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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Die Entwicklung der Geburtenzahlen in Deutschland

 
       
   

Eine Bibliografie der Debatte um die Geburtenentwicklung (Teil 16)

 
       
     
       
   
     
 

Vorbemerkung

Die mediale Berichterstattung zur Geburtenentwicklung richtet sich nicht nach der Faktenlage, sondern nach politischen Interessen. Um diese deutlich zu machen werden in dieser Bibliografie ab heute (02.07.2012) nach und nach ausgewählte Medienberichte und Literatur zum Thema chronologisch dokumentiert. Die Kommentare entsprechen jeweils dem Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, falls nichts anderes vermerkt ist.

Kommentierte Bibliografie (Teil 16: 2019)

2019

SCHNEIDER, Norbert F./SULAK, Harun/PANOVA, Ralina (2019): Was kommt nach der Rushhour? Lebenslagen und Lebensverläufe von Frauen und Männern in der Lebensmitte. Sankt Augustin/Berlin: Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.

Aufschlussreich an der Studie ist, welche Auswirkungen die Umstellung z.B. der ehelichen Geburtenfolge auf die biologische Geburtenfolge seit dem Jahr 2009 für die Beschreibung der Geburtenentwicklung in Deutschland hat. Die Unterschiede werden aus der Abbildung 1 auf Seite 12 auf den ersten Blick deutlich:

Das Erstgebäralter liegt bei Betrachtung der ehelichen Geburtenfolge um ca. ein Jahr höher als bei der Berücksichtigung der außerehelichen Geburten. U.a. wurde in Deutschland mit dem Anstieg des Erstgebäralters als Ursache des Geburtenrückgangs argumentiert.

Die Eheorientierung der amtlichen Statistik wurde auf dieser Website bereits seit den Anfängen kritisiert. Eine erste Zusammenfassung der Kritik erfolgte im Februar 2004. Nur nach und nach fanden die Verzerrungen auch  in der rückständigen deutschen Bevölkerungswissenschaft Beachtung. Die statistischen Mängel wurden erst in den späten Nuller Jahren - aber auch nur halbherzig - beseitigt, nachdem die Blockade der Politik nach dem Beschluss des Elterngeldgesetzes ein Ende fand. Eine Aufarbeitung dieses politischen Skandals ist auch über 10 Jahre später noch nicht geschehen. Man darf davon ausgehen, dass die Debatten der Nuller Jahre anders verlaufen wären, wenn die gravierenden statistischen Mängel früher beseitigt worden wären. Immer noch wird jedoch die Kinderlosigkeit nur alle 4 Jahre in der amtlichen Statistik richtig erfasst, was den Medien großen Spielraum für Falschinformationen lässt.

Lautstarke Kritik kam erst lange nach dem Pflegeurteil des Bundesverfassungsgerichts auf, das mit gravierenden Fehlschlüssen des nationalkonservativen Bevölkerungswissenschaftler Herwig BIRG begründet wurde. Im Beitrag Politikdiskussion fehlt verlässliche statistische Grundlage aus dem Jahr 2004 kritisierte z.B. Michaela KREYENFELD die Statistikmängel in Sachen Kinderlosigkeit, während sich die amtlichen Stellen in Verteidigung der traditionellen Herangehensweisen übten oder ganz in Schweigen hüllten, wenn es um Kritik ging.

Die Studie vernachlässigt die Differenzierung von Lebensverläufen verschiedener Milieus, was in unserer neuen Klassengesellschaft die Lebenssituation in Deutschland nicht angemessen widerspiegelt. So z.B. wenn in der Abbildung 3 das Leben mit Kindern im Haushalt betrachtet wird (vgl. S.17). Im Kapitel 3 soll differenzierter herangegangen werden, was bereits im Ansatz scheitern muss, weil Paare ohne gemeinsamen Haushalt in der amtlichen Statistik nicht erfasst werden, sondern als Partner- und Kinderlose gezählt werden. Nur sehr vereinzelt werden andere Datenquelle zu Rate gezogen.

Noch in den 1990er Jahren war die These von der Kopplung von Ehe und Elternschaft, auf der die amtliche Statistik bis zum Jahr 2009 beruhte, in der rückständigen deutschen Bevölkerungswissenschaft unumstritten. Inzwischen wird jedoch von einer zunehmenden Entkopplung von Ehe und Elternschaft ausgegangen:

"Einer der Gründe für das spätere Heiratsalter ist die zunehmende Entkopplung von Ehe und Elternschaft. Dies wird auch am wachsenden Anteil der nichtehelichen Geburten im Vergleichszeitraum deutlich, der sich von knapp 17 % (1996) auf über 35 % (2016) verdoppelt hat. Unabhängig vom Familienstand hat sich auch das Alter der Frauen bei der Geburt ihrer Kinder in Deutschland seit den 1980er Jahren durchgehend erhöht. Allein seit 1996 ist eine Zunahme des Alters der Mütter bei der ersten Geburt um rund drei Jahre zu beobachten. Heute sind Mütter bei der Geburt ihres ersten Kindes im Durchschnitt 29,6 Jahre alt, beim zweiten Kind 31,8 und beim dritten Kind 32,9 Jahre. Männer waren im Jahr 2016 bei der Geburt ihrer Kinder im Durchschnitt 34,5 Jahre alt. Mit dieser Verschiebung kommen Geburten in den höheren Altersjahren auch deutlich häufiger vor. Gegenwärtig gebären etwa 38 % aller Frauen Kinder nach dem 35. Lebensjahr, bei 12 % dieser Frauen ist es ihr erstes Kind." (S.53)

Aufgrund fehlender Erhebung sind die Aussagen zum Anstieg des Erstgebäralters erst ab dem Jahr 2009 belegbar. Vorher handelt es sich um Schätzungen, die zu Fehlschlüssen führten, wie weiter oben bereits angedeutet wurde. 

Die amtliche Statistik war bis zum Jahr 1996 eine Familienstatistik. Erst ab 1996 wurde auf einen Lebensformenansatz umgestellt, was Andrea LENGERER in dem Buch Partnerlosigkeit in Deutschland (2011) folgendermaßen beschreibt:

"Dass Paare unverheiratet zusammenleben, wird von der amtlichen Statistik erst seit 1996 mit der Einführung des Konzepts der Lebensformen systematisch berücksichtigt (...). Seither werden unterhalb der Ebene des Haushalts nicht nur Familien, sondern auch Lebensgemeinschaften als soziale Einheiten abgegrenzt. Entlang der Kriterien Partnerschaft und Elternschaft zählen dazu Paare mit Kindern, Paare ohne Kinder sowie Alleinerziehende. (...).
Mit dem neuen Konzept erschließt die amtliche Statistik erstmals Lebensformen jenseits der »Normalfamilie«. Obwohl es im Mikrozensus seit 1996 umgesetzt ist, basieren die dazu veröffentlichten Ergebnisse bis einschließlich 2004 auf Sonderauswertungen (...). Das standardisierte Tabellenprogramm der amtlichen Familienstatistik ist erst seit 2005 umgestellt. Seither gilt auch ein neuer Familienbegriff". ( S.21)

Was die Lebensformen jenseits der "Normalfamilie" betrifft, stellt der Lebensformenansatz jedoch nur eine kosmetische Korrektur dar. Wenn in der Studie nun vorrangig Vergleiche zwischen den Jahren 1996 und 2016 zu finden sind, dann ist dies der Rückständigkeit der amtlichen Statistik und der fehlenden Ergänzung durch andere Datenquellen geschuldet.

DESTATIS (2019): Schätzung für 2018: Bevölkerungszahl auf 83,0 Millionen gestiegen,
in:
Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts v. 25.01.

"Die Anzahl lebend geborener Kinder dürfte 2018 gegenüber dem Vorjahr moderat (...) zugenommen haben. Für 2018 wird der Schätzung nach mit 785.000 bis 805.000 Geborenen (...) zu rechnen sein",

meldet das Statistische Bundesamt. Im Januar letzten Jahres lautete die Schätzung 770.000 bis 810.000 Geburten für das Jahr 2017. Die Geburtenzahl lag dann bei 784.884 Lebendgeborenen (Destatis-Website, Stand 25.01.2019). Die Schätzung beruht auf einer Hochrechnung der Geburtenzahlen von Januar bis September.

Die aktualisierte Variante 2-A der 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung aus dem Jahr 2017 geht für das Jahr 2018 von 758.600 Lebendgeborenen aus. Das wären weit weniger als voraussichtlich tatsächlich geboren werden. Für das Jahr 2016 wurden 754.800 Lebendgeborene berechnet. das liegt über 30.000 Geburten niedriger als die tatsächliche Geborenenzahl.

Fehleinschätzungen hinsichtlich der Geburtenentwicklung sind fatal und haben einen großen Anteil am Lehrermangel in Deutschland zu verantworten. Die 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung vom April 2015, deren Annahmen auf dieser Website frühzeitig kritisiert wurden, liegt bei der Geburtenentwicklung drastisch daneben. Die Variante 2 auf der die aktualisierte Version 2-A aufbaut, ist von lediglich 706.000 Lebendgeborenen ausgegangen. das sind rund 80.000 Geburten zu wenig als tatsächlich geborenen wurden. Bereits im letzten Jahr hat single-generation.de die mangelnde Treffsicherheit bei der Geburtenentwicklung kritisiert.

Auch die Annahmen der Variante 2 zum Wanderungssaldo lagen in allen Jahren unter der tatsächlichen Zuwanderung. Die Variante 2-A hat dagegen einen höheren Wanderungssaldo angenommen, die derzeit noch leicht über dem tatsächlichen Wanderungssaldo liegt.

Fazit: Eine neue Bevölkerungsvorausberechnung, bei der die Annahmen zur Geburtenentwicklung korrigiert werden müssen, ist unabdingbar. Bereits seit langem wird in Deutschland das Ausmaß des zukünftigen Erzieher- und Lehrermangels verharmlost. Im Gegensatz zu den Beteuerungen der Politik, dass Kinder unsere Zukunft seien, ist die Realität eine völlig andere!

OBERTRIES, Sarah (2019): So viele Einwohner wie noch nie.
Die Bevölkerung in Deutschland ist 2018 auf 83 Millionen gewachsen,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 26.01.

"Zwar gehen die Statistiker nach den höheren Flüchtlingszahlen in den vergangenen Jahren davon aus, dass eine Frau in Deutschland nun im Durchschnitt 1,5 statt 1,4 Kinder zu Welt bringen wird",

erklärt uns Sarah OBERTRIES die Geburtenentwicklung politisch korrekt, aber falsch.

EUROSTAT (2019): Über 5 Millionen Geburten im Jahr 2017 in der EU.
Geburten und Fruchtbarkeit: Frauen in der EU bekommen ihr erstes Kind im Schnitt mit 29 Jahren,
in:
Pressemitteilung des statistischen Amt der Europäischen Union v. 12.03.

Zur Entwicklung der Geburtenrate (TFR) im Jahr 2017 heißt es:

"Im Jahr 2017 war Frankreich (1,90 Geburten pro Frau) der Mitgliedstaat mit der höchsten Gesamtfruchtbarkeitsrate in der EU. Darauf folgten Schweden (1,78), Irland (1,77), Dänemark (1,75) und das Vereinigte Königreich (1,74). Die niedrigsten Fruchtbarkeitsraten verzeichneten hingegen Malta (1,26 Geburten pro Frau), Spanien (1,31), Italien und Zypern (je 1,32), Griechenland (1,35), Portugal (1,38) und Luxemburg (1,39)."

In der EUROSTAT-Datenbank bzw. Pressemeldung werden für die 28 EU-Länder folgende Geburtenraten und Geburtenzahlen angegeben:

Rang Land

Geburtenzahl

Geburtenrate (TFR)
9 Belgien 119.690 1,65
15 Bulgarien 63.955 1,56
7 Tschechien 114.405 1,69
4 Dänemark 61.397 1,75
14 Deutschland 784.901 1,57
13 Estland 13.784 1,59
3 Irland 61.537 1,77
24 Griechenland 88.553 1,35
27 Spanien 391.265 1,31
1 Frankreich 770.045 1,90
21 Kroatien 36.556 1,42
25 Italien 458.151 1,32
26 Zypern 9.229 1,32
8 Lettland 20.828 1,69
10 Litauen 28.696 1,63
22 Luxemburg 6.174 1,39
16 Ungarn 94.646 1,54
28 Malta 4.319 1,26
11 Niederlande 169.836 1,62
17 Österreich 87.633 1,52
20 Polen 401.982 1,48
23 Portugal 86.154 1,38
6 Rumänien 202.151 1,71
12 Slowenien 20.241 1,62
18 Slowakei 57.969 1,52
19 Finnland 50.321 1,49
2 Schweden 115.416 1,78
5 Großbritannien 754.754 1,74

Während im Jahr 2015 noch in Frankreich EU-weit die meisten Kinder geboren wurden, werden seit 2016 in der EU die meisten Kinder in Deutschland geboren. Im Jahr 2010 hatte die Geburtenrate in der EU mit 1,62 ihren Höchststand. Bis 2017 ist sie auf 1,59 gesunken.

BUJARD, Martin u.a. (2019): Kinderreiche Familien in Deutschland.
Auslaufmodell oder Lebensentwurf für die Zukunft?
in: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung v. 26.06. 

DESTATIS (2019): Bevölkerung im Wandel.
Annahmen und Ergebnisse der 14. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung,
in: Begleitheft zur Pressekonferenz v. 27.06. 

"Die in den 1970er und 1980er Jahren geborenen Frauen werden nach Abschluss der gebärfähigen Phase durchschnittlich mehr Kinder zur Welt bringen als die Jahrgänge 1968 und 1969. Obwohl die Stabilisierung der endgültigen Kinderzahl je Frau um 1,5 (bei deutschen Frauen) noch eine sehr zaghafte Veränderung ist, deutet sie das Ende des rückläufigen Trends an" (2019, S.31),

heißt es zu den Annahmen der weiteren Geburtenentwicklung. Noch im Juni 2018 widersprach Olga PÖTZSCH als Hauptakteurin der Interpretation der Geburtenentwicklung in Deutschland beim Statistischen Bundesamt  dieser Sicht. Auf dieser Website hieß es damals:

"Angesichts der Tatsache, dass PÖTZSCH ihre Positionen in der Vergangenheit ständig räumen musste, weil sie zu pessimistisch waren, lassen sich durchaus Indizien finden, die ein Anstieg auf 1,7 Kinder pro Frau möglich erscheinen lassen."

Die aktuelle Bevölkerungsvorausberechnung schließt nun erstmals einen Anstieg auf 1,7 Kinder pro Frau - anders als noch letzten Juni - nicht kategorisch aus, sondern hat in einer der Hauptvarianten diese Möglichkeit berechnet. Weiterhin wird jedoch von einer sehr restriktiven Annahme ausgegangen, denn die Geburtenrate (CFR) von 1,7 wird erst für die 1990er Frauenjahrgänge angenommen und dies auch nur in einer von drei Entwicklungspfaden:

"Für die künftige Fertilitätsentwicklung ergeben diese einen voraussichtlichen Anstieg der endgültigen Kinderzahl bei den Frauen der 1970er und 1980er Jahrgänge auf etwa 1,6 Kinder je Frau. Anschließend sind dagegen mehrere Optionen möglich (Stabilität, Zunahme oder Rückgang der Kohortenfertilität), da das künftige Geburtenverhalten der heute noch sehr jungen Frauen und Mädchen unbekannt ist." (2019, S.31)

Die restriktive Beurteilung von PÖTZSCH resultiert aus der falschen Annahme, dass die Kinderlosigkeit der Hauptfaktor für die niedrige Geburtenrate sei. Das Institut für Bevölkerungsforschung sieht dagegen - nicht erst in ihrer gestrigen Publikation das Hauptproblem in dem geringen Anteil der kinderreichen Familien:  

"Letztlich ist der Geburtenrückgang in der Bundesrepublik Deutschland zu 26 Prozent auf den Anstieg der Kinderlosigkeit und zu 68 Prozent auf den Rückgang kinderreicher Familien zurückzuführen" (2019, S.20)"

Die Bevölkerungsvorausberechnung geht in ihrer positivsten Annahme zur Geburtenentwicklung von folgenden Überlegungen aus:

"Die zusammengefasste Geburtenziffer steigt in den nächsten 20 Jahren auf 1,73 Kinder je Frau bei gleichzeitiger Zunahme des durchschnittlichen Gebäralters um 1,3 Jahre und bleibt dann auf diesem Niveau. Diese Annahme zeigt, wie sich die aktuellen Veränderungen in der Geburtenhäufigkeit nach Kalenderjahren auswirken würden, wenn sie die künftige Entwicklung determinieren würden. Der damit einhergehende Anstieg der endgültigen Kinderzahl je Frau auf 1,7 wäre nur zu realisieren, wenn sich das Geburtenverhalten gravierend ändern würde. So müsste zum Beispiel die Kinderlosenquote von derzeit 21 % auf mindestens 15 % sinken und/oder zugleich der Anteil der dritten und weiteren Kinder an allen Geburten zunehmen. Eine solche Entwicklung setzt zum einen voraus, dass sich wirtschaftliche und sozialpolitische Rahmenbedingungen auf die Familienplanung günstig auswirken. Zum anderen wäre dafür erforderlich, dass das Geburtenniveau der Zuwanderinnen stabil hoch bleibt und dem Rückgang der Fertilität im Alter unter 30 Jahren entgegenwirkt." (2019, S.34)

Dass nur Zahlen für den notwendigen Rückgang der Kinderlosenquote, nicht jedoch für den Anstieg der Kinderreichenquote genannt werden,  zeigt das Hauptproblem unserer derzeitigen Bevölkerungspolitik an. Die folgende Tabelle vergleicht die positivsten Annahmen der letzten Bevölkerungsvorausberechnungen zur Geburtenentwicklung mit der tatsächlichen Geburtenentwicklung (Stand 28.06.2019 per Seitenabruf Geburtentabelle des Statistischen Bundesamts). Für alle Annahmen der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnungen gilt, dass sie die tatsächliche Geburtenentwicklung immer wieder unterschätzt haben.  

Tabelle 1: Vergleich der 13. und 14. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnungen
des Statistischen Bundesamtes mit der tatsächlichen Geburtenentwicklung
Jahr BVB 2015
(Variante 2)
TFR: 1,4
BVB 2015
(Variante 5)
TFR: 1,4
BVB 2017
(Variante 2a)
TFR: 1,6
BVB 2019
(Variante 3)
TFR: 1,55
BVB 2019
(Variante 7)
TFR: 1,73
tatsächliche
Geburtenzahl
2014 685.000 694.000       714. 927
2015 691.000 707.000 737.600     737.575
2016 697.000 719.000 747.300     792.141
2017     754.800     784.901
2018     758.600     787.560
2019     759.800 790.000 793.000  
2020     758.900 790.000 798.000  
2021     756.000 788.000 802.000  
2022     751.800 785.000 801.000  
2023     746.500 780.000 800.000  
2024     740.300 775.000 797.000  
2025     733.300 769.000 794.000  

Inwieweit die Annahmen zur Geburtenentwicklung der 14. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung realistischer sind, bleibt abzuwarten, denn die meisten Hauptvarianten gehen von mehr als pessimistischen Annahmen zur Geburtenentwicklung aus. Der versäumte rechtzeitige Ausbau der Kinderbetreuung und die gravierenden Fehleinschätzungen zur Entwicklung der Schülerzahlen könnten der positiven Entwicklung der Geburtenzahlen durchaus einen politisch verschuldeten Dämpfer versetzen. Davon lesen wir in den - die Familienpolitik lobpreisenden - Texten des Statistischen Bundesamtes natürlich nichts!

Die Bevölkerungsvorausberechnungen gehen seit 2017 von einem Rückgang der Lebendgeborenen in den Jahren 2021/2022 aus, was dem angenommenen Rückgang der potenziellen Mütter geschuldet ist. Die Variante 5 aus dem Jahr 2015 ging dagegen erst im Jahr 2023 von einem Rückgang der Lebendgeborenen aus. Welchen Einfluss der Rückgang der potenziellen Mütter tatsächlich haben wird, das aber hängt von einer Reihe weiterer Annahmen ab, die durchaus zu ganz anderen Entwicklungen führen können. So gehen z.B. alle Annahmen von einem weiteren Anstieg des Erstgebäralters aus, d.h. eine Stagnation oder gar Sinken des Erstgebäralters wird ausgeschlossen. Das Statistische Bundesamt jedenfalls macht die Vielzahl ihrer tatsächlichen Annahmen zur Geburtenentwicklung, die z.B. hinter dem Konzept der altersspezifischen Geburtenziffern stecken, nicht wirklich transparent. Überraschungen werden deshalb auch in den nächsten Jahren wohl nicht ausbleiben.

DESTATIS (2019): In Deutschland leben mehr Menschen als je zuvor.
Anstieg um 227 000 Personen zum Vorjahr,
in: Pressemitteilung Statistisches Bundesamt v. 27.06.

Während die Pressemeldung zu den Geburten lediglich ein Geburtendefizit von rund 167.000 Geburten verlauten lässt, gibt die Website des Statistisches Bundesamtes die Zahl der Lebendgeborenen mit 787.560 an, was einen Anstieg der Geburtenzahl von 2.659 zum Jahr 2017 bedeutet. Diese vorläufige Geburtenzahl läge im unteren Bereich der Schätzung vom Januar. Damals ging das Statistische Bundesamt von 785.000 bis 805.000 Geborenen aus.

SCHMITT, Peter-Philipp (2019): Mehr Ausländer, weniger Deutsche.
Die Bevölkerungszahl ist 2018 in Deutschland auf 83 Millionen gestiegen,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 28.06.

Peter-Philipp SCHMITT geht im Rahmen des Artikels auch auf die 14. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung ein, wobei er der Sprachpolitik des Statistischen Bundesamts folgt, wenn er von einer "moderaten Entwicklung" der Geburtenhäufigkeit schreibt, und damit die Fortschreibung von 1,55 Kindern pro Frau bis 2060 meint. "Moderate Entwicklung" müsste jedoch Stagnation ("Stabilität" im Sinne des Begleithefts S.31) heißen oder noch richtiger Rückgang, denn im Jahr 2017 lag die Geburtenrate bei 1,57 Kinder pro Frau.

Der Anstieg der Geburtenrate ist im Grunde erstaunlich angesichts des ansteigenden Gebäralters. So hatten die 15-20-Jährigen des Frauenjahrgangs 1950 pro 1000 Frauen noch durchschnittlich 308,4 Kinder zur Welt gebracht. Der Frauenjahrgang 1970 kam dagegen nur auf 112,4, d.h. fast ein Drittel weniger. Beim Frauenjahrgang 1990 sind es 57,5 gewesen, was ungefähr einer weiteren Halbierung innerhalb von 20 Jahren entspricht.

Die pessimistische Sicht des Statistischen Bundesamts gründet sich neben der "hohen" Kinderlosigkeit auf den Anstieg des Gebäralters. Die dahinter stehende Annahme lautet, dass dadurch der Ausfall früher Geburten in Zukunft immer weniger kompensiert werden kann. Inwiefern diese Annahme stimmt und inwiefern nicht Trendbrüche in der Zukunft erfolgen, das ist deshalb die entscheidende Frage.

Vergleicht man die 21-25-Jährigen der Frauenjahrgänge 1950, 1970 und 1990, dann zeigt sich auch hier ein Rückgang der Geburten pro 1000 Frauen. So bekamen tausend Frauen des Jahrgangs 1950 noch durchschnittlich 597,1 Kinder. 20 Jahre später kam der Jahrgang 1970 noch auf 319,3 und weitere 20 Jahre später der Jahrgang 1990 nur auf 199 Kinder.

Stellt man in Betracht, dass in den 1990ern ein gravierender Geburteneinbruch in Ostdeutschland stattfand, mittlerweile jedoch die Geburten mehr als damals vermutet nachgeholt wurden, dann zeigt sich, dass auch historische Ereignisse mitberücksichtigt werden müssen. So wurde z.B. den in den 1970er Jahren geborenen Frauen lange kein Anstieg der endgültigen Kinderzahl zugetraut, was mittlerweile auch vom Statistischen Bundesamt korrigiert werden musste. Die Fehleinschätzungen zur Geburtenentwicklung unserer Amtstatistiker sind teilweise so gravierend, dass dadurch falsche politische Weichenstellungen argumentativ begründet werden konnten, ohne dass es zu einem Aufschrei in den Medien kommen konnte. Das Beispiel Sachsen zeigt die Fehlentwicklungen besonders krass. Der neoliberale Musterknabe, der von Ökonomen - trotz aller Fehlentwicklungen - immer noch zum ostdeutschen Ideal erhoben wird, könnte in den nächsten Jahren zum Sinnbild katastrophaler Entwicklungen werden. Der Großstadt Leipzig wurde zu lange eine Schrumpfungskarriere vorausgesagt und danach das Wachstum grandios unterschätzt, weshalb inzwischen der Wachstumskollaps droht. Statt hohem Leerstand, der mit einer Politik mit der Abrissbirne begegnet wurde, droht Wohnungsnot und Überforderung der sozialen Infrastruktur. Auf der anderen Seite vernachlässigte die elitäre Leuchtturmpolitik in Sachsen den ländlichen Raum, was sich mittlerweile rächt. In Görlitz könnte sich im September das Schicksal des amtierenden Ministerpräsidenten entscheiden. Sachsen zeigt die Verwüstungen, die der Demographisierung gesellschaftlicher Probleme geschuldet sind, nur besonders deutlich.

STALA BW (2019): Baden-Württemberg: Höchste Geburtenzahl seit 1998.
Im Schnitt 1,58 Kinder je Frau – Stadtkreis Pforzheim mit höchster, Stadtkreis Heidelberg mit niedrigster Geburtenhäufigkeit im vergangenen Jahr,
in:
Pressemitteilung des Statistischen Landesamt Baden-Württemberg v. 22.07.

"In Baden-Württemberg wurden im Jahr 2018 rund 108 900 Kinder lebend geboren. Damit lag die Zahl der Lebendgeborenen nach Angaben des Statistischen Landesamts im Jahr 1998 letztmals höher. Eine Ursache für diesen positiven Trend wird in der in den vergangenen Jahren enorm angestiegenen Zuwanderung gesehen, die auch zu einer Zunahme der Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter geführt hat. Hinzu kommt, dass nun Kinder der geburtenstarken Jahrgänge Anfang der 1960er-Jahre, die sogenannten Babyboomer, selbst wieder Kinder bekommen.
Schließlich ist die hohe Geburtenzahl auch auf einen Anstieg der Geburtenrate, also der durchschnittlichen Kinderzahl je Frau, in den vergangenen Jahren zurückzuführen. Diese lag im Jahr 2018 bei 1,58 Kindern je Frau; sie war damit die zweithöchste seit 1973. Lediglich 2016 war sie geringfügig höher (1,59).
(...).
Innerhalb des Landes zeigen sich durchaus bemerkenswerte Unterschiede: Spitzenreiter unter den 44 Stadt- und Landkreisen war im Jahr 2018 der Stadtkreis Pforzheim mit einer Geburtenrate von 1,84 Kindern je Frau, gefolgt vom Alb-Donau-Kreis und dem Landkreis Tuttlingen (jeweils 1,80). Am Ende der Skala rangieren die Stadtkreise Heidelberg (1,17), Stuttgart (1,29) und Karlsruhe (1,33).
Die Gründe für die regionalen Unterschiede in der Geburtenhäufigkeit sind vielfältig. Auffällig ist weiterhin ein traditionelles, wenn auch nicht mehr flächendeckendes »Land-Stadt-Gefälle«. Das heißt, dass in den meisten ländlich geprägten Gebieten die Kinderzahl je Frau über der der Städte liegt. In Hochschulstandorten wie Heidelberg ist die Geburtenrate besonders niedrig, weil dort viele jüngere Frauen leben, bei denen Studium und Berufseinstieg im Vordergrund stehen und deshalb (noch) keine Familiengründung geplant ist. Tendenziell gilt, dass mit steigendem Bildungsniveau der Frauen die Zahl der geborenen Kinder abnimmt.3 Einen Einfluss auf die Höhe der Geburtenrate dürfte auch der regional unterschiedliche Anteil der ausländischen Frauen besitzen.4 Ausländische Frauen brachten im Jahr 2018 in Baden-Württemberg im Schnitt 1,93 Kinder zur Welt, bei Frauen mit einer deutschen Staatsangehörigkeit waren es dagegen lediglich 1,49",

meldet das Statistische Landesamt Baden-Württemberg, das Fakten mit politisch korrekten Interpretationen vermischt. Die hohe Geburtenrate in der kreisfreien Stadt Pforzheim, einer Hochburg der AfD in Baden-Württemberg, wird auf die dortigen Ausländer zurückgeführt.

Erstaunlich und dagegen nicht erwähnt, ist die hohe Geburtenrate in der kreisfreien Stadt Baden-Baden, die mit 1,68 Kinder pro Frau über dem Landesdurchschnitt liegt. Baden-Baden ist das Gegenteil einer Universitätsstadt, nämlich ein Kurort mit einem sehr hohen Altersdurchschnitt. 2016 lag die Einwohnerschaft von Baden-Baden mit 47,4 Jahren weit über dem Landeswert von 43,3 Jahren und war damit die älteste der 44 Regionen in Baden-Württemberg.

DESTATIS (2019): Gestiegene Geburtenhäufigkeit bei älteren Müttern,
2.600 Babys mehr als im Vorjahr – Geburtenziffer stabil bei 1,57 Kindern je Frau,
in:
Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts v. 03.09.

"Im Jahr 2018 kamen in Deutschland 787.500 Babys zur Welt. Das waren rund 2.600 Neugeborene mehr als im Vorjahr. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, blieb 2018 die durchschnittliche Kinderzahl je Frau auf dem Vorjahresniveau: Die zusammengefasste Geburtenziffer betrug 1,57 Kinder je Frau. In den neuen Ländern (ohne Berlin) war sie mit 1,60 Kindern je Frau höher als im früheren Bundesgebiet (ohne Berlin) mit 1,58. Bemerkenswert ist die steigende Geburtenhäufigkeit der Frauen ab 40 Jahren. Mütter im Alter ab 40 Jahren brachten 2018 rund 42.800 Babys zur Welt. Zwar war ihre Geburtenhäufigkeit mit 88 Kindern je 1.000 Frauen immer noch relativ gering, hat sich aber gegenüber 23 Kindern je 1.000 Frauen in 1990 fast vervierfacht.
(...).
In Niedersachen und Brandenburg war 2018 die zusammengefasste Geburtenziffer mit 1,62 Kindern je Frau am höchsten. Mit Ausnahme Mecklenburg-Vorpommerns war sie auch in den übrigen ostdeutschen Bundesländern sowie in Bremen und Nordrhein-Westfalen mit 1,60 Kindern je Frau relativ hoch. Besonders niedrig war die Geburtenziffer dagegen in Berlin (1,45 Kinder je Frau). Auch im Saarland (1,47) und in Hamburg (1,49) war sie deutlich niedriger als den übrigen Bundesländern",

meldet das Statistische Bundesamt, das erstmals auch die rohen Geburtenziffern besonders hervorhebt, um die "Vergreisung" Deutschlands als Problem herausstreichen zu können. Die rohen Geburtenziffern sind kein Indikator für das Geburtenverhalten, sondern für die Altersstruktur der Bevölkerung und die Tatsache, dass künstliche Befruchtung für ältere Frauen gesellschaftlich geächtet und kein sozial erwünschtes Geburtenverhalten ist.

"Die Zahl der Geborenen wird allerdings nicht nur durch das Geburtenverhalten, sondern auch durch die aktuelle Altersstruktur der Bevölkerung beeinflusst. In Bundesländern mit einer relativ jungen Bevölkerung gibt es mehr potenzielle Eltern. Dort werden deshalb – bezogen auf die Einwohnerzahl – vergleichsweise mehr Kinder geboren. An erster Stelle standen hier 2018 die Stadtstaaten Hamburg mit 12 Kindern sowie Berlin und Bremen mit jeweils 11 Kindern je 1.000 Einwohnerinnen und Einwohner. In den Bundesländern mit einer verhältnismäßig alten Bevölkerung und weniger potenziellen Eltern wurden dagegen im Verhältnis zur Einwohnerzahl weniger Kinder geboren. So kamen in den neuen Ländern (außer Sachsen) und im Saarland nur 8 Babys je 1 000 Einwohnerinnen und Einwohner zur Welt. In Deutschland insgesamt wurden 9 Kinder je 1.000 Einwohnerinnen und Einwohner geboren, im früheren Bundesgebiet (ohne Berlin) 10 Kinder",

erklärt uns Lesern das Statistische Bundesamt. Was aber bedeutet dies wirklich? In den neuen Bundesländern ist die Altersstruktur ungünstig, trotzdem liegt dort die Geburtenrate über dem der alten Bundesländer. Das aber ist aus Sicht des Amtes eine schlechte Nachricht, weil es dem bevölkerungspolitischen Imperativ verpflichtet ist.

Fazit: Mit der Darstellung der Geburtenentwicklung in Deutschland in dieser Pressemeldung will uns das Statistische Bundesamt sagen, dass wir zu wenig bzw. zu spät Kinder kriegen. Eine solche Demografisierung gesellschaftlicher Probleme ist längst zur unhinterfragbaren Selbstverständlichkeit geworden, die auch die Stärkung von Parteien wie die AfD befeuert. In Ostdeutschland ist übrigens die Veröffentlichung der rohen Geburtenziffer und nicht wie im Westen die Geburtenrate der Standardindikator für die Geburtenentwicklung. Deutschland ist auch hier in Ost und West gespalten. Bedeutet diese Einübung des Westens in ostdeutsche Betrachtungsweisen, dass wir in Zukunft auch in Westdeutschland mit wesentlich höheren AfD-Stimmenanteilen rechnen müssen?

LANGE, Kerstin & Olga PÖTZSCH (2019): Neues Imputationsverfahren bei Antwortausfällen zu geborenen Kindern im Mikrozensus,
in:
Wirtschaft und Statistik Nr.5 v. 11.10.

LANGE & PÖTZSCH stellen ein neues Schätzverfahren bei Antwortausfällen zur Anzahl der geborenen Kinder vor. Im Gegensatz zum vierjährigen Abstand von Mikrozensusbefragungen zur Kinderlosigkeit, wurden nach 2016 nun auch 2018 Fragen zur Kinderlosigkeit im Mikrozensus gestellt. Begründet wird das durch eine umfangreiche Umstellung der Mikrozensuserhebungen. Das neue Schätzverfahren führt zu gering erhöhten Kinderlosigkeitsquoten, wobei letztlich unklar bleibt, ob dies einer tatsächlichen Erhöhung entspricht oder ob es sich dabei lediglich um Forschungsartefakte handelt.

Während für den Mikrozensus 2016 sowohl das alte als auch das neue Verfahren angewandt wurde, wird uns für 2018 nur das durch das neue Verfahren entstandene Ergebnis präsentiert. Dazu heißt es:

"Die Ergebnisse des Mikrozensus 2018 weisen im Vergleich zum Mikrozensus 2016 (auf Basis des neuen Imputationsverfahrens) einen geringen Anstieg der Kinderlosenquote und einen leichten Rückgang der durchschnittlichen Kinderzahl je Frau in fast allen Altersgruppen nach. Lediglich im Alter zwischen 40 und 49 Jahren hat sich die durchschnittliche Kinderzahl je Frau stabilisiert beziehungsweise sogar zugenommen. Außerdem weisen die Mikrozensusergebnisse auf eine gestiegene Fertilität bei zugewanderten Frauen im Alter unter 30 Jahren hin, was den Befunden der Geburtenstatistik entspricht. Ausführliche Ergebnisse des Mikrozensus 2018 zu Geburten und Kinderlosigkeit werden im November 2019 veröffentlicht."

Olga PÖTZSCH gehört zu jenen Bevölkerungswissenschaftlern, die der Kinderlosigkeit eine große Bedeutung für die Geburtenentwicklung in Deutschland zuschreiben, obwohl inzwischen die Bedeutung des Fehlens kinderreicher Familien als gravierender angesehen werden muss. In der Vergangenheit bestimmten weit überhöhte Kinderlosenquoten von Nationalkonservativen im Dunstkreis von Herwig BIRG die Debatte. Gravierende Fehldeutungen und statistische Mängel waren die Gründe. Die Verbesserung der Datenlage wurde durch die Politik bis nach der Durchsetzung des Elterngeldes verhindert. Sowohl die Verteidiger der traditionellen Familie als auch die Verfechter der Vereinbarkeit von Beruf und Familie waren nicht an einer realistischen Datenlage zum Geburtenverhalten interessiert. Bei der Datenlage hat es zwar seit 2008 Verbesserungen gegeben, aber der Mikrozensus ist weiterhin nicht in der Lage modernen Lebensverhältnissen gerecht zu werden.

Während der flexible Kapitalismus hohe Anforderungen an die Mobilität der Arbeitnehmer stellt, werden andererseits Paare ohne gemeinsamem Haushalt weiterhin als Partnerlose klassifiziert. Der Mikrozensus verhindert z.B. die Erforschung der Auswirkungen von Partnerlosigkeit auf die Familiengründung. Multilokale Lebensformen, zu denen auch Fernbeziehungen gehören, führen immer noch ein Nischendasein in der Forschungslandschaft, obwohl sie im Akademikermilieu inzwischen - zumindest als Lebensphase - selbstverständlich geworden sind. Aber auch Nicht-Akademiker wurden in der Hartz-Gesellschaft vermehrt auf solche Arrangements verwiesen. Im Gegensatz zu früher als solche Arrangements als Aufstiegsmöglichkeit gefeiert wurden, sind sie mittlerweile als Mittel zur Verhinderung des Abstiegs verbreitet.

Die in den Nuller Jahren verbreitete Rede von einer Kultur der Kinderlosigkeit verleugnet strukturelle Hindernisse. Probleme des Paarbildungsprozesses kommen bei solchen Zuschreibungen erst gar nicht in den Blick. In der Bevölkerungswissenschaft wurden multilokale Arrangements erst spät als Problem entdeckt. Die propagierten familienfreundlichen Lösungen, d.h. Umzug statt pendeln, gingen zudem an der Realität des flexiblen Kapitalismus vollkommen vorbei.

Fazit: In Sachen der Erforschung der Kinderlosigkeit bestehen weiterhin gravierende Defizite. Die bevölkerungswissenschaftliche Sicht auf Kinderlosigkeit ist nicht auf der Höhe der gesellschaftlichen Entwicklungen, sondern transportiert weiterhin nationalkonservative Vorstellungen, die statischen, aber nicht dynamischen Gesellschaftsformationen angemessen sind. Die amtlichen Statistiken sind nicht in der Lage die Hindernisse der Familiengründung angemessen zu erfassen, sondern verfestigen reaktionäre Zuschreibungsprozesse, die wenig hilfreich sind. 

 
     
 
       
   

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Update: 07. November 2019