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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Die Entwicklung der Geburtenzahlen in Deutschland

 
       
   

Eine Bibliografie der Debatte um die Geburtenentwicklung (Teil 16)

 
       
     
       
   
     
 

Vorbemerkung

Die mediale Berichterstattung zur Geburtenentwicklung richtet sich nicht nach der Faktenlage, sondern nach politischen Interessen. Um diese deutlich zu machen werden in dieser Bibliografie ab heute (02.07.2012) nach und nach ausgewählte Medienberichte und Literatur zum Thema chronologisch dokumentiert. Die Kommentare entsprechen jeweils dem Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, falls nichts anderes vermerkt ist.

Kommentierte Bibliografie (Teil 16: 2019)

2019

SCHNEIDER, Norbert F./SULAK, Harun/PANOVA, Ralina (2019): Was kommt nach der Rushhour? Lebenslagen und Lebensverläufe von Frauen und Männern in der Lebensmitte. Sankt Augustin/Berlin: Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.

Aufschlussreich an der Studie ist, welche Auswirkungen die Umstellung z.B. der ehelichen Geburtenfolge auf die biologische Geburtenfolge seit dem Jahr 2009 für die Beschreibung der Geburtenentwicklung in Deutschland hat. Die Unterschiede werden aus der Abbildung 1 auf Seite 12 auf den ersten Blick deutlich:

Das Erstgebäralter liegt bei Betrachtung der ehelichen Geburtenfolge um ca. ein Jahr höher als bei der Berücksichtigung der außerehelichen Geburten. U.a. wurde in Deutschland mit dem Anstieg des Erstgebäralters als Ursache des Geburtenrückgangs argumentiert.

Die Eheorientierung der amtlichen Statistik wurde auf dieser Website bereits seit den Anfängen kritisiert. Eine erste Zusammenfassung der Kritik erfolgte im Februar 2004. Nur nach und nach fanden die Verzerrungen auch  in der rückständigen deutschen Bevölkerungswissenschaft Beachtung. Die statistischen Mängel wurden erst in den späten Nuller Jahren - aber auch nur halbherzig - beseitigt, nachdem die Blockade der Politik nach dem Beschluss des Elterngeldgesetzes ein Ende fand. Eine Aufarbeitung dieses politischen Skandals ist auch über 10 Jahre später noch nicht geschehen. Man darf davon ausgehen, dass die Debatten der Nuller Jahre anders verlaufen wären, wenn die gravierenden statistischen Mängel früher beseitigt worden wären. Immer noch wird jedoch die Kinderlosigkeit nur alle 4 Jahre in der amtlichen Statistik richtig erfasst, was den Medien großen Spielraum für Falschinformationen lässt.

Lautstarke Kritik kam erst lange nach dem Pflegeurteil des Bundesverfassungsgerichts auf, das mit gravierenden Fehlschlüssen des nationalkonservativen Bevölkerungswissenschaftler Herwig BIRG begründet wurde. Im Beitrag Politikdiskussion fehlt verlässliche statistische Grundlage aus dem Jahr 2004 kritisierte z.B. Michaela KREYENFELD die Statistikmängel in Sachen Kinderlosigkeit, während sich die amtlichen Stellen in Verteidigung der traditionellen Herangehensweisen übten oder ganz in Schweigen hüllten, wenn es um Kritik ging.

Die Studie vernachlässigt die Differenzierung von Lebensverläufen verschiedener Milieus, was in unserer neuen Klassengesellschaft die Lebenssituation in Deutschland nicht angemessen widerspiegelt. So z.B. wenn in der Abbildung 3 das Leben mit Kindern im Haushalt betrachtet wird (vgl. S.17). Im Kapitel 3 soll differenzierter herangegangen werden, was bereits im Ansatz scheitern muss, weil Paare ohne gemeinsamen Haushalt in der amtlichen Statistik nicht erfasst werden, sondern als Partner- und Kinderlose gezählt werden. Nur sehr vereinzelt werden andere Datenquelle zu Rate gezogen.

Noch in den 1990er Jahren war die These von der Kopplung von Ehe und Elternschaft, auf der die amtliche Statistik bis zum Jahr 2009 beruhte, in der rückständigen deutschen Bevölkerungswissenschaft unumstritten. Inzwischen wird jedoch von einer zunehmenden Entkopplung von Ehe und Elternschaft ausgegangen:

"Einer der Gründe für das spätere Heiratsalter ist die zunehmende Entkopplung von Ehe und Elternschaft. Dies wird auch am wachsenden Anteil der nichtehelichen Geburten im Vergleichszeitraum deutlich, der sich von knapp 17 % (1996) auf über 35 % (2016) verdoppelt hat. Unabhängig vom Familienstand hat sich auch das Alter der Frauen bei der Geburt ihrer Kinder in Deutschland seit den 1980er Jahren durchgehend erhöht. Allein seit 1996 ist eine Zunahme des Alters der Mütter bei der ersten Geburt um rund drei Jahre zu beobachten. Heute sind Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes im Durchschnitt 29,6 Jahre alt, beim zweiten Kind 31,8 und beim dritten Kind 32,9 Jahre. Männer waren im Jahr 2016 bei der Geburt ihrer Kinder im Durchschnitt 34,5 Jahre alt. Mit dieser Verschiebung kommen Geburten in den höheren Altersjahren auch deutlich häufiger vor. Gegenwärtig gebären etwa 38 % aller Frauen Kinder nach dem 35. Lebensjahr, bei 12 % dieser Frauen ist es ihr erstes Kind." (S.53)

Aufgrund fehlender Erhebung sind die Aussagen zum Anstieg des Erstgebäralters erst ab dem Jahr 2009 belegbar. Vorher handelt es sich um Schätzungen, die zu Fehlschlüssen führten, wie weiter oben bereits angedeutet wurde. 

Die amtliche Statistik war bis zum Jahr 1996 eine Familienstatistik. Erst ab 1996 wurde auf einen Lebensformenansatz umgestellt, was Andrea LENGERER in dem Buch Partnerlosigkeit in Deutschland (2011) folgendermaßen beschreibt:

"Dass Paare unverheiratet zusammenleben, wird von der amtlichen Statistik erst seit 1996 mit der Einführung des Konzepts der Lebensformen systematisch berücksichtigt (...). Seither werden unterhalb der Ebene des Haushalts nicht nur Familien, sondern auch Lebensgemeinschaften als soziale Einheiten abgegrenzt. Entlang der Kriterien Partnerschaft und Elternschaft zählen dazu Paare mit Kindern, Paare ohne Kinder sowie Alleinerziehende. (...).
Mit dem neuen Konzept erschließt die amtliche Statistik erstmals Lebensformen jenseits der »Normalfamilie«. Obwohl es im Mikrozensus seit 1996 umgesetzt ist, basieren die dazu veröffentlichten Ergebnisse bis einschließlich 2004 auf Sonderauswertungen (...). Das standardisierte Tabellenprogramm der amtlichen Familienstatistik ist erst seit 2005 umgestellt. Seither gilt auch ein neuer Familienbegriff". ( S.21)

Was die Lebensformen jenseits der "Normalfamilie" betrifft, stellt der Lebensformenansatz jedoch nur eine kosmetische Korrektur dar. Wenn in der Studie nun vorrangig Vergleiche zwischen den Jahren 1996 und 2016 zu finden sind, dann ist dies der Rückständigkeit der amtlichen Statistik und der fehlenden Ergänzung durch andere Datenquellen geschuldet.

DESTATIS (2019): Schätzung für 2018: Bevölkerungszahl auf 83,0 Millionen gestiegen,
in:
Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts v. 25.01.

"Die Anzahl lebend geborener Kinder dürfte 2018 gegenüber dem Vorjahr moderat (...) zugenommen haben. Für 2018 wird der Schätzung nach mit 785.000 bis 805.000 Geborenen (...) zu rechnen sein",

meldet das Statistische Bundesamt. Im Januar letzten Jahres lautete die Schätzung 770.000 bis 810.000 Geburten für das Jahr 2017. Die Geburtenzahl lag dann bei 784.884 Lebendgeborenen (Destatis-Website, Stand 25.01.2019). Die Schätzung beruht auf einer Hochrechnung der Geburtenzahlen von Januar bis September.

Die aktualisierte Variante 2-A der 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung aus dem Jahr 2017 geht für das Jahr 2018 von 758.600 Lebendgeborenen aus. Das wären weit weniger als voraussichtlich tatsächlich geboren werden. Für das Jahr 2016 wurden 754.800 Lebendgeborene berechnet. das liegt über 30.000 Geburten niedriger als die tatsächliche Geborenenzahl.

Fehleinschätzungen hinsichtlich der Geburtenentwicklung sind fatal und haben einen großen Anteil am Lehrermangel in Deutschland zu verantworten. Die 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung vom April 2015, deren Annahmen auf dieser Website frühzeitig kritisiert wurden, liegt bei der Geburtenentwicklung drastisch daneben. Die Variante 2 auf der die aktualisierte Version 2-A aufbaut, ist von lediglich 706.000 Lebendgeborenen ausgegangen. das sind rund 80.000 Geburten zu wenig als tatsächlich geborenen wurden. Bereits im letzten Jahr hat single-generation.de die mangelnde Treffsicherheit bei der Geburtenentwicklung kritisiert.

Auch die Annahmen der Variante 2 zum Wanderungssaldo lagen in allen Jahren unter der tatsächlichen Zuwanderung. Die Variante 2-A hat dagegen einen höheren Wanderungssaldo angenommen, die derzeit noch leicht über dem tatsächlichen Wanderungssaldo liegt.

Fazit: Eine neue Bevölkerungsvorausberechnung, bei der die Annahmen zur Geburtenentwicklung korrigiert werden müssen, ist unabdingbar. Bereits seit langem wird in Deutschland das Ausmaß des zukünftigen Erzieher- und Lehrermangels verharmlost. Im Gegensatz zu den Beteuerungen der Politik, dass Kinder unsere Zukunft seien, ist die Realität eine völlig andere!

OBERTRIES, Sarah (2019): So viele Einwohner wie noch nie.
Die Bevölkerung in Deutschland ist 2018 auf 83 Millionen gewachsen,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 26.01.

"Zwar gehen die Statistiker nach den höheren Flüchtlingszahlen in den vergangenen Jahren davon aus, dass eine Frau in Deutschland nun im Durchschnitt 1,5 statt 1,4 Kinder zu Welt bringen wird",

erklärt uns Sarah OBERTRIES die Geburtenentwicklung politisch korrekt, aber falsch.

 
     
 
       
   

weiterführender Link

 
       
     
       
   
 
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 20. Januar 2019
Update: 28. Januar 2019