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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Sachsen im demografischen Wandel

 
       
   

Von der einstigen CDU-Hochburg zum ersten AfD-regierten Bundesland? (Teil 2)

 
       
     
   
     
 

Kommentierte Bibliografie (Teil 2: 2010 - 2016)

2010

BOLZEN, Stefanie (2010): Chemnitz wird zur "ältesten" Stadt in ganz Europa.
Die meisten Senioren - Deutschland ist Rentnerland,
in: Welt v. 20.01.

"Die Stadt Chemnitz wird in 20 Jahren die älteste Stadt Europas sein. Keine andere Region hat dann einen so hohen Anteil an über 65-Jährigen: 37,7 Prozent. In der britischen Hauptstand London werden es nur 10,4 Prozent sein.
Diese Entwicklung blegt eine neue Studie von Eurostat, die eine Bevölkerungsprojektion für die 281 EU-Regionen zwischen 2008 und 2030 aufstellt", berichtet Stefanie BOLZEN.

BANSE, Juliane/MÖBIUS, Martina/DEILMANN, Clemens (2010): Wohnen im Alter 60+. Ergebnisse einer Befragung in der Stadt Döbeln, IÖR Text Nr.160, Juli

Studienergebnisse einer Befragung von 60 bis 95Jährige in der sächsischen Mittelstadt Döbeln mit rund 21.000 Einwohnern. Themen waren die gegenwärtige Wohnsituation, Umzugsabsichten und bevorzugte Wohnformen für das Alter geäußert. Die Ergebnisse soll für "ostdeutsche Städte mit gemischter Baualtersstruktur der Wohnungen in der entsprechenden Gemeindegrößenklasse" repräsentativ sein. Außerdem wird auf die Unterschiede zwischen sächsischen Mittelstädten im Vergleich zur Großstadt Dresden eingegangen

AUS POLITIK UND ZEITGESCHICHTE-Thema: Deutsche Einheit

RINGEL, Felix (2010): Hoytopia allerorten? Von der Freiheit zu bleiben,
in: Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.30-31 v. 26.07.

Felix RINGEL beschreibt Hoyerswerda als Stadt, die sowohl in der DDR als auch in Deutschland zur Avantgarde geworden ist:

"In Hoywoy, wie die Neustädter ihr neues Zuhause nannten, folgte man architektonisch der Bauhaus-Moderne. (...). Die Stadt wuchs in jener Zeit von anfangs 7000 auf mehr als 70 000 Einwohner. Es kamen vor allem junge Familien auf der Suche nach Arbeit und einer Wohnung mit in Nachkriegsjahren rarem modernem Komfort: Warmwasser, eigenes Bad, Fernheizung. Schnell wurde Hoyerswerda bei einem Durchschnittsalter der Einwohner von knapp 27 Jahren zur jüngsten und kinderreichsten Stadt der DDR. (...).
In nur 20 Jahren hat sich die Hauptstadt des Lausitzer Reviers von ihrer einst strahlenden Zukunft verabschiedet. Zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung macht Hoywoy vor allem eins: Es schrumpft. Damit ist es jedoch nicht allein getan. Im Gegenteil, ganz Ostdeutschland kämpft mit einer stetig geringer und älter werdenden Bevölkerung, mit sich entleerenden Dörfern und Landschaften und den vielen Problemen, die mit einem derartigen demografischen Wandel einhergehen. (...). Würden Migranten nicht das »Humankontingent« stärken, wäre Schrumpfung allerorten ein Thema. Hoywoy ist, wenn auch unerwartet und ungewollt, wieder zur Avantgardestadt geworden, und mit ihr die Ostdeutschen zu neuen Lebensexperten."

Was musste passieren, fragt sich deshalb RINGEL, dass die Stadt innerhalb so kurzer Zeit über die Hälfte ihrer Bürgerinnen und Bürger verloren hat und nun auf dem Weg zur ältesten Stadt Deutschlands ist. Eine einfache Antwort findet RINGEL darauf nicht, stattdessen fordert er Unterstützung für die Dagebliebenen:

"Die verbliebenen rund 37 000 Hoyerswerdaer brauchen jede Unterstützung. Denn die Schrumpfung hat noch lange nicht aufgehört: Bis zum Jahr 2020 könnte die Bevölkerung auf unter 25 000 Menschen sinken. Neben den persönlichen Schicksalen und ungewollten Veränderungen bereitet vor allem die gefährdete Lebensqualität den Dableibern"

Mit welchen Maßnahmen sich Hoyerswerda gegen diesen Niedergang wehrt beschreibt RINGEL im letzten Teil des Beitrags.

PROGNOS (2010): Zukunftsatlas 2010.
Alle 412 Städte und Kreise im Test,
in: Pressemitteilung der Prognos AG v. 15.11.

2011

TUTT, Cordula (2011): Wohlstandskinder.
Geburten in Dresden: Paare in Deutschland schieben ihren Kinderwunsch nicht länger auf. Eine Trendwende kommt langsam in Sicht,
in: Wirtschaftswoche Nr.1/2 v. 10.01.

Cordula TUTT stilisiert die Dresdnerinnen zu Pionierinnen des deutschen Babybooms. Mit Hans BERTRAM und Michaela KREYENFELD hat sie zudem zwei Experten gefunden, die im Gegensatz zum bundesrepublikanischen Mainstream dem Elterngeld eine langfristig geburtenfördernde Wirkung zuschreiben.

HORDYCH, Harald (2011): Daheim ist daheim.
Wer von der Kleinstadt in die Großstadt geht, hat es geschafft. Aber was ist eigentlich mit denen, die wieder zurückkehren? Sind sie Verlierer? Oder heimliche Gewinner?
in: Süddeutsche Zeitung v. 15.01.

VOIGT, Andreas  (2011): Leipzig, neue Hauptstadt der Gründerzeit.
Mehr als 12.000 Häuser stehen in der Stadt unter Denkmalschutz. Viele wurden aufwendig saniert. Das zieht die Blicke an - und Geld,
in:
Welt am Sonntag v. 30.01.

Andreas VOIGT schildert die verschiedenen Phasen der Stadtentwicklungspolitik, die zum weitgehenden Erhalt der Gründerzeitgebäude in Leipzig führten (mehr hier).

LOCKE, Stefan (2011): Kinder, Kinder.
Dresden ist die geburtenstärkste Stadt im Land. Ein Fotograf dokumentiert seit zwei Jahren das kleine Wunder in seiner Heimat,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 20.03.

Ist Dresden tatsächlich die geburtenstärkste Stadt im Land?

"So viele Kinder, Kinderwagen und schwangere Frauen begegnen einem in kaum einer anderen deutschen Stadt; in nackten Zahlen ausgedrückt, waren es 5609 Babys, die hier 2009 das Licht der Welt erblickten. In der Statistik entspricht das 10,9 Kindern je 1000 Einwohner - und hat gereicht, den bisherigen Spitzenreiter München (10,8) zu entthronen",

berichtet Stefan LOCKE. Bei den Zahlen handelt es sich lediglich um rohe Geburtenziffern, d.h. die Zahlen werden durch die unterschiedliche Einwohnerstruktur von Städten verfälscht. Städte mit wenigen jungen Menschen unter 15 Jahren, also gerade jene mit in den vergangenen Jahren geringen Geburtenzahlen haben gegenüber Städten mit in den vergangenen 15 Jahren höheren Geburtenzahlen bessere Chancen zur geburtenstärksten Stadt zu avancieren. In die rohen Geburtenziffern gehen eben nicht nur die gebärfähigen Frauen der 15-45Jährigen ein, sondern auch diejenigen, die keine Kinder gebären können, d.h. zu junge und zu alte Frauen. Dies führt dazu, dass Städte mit einer hohen Einwohnerzahl der 15-45Jährigen ein besseres Verhältnis von Geburten je 1000 Einwohner erreichen können, als Städte, die relativ viele Kinder und alte Menschen aufweisen.
            Die Dresdner Neustadt, bundesweit bekannt geworden durch Uwe TELLKAMPs Buch Der Turm soll gemäß LOCKE der geburtenreichste Stadtteil in ganz Europa sein, aber auch hier gilt wie für den Prenzlauer Berg in Berlin, dass solche Aussagen eher unter aufmerksamkeitsökonomischen Aspekten und im Hinblick auf eine "symbolische Gentrifizierung" relevant sind als unter demografischen Gesichtspunkten. So wie ab den 1990er Jahren die Single-Rhetorik den Familialismus stärken sollte, so wird inzwischen die Familien-Ästhetik zelebriert. Der mediale Baby-Boom soll den tatsächlichen Baby-Boom miterzeugen.
            Bereits im Jahr 2005 prognostizierte single-generation.de in einer Kritik des Buches Die Emanzipationsfalle der Journalistin Susanne GASCHKE, dass Studieren mit Kind bald kein Exotenfach mehr sein wird und die Doppelkarriere-Familie die Stadt erobern werden. Beides ist in Dresden und anderen Dienstleistungszentren geschehen.

"Auch die Universität hat auf den Baby-Boom reagiert und zwei Kitas mit 230 Plätzen sowie eine Kurzzeitbetreuung, das »Campusnest«, eingerichtet, in der Studenten ihre Kinder für ein oder zwei Vorlesungen abgeben können. Das kostet maximal sechs Euro, und das Angebot platzt aus allen Nähten, denn 3000 der 40.000 Dresdner Studenten sind Eltern, drei Prozent mehr als im Bundesdurchschnitt."

Sachsen gehörte bereits in der Weimarer Republik zu den Bundesländern mit dem größten Geburtenrückgang. Wilhelm HARTNACKE erschrieb sich mit seinem Buch Bildungswahn - Volkstod (1932) das Ministeramt für Volkserziehung. Fast 80 Jahre später ist das Thema mit Deutschland schafft sich ab von Thilo SARRAZIN wieder virulent. Die Frage ist: schafft Deutschland diesmal die Wende oder gewinnen die Nationalkonservativen wieder die Oberhand? Die berufstätige Karrieremutter ist in Deutschland ein neues Phänomen, denn der Nationalsozialismus sah in ihr noch eine Bedrohung. Wird sie in Zukunft das Mutterbild in Deutschland bestimmen oder behalten Nationalkonservative wie Tilman MAYER, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Demographie, Recht, die Deutschland demografisch am Abgrund sehen und das Heil nur in einer massiven Demografiepolitik sehen, die vor allem gegen Kinderlose gerichtet ist?

NEON-Titelgeschichte: Die beste Stadt für dich!
Arbeiten, feiern, Freunde finden: Welcher Ort in Deutschland jetzt der richtige für dich ist

FUCHS, Christian (2011): Leipzig.
Für (Lebens-)Künstler,
in: Neon,
Juli

MACHOWECZ, Martin (2011): Dresden.
Für Ingenieure mit Sinn für Kunst,
in: Neon,
Juli

Der Dresdner hat keinen guten Ruf ("barocke Bräsigkeit"), weshalb die Stadt mit anderen Vorzügen beworben wird:

"Dresden ist heute der Ort für Ingenieure und Wissenschaftler. Sachsen kämpft nicht mehr um Arbeitsplätze. Es kämpft um Fachkräfte. Eine ganze Generation Gutgebildeter ist in den Westen gezogen, aber die freien Stellen sind hier. Zu tausenden, im »Silicon Saxony« am Stadtrand. Die Technische Universität gehört bei den Ingenieurwissenschaften zu den besten Unis des Landes. Forschung boomt. Dresden wirbt überall um Fremde, aber sie kommen nicht. Die Stadt hat eine Ausländerquote von gerade vier Prozent.
Dabei bietet Dresden Lebensqualität zu unschlagbaren Konditionen. (...) Wer  länger bleibt, geht dem Touristenwahnsinn aus dein Weg - und zieht in die Neustadt. Europas größtes Gründerzeitviertel ist eine Festung aus Kneipen und Bars. Den Touristen wird sie als »Szenestadtteil« vorgestellt, die meisten betreten sie dann gar nicht erst."
 

SAB (2011): Wohnungsbaumonitoring 2011. Perspektiven und Trends der Entwicklung auf dem sächsischen Wohnungsmarkt, herausgegeben von der Sächsischen Aufbaubank

Das Wohnungsbaumonitoring 2011 wurde aufgrund der Kreisreform des Jahres 2011 auf 59 SAB-Wohnungsmarktregionen umgestellt, die folgendermaßen beschrieben werden:

"Für die Abgrenzung der Wohnungsmarktregionen in Sachsen wurden insbesondere die Nahwanderungen berücksichtigt. Im Ergebnis der Analysen der Pendler- und Wanderungsströme können im Freistaat Sachsen somit 59 Wohnungsmarktregionen definiert werden. Dabei wurden als Randbedingungen berücksichtigt, dass jede Region mindestens 30.000 Einwohner umfasst und weder Gemeinden geteilt noch Kreisgrenzen überschritten werden. Damit bilden die drei Kreisfreien Städte Chemnitz, Dresden und Leipzig sowie die Städte Freiberg, Plauen, Zwickau, Bautzen, Hoyerswerda, Görlitz, Zittau, Meißen und Riesa jeweils eine eigenständige Wohnungsmarktregion. Ebenso wurde darauf geachtet, dass Verwaltungsgemeinschaften oder -verbände in den jeweiligen Wohnungsmarktregionen zusammenbleiben." (2011, S.8)

HAUPT, Friederike (2011): Dieser Ort ist kein Traum.
Es gibt Städte, die ziehen Menschen in ihren Bann - hier ist möglich, was woanders verkümmert. Leipzig hat das geschafft. Immer mehr Westdeutsche studieren deshalb hier. Wer glaubt, das liege nur an den niedrigen Mieten, irrt sich. Die Stadt leistet sich ein Lebensgefühl. Aber es könnte auch sein, dass sich ein Lebensgefühl diese Stadt erobert,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 12.11.

Friederike HAUPT berichtet über den studentischen Zulauf in Leipzig, wobei die studentische Szene in Leipzig im Mittelpunkt steht (mehr hier).

2012

VOLKMANN, Linus (2012): Wie Karl-Marx-Stadt dein komisches Leben rettet.
Vor den Türen zu ihren Auftritten lecken sich die Ausgeh-Kids den Schnapsbart wund. Denn mit Kraftklub zieht die derzeit aufregendste Gang durch die Städte. Im Intro wurden die fünf Chemnitzer bis dato allerdings als Party-Stullen für Atzen mit Abitur bezeichnet. Was verdammt noch mal ist denn nun Sache?
in: Intro Nr. 199, Februar

Linus VOLKMANN erblickt im Song Zu jung kein "Rentnerproblem" wie Michael PILZ, sondern - im Gegenteil - eine Variante des "Bellheim-Syndroms":

"Die Alten machen die Plätze in der Popkultur nicht mehr frei, sondern daraus ein Lebenswerk. Alles schon mal da gewesen und vor allem: alles schon voll."

Und der Erfolg der "Anti-Hipster-Hymne" Ich will nicht nach Berlin beruht für VOLKMANN nicht auf einem Missverständnis (Der Hipster weiß nicht, dass er ein Hipster) ist, sondern auf den strukturellen Zwängen des kulturellen Kapitalismus:

"jeder hier in diesem Saal kennt den kalten Hauch von Berlin im Nacken - und er fühlt sich nicht nur gut an: Wenn was gehen soll, dann musst du nach Berlin, wenn nichts mehr geht, dann erst recht. Dieses Gespenst eines popkulturellen Zentralismus hat sich das letzte Jahrzehnt noch mehr als zuvor schon in den Vordergrund gespukt. Jeder Club der Kraftklub-Tour schreit aus Trotz und Verzweiflung: »Ich will nicht nach Berlin!« Selbst in Berlin ist das ein Hit."

WENDT, Alexander (2012): Dresden.
Die Elbstadt ist die ostdeutsche Boom-Town schlechthin: Bis 2050 dürfte die Einwohnerzahl um rund 50.000 steigen. Wohnraum in guten Lagen wird knapp. Immobilienpreise klettern kräftig,
in: Focus Spezial - Deutschlands großer Immobilienatlas
, Mai

WENDT, Alexander (2012): Leipzig.
Die sächsische Metropole gilt als idealer B-Standort: Die Kulturszene glänzt, die Wirtschaft zeigt sich stabil, die Einwohnerzahl steigt. Trotzdem sind Immobilien gerade noch erschwinglich,
in: Focus Spezial - Deutschlands großer Immobilienatlas
, Mai

RÖSSEL, Jörg & Michael HOELSCHER (2012): Lebensstile und Wohnstandortwahl,
in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Juni, S.303-327

HÄHNIG, Anne (2012): Da sind sie wieder.
Wanderungsbilanz: Jahrelang wanderten Ostdeutsche in die alten Länder ab. Eine große Untersuchung zeigt: Das kehrt sich um,
in:
ZEIT Online v. 18.07.

"Der Freistaat Sachsen etwa verkündete stolz, dass 2011 erstmals seit 14 Jahren wieder mehr Menschen her- als fortgezogen sind. Und der Ost-West-Wanderungsverlust war 2010 so gering wie nie zuvor",

berichtet Anne HÄHNIG, die prominente Rückkehrer nach Sachsen präsentiert, weil die Rückkehrforschung derzeit boomt. HÄHNIG verweist auf eine Rückkehrstudie von Thilo LANG. 

MICHLER, Inga (2012): Bildung schafft Wachstum.
Sachsen hat das leistungsfähigste Bildungssystem. Berlin gibt Rote Laterne an Schleswig-Holstein ab. Besonders Kinder von Migranten und Alleinerziehenden profitieren,
in: Welt  v. 24.02.

Inga MICHLER präsentiert eine Studie der neoliberalen Organisationen IW Köln und INSM:

"Aus Sicht der Wirtschaft haben die beiden ostdeutschen Bundesländer Sachsen und Thüringen wie bereits im Jahr 2011 auch 2012 das leistungsfähigste Bildungssystem."

Der Bildungsmonitor beschreibt die Bildungssituation in Sachsen aus Sicht der Wirtschaft anhand von 13 Indikatoren. Der Rang der einzelnen Indikatoren ist aus der nachfolgenden Übersicht ersichtlich:

Tabelle: Sachsen im INSM-Bildungsranking 2012-2017
Indikatorengruppen Ranking 2012 2013 2014 2015 2016 2017
Gesamtrang 1 1  1  1 1 1
Input Ausgabenpriorisierung Punktzahl
(Rang)
107,3 (2) 85,5 (2) 84,5 (2) 80,3 (2) 68,9 (3) 72,4 (3)
Inputeffizienz 71,3 (9) 45,4 (9) 43,0 (10) 47,1 (9) 46,2 (9) 46,0 (9)
Betreuungsbedingungen 94,8 (2) 63,2 (3) 64,6 (3) 65,8 (2) 63,0 (3) 61,1 (5)
Förderinfrastruktur 97,6 (1) 87,7 (1) 93,0 (1) 95,4 (1) 97,1 (1) 96,6 (1)
Internationalisierung 94,5 (3) 40,6 (7) 43,0 (8) 44,5 (7) 49,5 (5) 76,3 (2)
Output Zeiteffizienz 125,6 (10) 58,5 (11) 72,2 (5) 56,6 (12) 56,7 (12) 55,8 (12)
Schulqualität 105,0 (2) 95,0 (1) 95,5 (1) 95,0 (1) 95,0 (1) 96,2 (1)
Bildungsarmut 86,7 (4) 84,0 (1) 65,4 (8) 81,5 (1) 85,2 (2) 97,5 (1)
Integration 72,1 (6) 52,8 (9) 74,3 (2) 71,4 (2) 64,2 (4) 59,1 (5)
Berufliche Bildung 60,0 (8) 56,4 (7) 39,4 (12) 57,9 (5) 55,2 (6) 49,6 (6)
Akademisierung 83,5 (9) 64,9 (2) 65,3 (2) 68,1 (2) 69,5 (2) 56,9 (2)
MINT 66,7 (4)
Forschungsorientierung 63,9 (8) 66,5 (2) 73,3 (2) 71,4 (2) 84,3 (1) 77,6 (3)
Quelle: Bildungsmonitor 2012, S224ff.; Bildungsmontior 2013,S.136ff.;
Bildungsmonitor 2014, S.160ff. ; Bildungsmonitor 2015, S.202ff.; Bildungsmonitor 2016, S.; Bildungsmonitor 2017, S.198ff.

Der Punkt Ausgabenpriorisierung umfasst drei Indikatoren zu den relativen Bildungsausgaben. Im Grundschulbereich liegt Sachsen im Jahr 2017 auf Platz 15, bei den allgemeinbildenden Schulen sogar auf dem letzten Platz. Nur beim dualen System steht Sachsen auf Platz 2. Hier zeigt sich das Problem des Spardiktats.

BUCHER, Hansjörg & Claus SCHLÖMER (2012): Eine demografische Einordnung der Re-Urbanisierung. In: BBSR (Hrsg.) Die Attraktivität großer Städte: ökonomisch, demografisch, kulturell. Ergebnisse eines Ressortforschungsprojekts des Bundes, Sonderveröffentlichung, Bonn, April, S.66-72

"Die zentrale demografische Determinante für die Verstädterung sind die Wanderungen. Das Bevölkerungswachstum der Städte resultiert vornehmlich aus Wanderungsgewinnen. In den seltensten Fällen haben Städte – zumeist ausgelöst durch eine günstige Alterszusammensetzung – auch Geburtenüberschüsse. Über viele Jahrzehnte wurde die Urbanisierung getragen von Zuwanderern, die ihrerseits aus ländlichen Regionen mit Geburtenüberschüssen abgewandert waren. Vor rund einem halben Jahrhundert folgte diesem Prozess der Urbanisierung die Periode der Suburbanisierung. Die Städte verloren nunmehr durch kleinräumige Abwanderung Einwohner an ihr Umland. (...). Diese Wanderungsverluste – gerne auch als Stadtflucht gebrandmarkt – waren niemals ein stetiger Prozess. Das Ausmaß der Abwanderungen schwankte. Es konnte gar zeitweilig zu Wanderungsgewinnen kommen. Diese Veränderungen eines demografischen Tatbestandes wurden alsbald von Stadtforscherinnen und -forschern, die ihrerseits keine Demografinnen bzw. Demografen waren, als Indikatoren für Prozesse gedeutet, die nur am Rande mit Demografie zu tun haben. Dieser Deutung hätte aus demografischer Sicht eine Überprüfung vorangehen müssen, die wir im Folgenden beschreiben wollen" (S.66),

beschreiben BUCHER & SCHLÖMER das Anliegen des Artikels. Um das Prinzip des demografischen Zugangs zu beschreiben, benutzen die Autoren den ungebräuchlichen Begriff "Mengeneffekt", der üblicherweise Struktureffekt heißt. Demografen fragen bei einem Phänomen (z.B. Geburtenzahl), ob es Ausdruck einer Verhaltensänderung (z.B. Anzahl der Kinder pro Frau) oder eines Struktureffekts ist (z.B. Veränderungen bei der Zahl der gebärfähigen Frauen).

BUCHER & SCHLÖMER befassen sich mit der Problematik der Trennung von Struktur- und Verhaltenseffekten bei der Betrachtung von Wanderungsbewegungen in und aus Städten. Die stadtsoziologische Debatte der 1987 wird aus dieser Perspektive neu aufgerollt:

"Trotz der Schwierigkeit einer eindeutigen Trennung zwischen Mengen- und Verhaltenseffekt gibt es relativ augenfällige Beispiele, die bei der Fragestellung »Zurück in die Stadt« die Mengenwirkung auf die Wanderungsrichtung zeigen: Die Mitglieder der Babyboom-Generation der 1960er Jahre erreichten ca. 20 Jahre später jene Lebensphase, in der sie – aus Ausbildungs- und Arbeitsplatzgründen – bevorzugt in die Städte zogen. Wegen ihres hohen Anteils am gesamten Wanderungsgeschehen verursachten sie dort eine nunmehr positive Wanderungsbilanz. Da die Wanderungen jedoch bei der damaligen Ursachenforschung meist nicht nach dem Alter der Wandernden unterschieden wurden, blieb die Erkenntnis verborgen, dass es sich vornehmlich um einen Mengeneffekt handelte und dass die altersspezifischen Präferenzen für Wanderungsziele weitgehend gleich geblieben waren. Vielmehr setzte eine wissenschaftliche Diskussion ein, um die vermeintlich eingetretene »Neue Urbanität« (so der Titel eines Buches von Häußermann/Siebel 1987) zu erklären. Als den Babyboomern die schwächeren Kohorten der späten 1960er und 1970er Jahre folgten, verlor das Thema rasch an Dynamik. Erst eine Generation später – jetzt kommen die Kinder der Babyboomer in die Städte gezogen – wird wieder eine Renaissance des Wohnens in der Stadt ausgemacht. In einzelnen Städten mag auch ein verändertes Wohnstandortverhalten vorliegen. Doch kann man auch generell von einer neuen Attraktivität der Städte im Sinne eines geänderten Wanderungsverhaltens sprechen?" (S.67)

Dass bei der Betrachtung von Phänomenen durch die demografische Perspektive nun die Struktureffekte stärkeres Gewicht als die Verhaltenseffekte erhalten, ist auch eine Sache des Zeitgeistes. Offensichtlich lassen sich Struktur- und Verhaltenseffekte nicht exakt trennen, sondern die Sicht bestimmen vorab Annahmen darüber, welcher Effekt nun gerade mehr Gewicht zugeschrieben wird.

Aufgrund des Lebenszyklusmodells schreiben BUCHER & SCHLÖMER den Wanderungen ganz spezifische Richtungen zu:

"Bildungswanderer und Berufswanderer bringen den Städten Wanderungsgewinne, Familienwanderer und Altenwanderer erzeugen hingegen Wanderungsverluste. Alle vier Wanderungsgruppen zeigen insofern ein stabiles Wanderungsmuster, als sie ihre Nettoposition innerhalb der Wanderungsbilanz halten (bis auf eine zeitweilige Ausnahme). Das heißt: Familienwanderer und Altenwanderer verzeichnen in den Städten (Ost wie West) Netto- Wanderungsverluste.
Von Bildungswanderern und von Berufswanderern hingegen ziehen mehr in die Städte, als aus ihnen wegzuziehen. Während sich das Vorzeichen der Netto-Wanderungen nicht ändert, so zeigt der Betrag – das Ausmaß dieses Wanderungsvolumens – eindeutige Tendenzen. Die Wanderungsgewinne der Bildungswanderer haben erheblich zugenommen, die Wanderungsverluste der Familienwanderer nahmen ab. In der Summe dieser vier Gruppen kam es so zu einem Wechsel des Vorzeichens, ohne dass eine einzelne Gruppe ihre Wanderungsrichtung gedreht hätte." (S.70)

Aus der demografischen Perspektive ergibt sich dann folgende Annahme:

"Relativiert man die Netto-Wanderungen an der Größe der Bevölkerungsgruppen, aus denen die Wandernden hervorkommen, dann zeigen diese Saldoraten – nunmehr bereinigt um den Mengeneffekt – das Verhalten und dessen Veränderung im Zeitverlauf." (S:70)

Eine solche Sicht macht es sich natürlich viel zu einfach, denn sie vernachlässigt alle nicht-demografischen Struktureffekte.

Fazit: Aufgrund der mangelnden Trennunschärfe zwischen Struktur- und Verhaltenseffekten ersetzt der demografische Blick dieses Problem, indem Verhaltenskonstanz angenommen wird. Widerlegt kann dies ist er in dem Moment, wo sich die Verhaltenskonstanz aufgrund der Richtungsänderung der Wanderungen nicht mehr aufrechterhalten lässt. Bis dahin aber ergibt sich jedoch ein großer Interpretationsspielraum!     

POMOGAJKO, Kirill & Michael VOIGTLÄNDER (2012): Demografie und Immobilien. Der Einfluss der ewarteten Flächennachfrage auf die heutigen Wohnimmobilienpreise, IW-Trends Nr.2, Juni

POMOGAJKO & VOIGTLÄNDER befassen sich mit der Wohnflächennachfrage für 127 Städte im Zeitraum 2006 bis 2025. Grundlage ist die Bevölkerungsvorausberechnung der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2008. Da die altersabhängige Wohnflächennachfrage im SOEP 2000 bis 2007 konstant war, gehen die Autoren davon aus, dass es auch in Zukunft keine Kohorteneffekte geben wird.

"Von den betrachteten 127 Städten weisen 60 Städte einen Rückgang der Wohnflächennachfrage in diesem Zeitraum aus",

erklären POMOGAJKO & VOIGTLÄNDER. Folgende 6 der 127 Städte liegen in Sachsen. Die Übersicht zeigt die prognostizierte Veränderung der Flächennachfrage bis 2025:

Tabelle: Vergleich der Schätzungen der Flächennachfrage bis 2025 in 6 sächsischen Städten
Stadttyp Stadt Bevölkerungs-entwicklung
2006 - 2025
in Prozent
Veränderung der Flächennachfrage
2006 - 2025
in Prozent
jährliche Veränderung
der Flächennachfrage 2010 - 2025
in Prozent
C Chemnitz - 15,2 % - 13,0 % - 0,73 %
B Dresden + 8,0 % + 9,5 % + 0,48 %
D Görlitz - 11,6 % - 9,2 % - 0,51 %
B Leipzig + 3,3 % + 4,6 % + 0,23 %
D Plauen - 11,9 % - 9,2 % - 0,51 %
D Zwickau - 16,8 % - 14,4 % -0,82 %
Quelle: IW Köln 2009 Immobilien 2025 und IW Köln 20012, Anhang S.14ff.

KERSTEN,Jens/NEU, Claudia/VOGEL, Berthold (2012): Demografie und Demokratie. Zur Politisierung des Wohlfahrtsstaates, Hamburg: Hamburger Edition

2013

RADEMACHER, Christian (2013): Deutsche Kommunen im demographischen Wandel. Eine Evaluation lokaler bevölkerungspolitscher Maßnahmen, Springer VS

SCHMOLLACK, Simone (2013): Stadt-Land-Gefälle.
Kitas: In den Metropolen fehlen Betreuungsplätze, auf dem Land nicht, sagen Lobbyverbände,
in: TAZ v. 27.02.

KÜHNTOPF, Stephan & Susanne STEDTFELD (2012): Wenige junge Frauen im ländlichen Raum: Ursachen und Folgen der selektiven Abwanderung in Ostdeutschland. BiB Working Paper 3/2012. Wiesbaden: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Veröffentlichung 07.08.2013)

KLINGHOLZ, Reiner & Eva /KUHN (2013): Vielfalt statt Gleichwertigkeit. Was Bevölkerungsrückgang für die Versorgung ländlicher Regionen bedeutet, September

HANDELSBLATT (2013): Zukunftsatlas 2013.
Alle 412 Städte und Kreise im Test: Der Süden zieht davon. Erfolgreiche Großstädte im Osten haben den Westen überholt. In einzelnen Städten des Westens ballen sich die Probleme. Größte langfristige Aufsteiger sind erfolgreiche ländliche Regionen,
in: Pressemitteilung des Handelsblatt v. 08.11.

HÄHNIG, Anne (2013): Zurück für die Zukunft.
Immer mehr Ostdeutsche im Westen liebäugeln damit, wieder in der alten Heimat zu leben. Nun haben Forscher Abertausende Daten ausgewertet. Nie wusste man so viel über die Rückkehrer wie jetzt,
in:
Die ZEIT Nr.51 v. 12.12.

"Schon heute ist die Zahl derjenigen jungen Menschen, die in die Städte Mitteldeutschlands ziehen, größer als die Zahl derer, die vom Land abwandern. Deshalb hat etwa Sachsen eine positive Wanderungsbilanz", berichtet Anne HÄHNIG.

HENGER, Ralph/SCHIER, Michael/VOIGTLÄNDER, Michael (2013): Wohnungsleerstand.
Eine wirtschaftspolitische Herausforderung,
in:
IW Positionen Nr.62 v. 20.12.

HENGER/SCHIER/VOIGTLÄNDER prognostizieren die Leerstandsentwicklung in den Landreisen und kreisfreien Städten, wobei sie auf die Prognose der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2013 zurückgreifen. Für Sachsen kommen die Autoren auf 7 Städte und Landkreise unter den 20 Städten und Kreisen mit den höchsten Leerständen im Jahr 2011 (vgl. Tabelle 5, S.23).

2014

HAIMANN, Richard (2014): Senioren lösen neue Wanderungsbewegung aus.
Die ältere Generation zieht in kleine Städte in reizender Landschaft und reichem Kulturangebot. Schrumpfende Orte haben nun wieder eine Zukunft; denn durch die Senioren entstehen neue Arbeitsplätze,
in:
Welt Online v. 08.03.

KRAUSHAAR, Martin (2014): Freie Fahrt.
Leipzig: Die neue S-Bahn-Strecke unter der City macht die Innenstadt leichter erreichbar. Für die Leipziger ein Grund mehr, im Grünen zu wohnen,
in: Capital Immobilienkompass 2014

KRAUSHAAR, Martin (2014): Kaufzwang.
Dresden: Mietwohnungen sind knapp. Und daran wird sich in nächster Zeit wenig ändern. Wer leer ausgeht, kommt nicht umhin, sich Eigentum zuzulegen,
in: Capital Immobilienkompass 2014

LOHRER/LÖRCHNER/MEYER/PLATT (2014): Wer jetzt kein Haus hat...
...kauft sich keines mehr. Falsch! Trotz Immobilienboom gibt es noch Gelegenheiten für alle, die Eigenheime suchen oder Geld anlegen wollen,
in: Euro Immobilien-Atlas, Mai

Der Immobilien-Atlas benutzt folgende Merkmale zur Charakterisierung der Städtischen Immobilienmärkte:
- Einwohnerzahl (DESTATIS Ende 2012)
- Arbeitslosenquote (Bundesagentur für Arbeit, Sand Februar 2014)
- Pro-Kopf-Einkommen (DESTATIS 2012 Verfügbares Einkommen)
- Kaufpreis Wohnung (Immobilienscout 24, Stand Ende 2013)
- Miete (Nettojahreskaltmiete je qm)
- Mietrendite

Die Kategorie "Kleine Perlen" präsentiert Städte mit 20.000 - 100.000 Einwohner. Empfehlungen beziehen sich auf die Alternativen Kaufen oder mieten.

Der Immobilienmarkt in Dresden wird folgendermaßen zusammengefasst:

"Die Renditen sinken, die Angebote werden rar."

Zu Leipzig heißt es:

"Hohe Renditen, allerdings auch erhöhtes Risiko."

Als Kleine Perlen werden in Sachsen keine Städte bewertet.

HANDELSBLATT-Serie: Trendviertel 2014 (Teil 6)

HUNZIKER, Christian (2014): Viel Raum fürs Geld.
Vor wenigen Jahren lag Leipzigs Wohnungsmarkt am Boden. Mittlerweile sind in der Stadt wieder Baukräne zu sehen. Trotzdem sind Mieten und Kaufpreise noch immer wesentlich günstiger als in anderen deutschen Metropolen,
in:
Handelsblatt v. 24.06.

TAUBERT, Greta (2014): Die Schwarm-Stadt.
Nirgendwo boomt der Arbeitsmarkt so sehr wie in Leipzig. Die Autorin, die in der Stadt lebt, erklärt das Geheimrezept,
in: Capital, Juli

Der Ökonom Harald SIMONS hat den Begriff "Schwarm-Stadt" geprägt, um die angeblich "unerklärliche" Anziehungskraft von Städten zu bezeichnen:

"Aus der umliegenden öden ostdeutschen Provinz ziehen junge Leute wie Vögelschwärme in die verheißungsvollen urbanen Zentren. Irgendwann ist mal einer aus der Dorfjugend vorgeflogen, hat in Leipzig eine Nacht auf einem illegalen Elektro-Open-Air durchgetanzt, saß mit anderen Langweile-Migranten und ausreichend Bier sommerabends auf der Sachsenbrücke oder wusste sich, überwältigt von der Übermacht der Möglichkeiten."

Für die Erklärung dieses Hip-Phänomens wurden z.B. Hipster-Theorien oder der Begriff "Symbolische Gentrifizierung" (vgl. Barbara LANG 1995) erfunden.

ROST, Norbert (2014): Von Hoyerswerda lernen.
Aufstieg und Fall der Lausitzer Braunkohle und ihrer Städte: Hoyerswerda und Weisswasser mahnen, wie wacklig unsere fossile Industriekultur sein kann,
in:
Telepolis v. 27.07.

Norbert ROST schildert Aufstieg und Fall der Lausitzer Städte Hoyerswerda und Weisswasser anhand der Entwicklung des Braunkohleabbaus:

"Anfang der 1950er lebten in Weisswasser etwa 14.000 Einwohner und in Hoyerswerda etwas mehr als 7.000.  (...)(Es) begann ein beispielloser Boom, der Hoyerswerdas Bevölkerungszahl (...) binnen 20 Jahren versiebenfachte. Von 1956 bis 1979 wuchs die Bewohnerzahl Hoyerswerdas jährlich um 10%, eine Wachstumsrate, die üblicherweise mit Schulterklopfen belohnt wird. Die Kehrseite solch eines massiven Einwohnerzuwachses wurde ab Mitte der 1980er sichtbar. Ab 1985 ließ sich die Braunkohleförderung nicht mehr steigern und stagnierte bei etwa 200.000 Tonnen jährlich (...). Schon vorher, nämlich 1982 erreichte die Bewohnerzahl Hoyerswerdas ihr Maximum bei 75.000 Einwohnern. Weisswasser (...) wuchs noch bis 1987 auf 37.000 Einwohner.
Mit dem Wende-Bruch brachen in der Region ganze Dämme: Die Kohleförderung halbierte sich binnen 3 Jahren und bis 2010 (Hoyerswerda) bzw. 2011 (Weisswasser) halbierte sich in der Folge auch die Einwohnerzahl der beiden Städte.
Die Dynamik dieses Prozesses ist extrem. Wurden seit den 1950ern in Hoyerswerda und Weisswasser noch ganze Stadtviertel in Plattenbauweise aus dem Boden gestampft, boomte nach der Wende vor allem die Abrissbranche. Tausende Menschen, die zuvor in den Häusern gewohnt, in naheliegenden Kindergärten und Schulen gelernt und ein Leben geführt hatten, finden von ihrem einstigen Lebensmittelpunkt heute kaum noch Spuren. Die Natur, die in der Lausitz stark von Kiefernwäldern auf Sand geprägt wird, holt sich große Teile dessen zurück, was ihr der Mensch einst abgetrotzt hatte."

FARKAS, Christoph (2014): Guten Morgen, Limbach-Oberfrohna!
Bleiben ist ein Abenteuer,
in:
TAZ v. 16.08.

"Für die Identität und Zukunft ihrer Heimat sind Bleibende - und Zurückkommende - unverzichtbar. Wer bleibt, glaubt an sein Zuhause, glaubt daran, etwas ändern oder erhalten zu können. (...).
In den darbenden Städten des Ruhrpotts und des Ostens sind die Bleibenden heute gefordert, die Ruinen und die Langeweile mit Leben zu füllen. Ihren Städten die ramponierten Visagen zu hübschen; Oberhausen, Magdeburg, Duisburg oder Rostock auch für andere bleibenswert zu gestalten, wo die Politik hilflos ist. (...).
Diese Bleibenden stellen sich den Umständen, die den andern oft ein Grund sind, zu gehen, um nicht zu sagen: zu flüchten. Wer bleibt, ist mutig. Die Bedingungen für Selbsterkenntnis, Reifung, Menschwerdung sind für die Bleibenden wie für die Reisenden mindestens ebenbürtig", meint Christoph FARKAS.

BBSR (Hrsg)(2014):Aktuelle und zukünftige Entwicklung von Wohnungsleerständen in den Teilräumen Deutschlands. Datengrundlagen, Erfassungsmethoden und Abschätzungen, Bonn, September 2014

Reiner BRAUN u.a. befassen sich in dem Band u.a. mit der Leerstandsproblematik in der Sächsischen Stadt Plauen:

"Eine hohe Leerstandsdauer hat Folgewirkungen. Volkswirtschaftlich besteht die Gefahr eines »Ansteckens« gesunder Bestände, wenn das Image oder die Attraktivität eines Gebietes darunter leidet (siehe Fallbeispiel Plauen)." (S:6)

Die Zukunft der Stadt Plauen wird folgendermaßen beschrieben:

"Die Stadt Plauen ist eine ostdeutsche Mittelstadt mit sinkender Einwohnerzahl sowie stagnierenden Miet- und Kaufpreisen. Die Stadt gehört zum Vogtlandkreis, für den das BBSR bis zum Jahr 2030 einen Bevölkerungsrückgang um 19 % prognostiziert. In den letzten drei Jahren wurden im gesamten Landkreis durchschnittlich noch 157 Wohnungen neu geschaffen. Nach Schätzungen von empirica ist rein demographisch bedingt künftig kein Wohnungsbau mehr erforderlich. Aber selbst dann (und ohne Abrisse oder Nutzungsänderungen) würde der Wohnungsüberhang im Vogtland von 17,3 Tsd. Einheiten laut Zensus 2011 auf 34,7 Tsd. bis zum Jahr 2030 ansteigen." (S.27)

Für Plauen ergab sich beim Leerstand eine große Kluft zwischen der Zensuserhebung und der Erfassung des Leerstands durch die Gemeinde:

"Aus Sicht der Stadt spricht einiges dafür, dass der Zensus die vollständig leer stehenden WohngebäudeWohngebäude (meist Ruinen) nicht adäquat erfasst. Die Stadt hat rd. 600 komplett leerstehende Wohngebäude mit ungefähr 3.600 Wohnungen dokumentiert. Bei diesen Wohngebäuden sind nicht selten die Eigentumsverhältnisse kompliziert (z. B. Erbengemeinschaft, die Mitglieder weltweit verstreut sind) oder es handelt sich sogar um herrenlose Grundstücke. Die Stadt erklärt die Differenz in der Größenordnung von gut 3.000 Einheiten zwischen Zensusleerstand und Erhebungsgrund in der Untererfassung von ruinösen Wohnungsleerständen im Zensus." (S.28)

ENGELHART, Katie (2014): "New Berlin" or Not, Leipzig Has New Life,
in: New York Times  v. 07.09.

SAB (2014): Wohnungsbaumonitoring 2014/2015. Perspektiven und Trends auf dem sächsischen Wohnungsmarkt, herausgegeben von der Sächsischen Aufbaubank

Das Wohnungsbaumonitoring 2014/2015 berücksichtigt erstmals die Ergebnisse des Zensus 2011. Zur Bevölkerungsentwicklung heißt es:

"Die »Volkszählung« (Zensus) im Jahr 2011 hat gezeigt, dass wir noch weniger sind. Auf der anderen Seite kann der Freistaat seit 2011 ein leichtes Wanderungsplus verbuchen. Ist damit die große Abwanderung gestoppt? Die Zuzüge konzentrieren sich auf die drei sächsischen Großstädte und strahlen fast nur auf deren Umland zurück. Auch einzelne Ober- und Mittelzentren konnten im Saldo Gewinne verbuchen. Das macht deutlich, dass es im Land ganz unterschiedliche und auch gegensätzliche Entwicklungen gibt. Während die Regionen Leipzig und Dresden eine wachsende Nachfrage nach Wohnungen verzeichnen und diese auch in den nächsten Jahren anhalten wird, müssen die meisten anderen Regionen mit einem steigenden Wohnungsleerstand rechnen. Hinzu kommt: Trotz mehr als 10 Jahren Rückbauprogramm standen zum Zeitpunkt der Gebäude- und Wohnungszählung am 9. Mai 2011 immer noch 231.000 Wohnungen leer. Die demografische Entwicklung wird in den nächsten Jahren vielerorts zu einem zunehmenden Wohnungsleerstand führen. Die Zahl der Haushaltsgründer (18- bis 30-Jährige) geht bis 2025 in vielen Regionen nahezu um die Hälfte zurück. 2030 werden in ganz Sachsen ohne Rückbau rund 500.000 Wohnungen leer stehen."
(2014, S.4)

Als Erklärung für die zukünftige Entwicklung in Sachsen wird auf das nationalkonservative Konzept der Ungeborenen zurückgegriffen:

"Wie kommt es dazu? Das sind die Auswirkungen des dramatischen Geburteneinbruchs und der starken Abwanderung Anfang der 1990er Jahre, die sich wellenartig in den nächsten Jahren wieder bemerkbar machen. Die wenigen Kinder, die damals hier geboren wurden, haben derzeit auch weniger Kinder, und dies beeinflusst wiederum die nächste Generation ab 2020." (2014, S.4f.)

2015

SCHARMANN, Ludwig (2015): Gleichwertige Lebensverhältnisse (nur) durch "gleiche" Mindeststandards? Ansätze und Sichtweisen aus der Landesplanung am Beispiel Sachsens,
in: Informationen zur Raumforschung, Heft 1, S.29-44

SCHULZ, Daniel u.a. (2015): Darum Dresden.
Demonstrationen
: Die eine Erklärung, warum die Pegida-Proteste in Sachsens Landeshauptstadt so groß geworden sind, gibt es nicht. Aber viele Gründe,
in: TAZ  v. 24.01.

VEYDER-MALBERG, Thyra (2015): Leipzig ist nicht Anti-München.
Die Zeiten des großen Leerstands sind in Leipzig vorbei. Auch dort lohnt sich mittlerweile das Immobiliengeschäft. Die Georg-Schwarz-Straße ist ein gutes Beispiel für die Entwicklung,
in:
Jungle World Nr.8 v. 19.02.

Thyra VEYDER-MALBERG berichtet über eine Straße im Leipziger Westen, in der sich nach Meinung von VEYDER-MALBERG die Leipziger Stadtentwicklung spiegelt (mehr hier).

RAU, Roland (2015): Keine Schule – keine Einwohner?
Studie prüft Zusammenhang zwischen Schulschließungen und Abwanderung in Gemeinden,
in:
Demografische Forschung aus erster Hand, Nr.1

Der Blick auf den demografischen Wandel ist geprägt vom geschichtskonservativen Denken in Abwärtsspiralen, das empirischen Studien meist nicht standhält. In seiner Studie hat der Demograf Bilal BARAKAT den Zusammenhang zwischen Schulschließungen und Abwanderung am Beispiel von Sachsen überprüft und nur einen geringen Zusammenhang gefunden. BARAKAT sieht verschiedene Gründe wirken, die einem Wegzug ("Exitoption") entgegenwirken:

"Für viele Menschen, so der Demograf, sei eine Schule vor Ort nicht unbedingt entscheidend, und das lokale Wanderungssaldo sei generell nicht von Familienwanderung dominiert. So ist die Schülerbeförderung in Sachsen relativ gut: Fast alle Schulen – auch in ländlicheren Gegenden – sind innerhalb von 20 Autominuten zu erreichen. Die Grundschulzeit umfasst zudem nur vier Jahre, nach denen die Kinder vermutlich ohnehin zu einer weiterführenden Schule pendeln müssten. Auch sind viele Bewohner in ländlichen Gegenden Hauseigentümer, die nicht ohne weiteres ihr Haus verkaufen können. Insofern, so der Demograf, gebe es genügend andere Kriterien, die darüber entscheiden, ob eine Gemeinde, auch ohne Grundschule für ihre Bewohner und für potentielle Zuzügler attraktiv bleibe."

BALZTER, Sebastian & Julia KÖRNER (2015): Letzte Runde.
Das Wirtshaus war einst das Zentrum des Dorflebens. Jetzt geben sogar die einfallreichsten Wirte auf. Ein Nachruf,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 26.04.

REINHÄCKEL, Heide (2015): Gemeinsam alt sein.
Alten-WG: Mehrgenerationenhäuser sind die konkrete Utopie der alternden Gesellschaft. Wie man solche Konzepte verwirklichen kann, zeigt das "Leipziger Modell". Zwei Architektinnen, die das Projekt initiieren, setzten sich dabei auch mit dem Thema Armut auseinander,
in: TAZ v. 09.05.

BIB (2015): Kleinere Universitätsstädte profitieren am stärksten von Zuzügen.
Grafik des Monats Mai,
in: Pressemitteilung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung v. 20.05.

"Nicht die Metropolen, sondern die kleineren Hochschulstädte sind die attraktivsten Wanderungsziele junger Erwachsener in Deutschland. Zu diesem Fazit kommt eine Berechnung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) auf Basis der aktuellen Wanderungsstatistik. Demnach zieht es Menschen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren bevorzugt in Städte bis 300.000 Einwohner, überwiegend zur Aufnahme einer Ausbildung oder eines Studiums. Mit einem Wanderungsgewinn von 142 Personen pro 1.000 Einwohner dieser Altersgruppe steht Passau in der Rangliste ganz oben. Auf den weiteren Plätzen folgen Heidelberg (131), Münster (128) und Leipzig (123). Die vier Millionenstädte München (109), Köln (91), Hamburg (72) und Berlin (80) liegen dagegen deutlich zurück",

heißt es in der Pressemitteilung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. Leipzig gehört jedoch nicht zu den Großstädten mit unter 300.000 Einwohnern.

KOWALSKI, Matthias u.a. (2015): Deutschlands Atlas der Stärke.
Regional-Ranking 2015: Stadt oder Land? Nord oder Süd? Der neue große Focus-Vergleich zeigt, in welchen der 402 Städte und Kreise die Wirtschaft floriert, wo neue Jobs entstehen und Arbeitnehmer die höchsten Gehälter erzielen,
in:
Focus Nr.22 v. 23.05.

Die Ergebnisse für Sachsen finden sich hier.

BERTELSMANNSTIFTUNG (2015): Demographischer Wandel verstärkt Unterschiede zwischen Stadt und Land.
Deutschlands Bevölkerungsstruktur wird sich in den kommenden Jahren spürbar verändern. Das Durchschnittsalter steigt. Der Pflegebedarf nimmt zu. Während die Städte eher wachsen, dünnt der ländliche Raum weiter aus. Die Kommunen stellt das vor ganz unterschiedliche Herausforderungen,
in: Pressemitteilung der BertelsmannStiftung v. 08.07.

DRIBBUSCH, Barbara (2015): Bitburg ist nämlich auch ganz schön.
Studie: München und Leipzig boomen, das Land verödet. Forscher raten: die Mittelstädte stärken,
in: TAZ v. 14.08.

GEOGRAPHISCHE RUNDSCHAU-Thema: Regionen im Schrumpfungsprozess

STEINFÜHRER, Annett (2015): "Landflucht" und "sterbende Städte".
Diskurse über räumliche Schrumpfung in Vergangenheit und Gegenwart,
in: Geographische Rundschau, September

Für Annett STEINFÜHRER besitzt die Selbststigmatisierung der Bewohner einen negativen Einfluss auf den Bevölkerungsprozess in Gemeinden:

"Eine 2003 in Johanngeorgenstadt durchgeführte Studie untersuchte die Wahrnehmungen der Bevölkerung in dieser sächsischen Kleinstadt, die im 20. Jahrhundert mehrfach außerordentlich von ökonomischer und demographischer Schrumpfung betroffen war. Zwei Drittel der 590 Befragten hätten nach eigener Auskunft einem »guten Freund« nicht raten können, in ihre Stadt zu ziehen. Dies war der höchste Wert, den dieser in vielen ostdeutschen Städten erhobene Indikator in den 1990er und 2000er Jahren je erhielt (...) Hauptbegründung war die wirtschaftliche Situation (»Stadt der Arbeitslosen«, so eine beispielhafte Aussage), die sieben von zehn Befragten anführten.
Die Studie zeigte, dass die Eigendynamik lokaler Schrumpfungsprozesse als Abwärtsspirale (...) von der Bevölkerung als solche erlebt und einhellig negativ bewertet wurde. Schrumpfung umfasst somit auch eine Selbststigmatisierung."
(2015, S.8f.)

GLORIUS, Birgit (2015): Ärzte für Sachsen.
Fachkräftezuwanderung als Lösungsansatz für demographische Probleme?
in: Geographische Rundschau, September

HAUSER, Jan (2015): Chemnitz lockt die Gründer.
Nach der Wende zogen die Menschen aus der Stadt weg. Aber jetzt wächst sie wieder. Fachkräfte finden Arbeit und Jungunternehmer genügend Raum,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 01.10.

"Chemnitz braucht den Zuzug. Nach der Wende hat die Stadt 60.000 Einwohner verloren. Die Prognosen sahen eine schrumpfende Stadt voraus, doch jetzt wächst Chemnitz wieder. Seit 2009 ziehen mehr Menschen in die Stadt, als diese verlassen. (...). Chemnitz, früher Karl-Marx-Stadt, hat die Wende aus eigener Kraft geschafft. Die Arbeitslosenquote liegt leicht unter 9 Prozent",

berichtet Jan HAUSER fast ein Jahrzehnt, nachdem Inge KLOEPFER in der FAS unkritisch über die Prognosen der neoliberalen Bertelsmann Stiftung berichtete. Diese hatte für Chemnitz und andere ostdeutsche Großstädte den Demographietyp der "schrumpfenden und alternden ostdeutschen Großstädte" entworfen. Auch das neoliberale Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung sah 2006 Chemnitz von 2004 bis 2020 mit einem Bevölkerungsrückgang von fast 20 Prozent schrumpfen. Deren Daten stammten vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung.

THÜNEN INSTITUT (2015): Dörfer im Wandel.
Eine Langzeitstudie beleuchtet die Entwicklung ländlicher Lebensverhältnisse in 14 ausgewählten Orten in Deutschland – Wissenschaftler und Politiker diskutieren Ergebnisse in Berlin,
in: Pressemitteilung des Johann Heinrich von Thünen-Instituts  v. 29.10.

Eines der untersuchten Dörfer ist das schrumpfende Dorf Ralbitz-Rosenthal (Landkreis Bautzen) in Sachsen.

2016

SLUPINA, Manuel/DAMM, Theresa/KLINGHOLZ, Reiner (2016): Im Osten auf Wanderschaft. Wie Umzüge die demografische Landkarte zwischen Rügen und Erzgebirge verändern, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Januar

SLUPINA/DAMM/KLINGHOLZ unterscheiden 5 Wanderungsmuster, die unterschiedlich motiviert sind. In ähnlicher Weise ist Empirica in seiner Wanderungsstudie vorgegangen. Unterschiede gibt es nur bei der Abgrenzung der jeweiligen Altersgruppen, die der folgenden Übersicht entnommen werden können:  

Tabelle: Vergleich der Wanderungsmuster der Studie mit der Empirica-Studie
Wanderungsmuster Altersgruppe Altersgruppe Wanderungsmuster
Berlin-Institut Empirica
Bildungswanderung 18 - 24 Jahre 15 - 24 Jahre Ausbildungswanderung
Berufswanderung 25 - 29 Jahre 25 - 34 Jahre Berufsanfängerwanderung
Familienwanderung 30 - 49 Jahre 35 - 44 Jahre Settlementwanderung
Empty-Nest-Wanderung 50- 64 Jahre 45- 59 Jahre Mittelalterwanderung
Ruhestandswanderung 60 - 74 Jahre 60 - 74 Jahre Altenwanderung
Quelle: Berlin-Institut 2016, S.6; Empirica 2016, S.23ff.

Der betrachtete Zeitraum 2008 bis 2013 stimmt mit der Empirica-Studie ebenfalls überein, sodass beide Studien zum gleichen Ergebnis kommen müssten. Zu den Gewinnern der Bildungswanderung werden die sächsischen Großstädte Leipzig und Dresden gezählt. Unter den Städten zwischen 10.000 und 50.000 Einwohnern gehören die sächsischen Städte Freiberg (Rang 2), Mittweida (Rang 8) und Heidenau (Rang 10) unter die Top Ten der Bildungsgewinner in Ostdeutschland (vgl. S.27). Bei der Berufswanderung gewinnen nur Großstädte Einwohner hinzu. Dies gilt vor allem für Leipzig. Dazu heißt es:

"Die Großstädte haben als Erste die Trendwende geschafft. Im Jahr 2010 konnten sie bereits einen positiven Saldo verbuchen, den sie in den folgenden Jahren weiter ausbauten. Jedoch sind die Unterschiede innerhalb der ostdeutschen Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern groß. Potsdam verzeichnete etwa im gesamten betrachteten Zeitraum zwischen 2008 und 2013 einen positiven Saldo bei den Berufswanderern. Auch in Chemnitz überwog seit 2010 der Zuzug in dieser Altersgruppe. Den Aufwärtstrend der Großstädte maßgeblich beflügelt hat jedoch Leipzig, nach Berlin die zweitgrößte ostdeutsche Stadt. Im Jahr 2013 erlebte die sächsische Metropole eine Nettozuwanderung von 2.700 Personen – ein Zuwachs von 37 Prozent gegenüber 2008. Leipzig schlug mit einem Saldo von 54 Berufswanderern je 1.000 Menschen dieser Altersgruppe nicht nur Berlin, das einen Wert von 48 aufwies, sondern verhalf auch Sachsen als einzigem ostdeutschem Bundesland zu einem positiven Saldo." (S.30)

Als positive Beispiele für die Empty-Nest-Wanderung werden in Sachsen die beiden Orte Oderwitz und Dohna genannt (vgl. S.41) Oderwitz wird aber andererseits als Negativbeispiel  bei der Bildungswanderung genannt (vgl. S.36).

Für die restlichen Wanderungsmuster werden eher nur allgemeine Aussagen gemacht, die für einen Vergleich mit der Empirica-Studie eher unergiebig sind.

SLUPINA/DAMM/KLINGHOLZ unterteilen die ostdeutschen Gemeinden in 5 Cluster und eine Restkategorie ohne Zuordnung. Die folgende Übersicht zeigt die Einordnung der ostdeutschen Gemeinden in diese Cluster:

Tabelle: Zuordnung der ostdeutschen Gemeinden zu einem Cluster
Cluster

Bezeichnung

Wanderungsmuster Anzahl der Gemeinden
1 Lokale Versorgungszentren Die Jungen gehen, die Älteren kommen 561
2 Großstädte Zuzug junger Erwachsener 8
3 Kleine, meist zentral gelegene Gemeinden Nur die Familien kommen 1000
4 Kleine, abgelegene Gemeinden mit Familienzuzug Viele junge Menschen gehen, nur wenige Familien kommen 525
5 Kleine Gemeinden mit Wegzug in allen Altersklassen Bei allen Altersgruppen im Minus 505
kein Gemeinden ohne Zuordnung zu einem Cluster   96
Quelle: Berlin-Institut 2016, S.54

Da eine Zuordnung der Gemeinden zu den einzelnen Bundesländern fehlt, ist eine Vergleichbarkeit mit anderen Studien nicht gegeben.

BFI (2016): Neuer Rekord.
Bevölkerungswachstum: Leipzig begrüßt 2015 mehr als 16.000 Neubürger Der Leipzig-Boom hält weiter an. Auch im abgelaufenen Jahr legte die Messestadt bei der Bevölkerungszahl zu und bewegt sich weiter über dem Niveau der Wende. Besonders die Zahl der kleinsten Neubürger ist erneut gestiegen,
in: Leipziger Volkszeitung Online v. 08.01.

LEMBKE, Judith (2016): Alle wollen wieder nach "Hypezig".
Im Osten blühen nicht die Landschaften, sondern die Großstädte. Von Rostock bis Leipzig steigen Mieten und Hauspreise. Und manch einer fürchtet, dass sich alte Fehler wiederholen,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 31.01.

Anlässlich der Broschüre Der Osten auf Wanderschaft berichtet Judith LEMBKE über die Trendwende bei der Zuwanderung in den neuen Bundesländern, insbesondere in Leipzig.  Reiner BRAUN von Empirica sieht im Leerstand der schrumpfenden Regionen das größte Problem (mehr hier).

Zum Schluss präsentiert LEMBKE ein eher skurriles Beispiel einer Lösung für die ausblutenden Gemeinden: die Bildung von Großkommunen:

"Achtzehn einst selbständige Gemeinden wurden zu einer Großgemeinde mit 630 Quadratkilometer Fläche zusammengelegt. Das senkt Kosten, hat aber auch Folgen für die stolzen Metropolen: Seitdem ist die drittgrößte Stadt Deutschlands nicht mehr Köln, sondern das Städtchen Gardelegen."

Der Effekt dürfte sich eher auf einen Marketingag beschränken. Bislang gibt es keine Städterankings, in denen ernsthaft die flächengrößten deutschen Gemeinden untersucht wurden. Dies hindert jedoch andere Gemeinden nicht, diesem Beispiel Folge zu leisten - und wenn es nur deshalb ist, weil anders eine bessere finanzielle Ausstattung durch die Länder nicht zu erhalten ist. Beispielhaft dafür ist die hessische Großgemeinde Oberzent, die in den Medien als Hessens drittgrößte Stadt bezeichnet wird.  

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG-Tagesthema: Zuwanderung Ost.
Jahrzehntelang bluteten die neuen Bundesländer aus, verödeten Städte und ganze Landstriche. Jetzt ändert sich die Richtung, es ziehen mehr Menschen nach Leipzig und Halle, als in den Westen abwandern. Hat der Osten dank der Aufbauhilfe überall aufgeholt, oder profitieren nur die Großstädte vom neuen Zuzug?

POLLMER, Cornelius (2016): Geh doch rüber.
Neue Jobs und alte Freunde bewegen viele Ostdeutsche zur Rückkehr. Wo früher vom Abriss geredet wurde, gibt es nun Andrang bei den Meldeämtern. Manche fragen sich, was passiert, wenn die Wirtschaft schwächelt,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 02.02.

"Sogenannte Rückholagenturen wie »mv 4 you« in Mecklenburg-Vorpommern sollen Abwanderer mit Arbeitgebern in Verbindung bringen. Sachsen betreibt das Fachkräfteportal »Sachse komm zurück«, der ehemalige Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP) ließ sich gar auf einen Rastplatz der A 72 im Vogtland fahren, um Pendler mit einer Tasse Kaffee und einem Stück Eierschecke ins Agitationsgespräch zu locken",

berichtet Cornelius POLLMER anlässlich der Broschüre Im Osten auf Wanderschaft.

POLLMER, Cornelius (2016): Wird es ruhig, kommt der Wolf.
Wie der Erzgebirgekreis gegen die Abwanderung kämpft. Interview mit Matthias Lißke,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 02.02.

CAPITAL-Titelgeschichte: Immobilienkompass 2016

HUNZIKER, Christian (2016): Go West.
Leipzig: Die Stadt hat das Image des Krisenstandorts abgelegt. Zahlreiche Zuzügler lassen den Leerstand schrumpfen. Die Zeit der Schnäppchen ist vorbei,
in: Capital, Mai

HUNZIKER, Christian (2016): Zeit der Pioniere.
Dresden: Die Kaufpreise enteilen nun auch in Dresden den Mieten. Wer auf Rendite aus ist, muss auf kleinere Wohnungen ausweichen oder weniger gefragte Viertel wählen,
in: Capital, Mai

HABERER/HINTERBERGER/LOHRERLÖRCHNER/PLATT/REHAK/WATERMANN (2016): Kein Ende in Sicht.
Die Zinsen bleiben niedrig, die Preise steigen weiter. Deutschlands größter Immobilien-Atlas zeigt, wo Käufer jetzt noch fündig werden,
in: Euro Immobilien-Atlas, Mai

Der Immobilien-Atlas benutzt folgende Merkmale zur Charakterisierung der Städtischen Immobilienmärkte:
- Einwohnerzahl (DESTATIS Ende 2014)
- Private Haushalte (BBSR-Prognose 2035)
- Arbeitslosenquote (Bundesagentur für Arbeit, Sand Februar 2014)
- Pro-Kopf-Einkommen (DESTATIS 2012 Verfügbares Einkommen)
- Kaufpreis Wohnung (Immobilienscout 24, Stand Ende 2015)
- Miete (Nettojahreskaltmiete je qm)
- Mietrendite

Die Kategorie "Kleine Perlen" präsentiert Städte mit 20.000 - 100.000 Einwohner. Die Bewertung der Wohnlagen wird durch die Vergabe von einem ("meist sozialer Brennpunkt") bis fünf Sterne (Top-Lage) auf Basis der Mietrendite und des Vermietungsrisikos vorgenommen.

Der Immobilienmarkt von Dresden wird folgendermaßen beschrieben:

"Hohe Lebensqualität, sinkende Arbeitslosenquote, mehr Zuzug, sehr gute Infrastruktur und eine florierende Wirtschaft. Diese Dynamik zeigt sich auch auf dem Immobilienmarkt, der sich für Investoren unverändert attraktiv präsentiert."

Informationen zum Immobilienmarkt Leipzig finden sich hier.

Als Kleine Perlen werden in Sachsen die Städte Freital und Markkleeberg bewertet.

HAMPEL, Lea & Pia RATZESBERGER (2016): Was vom Dorfe übrig blieb.
Viele Menschen zieht es in die Stadt. Deshalb und aus weiteren Gründen sterben die kleinen Ortschaften. Doch die Spirale muss nicht zwangsläufig abwärtsführen. Zu Besuch in zwei idyllischen Gemeinden, die sich wehren - jede auf ihre Weise,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 07.05.

HAMPEL & RATZESBERGER berichten aus den Gemeinden Kirchenlamitz im Fichtelgebirge und dem sächsischen Falkenau. Der Ort ist seit 2011 keine eigenständige Gemeinde mehr, was die Autorinnen verschweigen, sondern ein Stadtteil von Flöha.

STREIT, Matthias (2016): "The better Berlin".
Neue Immobilien-Studie: Warum Leipzig und Dresden stetig attraktiver werden,
in:
Handelsblatt v. 18.05.

Matthias STREIT berichtet über den Wohnmarktreport von CBRE und Vonovia, in dem 29 Städte mit mehr als 200.000 Einwohner untersucht wurden. Während Leipzig und Dresden unter den 10 Städten mit den höchsten Mietpreissteigerungen zwischen 2012 und 2015 geführt werden, gehört Chemnitz zu den 10 Städten mit den niedrigsten Mietpreissteigerungen.

MÜLLER, Benedikt (2016): Auf die Akademiker kommt's an.
Die Wohnungspreise steigen in Städten mit vielen Hochschulabsolventen schneller,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 20.05.

Benedikt MÜLLER stellt den Wohnatlas 2016 der Postbank vor, in der nur 36 Großstädte betrachtet werden. Dazu gehören die drei kreisfreien Städte in Sachsen: Leipzig, Dresden und Chemnitz.

PSOTTA, Michael (2016): Nicht nur die Metropolen,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 20.05.

Michael PSOTTA stellt uns den neuen Wohnungsmarktreport 2016 von CBRE und Vonovia vor, der die 30 "wichtigsten" deutsche Städte untersucht hat und sie in 5 Kategorien eingeteilt hat:

"Am überraschendsten klingt die fünfte Gruppe der Strukturwandler und Trendumkehrer, die vor kurzem noch als die klassischen Verlierer galten: Städte wie Bremen, Chemnitz, Dortmund, Duisburg, Essen, Halle, Magdeburg und Rostock. Ihnen wird bescheinigt, nach teilweise schmerzhaften Anpassungsprozessen die Umkehr bewältigt zu haben. Auch die Wohnungsmärkte normalisieren sich dort, wenn auch meist noch auf niedrigem Niveau."

FRANKFURTER RUNDSCHAU-Serie: Wie wollen wir wohnen?

HONNIGFORT, Bernhard (2016): Geh doch einfach rüber.
Görlitz zieht westdeutsche Rentner an,
in:
Frankfurter Rundschau v. 21.05.

PROGNOS (2016): Der neue Zukunftsatlas 2016.
Mit dem Zukunftsatlas bewertet Prognos alle drei Jahre die Zukunftsfähigkeit aller 402 Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland. Erste Ergebnisse wurden in der heutigen Ausgabe des Handelsblatt veröffentlicht,
in: Pressemitteilung der Prognos AG v. 24.05.

HANDELSBLATT-Serie: Prognos Zukunftsatlas 2016 (Teil 4)

MÖTHE, Alexander (2016): Gründerstolz und Vorurteil.
In Chemnitz hat sich abseits der Ost-Metropolen wie Leipzig eine lebhafte Start-up- und Technologieszene entwickelt. De Prognos Zukunftsatlas bescheinigt dem ehemaligen Karl-Marx-Stadt eine höchst kapitalistische Dynamik,
in:
Handelsblatt v. 02.06.

Alexander MÖTHE ist angetreten, um Vorurteile über Chemnitz zu zerstreuen, die Neoliberale in die Welt gesetzt haben.

"Die Einwohnerzahl wächst wieder, und zwar besonders im wichtigen Bereich der 18- bis 29-Jährigen. Vor der Wende lebten noch gut 300.000 Menschen in Chemnitz, auf dem Tiefpunkt 2011 waren es nur noch 240.000. Seit acht Jahren läuft inzwischen das Programm »Chemnitz zieht an«, das (...) die Bewohnerzahl wieder auf 248.000 getrieben hat. Das fünfte Jahr in Folge wächst die Stadt",

macht MÖTHE Stadtmarketing mit Zensus-Korrekturen, die 2011 zu einem Einwohnerverlust von ca. 3.000 Menschen führten. Ohne diese Korrektur würde Chemnitz bereits seit 2009 wachsen, was natürlich nicht so schön zum Märchenerfolg des Chemnitzer Stadtmarketing passen würde wie MÖTHEs statistischer Taschenspielertrick.

Das Stadtporträt betont vor allem die Start-up-Szene und die Bausubstanz, die sich zur Gentrifizierung eignet. Die Subkulturszene wird lediglich erwähnt, obwohl deren Zugpferd Kraftklub jenen Mythos verkörpert, den uns MÖTHE präsentiert:

"Die regionale Bindung und Verwurzelung ist ein Schlüsselelement, der Zuzug nach Chemnitz nachweislich häufig ein Zurück-Zug von Chemnitzern, die nach der Wende in anderen Bundesländern ihr Glück gesucht haben."

Zahlen liefert uns MÖTHE zu diesem Pathos nicht.  

Informationen zur Raumentwicklung-Thema: Im Schatten der Reurbanisierung. Die Zukunft Suburbias

SIMONS, Harald & Lukas WEIDEN (2016): Schwarmverhalten, Reurbanisierung und Suburbanisierung,
in: Informationen zur Raumentwicklung ,Heft 3

SIMONS & WEIDEN beschreiben das Konzept der Kohortenwachstumsrate (KWR):

"Eine KWR von 100 bedeutet keine Veränderung, eine KWR von über 100 einen Gewinn und von unter 100 einen Verlust an Einwohnern."

Der modische Begriff "Schwarmstadt" ist eine Metapher, die gemäß SIMONS & WEIDEN dafür steht, dass nicht Einstellungsänderungen ("Präferenzen"), sondern die demografischen Rahmenbedingungen ausschlaggebend für das Wanderungsverhalten sind:

"Um Schwarmstädte und Schwarmverlierer zu identifizieren, wurde (...) ein neues Maß entwickelt, die Kohortenwachstumsrate (siehe Exkurs). Dies war notwendig, da althergebrachte Bevölkerungsmaße wie Abwanderungsraten oder Veränderungsraten der Bevölkerungszahl stark durch die Altersschichtungen und damit durch längst abgeschlossene Veränderungen dominiert werden und die aktuellen Veränderungen daher nur unzureichend aufzeigen. Die Altersschichtung gleicht aufgrund der schnellen Abfolge von Geburtenboom (Baby-Boomer, Honecker-Buckel) und Geburteneinbruch (Pillenknick, Wendeknick) sowie früheren Wanderungsbewegungen (Ost-West, Nord- Süd) insbesondere auf regionaler Ebene der berühmten »Wettertanne« (nach Bevölkerungsstatistiker Paul Flaskämper). Da Wanderungen aber stark altersselektiv sind, kann ein sinkender oder wachsender Wanderungsverlust auch auf eine veränderte Altersschichtung zurückzuführen sein. Die Abwanderung in einigen Regionen sinkt derzeit einfach aus dem Grund, dass nur noch wenige Wanderungswillige da sind. Dies kann jedoch nicht als eine Verhaltensveränderung interpretiert werden." (S.263)

Das Verfahren zur Identifizierung der Schwarmstädte wurde für die Studie Schwarmstädte in Deutschland – Ursachen und Nachhaltigkeit der neuen Wanderungsmuster (2015) entwickelt.

Der Begriff "Schwarmstadt" wird von SIMONS & WEIDEN folgendermaßen erläutert und definiert:

"Die wirklich spannende Lebensphase, die letztlich zum deutlichen Bevölkerungsanstieg in den Schwarmstädten und zum Ausbluten der anderen Regionen führt, beginnt (...) in der Phase des Berufseinstiegs und der beruflichen Festigung. Während einige Städte wie Würzburg, Bayreuth, Passau, Göttingen, Jena und Kaiserslautern hier stark verlieren – interpretierbar als ein Verlassen des Hochschulortes nach Abschluss des Studiums –, gewinnen andere nochmals hinzu. Diesen Schwarmstädten gelingt es, die Gewinne aus der Bildungswanderung nicht nur zu halten, sondern weiter und zum Teil deutlich auszubauen. Junge Schwarmstädte definieren wir als Städte, in denen die Kohortenwachstumsrate für 15- bis 34-Jährige bei über 200 liegt, sich im Saldo also jeder Geburtsjahrgang verdoppelt." (S:264f.)

Mit dem Begriff ist jedoch auch die Behauptung einer zunehmenden Entkopplung von Arbeitsort und Wohnort verbunden. Beispielhaft wird Leipzig genannt:

"In der (...) Stadt Leipzig wiederum stieg die Zahl der Arbeitsplätze zwischen 2003 und 2008 um 6,8 %, die Zahl der dort wohnenden Beschäftigten nur etwas stärker um 8,1 %. In den letzten fünf Jahren hingegen erhöhte sich die Zahl der dort wohnenden Beschäftigten mit 19,5 % weit stärker als die Zahl der Arbeitsplätze (+11,5 %)." (S.266)

Ob diese These auch einer historischen Betrachtung standhalten würde, wäre eine interessante Frage.

SIMONS & WEIDEN gehen davon aus, dass sich Einstellungsänderungen als Ursachen für Verhaltensänderungen schweren ändern lassen als Verhaltensänderungen, die auf Änderungen der Rahmenbedingungen beruhen. Der Begriff der Rahmenbedingungen mag plausibel sein, aber warum sollten es ausgerechnet "demografische Rahmenbedingungen" sein und nicht etwa Fragen der Ressourcenausstattung oder der nicht-demografischen Rahmenbedingungen, die auf mehreren Ebenen ausschlaggebend sein können?   

Entscheidungen der Wohnortwahl sind nicht nur von Präferenzen bzw. Lebensstilen einer Person abhängig, sondern auch von der Ressourcenausstattung oder der Lebensform (Single, Paar oder Familie). Sie werden von dem Immobilienmarkt, der Wohnungsausstattung, dem Wohnumfeld, des Freizeitangebots usw. bestimmt. Einen Einblick in die Entscheidungsstruktur der Wohnstandortwahl bietet die Studie von Jörg RÖSSEL & Michael HOELSCHER aus dem Jahr 2012. Die Untersuchung wurde in zwei Leipziger Quartieren durchgeführt. Es geht hier also nur um eine innerörtliche Wohnstandortwahl. Dennoch ist die Studie aufschlussreich, weil sie aufzeigt, dass Präferenzen je nach Milieu bzw. Klasse eine unterschiedliche Bedeutung haben.

"Die Geburtsjahrgänge 1974 bis 1979 (Alter in 2013: 35–39 Jahre) waren die ersten Schwärmer. (...).
Diese Geburtsjahrgänge sind die ersten Nach-Pillenknick-Geburtsjahrgänge. Sie zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass es wenige sind. Wurden 1968 in Deutschland noch 1,215 Mio. Personen geboren, waren es 1978 mit 809.000 rund ein Drittel weniger. Die stärksten Rückgänge fanden in den Jahren 1972 und 1973 statt. Derzeit leben in Deutschland 6,9 Mio. Personen, die in den Jahren 1964 bis 1968 geboren wurden, aber nur 4,7 Mio., die zwischen 1974 und 1978 geboren wurden." (S.269),

schreiben SIMONS & WEIDEN. Ob aber dieser scheinbar einleuchtende Baby-Boomer vs. Baby-Buster-Zusammenhang tatsächlich ursächlich ist, wäre zu fragen, denn auch früher gab es krasse Stadt-Land-Unterschiede und folgt nicht aus der Umkehrung, dem Wiederanstieg der Geburten, dass das Phänomen sich dann wieder auflösen müsste? Und was bedeutet es, wenn in den Ballungsräumen mehr Kinder geboren werden als auf dem Land?

Möglicherweise sind die Konsequenzen aus der "Schwarmstadt"-Theorie, sollte sie stimmen, noch gar nicht richtig gezogen worden. Vor diesem Hintergrund erscheinen weitreichende und langfristig wirkende Empfehlungen angesichts der Offenheit zukünftiger Entwicklungen durchaus zu hinterfragen. Was ist, wenn das "Schwarmverhalten" nur ein Übergangsphänomen ist, das zeitlich begrenzt ist?

SIMONS & WEIDEN sehen in der Suburbanisierung einen weiter anhaltenden Trend:

"Dass die Suburbanisierung weiter voranschreitet, ist allerdings nicht direkt ablesbar. So ging die Zahl der Einwohner in der Altersklasse der 35- bis 44-Jährigen sowie die Zuwanderung ebenjener in den letzten fünf Jahren in fast allen Landkreisen mit hoher Suburbanisierung tatsächlich zurück. Dieser Rückgang wurde aber nicht durch eine stärkere Neigung zum Leben in der Stadt (»Reurbanisierung«) verursacht, sondern einzig durch die Geburtenentwicklung Ende der 1960er-, Anfang der 1970er- Jahre (Babyboom, Pillenknick), die die Zahl der potenziellen Suburbanisierer hat sinken lassen (vgl. Bucher/Schlomer 2012). Tatsächlich stieg die Kohortenwachstumsrate in den Umlandgemeinden sogar. Demnach hat die Neigung zur Suburbanisierung zu und nicht abgenommen." (S.271)

Die Altenwanderung führt gemäß SIMONS & WEIDEN zu Wanderungsverlusten in den Schwarmstädten, wobei es Ausnahmen gibt:

"Die stärksten Verlierer der Altenwanderung sind die meisten Großstädte, die von den jungen Schwärmern deutlich profitieren – mit der Ausnahme von Leipzig, Dresden und Freiburg."(S.271)

Aus den möglichen Ursachen des derzeitigen Schwarmverhaltens entstehen für SIMONS & WEIDEN ganz unterschiedliche politische Handlungsmöglichkeiten:

"Wäre eine Präferenzänderung die Ursache für das Wachstum einiger Schwarmstädte, würde die Politik diese Verschiebungen hinnehmen müssen und die Kapazitäten der ausgesuchten Schwarmstädte so gut es geht erhöhen. (...). Zudem besteht die Gefahr, dass es sich nur um eine vorübergehende Mode handelt, die sich auch wieder fundamental ändern kann.
Steht hinter dem Schwarmverhalten aber der Wunsch nach einer Zusammenrottung – also die unzureichende Dichte junger Menschen als Folge des Geburteneinbruchs auszugleichen – und nicht ein originärer Wunsch nach dem Leben in München und Münster, dann bietet sich der Versuch an, andere Nuklei der Zusammenrottung in den ausblutenden Regionen zu forcieren. Aufmerksamkeit und Gelder müssten auf »versteckte Perlen« in der Provinz konzentriert werden, die die Chance haben, für bestimmte Bevölkerungsgruppen hinreichend attraktiv werden zu können. Es gilt also, nicht alle Aufmerksamkeit auf die Schwarmstädte zu konzentrieren, sondern auf attraktive kleine und mittlere Städte, die dann eine hinreichende Dichte von jungen Menschen und vielfältigem Angebot aufweisen würden. Der aktuelle politische Trend (beschleunigte Abschreibung für Wohnungsbau, Mietpreisbremse etc.) geht in die gegensätzliche Richtung und verstärkt damit die Entleerung der anderen Städte und Regionen in Deutschland." (S.273)

Der Begriff "versteckte Perlen" hat seit einiger Zeit in der Immobilienwirtschaft Konjunktur, genauso wie der Begriff "Schwarmstadt".          

BALCEROWIAK, Rainer (2016): Wohnen nur für Gutverdiener.
In vielen deutschen Städten wird der Wohnungsmarkt immer angespannter,
in:
Neues Deutschland v. 03.06.

Rainer BALCEROWIAK berichtet über eine Analyse der Wohnsituation in 20 Großstädten über 300.000 Einwohner, die von Dörte NITT-DRIEßELMANN im Auftrag des HWWI und einer Privatbank durchgeführt wurde. Zu diesen Städten gehören in Sachsen die beiden Großstädte Leipzig und Dresden.

Die Analyse vergleicht u.a. die Bevölkerungsprognosen von BBSR und Bertelsmann-Stiftung für die Jahre 2015 bis 2020, die für Leipzig und Dresden stark differieren. Während ersteres Bundesinstitut von einer Stagnation ausgeht, prognostiziert die Privatstiftung ein starkes Bevölkerungswachstum (vgl. S.12).

Eine Tabelle listet 6 Indikatoren für die demografische Struktur der 20 Großstädte auf (vgl. S.10). Nach der Einwohnerzahl belegten Leipzig und Dresden im Jahr 2013 den Rang 11 und 12. Leipzig hatte 2012 das niedrigste verfügbare Durchschnittseinkommen aller 20 Städte (16.647 Euro im Vergleich zu München 25.955 Euro). Mit 1,87 Haushalten war es zugleich die Stadt mit der geringsten durchschnittlichen Haushaltsgröße (Bielefeld: 2,09) 

CHZ (2016): Vom Krisengebiet zum Szeneviertel.
Der Leipziger Osten hat ein ganz schlechtes Image. Doch genau dort liefern sich Bauträger Bieterwettkämpfe um unsanierte Mehrfamilienhäuser, und die Mieten steigen stärker als anderswo - eine völlig unerwartete Entwicklung,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 03.06.

EMPIRICA (2016): Schwarmverhalten in Sachsen. Eine Untersuchung zu Umfang, Ursache, Nachhaltigkeit und Folgen der neuen Wanderungsmuster im Auftrag der Sächsischen Aufbaubank, des Verbands der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft in Sachsen, und des Verbands sächsischer Wohnungsgenossenschaften. Endbericht

Empirica arbeitet mit dem Konzept der Kohortenwachstumsrate, bei dem Altersgruppen als Kohortengruppen fungieren, d.h. Veränderungen der Lebensläufe von Geburtskohorten bleiben unberücksichtigt. Eine Veränderung der Bevölkerungsstruktur durch Zuwanderung kann ebenfalls zu Fehleinschätzungen führen.

Dem Konzept unterliegt eine Vorstellung vom Normallebenslauf, der das Wohnstandortverhalten prägt, weshalb verschiedenen Altersgruppen ein unterschiedliches Wanderungsverhalten zugeschrieben wird. Die Studie unterscheidet für den Zeitraum 2009 - 2014 fünf Altersklassen mit unterschiedlichen Wanderungs-, d.h. Umzugsmotiven:

Tabelle: Wanderungstyp und Altersgruppen bzw. Kohortenzugehörigkeit im Jahr 2015
Wanderungstyp Altersgruppe Geburtsjahrgänge
Ausbildungswanderung 15 - 24 Jahre 1990 - 1999
Berufsanfängerwanderung 25 - 34 Jahre 1980 - 1989
Settlementwanderung 35 - 44 Jahre 1970 - 1979
Mittelalterwanderung 45- 59 Jahre 1955 - 1969
Altenwanderung 60 - 74 Jahre 1940 - 1954
Quelle: Empirica 2016, S.23ff.

Das Problem einer solcher solchen Normalvorstellung von Wanderungen liegt darin, dass veränderte Wohnstandortpräferenzen nicht angemessen in die Analyse mit einbezogen werden. So wird die Settlementwanderung z.B. mit Suburbanisierung gleichgesetzt, obwohl bei einer Familiengründung ein Wegzug aus der Großstadt in Vororte nicht unbedingt gewünscht ist, sondern auch auf ein mangelndes Angebot zurückzuführen ist. Werden wie bei Empirica die Wanderungsbewegungen zum Ausgangspunkt gemacht, dann werden die Wohnbedürfnisse vernachlässigt. Dies kann dazu führen, dass daraus falsche Schlüsse gezogen werden. Die Studie teilt die sächsischen Gemeinden in folgende fünf Kategorien ein:

Tabelle: Zuordnung der 430 Städte und Gemeinden in Sachsen zu den fünf Klassen
Anzahl Stadt- bzw. Gemeindetypus Merkmal Stadt/Gemeinde
4 Schwarmstädte

Wanderungsgewinner aufgrund der bundesweiten Attraktivität der Stadt

Kohortenwachstumsrate über 200

Chemnitz
Dresden
Freiberg
Leipzig
7 Wachstumsstädte Verlieren weniger Einwohner an die Schwarmstädte als sie aus ausblutenden Städten und Gemeinden gewinnen
(Wanderungssaldo größer Null, aber  geringere eigene Attraktivität der Stadt als die eigentlichen Schwarmstädte)

Kohortenwachstumsrate über 100 

Aue
Glauchau
Görlitz
Meißen
Pirna
Plauen
Zwickau
11 Versteckte Perlen Stagnation, weil sie ungefähr genauso viele Einwohner an Schwarmstädte verlieren wie sie aus ausblutenden Städten und Gemeinden zugewinnen

Kohortenwachstumsrate 66 - 99

Bautzen
Bischofswerda
Borna
Delitzsch
Döbeln
Eilenburg
Hohenstein-Ernstthal
Markranstädt
Mittweida
Stollberg
Wurzen
17 Sondereffekte / Suburbanisierung Wanderungsgewinne durch Nahwanderung (Suburbanisierung) oder überregional bedeutsame Einrichtungen der Medizinversorgung sowie Migration (z.B. Erstaufnahmeeinrichtungen; Abk.: EAE)  
- Suburbanisierung Dresden Freital
Heidenau
Kreischa
Radeberg
Radebeul
Weinböhla
- Suburbanisierung Leipzig Borsdorf
Markkleeberg
Schkeuditz
Rötha (EAE)
Taucha
Zwenkau
- Einwohnermelderechtliche Sondereffekte Glaubitz
Wülknitz
- Einrichtungen der Medizinversorgung Arnsdorf
Großschschweidnitz
- EAE Schneeberg
391 Ausblutende Städte und Gemeinden Wanderungsverlierer:  
- 8 Städte über 20.000 Einwohner Annaberg-Buchholz
Coswig
Grimma
Hoyerswerda
Limbach-Oberfrohna
Riesa
Werdau
Zittau
- 29 der 44 Städte 10.000 - 20.000 Einwohner 
- Alle 354 Städte und Gemeinden unter 10.000 Einwohner
Quelle: Empirica 2016

Chemnitz entspricht nicht der ursprünglichen Definition einer Schwarmstadt, wird jedoch hier dazu gezählt, was folgendermaßen begründet wird:

"Chemnitz steigt von 165 auf 198, Leipzig von 335 auf kaum mehr fassbare 441, Dresden von 263 auf 280. Chemnitz verfehlte damit zwar knapp den Schwellenwert einer Kohortenwachstumsrate von 200, ab der nach empirica- Definition Chemnitz als eine Schwarmstadt gelten würde, nichtsdestotrotz soll Chemnitz aufgrund der minimalen Differenz im Folgenden zur Kategorie der Schwarmstadt gezählt werden." (S.9f.)

Die Studie plädiert für die Stärkung der Wachstumsstädte und der versteckten Perlen. Außerdem wird in der Altenwanderung (60 - 74 Jahre) eine Chance für folgende Städte gesehen:

Tabelle: Die 20 größten Gewinner der Altenwanderung 2009 - 2014
Rang (KWR) Stadt bzw. Gemeinde Einwohner
(Ende 2014)
1 Rathmannsdorf 977
2 Oybin 1.457
3 Meißen 27.273
Oderwitz 5.257
5 Weißkeißel 1.266
6 Görlitz 54.193
Niederdorf 1.192
Niederwürschnitz 2.667
Weinböhla 10.165
10 Bad Muskau 3.661
Pirna 37.768
12 Bernstadt a. d. Eigen 3.469
Freital 39.547
Groß Düben 1.086
Hartmannsdorf bei Kirchberg 1.372
Otterwisch 1.403
Tharandt 5.346
18 Bad Elster 3.616
Großröhrsdorf 6.619
Crinitzberg 2.015
Quelle: Empirica 2016, S.34

Die Studie enthält aber auch ein Eingeständnis, dass sich die Bevölkerungsentwicklungen nicht an die Prognosen gehalten haben und das in einem sehr kurzen Zeitraum von nur 10 Jahren:

"Die Umverteilung der Bevölkerung im Raum ist zumindest in ihrer Stärke ein neues Phänomen. Dies zeigt sich alleine schon daran, dass sämtliche Bevölkerungsprognosen für Schrumpfungsregionen die tatsächliche Entwicklung überschätzten und auf der anderen Seite die starken Zuwächse in den Schwarmstädten deutlich unterschätzt wurde.9 Nirgendwo wird dies deutlicher als in der Stadt Leipzig. Vor zehn Jahren wurde vom BBSR ein weiterer Rückgang der Zahl der Einwohner von rund 500.000 im Jahre 2005 und auf rund 475.000 im Jahre 2015 prognostiziert. Das statistische Landesamt ging in seiner letzten Prognose aus dem Jahr 2010 noch von einer Stagnation, (höheres Szenario) bzw. einer Schrumpfung (niedrigeres Szenario) aus. Auch empirica unterschätze die Entwicklung. Kein Prognostiker sah auch nur ansatzweise den starken Anstieg der letzten Jahre voraus. Ende 2015 hatte Leipzig knapp 570.000 Einwohner. Dem stärkeren Wachstum steht eine stärkere Schrumpfung in den anderen Gemeinden spiegelbildlich gegenüber." (S.35)

Dies sollte eigentlich zu denken geben, wenn weitreichende politische Entscheidungen getroffen werden.  

LASCH, Hendrik (2016): Für manche bleibt nur Sterbehilfe.
Wanderungsbewegung in Sachsen stärkt nur Großstädte und wenige "versteckte Perlen",
in:
Neues Deutschland v. 24.06.

Hendrik LASCH berichtet über die gestern veröffentlichte Studie Schwarmverhalten in Sachsen von Empirica, einer "neoliberalen Denkfabrik" (Andrej HOLM). Das Beratungsunternehmen spricht gerne von "Schwarmstädten", weil sich ein solcher Modebegriff gut als Marketinginstrument für neoliberale Standortpolitik eignet und von Journalisten begierig aufgegriffen wird.

Schwarmstadt soll die nicht gerade brandneue Entwicklung beschreiben, dass Menschen nicht jedem Arbeitsplatz hinterher ziehen, sondern zum Arbeitsplatz pendeln. Wer sich darüber verblüfft zeigt, hat sich kaum länger mit solchen Fragen beschäftigt.

Versteckte Perlen ist ein Begriff, der in neoliberalen Städte-Rankings gerne verwendet wird. Im Artikel wird dieser Begriff folgendermaßen definiert:

"Orte, aus denen auch weggezogen wird, die aber zugleich nennenswerten Zuzug aus ihre Umland verzeichnen."

Solche Orte, die für das Land Sachsen von LASCH mit 11 beziffert werden, darunter Bautzen, Döbeln, Stollberg und Borna, werden in neoliberaler Terminologie als "Stabilisierungsanker" bezeichnet, die mittels politischer Förderung zu Zentren ausgebaut werden sollen. Eine solche neoliberale Standortpolitik führt letztlich dazu, dass die Polarisierung, die  durch die Wanderungen ausgelöst wird, innerhalb der Bundesländer noch zusätzlich verstärkt wird. In diesem Zusammenhang wird konsequenterweise von "Sterbehilfe" gesprochen. Reiner KLINGHOLZ hat mit seinem Berlin-Institut diese Art der Entsolidarisierung seit Jahren popularisiert.

LASCH beschreibt uns Sachsen als gespaltenes Land, in dem auf der einen Seite 1,8 Millionen Menschen in nur noch 22 Gemeinden leben, zu denen "Schwarmstädte" wie Leipzig, Dresden, Chemnitz, Freiberg sowie Städte mit moderater Zuwanderung wie Zwickau, Görlitz, Plauen und Meißen sowie Speckgürtel-Gemeinden wie Taucha, Markleeberg, Freital und Radebeul.

Auf der anderen Seite verteilen sich 1,9 Millionen Sachsen auf die restlichen 391 Gemeinden. Zu den schrumpfenden Gemeinden gehören 11 der 24 Gemeinden über 20.000 Einwohner. Besonders betroffen ist Hoyerswerda, dessen Ruf in den 1990er Jahren ruiniert wurde:

"Extremster Fall ist Hoyerswerda. In der Lausitzstadt bleiben von 100 Menschen eines Altersjahrgangs nur 39 wohnen."

Die Aufnahme von Flüchtlingen wird in dieser Situation als Chance propagiert.  

LOCKE, Stefan (2016): In Striesen ist immer Sonntag.
Der Dresdner Stadtteil mit seinen Villen hat die Ruhe weg. Doch dass sich die Stadt verändert, spürt man auch hier,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 03.07.

HANDELSBLATT-Serie: Trendviertel 2016 (Teil 4)

FISCHER, Eva (2016): Boom an der Elbe.
Dresden wächst. Die Mieten steigen überproportional und es wird kräftig gebaut. Für Anleger ein guter Zeitpunkt einzusteigen,
in:
Handelsblatt v. 07.07.

HANDELSBLATT-Serie: Trendviertel 2016 (Teil 7)

STEHLE, Anja (2016): Stadt der Baudenkmäler.
Noch ist Wohnen in der sächsischen Metropole Leipzig günstig. Doch je mehr Altbauten saniert werden, desto höher steigen Miet- und Preisniveau,
in:
Handelsblatt v. 12.07.

SCHÖNBACH, Miriam (2016): Sieben Jahre Görlitz-Experiment.
Mit kostenlosem Probewohnen sollten Neubürger gewonnen werden - der Erfolg ist mäßig,
in:
Neues Deutschland v. 27.07.

KUNTZ, Michael (2016): Umzug ins Ungewisse.
Manche Senioren suchen im Ruhestand ihr Glück in der Ferne. Sie gehen ins Ausland oder in Gegenden, wo schon viele Gleichaltrige leben. Die mobilen Alten - ihre Hoffnungen, ihre Enttäuschungen,
in: Süddeutsche
Zeitung v. 25.08.

EHRENREICH, Elian (2016): Leipzig tickt anders als Dresden.
Die Bürgerstadt an der Pleiße wurde von den Amerikanern befreit und von ihrer internationalen Messe geprägt. Die Residenzstadt an der Elbe wurde schwer bombardiert und hatte kein Westfernsehen. Das spürt man im einstigen "Tal der Ahnungslosen" bis heute,
in:
Welt v. 06.10.

FABRICIUS, Michael (2016): Immobilienboom erreicht die ostdeutsche Provinz.
Investoren haben plötzlich Städte wie Freiberg oder Nauen auf dem Radar,
in:
Welt v. 13.10.

Anlässlich des Wohnungsmarktbericht Ostdeutschland 2016 eines Immobilienunternehmens berichtet Michael FABRICIUS unkritisch über deren Sichtweise.

Lediglich 27 ostdeutsche Groß- und Mittelstädte wurden überhaupt betrachtet. Der Begriff "Mittelstadt" wird nicht definiert. Nimmt man die Wikipedia-Definition von 20.000 bis 100.000 Einwohner, dann gab es 2015 in Ostdeutschland neben 9 Großstädten allein 96 Mittelstädte. Der Wohnungsmarktbericht umfasst also lediglich ca. 20 % der Mittelstädte in Ostdeutschland. Das Auswahlkriterium "Interesse" deutet darauf hin, dass die Auswahl nicht repräsentativ für Ostdeutschland ist, sondern die Selektivität der Immobilienfirma widerspiegelt.

Als Investoreninteresse - was wohl mit dem Auswahlkriterium weitgehend identisch ist - werden uns von FABRICIUS folgende vier Faktoren genannt:
1) Starke Erhöhung der Kaufpreise
2) Hohe Renditen
3) Kein Einwohnerrückgang in den letzten Jahren
4) Verbesserung der Arbeitsmarktlage und damit Anstieg der Kaufkraft

FISCHER, Konrad & Bert LOSSE (2016): Bajuwarische Glückseligkeit.
Exklusivstudie: Welche Stadt hat die größte Wirtschaftskraft, welche entwickelt sich dynamisch? Wo werden Unternehmen hofiert und wer rüstet sich am besten für das digitale Zeitalter? Der große Städtetest der WirtschaftsWoche zeigt: Der deutsche Süden ist vorn und baut seinen Vorsprung aus,
in: WirtschaftsWoche
Nr.41 v. 30.09.

Das neoliberale Städte-Ranking wird seit 2004 durchgeführt und bewertet die 69 kreisfreien Großstädte nach ihrer Wirtschaftsfreundlichkeit. Das Abschneiden der sächsischen Großstädte ist aus der nachfolgenden Übersicht ersichtlich:

Tabelle: Rang der sächsischen Großstädte unter den 69 größten kreisfreien Städten
im Städtevergleich 2016
Großstadt Rang im Zukunftsindex Rang im Niveauranking Rang im Dynamikranking
Dresden 10 31 28
Chemnitz 55 53 49
Leipzig 26 43 12
Quelle: IW Köln 2009, Tabellen S.8, 11 und13

Es wird nur der Rang betrachtet, weil die Punktewertung aufgrund der wechselnden Indikatorenbildung keine Aussagekraft besitzt.

KOWALSKI, Matthias u.a. (2016): Warum Deutschland stark ist.
Regional-Ranking 2016: Egal, ob Brexit, Trump oder Euro-Krise: Die deutsche Wirtschaft trotz (fast) allen Witterungen. Viele andere Nationen beneiden uns um Beschäftigungsniveau, Einkommen, Ausbildungslage und Innovationskultur. Focus ließ in exklusiven Studien das Geheimnis der deutschen Stärke analysieren und zeigt, wo die Kraftplätze der Republik liegen,
in:
Focus Nr.48 v. 26.11.

Die Ergebnisse für Sachsen finden sich hier.

LOCKE, Stefan (2016): Ruhe bewahren im Boom.
Leipzig ist legendär für seine Gründerzeitbauten. Doch die Zeiten des billigen Wohnens sind auch hier vorbei,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
v. 04.12.

Stefan LOCKE berichtet in erster Linie über das Waldstraßenviertel (mehr hier)..

RITZER, Uwe (2016): Reicher Süden, armer Osten.
Eine Kaufkraft-Studie zeigt, dass ein Starnberger im Schnitt fast doppelt so viel Geld zur Verfügung hat wie ein Görlitzer,
in: Süddeutsche Zeitung
v. 07.12.

Uwe RITZER verbreitet die PR eines kriselnden Marktforschungsinstituts. Eine kritische - aber unzutreffende - Anmerkung folgt ganz zum Schluss:

"Die durchschnittliche Kaufkraft einer Region sagt alleine noch nichts über die Schere von Arm und Reich aus. Anders formuliert: Auch in Starnberg leben arme Menschen. Nur eben weniger."

Dies aber muss nicht stimmen. Die Marktforscher rechnen mit Durchschnittseinkommen statt mit Medianeinkommen, die in der Regel niedriger sind, weil sie nicht durch sehr hohe Einkommen verzerrt werden können. Wenn am Starnberger See eine hohe Millionärsdichte herrscht, dann könnten dort viele Arme leben - sogar mehr als in anderen kaufkraftstarken Regionen, in denen die Kaufkraft jedoch gleichmäßiger verteilt ist.

PEZZEI, Kristina (2016): Eine Stadt wacht auf.
Dem Chemnitzer Immobilienmarkt passiert das, womit niemand mehr gerechnet hat: Er gewinnt an Dynamik. Investoren schielen vor allem auf denkmalgeschützte und damit steuerlich attraktive Sanierungsfälle,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 16.12.

Chemnitz ist ins Visier der Investoren geraten, weil in den Nachbarstädten Leipzig und Dresden renditeträchtige Bauobjekte zur Neige gehen:

"Es gibt zahlreiche Gründerzeithäuser, Fabrikgebäude und Direktorenvillen aus der Blütezeit von Maschinenbau und Textilwirtschaft. Sie stehen größtenteils unter Denkmalschutz - und das macht sie für Anleger wegen der Abschreibungsmöglichkeiten interessant."

Zur Attraktivität trägt gemäß PEZZEI auch die sozio-demografische Entwicklung bei:

"Vor wenigen Jahren (...) kehrte sich der Trend um: Die Arbeitslosenzahlen sanken zwischen 2010 und 2015 um mehr als 27 Prozent, die Quote lag zuletzt bei um die 8 Prozent. Die Bevölkerung wächst leicht, die Kaufkraft legt zu."

Der Beitrag von PEZZEI kann als Mosaikstein in der symbolischen Gentrifizierung von Chemnitz betrachtet werden. Dabei geht es nicht unbedingt - wie Barbara LANG das für Berlin-Kreuzberg beschrieben hat -  um die Aufwertung eines einzelnen Stadtteils, sondern um die Herstellung eines Stadtimages als Voraussetzung der Attraktivitätssteigerung einzelner Stadtquartiere.

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 12. Januar 2016
Update: 27. Januar 2019