkeit in Gesellschaft der Städte Frankenthal und Ludwigshafen am Rhein. Betrachtet man die Bevölkerungsentwicklung, dann hatte Pirmasens gemäß dem Statistischen Landesamt Rheinland-Pfalz Ende 2016 40.550 Einwohner. Das waren 420 Einwohner (1 %) mehr als ein Jahr zuvor. Das ist jedoch etwas weniger als beim Zensus 2011. Unter den kreisfreien Städten ist damit Pirmasens Schlusslicht.

Verglichen mit dem Landkreis Südwestpfalz, der Pirmasens umschließt und dessen Verwaltungssitz die Stadt ist, ist die Bevölkerungsentwicklung jedoch positiv (Rückgang seit Zensus 2011 um 2,4 % und selbst im letzten Jahr ging die Bevölkerung um 0,5 % zurück). FISCHER dagegen sieht in Pirmasens nicht ein Oberzentrum mit Entwicklungschancen, sondern einen problematischen Immobilienmarkt:

"In den großen Tagen der Stadt war Pirmasens zwar eine Stadt mit vielen Millionären, aber noch mit viel mehr Arbeitern. So entstanden ganze Stadtviertel mit Straßenzügen voller kleiner Häuser mit kleinsten Wohnungen, in denen heute niemand mehr leben mag. Im Sektor Geschosswohnungsbau liegt die Leerstandsquote in Pirmasens bei neun Prozent, bundesweit ergibt das den dritten Platz, mehr sind es nur in Salzgitter und Chemnitz."

Chemnitz gilt bekanntlich als aufstrebende Stadt in Ostdeutschland, sodass der Indikator an sich nicht aussagekräftig ist.

Fazit: Aus neoliberaler Sicht ist die Stärkung der Starken die Zielsetzung. Einer solchen Sichtweise ist die Stigmatisierung von ganzen Städten und Gemeinden geschuldet, deren Entwicklung durch fragwürdige neoliberale Rankings und bewusste, zusätzliche Abwertung durch negative Berichterstattung gehemmt wird. Die Chancen solcher Regionen bleiben dadurch ungenutzt oder werden gar wie im Fall von Pirmasens zum Problem stilisiert. 

BUCH, Petra (2017): Harte Zeiten für Kaffeehäuser.
Lässt sich das Geschäftsmodell in hektischer Zeit durchhalten? Ein Bericht aus Sangerhausen,
in:
Neues Deutschland v. 07.10.

"Das Kaffeehaus Kolditz in Sangerhausen (Sachsen-Anhalt), gegründet im November 1888, wirbt mit »Wiener Kaffeehauskultur«. Und das inmitten einer früheren Bergbauregion.
Sangerhausen gehört seit dem Strukturwandel nach 1990 zu den Landstrichen, die mit überdurchschnittlich hoher Arbeitslosigkeit und Abwanderung zu kämpfen haben",

erklärt uns Petra BUCH. Die Sozialwissenschaftler Thomas BÜRK & Sabine BEIßWENGER haben in dem Beitrag Stigmatisierung von Städten (2013) exemplarisch an Sangerhausen aufgezeigt wie Stigmatisierungen verlaufen. Die Stadt wurde von der ZEIT vor fast 20 Jahren als "Hauptstadt der Arbeitslosen" beschrieben. BACH interessiert sich dagegen weniger für die Stadt und ihre Probleme, sondern um das Konditorenhandwerk:

"Es gibt diverse Beispiele, wo Traditionen nicht fortgeführt werden konnten. Nur rund 60 Kilometer von Sangerhausen entfernt, in Halle etwa, gingen in einem alten Kaffeehaus, das auch von Feinschmeckern bundesweit empfohlen wurde, die Lichter aus. Andernorts, so in Touristenhochburgen und Kurorten, sind Kaffeehäuser hingegen der Treffpunkt schlechthin und werden von Reisemanagern wärmstens empfohlen."

BUCH betrachtet die Bäckereifilialen als Konkurrenz zum Kaffeehaus, wenn sie fragt:

"Was ist nun das Rezept zum (Über)-Leben mit einem Kaffeehaus mit gut 80 Plätzen (...). Zumal es mittlerweile gefühlt fast an jeder Ecke in Deutschland Bäckereifilialen gibt, die Sitzecken für Kaffee, Kuchen, Torte und auch Herzhaftes anbieten."

Eine befriedigende Antwort gibt der Artikel jedoch nicht.

MORGENSTERN, Tomas (2017): Der Erbe von Hanse und knatternden Mühlen.
Brandenburg: Landesregierung fördert Stadterneuerung und -umbau in Kyritz mit fünf Millionen Euro,
in:
Neues Deutschland v. 09.10.

Tomas MORGENSTERN berichtet über die Aufhübschung der Altstadt von Kyritz mit Fördermillionen der EU und Bund-Länderprogrammen:

"Kyritz ist trotz seiner zehn Ortsteile eine beschauliche Kleinstadt mit insgesamt 9.500 Einwohnern. (...). Reich gemacht haben die Stadt Tuchmacher, Bäcker, Fleischer und Schuhmacher, Gewandschneider und Händler. (...).
Kyritz ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Städte mit historischen Stadtkernen. (...). Die Prignitzstadt hatte den Zweiten Weltkrieg ohne gravierende Schäden überstanden. (...)
Kyritz hat seit 1991 knapp 40 Millionen Euro Fördermittel aus mehreren Programmen für die Stadtentwicklung erhalten. So wurden (...) vor allem die Gestaltung des öffentlichen Raumes (...) und die Sanierung von Stadtbild prägenden Gebäuden in der Altstadt gefördert."

Die AfD erhielt in der Stadt Kyritz 16,8 Prozent der Zweistimmen und blieb unter dem Landesdurchschnitt von 20,2 Prozent.

CLAUß, Anna/EBERLE, Lukas/FRIEDMAN, Jan (2017): Ministerium für Gefühle.
Landleben: Unionspolitiker fordern ein Heimatressort auf Bundesebene. Als Geheimwaffe gegen die Wut besorgter Bürger wird es aber kaum taugen,
in:
Spiegel Nr.42 v. 14.10.

CLAUß/EBERELE/FRIEDMAN beschreiben den Siegeszug des Heimatministeriums in CDU/CSU und des Heimatbegriffs bei den Grünen. Bayern wird uns als Beispiel für die Wirkungslosigkeit eines solchen Ministeriums präsentiert, da dort unter dem Heimatminister Markus SÖDER die AfD bei der Bundestagswahl die meisten Stimmen in Westdeutschland erhielt.

"Der »demografische Turnaround« sei Bayern nachweislich gelungen, vermeldet er stolz. »Der ländliche Raum wächst«, lautet die frohe Botschaft des Heimatberichts 2016.
Wer den liest, stellt fest, dass zwar immer noch mehr Bayern sterben als geboren werden, dass aber der Wanderungssaldo in vielen strukturschwachen Regionen positiv war. Es kamen also mehr Menschen nach Oberfranken oder in die Oberpfalz, als sie verlassen haben. In einigen Regionen gab es sogar Einwohnerrekorde.
Allerdings wurde die Landflucht im vergangenen Jahr weder durch Söders Förderbescheidisierung des Freistaats gestoppt noch durch die vielfältigen Fotowettbewerbe und Mitmach-Aktionen der Jungbauernschaft.
Die meisten der Neubayern im ländlichen Raum kommen aus dem Ausland. Viele davon sind Asylbewerber",

halten CLAUß/EBERELE/FRIEDMAN dem angefeindeten SÖDER, der als neuer starker Mann in Bayern gefürchtet wird, genüsslich vor.   

HAERDER, Max/MERTEN, Milena/NIEJAHR, Elisabeth/SCHLESIGER, Christian/SCHMELZER, Thomas/TUTT, Cordula (2017): Ländlicher Traum.
Förderpolitik,
in:
Wirtschaftswoche Nr.44 v. 20.10.

Die Wirtschaftswoche hält die Stärkung des ländlichen Raumes für falsch und setzt stattdessen auf das neoliberale Stärken der Starken, was in der EMPIRICA-Variante "Stärken stärken" heißt. Auch sonst kommen nur die üblichen neoliberalen Organisationen wie das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung zu Wort. Mit Wendungen wie "Unter Fachleuten ist unbestritten" soll Widerspruch der Wind aus den Segeln genommen werden. Es ist jedoch hochgradig unseriös, wenn solche Floskeln verwendet werden, denn meist steht dahinter nur die Ansicht eines einzigen oder weniger Wissenschaftler.

Als Modellheimat wird uns Leck in Schleswig-Holstein vorgestellt, das gemäß Statistikamt Nord am 31.12.2011 7.716 Einwohner zählte. Ende 2015 waren es nur noch 7.601. Dass Leck eine wachsende Gemeinde wäre, lässt sich also aus diesen Daten nicht ablesen, weshalb HAERDER u.a. lediglich den größten Arbeitgeber am Ort, die Druckerei Clausen & Busse hervorheben:

"In Leck jedenfalls ist Heimatverbundenheit nicht nur ein Gefühl, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor. Hier zieht kaum jemand weg, anders als in den meisten einwohnerarmen Gegenden der Republik. Das, glaubt Druckereichef Pecher, liege am nahen Strand und am weiten Himmel. Aber eben auch an den vergleichsweise sicheren und gut bezahlten Arbeitsplätzen im Ort - und ein wenig sogar an der neuen Landesregierung aus CDU, FDP und Grünen",

meinen die Autoren, die von der lokalen Verbindung von Politik, Firmen und Belegschaften schwärmen. Ob das mehr als nur Politikmarketing ist, das werden uns die Bevölkerungszahlen von Leck in den nächsten Jahren zeigen müssen. Und selbst wenn Leck wächst, eine "Leuchtturmgemeinde" macht noch lange keinen erfolgreichen Politikwandel aus.

MATZIG, Gerhard (2017): Land in Sicht.
Der weltweiten Urbanisierung zum Trotz: Erlebt das Arbeiten und Leben im ländlichen Raum ein Comeback?
in:
Süddeutsche Zeitung v. 21.10.

LASCH, Hendrik (2017): Schifferstadt fürchtet Untergang.
Zehn Jahre nach der Fusion streitet Dessau-Roßlau über den Stadtnamen,
in:
Neues Deutschland v. 21.10.

"Der Name Dessau-Roßlau tauchte erst 2007 auf Landkarten auf. Damals schlossen sich das nördlich der Elbe gelegene Roßlau (...) und das südlich des Flusses gelegene Dessau zusammen. Es war eine Fusion, die eher aus der Not erfolgte: Nur unter dieser Bedingung sah Sachsen-Anhalts Landesregierung davon ab, Dessau im Zuge einer Gebietsreform in einen Landkreis einzugliedern. Die Stadt hatte seit Ende der DDR wegen des Wegbruchs vieler Industriebetriebe 20.000 Einwohner eingebüßt. Unter Einschluss der 12.500 Roßlauer Bürger brachte man es immerhin wieder auf eine Einwohnerzahl von knapp 90.000 - Tendenz seither freilich: weiter kräftig sinkend",

berichtet Hendrik LASCH anlässlich einer Kontroverse um die Namensgebung der Stadt, die eine politische Gruppe zur "Bauhausstadt Dessau" umbenennen möchten, um das schlechte Image der Stadt aufzubessern.

NEIßE, Wilfried (2017): Abkehr vom Streckensterben.
Brandenburg: Das Land setzt stärker auf die Schiene, geht aus dem Entwurf des Nahverkehrsplans hervor,
in:
Neues Deutschland v. 24.10.

HAAK, Sebastian (2017): Schein und Sein der Landärzte.
Weil die Wirklichkeit anders ist als einschlägige TV-Serien zeigen, schickt die Uni Jena Studenten auf Besuchstour,
in:
Neues Deutschland v. 26.10.

MORGENSTERN, Tomas (2017): Der Bahn neues Leben eingehaucht.
Brandenburg: Für zwölf Millionen Euro haben das Land und die DB AG die Regionallinie RE 60 ertüchtigt,
in:
Neues Deutschland v. 26.10.

Tomas MORGENSTERN lobt die Ertüchtigung der Strecke von Wriezen über Frankfurt (Oder) nach Fürstenwalde (Oder-Spree), die sich um 28 Minuten verkürzt, jedoch nur, wenn die Anschlüsse erreicht werden. Wer jahrelang gependelt ist, der weiß, dass eine Umsteigezeit von nur vier Minuten bedeutet, dass der Anschlusszug öfters weg ist. Auf dem Papier sieht das aber immer gut aus!

Die brandenburgische Stadt Wriezen ("rund 7.300 Einwohner") soll gemäß MORGENSTERN als Schulstandort aufgewertet werden.

WERNICKE, Christian (2017): Die Entmündigung.
Eine Stadt wird unter Kuratel gestellt, ihr Haushalt von einer Landesbeamtin diktiert. In der Gemeinde Herten in Nordhrein-Westfalen lässt sich mit Händen greifen, wie das Elend in Westdeutschland gärt,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 04.11.

Der Artikel reiht sich ein in jenen Tenor, der statt Ost-West-Unterschiede, die Unterschiede zwischen strukturschwachen und -starken Regionen in Gesamtdeutschland in den Mittelpunkt rückt. Die über 61.000 Einwohner zählende Stadt Herten, die "mit drei Zechen einst Europas größte Bergbaustadt" war, ist hoch verschuldet und soll deshalb sparen.

"Die steigenden Ausgaben für die Sozialhilfe, der Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz - all des addiert sich. Der Staat verlangt, dass die Eltern knapp ein Fünftel der Kindergartenkosten zahlen. Nur, wie soll Toplak das einer Bevölkerung abverlangen, in der jeder neunte arbeitslos ist?",

macht sich WERNICKE die Argumentation des parteilosen Bürgermeisters Fred TOPLAK zu eigen, der "68 Jahre SPD-Herrschaft" in Herten beendet hat. Mit Prestigeprojekten wie der RevuePalast Ruhr soll die Stadt attraktiver gemacht werden.

In der Stadt Herten wurde die AfD bei der Bundestagswahl 2017 mit 13,1 Prozent drittstärkste Kraft hinter SPD und Union (Spitzenergebnis im Wahlkreis 1.2: 21,7 %).

ND/DPA (2017): Mehr als 100 Kilometer Schulweg.
Sachsen-Anhalt: Das Netz für berufliche Bildung im Land steht in der Kritik,
in:
Neues Deutschland v. 08.11.

"»Ein angehender Werkzeugmechaniker aus Sangerhausen müsste zur Berufsschule ins rund 100 Kilometer entfernte Bitterfeld fahren«, nannte Björn Bösse von der IHK Halle-Dessau ein Beispiel. Ohne Auto dauere das mit Bus und Bahn für eine Strecke mehr als drei Stunden.
Fleischerlehrlinge aus dem Norden Sachsen-Anhalts hätten laut Grupe bis zu 200 Kilometer zurückzulegen, um zur Berufsschule nach Weißenfels zu kommen", heißt es in der Agenturmeldung.

ND/DPA (2017): Finanzverwaltung im Nordosten steht vor Umbruch.
Mecklenburg-Vorpommern: Zahl der Amtsbezirke soll stark reduziert werden, mehrere Standorte werden Außenstelle,
in:
Neues Deutschland v. 08.11.

"Als Hauptsitze für die künftig vier Finanzämter schlägt er (Anm.: der Finanzminister von Mecklenburg-Vorpommern) Greifswald, Waren, Rostock sowie Schwerin vor. Güstrow, Hagenow, Neubrandenburg, Ribnitz-Damgarten, Stralsund und Wismar sollen Außenstellen werden. Die bisherigen Außenstellen in Pasewalk und Malchin blieben erhalten", heißt es in der Agenturmeldung.

HUNZIKER, Christian  (2017): Zurück aufs Land.
Alle reden von der Wohnungsnot in den Großstädten. Eine Lösung könnte die Stärkung bestimmter Städte und Gemeinden in der Provinz sein,
in:
Welt v. 15.11.

Christian HUNZIKER gilt Neuruppin als Modellstadt für Ankerstädte, die den ländlichen Raum retten sollen:

"Neuruppin: eine 31.000 Einwohner zählende brandenburgische Kommune, die eine wachsende Bevölkerung aufweist, obwohl sie im strukturschwachen, schrumpfenden Landkreis Ostprignitz-Ruppin liegt."

Ankerstädte werden folgendermaßen definiert:

"Mittelstädte, die sich durch ein attraktives Orts- und Stadtbild auszeichnen und positiv auf ihr Umland ausstrahlen".

Dies widerspricht jedoch dem, was Neuruppin (AfD-Zweitstimmenanteil von 17,1 % bei der Bundestagswahl)  ist, denn offenbar strahlt sie nicht aufs Umland aus, wenn dieses schrumpft und strukturschwach ist. Eher ist es so: Orte, die attraktiv für Investoren sind, werden zu Ankerstädten erklärt - egal, ob sie gut fürs Umland sind oder nicht.

In Brandenburg ist gerade die rot-rote Gebietsreform gescheitert. Modelle sehen anders aus!

SIEMS, Dorothea  (2017): Mär vom armen Dorf.
Leitartikel: Die Politik treibt die Angst vor den Abgehängten in den ländlichen Regionen um. Die Kanzlerin verspricht Hilfen. Dabei gibt es gar kein wachsendes Stadt-Land-Gefälle,
in:
Welt v. 15.11.

Dorothea SIEMS wendet sich gegen eine Politik, die soziale Ungleichheit bekämpft. Sie fordert die Starken zu stärken. Die Menschen sollen abwandern aus den "tristen Gebieten".

LEMBKE, Judith & Kristina PEZZEI  (2017): Raus aus der Großstadt.
Die Wohnungskrise kennt auch Gewinner: Die Provinz will von den hohen Preisen in den Metropolen profitieren. Die Städte im Schatten bringen sich in Stellung - und wähnen den Zeitgeist auf ihrer Seite,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 19.11.

LEMBKE & PEZZEI berichten über die Vorstellungen der Lobbyisten der Wohnungswirtschaft, die bereits Ende Juni das Handlungskonzept zur polyzentralen Standortsicherung von Abwanderungsregionen veröffentlichten. Durch Preissteigerungen in den Metropolen und den Erfolg der AfD ist der Ländliche Raum in den Blickpunkt gerückt.  

LEMBKE, Judith & Kristina PEZZEI  (2017): Ganz schön provinziell!
Städte und Gemeinde, die abseits der Ballungszentren wachsen, haben in der Regel meist mehr zu bieten als günstige Immobilienpreise und Natur. Wir haben uns im Land umgehört,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 19.11.

Während die Lobbyisten auf attraktive Mittelstädte ("Ankerstädte") setzen, stellen LEMBKE & PEZZEI Kommunen vor, die sich selber als aufstrebende Gemeinden vermarkten: das hessische Freienseen (seit 1972 Stadtteil der Gemeinde Laubach), das ostwestfälische Hiddenhausen, Suhl in Thüringen, Altena im Ruhrgebiet, das Schweinfurter Land in Bayern und Spessart in der Vordereifel.

Suhl gehört zwar seit der Wende zu den stark schrumpfenden ostdeutschen Städten, hat aber offenbar eine starke Lobby, die darauf drängt die rund 35.000 Einwohner zählende Stadt als Oberzentrum aufzuwerten.

BECKER, Kim Björn & Kristiana LUDWIG (2017): In Behandlung.
Übung macht den Meister - das gilt auch für Ärzte. Gesundheitsexperten fordern, das sich einige deutsche Klinken auf bestimmte Eingriffe spezialisieren und andere dafür schließen. Doch für die Krankenhausplanung sind die Bundesländer und Kommunen zuständig. Und die haben eigene Interessen. Ein Besuch in zwei Kliniken,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 21.11.

BECKER & LUDWIG beschreiben die Politik als Störfaktor bei betriebswirtschaftlicher (Beispiele Tauberbischofsheim/Bad Mergentheim und Leipzig) Effizienz. Obwohl die Bevölkerung wächst und altert, soll die Anzahl der Krankenhäuser wegen des Spardiktats reduziert werden:

"Überall im Land kämpfen Krankenhäuser ums Überleben, ihre Zahl ist seit den Neunzigerjahren schon um gut ein Fünftel gesunken, von 2411 auf 1951. Und sie wird wohl noch weiter sinken, denn eine Studie attestierte weiteren 20 Prozent der Häuser, dass sie auf wirtschaftlich wackeligen Beinen stehen. Das neoliberale Lobbyinstitut RWI erstellte die Liste von Krankenhäusern mit erhöhter Insolvenzgefahr. Eine PR der neoliberalen Privatstiftung Bertelsmann sieht in der Spezialisierung das Allheilmittel. Es wird mit geringen Durchschnittswerten zu Anfahrtswegen argumentiert - was wenig aussagt, denn der Durchschnitt zweier Kliniken mit 5 Minuten und 55 Minuten beträgt lediglich 30 Minuten. In Notfällen entscheidet das über Leben und Tod.      

RIETZSCHEL, Antonie (2017): "Verraten und verkauft".
Für viele Beschäftigte in Görlitz war Siemens nicht nur ein Arbeitgeber, sondern eine Familie. Doch über die geplante Schließung wurden sie nur per Mail informiert. Besuch in einer Stadt, die um ihre Zukunft bangt,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 22.11.

WOLFF, Bettina  (2017): Dann trägt Siemens Görlitz zu Grabe.
Das Görlitzer Turbinenwerk soll nach 170 Jahren geschlossen werden. Die Belegschaft wehrt sich. Es ist ihre letzte Chance,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 25.11.

RATHKE, Martina (2017): Wo die Jugend so um die 50 ist.
Mecklenburg-Vorpommern: Was hat die Kreisreform kleinen Orten wie Zudar gebracht? Die Probleme wurden eher verschärft, sagen Experten,
in:
Neues Deutschland v. 25.11.

"Zudar ist ein kleiner Ort mit etwa 350 Einwohnern im Süden der Insel Rügen. Seit der Wende verlor das Dorf etwa die Hälfte seiner Bewohner. Die Jugendlichen zog es in den Westen oder in größere Städte. Die Älteren blieben. »Wenn unsere Generation weg ist, gibt es keine Einheimischen mehr«, sagt Sponholz.
Vielen kleinen Orten in Mecklenburg-Vorpommern geht es wie Zudar. Während Kommunen mit zwischen 5000 und 10 000 Einwohnern überdurchschnittlich wachsen, sind vor allem die Gemeinden mit unter 2000 Einwohnern von Schrumpfung betroffen, sagt der Greifswalder Wirtschaftsgeograf Helmut Klüter. »Die Annahme aber, dass der gesamte ländliche Raum stirbt, stimmt nicht.« Kleine Landstädte, Dörfer an wichtigen Verkehrsadern wie der A 20 oder die Seebäder seien attraktiv für Zuwanderer. Dort sei das Wanderungssaldo positiv",

berichtet Martina RATHKE über die Entwicklung in Mecklenburg-Vorpommern. Helmut KLÜTER hat in einem Vortrag aus dem Jahr 2015 die Bevölkerungsvorausberechnung für Mecklenburg-Vorpommern angezweifelt. Im Artikel zitiert RATHKE seine Kritik an der Statistik und den darauf beruhenden Geldzuweisungen an Kommunen:

"(D)ie Häuser in Zudar sind fast alle saniert. Die schönsten von ihnen allerdings (...) sind Zweitwohnsitze, die nur im Sommer bewohnt werden. (...).
Diese Einwohner auf Zeit spielen aber in den Statistiken bislang keine Rolle. »Sie werden weder bei der Berechnung der Einwohnerzahlen noch bei den Schlüsselzuweisungen an die Gemeinden berücksichtigt«, kritisiert Klüter. Dies sei fatal, weil die Gemeinden die Infrastruktur vorhielten. Besonders für Vorpommern, wo zwei Drittel der touristischen Wertschöpfung des Landes generiert werde, sei dies problematisch. In Schweden beispielsweise würden die Sommerhausgebiete im Norden des Landes durch die Umlagen der reicheren Städter finanziert. Ein mögliches Modell für Mecklenburg-Vorpommern?"

Der Tourismus ist für Gemeinden wie Zudar jedoch nur ein kurzes Saisongeschäft während der sommerlichen Hochsaison, wenn die Badeorte Binz, Sellin oder Göhren von Urlaubern überlaufen sind. Die rhetorische Aufwertung des ländlichen Raumes angesichts der AfD-Erfolge dürfte kaum reichen, um kleinere Gemeinden vor dem Niedergang zu retten.

WERNICKE, Christian (2017): Der Hass erreicht Altena.
Andreas Hollstein, Bürgermeister einer Kleinstadt, setzt sich für Flüchtlinge ein - und wird Opfer einer Messerattacke,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 29.11.

Der Artikel ist größtenteils aus der Floskelmaschine zusammengebastelt worden, während die Situation der Stadt schöngeredet wird. Im Jahr 2014 wurde in Altena ein Sparkommissar eingesetzt. Ist Altena also überall, wie uns die SZ erklärt? Oder hat die besondere Situation der Kleinstadt dazu nicht auch beigetragen?

"Im Sommer 2015 (...) hatte Altena freiwillig hundert Menschen mehr aufgenommen als sie musste, vorzugsweise Familie aus Syrien. Hollstein wollte seine Stadt »verjüngen«. Die Stadt leidet seit Jahrzehnten unter dem, was Politiker »Strukturwandel« nennen. Früher karrten Busse aus dem Ruhrgebiet jeden Morgen Malocher aus dem Ruhrgebiet ins Sauerland. Draht-, Metall- und Elektroindustrie schufen Wohlstand, doch die sind längst weggezogen. Oder pleite. Altena schrumpfte von 32.000 auf 17.000 Einwohner, viele Wohnungen standen leer. Genug Platz für heute 450 Flüchtlinge",

erzählt uns Christian WERNECKE. Man könnte hier auch von Altersrassismus sprechen. Mit ein paar Flüchtlingen lässt sich keine Stadt "verjüngen", die 17.000 Einwohner zählt. Aber es schürt den Hass auf die Alten. Soll also mit Altersrassismus die Fremdenfeindlichkeit bekämpft werden? Sollten besser die Alten aus der Stadt verjagt werden, damit sie jünger wird? Oder ist nicht das Fehlen von Arbeitsplätzen das eigentliche Problem?

"Altena hatte sich zuletzt berappelt. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 6,9 Prozent, weitaus niedriger also als im Ruhrgebiet. Die AfD kam bei der Bundestagswahl auf 10,9 Prozent, weniger als sonst in NRW. Die Armut ist nicht größer als anderswo, Bürgermeister Hollstein zählt vier Obdachlose in seiner Stadt",

erklärt uns WERNICKE. Altena liegt im Sauerland. Weil dort aber die Arbeitslosigkeit viel geringer ist als im Ruhrgebiet, würde das Altena schlecht aussehen lassen, weshalb WERNICKE einfach den Vergleichsmaßstab geändert hat.

Altena gehörte bei der Bundestagswahl 2017 zum Wahlkreis 150 Märkischer Kreis II. Die AfD kam dort auf einen Zweitstimmenanteil von 11,6 Prozent. In Nordrhein-Westfalen erhielt die AfD dagegen nur 9,4 %. In Altena wählten also - entgegen dem Artikel von WERNICKE - mehr Menschen die AfD als in Nordrhein-Westfalen.

BEDERKE, Jeanette (2017): "Zieh nach Frankfurt"-Kampagne will Studenten anlocken.
Brandenburg: Etwa jeder zweite der 6.600 Studenten an der Europa-Universität Viadrina pendelt täglich von Berlin nach Frankfurt (Oder),
in:
Neues Deutschland v. 30.11.

Jeanette BEDERKE berichtet über den verzweifelten Kampf einer ostdeutschen Universitätsstadt um mehr Studenten mit Erstwohnsitz. Dabei geht es kaum nur um den Aufbau einer lebendigen Studentenszene, sondern um knallhartes Geldmanagement, das durch neoliberale Stadtpolitik und die absurden Regularien des Finanzausgleichs erzeugt wird. Diese Absurditäten betreffen längst nicht nur Studenten, sondern auch unerwünschte Einwohnergruppen, die Städte ausgrenzen möchten. Im Namen des demografischen Wandels werden Kommunen von Land und Bund geknechtet. Eine solche Politik spielt den Rechtspopulisten geradewegs in die Hände.

MÄDLER, Katrin (2017): Mit Jugend und frischem Wind.
Junge Menschen wollen in Adorf gegen die Bevölkerungsprognose kämpfen,
in:
Neues Deutschland v. 04.12.

SCHÖNBACH, Miriam (2017): Schöne Bescherung für "Görliwood".
Nachfrage nach dem Drehort in der internationalen Filmbranche ist hoch,
in:
Neues Deutschland v. 05.12.

HONNIGFORT, Bernhard (2017): Schöne Kulisse, hässliche Aussichten.
Siemens will in Görlitz sein Turbinenwerk schließen. Für die wirtschaftsschwache Grenzregion zu Polen ist das eine Tragödie,
in:
Frankfurter Rundschau v. 09.12.

JAEGER, Mona (2017): Unter Gurken.
Heimat: Der Spreewald ist stolz auf seine Produkte. Doch die Gemüsebauern haben es nicht leicht. Zudem wollte Potsdam das Land noch umkrempeln. Was bleibt da von Heimat übrig?
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 11.12.

VOLLMUTH, Hannes (2017): Alles muss raus.
Seit es in der Stadt eine Shoping-Mall gibt, stirbt das Zentrum. Eine Geschichte aus Schweinfurt, die so und anders an vielen Orten in Deutschland spielt,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 16.12.

KOOLHAAS, Rem (2017): Die Provinz ist die Zukunft.
Mehr als die Hälfte der Menschen leben in Städten. Deshalb glauben viele, dass dort unser Leben bestimmt wird. Doch was derzeit auf dem Land geschieht, könnte die Gesellschaften weitaus nachhaltiger verändern,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 16.12.

Der Stararchitekt Rem KOOLHAAS, ein typischer Stadtplaner, entdeckt nun das Dorf. Das Dorf, das er kennt, ist bevölkert von wohlhabenden Städtern wie ihm, die als Ferienhausbesitzer die attraktiven Landgegenden prägen, z.B. im Schweizer Engadin:

"Viele (...) Häuser in dem Dorf sind von Städtern übernommen worden, die sich gemütlich eingerichtet haben, assistiert von Helfern, die in Malaysia, Thailand oder auf den Philippinen angeworben wurden. Viele dieser Häuser, die das Dorf haben wachsen und wachsen lassen, stehen die meiste Zeit leer. Nur zu den Ferienzeiten scheint der Ort zu explodieren."

Man darf bezweifeln, dass Stadtarchitekten wie KOOLHAAS geeignet sind, um die abgehängten Regionen zu retten.

HAVENSTEIN, Bernd (2017): Von Puppen und Toilettenbecken.
Seit über 300 Jahren gibt es den Spielwarenladen Loebner im sächsischen Torgau. In der DDR hat die Familie clever gewirtschaftet, heute boomt der Onlinehandel. Ein Besuch,
in:
Neues Deutschland v. 16.12.

GERLACH, Thomas (2017): Görlitz flackert.
Reportage: Weihnachten naht, und die Stadt strahlt. Wäre da nicht dieses unglaubliche Verdikt aus München: Siemens will sein Werk tief im Osten schließen,
in:
TAZ v. 21.12.

KUNTZ, Michael (2017): Pensionopolis.
Görlitz ist mehr als nur Siemens - schon seit langem ist die östlichste Stadt Deutschlands mit niedrigen Mieten und ihren 4000 Baudenkmälern ein attraktiver Ort, um den Ruhestand zu verleben. Rentner sind hier willkommen. Das gilt umso mehr, wenn jetzt Arbeitsplätze wegfallen,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 23.12.

LASCH, Hendrik (2017): Auf dem Land und trotzdem auf Draht.
Sachsen-Anhalt: In der Altmark nehmen die Kommunen den Ausbau des schnellen Internets selbst in die Hand,
in:
Neues Deutschland v. 29.12.

"20 Gemeinden und die beiden Landkreise im Norden des Landes Sachsen-Anhalt gründeten (...) den »Zweckverband Altmark« (ZVA) mit dem Ziel, die Region mit schnellem Internet zu versorgen - eine Region, die mit 4700 Quadratkilometern fast so groß ist wie das Saarland und Luxemburg zusammen, in der aber nur 200.000 Menschen leben. Weil in den Ortschaften mit mehr als 2000 Einwohnern private Anbieter aktiv sind, soll sich der Zweckverband um die weit verstreuten Dörfer und Gehöfte kümmern; es geht um rund 33.000 Anschlüsse von Privatpersonen und Firmen",

erklärt uns Hendrik LASCH zu einem Vorhaben, das zu einem Milliardengrab zu werden droht, weil die Politik die Kosten eines solchen Unterfangens unter- bzw. den Nutzen überschätzt. Erwähnt werden im Artikel nur die Stadt Tangerhütte mit ihrem Ortsteil Grieben und dem mit den Medien gut vernetzten Bürgermeister. 

LASCH, Hendrik (2017): Den Anschluss voll verpasst.
Breitband: Sachsen-Anhalt ist Letzter beim Vorletzten,
in:
Neues Deutschland v. 29.12.

HANACK, Peter (2017): Aus vier mach eins.
FR-Tagesthema Gemeindefusion: Der erste Zusammenschluss seit 40 Jahren lässt im Odenwald die Stadt Oberzent entstehen,
in:
Frankfurter Rundschau v. 29.12.

Peter HANACK berichtet über die neue hessische Gemeinde Oberzent, in der die vier Gemeinden Beerfelden, Rothenberg, Sensbachtal und Hesseneck mit insgesamt 19 Ortsteilen am 1. Januar 2018 aufgehen werden.

BEBENBURG, Pitt von (2017): Alles zusammen machen.
FR-Tagesthema Gemeindefusion: Kooperationen funktionieren andernorts auch ohne Fusion,
in:
Frankfurter Rundschau v. 29.12.

Pitt von BEBENBURG berichtet über die Interkommunale Zusammenarbeit (IKZ) als Königswegs zu effizienteren Gemeindestrukturen.

"Damit nicht jede Zusammenarbeit neu erdacht werden muss, sammelt das »Kompetenzzentrum für Interkommunale Zusammenarbeit« (KIKZ) Beispiele für gelungene Modelle und berät die Kommunen. Das KIKZ war 2009 vom Land gemeinsam mit den kommunalen Spitzenverbänden gegründet worden. Seit 2013 hat die Landesregierung die Trägerschaft des Zentrums übernommen. Es ist seit 2015 in einer Stabsstelle bei Beuths Staatssekretär Werner Koch (CDU) angesiedelt",

berichtet BEBENBURG. Als Vorzeigeprojekt wird der Kreis Groß-Gerau gepriesen. Daneben gelten Gemeindeverwaltungsverbände als geeignetes Mittel.

FRITSCHE, Andreas (2007): Komm zurück nach Elbe-Elster.
Brandenburg: Die Staatskanzlei unterstützt im kommen Jahr vier Rückkehrerinitiativen,
in:
Neues Deutschland v. 30.12.

Im neoliberalen Standortwettbewerb wird mit viel Geld um junge Familien gebuhlt:

"In der Fremde haben sie sich in der Regel etabliert, haben anständig bezahlte Jobs - aber auch Kinder, um die sich die Großeltern nicht kümmern können, weil sie viel zu weit weg wohnen",

nennt Andreas FRITSCHE die anvisierte Zielgruppe. Das Geld wäre besser dafür verwendet die Kinderbetreuung und die Lehrerausstattung in Grundschulen zu verbessern. Das Land finanziert solche Rückkehrerprojekte im Landkreis Elbe-Elster, in Guben sowie in Müncheberg und Buckow.

MORGENSTERN, Tomas (2017): Das Land lässt sich die Städte etwas kosten.
Die meisten märkischen Städte und Gemeinden haben das Grau der Vergangenheit überwunden, viel Geld in ihre Infrastruktur investiert. Hilfe erhalten sie dabei aus Bund-Länder-Programmen,
in:
Neues Deutschland v. 30.12.

 
     
 
       
   

weiterführender Link

 
       
   

Der ländliche Raum und Mittelstädte im demografischen Wandel: Teil 6 - 2018

 
       
   
 
   

Bitte beachten Sie:
single-generation.de ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten

 
   
 
     
   
 
   
© 2002-2018
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 03. April 2017
Update: 27. Juli 2018